Indien riskiert Afghanistan zu destabilisieren

BBC NEWS ASIEN, 07. April 2014

Von Ahmed Rashid

Da die ausländischen Kampftruppen sich darauf vorbereiten, Afghanistan zu verlassen, hat Indien sich bereit erklärt, das Land mit militärischer Ausrüstung zu versorgen. Gastkolumnist AHMED RASHID sagt, der Schritt könnte für Spannungen sorgen.

Indiens Entscheidung der letzten Woche, für Waffen und Ausrüstung aus Russland zu zahlen, und damit die Afghanische Nationale Armee (ANA) zu stärken, könnte eine Wende in der Region bedeuten – aber auch einen eskalationsbeladenen Schritt für die regionalen Rivalitäten.

Pakistan wird das Geschäft nahezu sicher kritisch beäugen, und Indien, seinen Rivalen, beschuldigen, es überflügeln zu wollen. In den letzten paar Jahren hat Indien es taktvoll abgelehnt, Ja zu sagen zu den wiederholten Bitten des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, nach schweren Waffen für die ANA, wie weitreichender Artillerie und Flugzeuge

Mit Milliarden Dollar im vergangenen Jahrzehnt haben die Vereinigten Staaten die ANA wieder aufgebaut, und sie haben dafür gesorgt, dass sie eine leicht bewaffnete Truppe bleibt, mit eher defensiven als offensiven Waffen.

Sowohl die USA und Indien schienen vorsichtig gewesen zu sein, Pakistan nicht zu verärgern, das die Größe der ANA fragwürdig fand und sicherlich reagieren wird, wenn die ANA Angriffswaffen erhält.

Bis vor Kurzem gab es starke Spannungen zwischen dem pakistanischen Militär und der ANA an ihrer umstrittenen, undichten und nicht markierten Grenze, wobei die Afghanen Pakistan wiederholt beschuldigten, den Taliban vorsätzlich zu gestatten, die Amerikaner und die ANA von ihren Zufluchten in Pakistan aus zu bekämpfen. Weder Pakistan noch Afghanistan kontrollieren große Teile ihrer gemeinsamen Grenze.

Indiens Weigerung, Herrn Karzais Nachfragen zu entsprechen, sind in Islamabad gut angekommen, und beide, Indien und Pakistan, haben ihr bestes Benehmen an den Tag gelegt, wenn es darum ging, keine provokativen oder voreiligen Aussagen zu ihrer allseits bekannten, gemeinsamen Rivalität in Afghanistan abzugeben.

Diese Beziehung verbesserte sich erst, als das afghanische Haqqani-Netzwerk der Taliban vor einigen Jahren die indische Botschaft und ihr Personal in Kabul angriff. Indien und die USA haben wiederholt Pakistans Geheimdienst (Inter-Service Intelligence – ISI) dafür verantwortlich gemacht, der seit den 70-ern eng mit dem Haqqani-Netzwerk zusammenarbeitet.

Seit diese Angriffe aufhörten, haben beide Länder ihre Phrasen eingestellt, trotz dauernder Sticheleien durch Herrn Karzai, afghanische Armeegeneräle, Russland und Iran, die alle behaupteten, Indien müsse mehr tun, um die ANA zu unterstützen.

Indien hat sich geweigert, sagt, es wolle nicht in den Bürgerkrieg in Afghanistan hineingezogen werden, auch wenn es die Regierung stark unterstützt hat.

Jetzt, da die Amerikaner zum Ende des Jahres gehen, hat sich Indiens Ton offenbar verändert. Bisher läuft die Vereinbarung mit Russland darauf hinaus, dass Indien für russische Waffen zahlt, wie leichte Artillerie und Granatwerfer, die nach Afghanistan geliefert werden. Beide Länder gaben jedoch an, dass es zukünftig auch zur Lieferung schwerer Waffen kommen könnte. Laut Reuters soll Indien Afghanistan helfen eine alte Rüstungs-Fabrik bei Kabul wieder zu eröffnen, um alte Waffen aus Sowjet-Zeiten zu überholen, und die Ausbildung von afghanischen Offiziere und Spezialkräften zu intensivieren – was es bereits im kleinen Stil getan hat.

Afghanen haben lange mit russischen, oder, vorher, mit sowjetischen Waffen gekämpft und ziehen sie westlichen Waffen vor. Unter Aufsicht und mit Bezahlung der USA, haben die Russen kürzlich die winzige afghanische Luftwaffe mit russischen M-17 Helikoptern ausgerüstet, die von der Nordallianz jahrelang im Krieg gegen die Taliban eingesetzt wurden. All das wird Pakistan sehr verärgern, und Spannungen mit Indien um ihren Einfluss in Afghanistan steigern.

Das pakistanische Militär hat eine geringe Meinung von der ANA und wird argwöhnisch, wenn es Angriffswaffen erhält, die an der gemeinsamen Grenze eingesetzt werden können. Jetzt – gerade als Pakistan den afghanischen Taliban und ihrem Anführer Mullah Mohammed Omar Zuflucht auf seinem Boden gewährt – erlaubt Afghanistan den pakistanischen Taliban und ihrem Anführer Mullah Fazlullah in Afghanistan Schutz zu suchen. Beide Seiten haben sich geweigert den Taliban offiziell Schutz zu gewähren.

Diese Auge-um-Auge-Eskalation hat bereits zu Schusswechseln, Austausch von Artillerie-Beschuss und Verlusten beider Armeen an der Grenze geführt. Islamabad hegt ebenfalls den Verdacht, dass indische Ausbilder und Berater an der Grenze theoretisch die Ausbilder der USA und der NATO ersetzen könnten.

Der Waffenhandel könnte außerdem zu einer Wiederholung des blutigen Bürgerkriegs in den 90-ern führen, als Pakistan die Taliban unterstützte, und Indien, der Iran, Russland und die zentralasiatischen Republiken der Nordallianz den Rücken stärkten. Ein Spagat?

Ein Land könnte jedoch eine stabilisierende oder ausbalancierende Rolle übernehmen, und das ist China. Präsident Karzai hat in China ebenfalls nach militärischer Hilfe gefragt, aber Peking war äußerst zögerlich, auf afghanischem Boden mitzumischen – genau wie China sich weigert, sich in anderen Krisengebieten zu engagieren, wie Nordkorea. Pakistan könnte nun seinen engsten Verbündeten, China, bitten, mehr zu tun indem es die ANA ausstattet. Das könnte Indiens und Russlands Einfluss austarieren.

Eine wichtige Frage bleibt unbeantwortet: Wer wird die 4 Milliarden Dollar pro Jahr zahlen, die die ANA benötigt um weiterhin zu funktionieren und Gehälter zu zahlen? Die USA und die NATO haben gesagt, sie seien bereit einen Teil der Zeche zu übernehmen, aber nicht lange. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Indien, Russland oder China im Voraus Geld angeboten haben um die ANA zu unterstützen.

Die meisten Experten kommen zu dem Ergebnis, dass die ANA ihre Größe im kommenden Jahr soundso drastisch verkleinern muss, denn niemand wird bereit sein, mehr als 320 000 Soldaten und Polizisten zu unterstützen, die zur Zeit die afghanischen Sicherheitskräfte bilden. Sollte das Ausland schwere Waffen liefern ohne für den Erhalt der Armee zu zahlen, wächst die Gefahr, das diese Waffen bei den Taliban landen.

Genau das ist mit der letzten Tranche schwerer sowjetischer Waffen passiert, die 1989 zurückgelassen wurden, als die Sowjet-Streitkräfte Afghanistan verließen. Die Waffen waren bald in der Hand der Kriegsherren und der Taliban, und der Bürgerkrieg ging los. Pakistan befürchtet, dass schwere Waffen in Afghanistan in den Händen der afghanischen und pakistanischen Taliban landen könnten.

Afghanistan benötigt Frieden eher als noch mehr Waffen, und es benötigt größere Dosen Diplomatie und politischen Dialog, um die Taliban dazu zu bewegen, mit dem Kämpfen aufzuhören. Wenn das passiert, bevor es wieder von Waffen überspült wird, würde Afghanistan zu einem glücklicheren Ort.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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