Hugh Laurie: „Musik machen ist ein sinnliches Vergnügen, das mir die Schauspielerei einfach nicht bietet.”

Seine Rolle in House machte ihn zum höchstbezahltesten Fernseh-Schauspieler aller Zeiten, aber da er in dieser Woche in neues Album veröffentlicht, verfolgt Laurie eifrig seine wahre Liebe.

Von Alexis Petridis

The Guardian, Sonntag 5. Mai 2013

Hugh Laurie: „Ich war unsicher, ob ich da hingehöre und ob ich gut genug bin.”

Ungefähr eine Stunde nachdem ich Hugh Laurie begegnet bin, in einer Suite des Dorchester in London, beginnt er zu reklamieren wie langweilig seine Antworten auf meine Frage seien. Er hatte – interessanterweise – über seine Theorie gesprochen, dass das Fernsehen, eher als der Film, das Medium sei, durch das die USA „nicht nur ihr Bild von sich auf die Welt projizieren, sondern sogar bestimmen, wie dieses Bild aussieht. Das ist Amerikas Art, mit sich selbst zu bereden, was es selbst für wichtig hält.“

Er ist gerade damit fertig mir zu erzählen, dass er nicht der Meinung ist, das britische Fernsehen gebe viel auf große Gedanken an Identifikation oder Absichten – „Ich glaube, dass wäre ein bisschen zu hochtrabend für uns.“ – als er sich plötzlich kurz selbst aufzieht. Das sei alles so öde, dass er sich selbst anöde, sagt er. Er gestikuliert in Richtung des iPhones, mit dem ich das Gespräch aufnehme. „Ich glaube, wenn ich noch eintöniger werde,“ stöhnt er, „wird dein Telefon sagen: „Leck mich, das nehme ich nicht auf. Echt jetzt, dieses App ist gebaut worden um Dinge von Wert aufzunehmen. Ich meine, man ist davon ausgegangen, man würde nicht einfach einen Mann aufnehmen, der sich am Arsch kratzt. Denn wenn du das vorhast, gebe ich auf. Werde meschugge. Haue ab.“

So etwas musst du erwarten, wenn du Laurie befragst. Er ist bekannt dafür, Gespräche mit Journalisten genauso zu fürchten, wie er es hasst photographiert zu werden, und seine Meinung dazu, abgelichtet zu werden, würde einen Indianer aus dem 19-ten Jahrhundert beeindrucken: „Ich bin wirklich davon überzeugt, dass die Kamera deine Seele stiehlt. Aber das liegt vielleicht daran, dass ich mir Gedanken über meine Seele mache. Vorab, ich habe nicht viel Seele und darum nicht viel zu verlieren.“ Gleichwohl, seine Abneigung gegen das Photographiert-werden hat ihn nicht davor bewahrt, der „Markenbotschafter“ für das Herrenpflegeangebot von L’Oréal zu werden. „Und erhobenen Hauptes!“ sagt er, erklärt, er verwende das Geld um eine Reihe von Spendenaktionen in Afrika zu finanzieren und behauptet, er wisse gar nicht wirklich was es heißt, ein Markenbotschafter zu sein: „Ich habe einen Werbespot gemacht und wurde photographiert, es gab ein Poster. Vermutlich mache ich das noch einmal. Wenn du mir Fragen zur Hautpflege stellen willst, kann ich dir nicht viel erzählen. Reib’ dir keinen Käsehobel über die Wangen. Ist mein Tipp. Tauch deine Visage nicht in Motoröl oder andere ätzende Saucen. Ich habe keine Ahnung. Es ist etwa so, dass sie dir sagen du sollst die Sache machen und du sagst: „Ihr seid wohl bekloppt, in einer Milliarde Jahre denk ich nicht dran.“ Dann sagen sie dir, es geht um viel Geld, und der Gedanke kommt dir in den Sinn: „Mit dem Geld könnte ich eine Schule im Senegal bauen.“ Und dann kannst du nicht mehr Nein sagen. Denn wenn du Nein sagst, dann sagst du, dass dir dein öffentliches Image wichtiger ist als Menschen im Senegal zur Schule zu schicken oder Polio-Impfungen in Uganda oder was auch immer. Das geht nicht. Du kannst es einfach nicht.“

Dennoch, einmal verglich er Sprechen mit der Presse damit, seine Hoden auf ein Hackbrett zu legen – und, nach seinem letzten Interviews zu urteilen, scheint es ausnahmslos auf eine Übung in ätzender Selbst-Ironie und Selbstfindung herauszulaufen, die Journalisten gerne als Zeichen für ein tiefer sitzendes Übel deuten. Laurie hat in der Vergangenheit mit Depressionen gekämpft und scheint groß darin zu sein, sich selbst als einen Mann widerzuspiegeln, der sich schuldig für seinen scheinbar unverdienten Erfolg fühlt, der es nicht genießt, berühmt zu sein (ein Teil des Problems ist sicherlich seine achtjährige Anstellung als Titelheld von House, die letztes Jahr beendet wurde, aber zu ihrer Bestzeit die meistgesehene Fernsehsendung der Welt war, die in 66 Ländern gezeigt wurde und für die er pro Folge 250 000 Pfund verlangte, was ihm den Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde einbrachte, als höchstbezahltester Fernseh-Schauspieler aller Zeiten), für den das Leben „ein nach und nach sinkender Nebel des Durcheinanders und des Zweifels war“ und dessen „Fassung von Glück darin besteht, nicht glücklich zu sein.“

Tatsache ist, zumindest heute, er wirkt überhaupt nicht so. Er reagiert ein wenig argwöhnisch, als ich sage, dass ich seine neue Scheibe mag, „Didn’t it rain“, ein Nachfolger von Let Them Talk von 2011, auf dem er mal wieder klassische Blues-Lieder spielt, Musik, die er laut eigener Aussage seit seiner Kindheit liebt. „Danke, das du das sagst, das beruhigt mich.“ fängt er an, bevor er nachdenklich wird. „Also, wenn du meinst. Dann musst du es sagen, sonst ist es link, oder? ‚Habe deine Scheibe gehört, habe sie gehasst. Egal, meine erste Frage’ Es ist schwierig loszulegen, schätze ich.“

Laurie 2010 als Dr Gregory House in der US-Fernsehserie House, die an ihrem Höhepunkt die meistgeschaute Fernsehserie der Welt war.

Bild: NBCUPhotobank/Rex Features

Dann scheint er wieder wirklich erstaunt zu sein vom Erfolg von Let Them Talk, vielleicht aus gutem Grund. Schauspieler, die ihren Ruhm für Plattenkarrieren nutzen, machen das scheinbar selten so reibungslos wie Hugh Laurie es getan hat. Statt eines Nervenbündels im Studio, das sich nur ertragen ließe mit „ordentlichen und gescheiten Ladungen Whiskey und Beta-Blockern und der Auswahl an richtigen Leuten um dich herum – Menschen, die, auch wenn sie ihre Augen rollen und sagen „Was für ein Wixer.“, es zumindest hinter deinem Rücken tun.“, bekam Let Them Talk beides, gute Kritiken und wurde ein Verkaufsschlager. Er sagt, er hat nicht gelesen was irgendwer darüber schrieb – „es scheint mir so zu sein, dass wenn man sich vor dem unangenehmen Zeug schützen will, man nicht einfach nur das gute lesen sollte, das ist falsch.“ – aber die Goldenen Schallplatten und die ausverkauften Tourneen werden ihm nicht entgangen sein. „Ich weiss, es lief gut, und war dadurch überrascht. Wenn Leute ein Karte kaufen, verstehe ich es irgendwie, mein Name steht darauf und sie haben die Fernsehserie gesehen, und sie denken: ‚Na gut, wenigstens sehen wir den Kerl mal nicht im Fernsehen.’ Aber eine Scheibe zu kaufen, das funktioniert nicht, dass funktioniert nicht bildlich. Darum war ich sehr, sehr überrascht, dass Leute in der Lage waren sich derart umzustellen. Denn, um ehrlich zu sein, Ich bin nicht sicher, dass ich das tun würde.“ Er denkt einen Augenblick nach. „Zum Beispiel, Clive Dunn.“ sagt er, ein wenig unerwartet. „Großartig. Clive Dunn, wie ich es verstehe, zog sich in den Süden von Spanien zurück, wo er ausgiebig mit Wasserfarben arbeitete. Ich besitze nicht eins von Clive Dunns Wasserfarbenbildern. Ich liebte ihn in Dad’s Army, wirklich. Aber nicht genug um wirklich eins seiner Bilder zu erstehen.“

Laurie 2002 mit Rowan Atkinson in der Fernsehserie Blackadder.

Für jemanden, der es offensichtlich so sehr hasst befragt zu werden, kann eine Panikattacke drohen – „Ich mag Das Gespräch nicht, es kratzt mich etwas auf.“ protestiert er, als sein Agent aus dem Raum nebenan hereinschneit, um zu fragen wie es läuft. „Ich werde ein bisschen … heißt es hypertensiv oder hypotensiv? Egal, die Papiertütensache.” – Laurie ist nachdenklich und sympathisch, sehr lustig, extrem beißend, tendiert zu langen Antworten, die von der Frage ablenken, und oft befragt er sich am Ende selbst. Tatsächlich ist er so eine tolle Gesellschaft, dass es schwierig ist, sich nicht zu fragen, ob der lautstark ausgedrückte Überdruss, die Sache keine Seele zu besitzen und die Angst vor der Hyperventilation wirklich Eindrücke in die gequälte, an sich selbst zweifelnde Seele sind, die darunter brodelt. Ich denke einfach, er findet den Schwermut lustig, der in seinen Händen passenderweise so aussieht: „Wenn etwas es wert ist, es zu tun, dann ist es das meist automatisch nicht wert, es zu tun, denn jeder andere tut es, das scheint die Art der Moderne zu sein.“ sagt er. „‚Du musst in dieses tolle Restaurant gehen.’ Ach, nee, wir können nicht, weil du es jetzt gesagt hast, und darum wird es ein Albtraum sein, denn alle anderen sind schon da. Ich möchte in ein leeres Restaurant. Nicht, dass ich Menschen hasse,“ setzt er dazu, „aber es gibt so viele von ihnen, wenn du dich umschaust.“

Vielleicht hat der Erfolg ihn verändert. Er denkt gewiss, der Erfolg von House habe ihn selbstsicherer gemacht, auf eine Weise, wie es seine vorherigen Erfolge – ob als Weltklasse-Schul-Ruderer, oder als Teil des Footlight Ensembles, das den ersten Perrier-Preis gewann, oder als eine Hälfte von Fry und Laurie, oder in Blackadder – nicht taten. „Hat es. Ich habe das noch nie wirklich zugegeben. Aber, niemand hat es eigentlich je bemerkt, also Bravo. Ich war nie wirklich sicher ob ich dazugehöre, oder ob ich gut genug bin. Bekanntlich war ich nie auf einer Schauspielschule, ich habe keine Zeugnisse in denen steht: ‚Er ist ein qualifizierter Schauspieler.’ Aber ich glaubte, dass House etwas war, für das ich mich nicht entschuldigen musste. Ich war wirklich stolz darauf und es war irgendwie … ob du es mochtest oder nicht, es war eindeutig. Man muss dem Publikum nicht erklären, wer man ist und man muss auch den Leuten mit denen man arbeitet nicht erklären, wer man ist. Ich fand das immer unglaublich schwer. Man geht auf die Bühne und du weißt genau, dass die Letzte Person, die der Kameramann abgelichtet hat, Robert De Niro war und das hast du im Kopf, und er sagt nur: „Oh, verdammter Mist.“ Wenn das Publikum oder die Leute, mit denen du arbeitest zumindest wissen, warum du da bist, fragen sie nicht, sie sagen nicht: ‚Was? Warum? Wer zum Teufel ist der Typ?’ Das ist ein großer Unterschied.”

Er scheint inzwischen auch damit zurecht zu kommen, überall erkannt zu werden, was ihn einmal so gestört haben soll, dass er es sich angewöhnte, auf der Straße einen Sturzhelm zu tragen, um es zu vermeiden entdeckt zu werden. Die Auswirkungen Teil einer solch enormen Fernsehsendung zu sein – die ihn außerdem zu einem Sexsymbol machte, ein Thema, das für das er sich nicht die Bohne interessiert („Das ist Tratsch und Unsinn.“) – hat immer noch Einfluss auf sein Leben, sagt er. Bevor er kürzlich in den Urlaub nach Indien fuhr, schaute er erst einmal nach, ob House dort gezeigt wird, weil das bestimmt, ob er öffentliche Verkehrsmittel benutzen kann (es wurde nicht gezeigt, er tat es). Und er erinnert sich an eine Zeit vor fünf Jahren, als er nach Spanien fuhr. „Ich ging zur Gaudi-Kathedrale in Barcelona und konnte sie mir nicht anschauen, weil dort so viele Touristen herumliefen, und alle mit Kameras. Ich schaute zu Boden, machte Bilder von der Kirche und dann schaute ich sie mir auf der Kamera an, weil ich mich nicht wagte aufzuschauen. Es war einfach verrückt. Es war verrückt. Leute rennen auf dich zu, rennen. Es ist unerheblich, wirklich. Es gibt viel, viel schlimmere Dinge auf der Welt.”

Laurie mit Stephen Fry 1990. Die beiden schrieben und spielten in der TV-Humorserie „A Bit of Fry and Laurie“.

Bild: Steve Poole/Daily Mail/Rex

Gleichwohl schien er über die Maßen erleichtert als House endete, und benachrichtigte unverzüglich die Presse, dass er nie wieder eine Fernsehserie machen würde. „Habe ich? Nein, das habe ich sicher nicht gesagt. Ich habe so etwas gesagt, was ich meinte war, ich wollte nicht so direkt in die nächste Sache platzen. Man lässt sich nicht am Dienstag scheiden und heiratet erneut am Samstag. Abseits von allem anderen bin ich nicht sicher, dass ich es körperlich könnte, die Hauptfigur von etwas zu sein, in jeder Szene vorzukommen und verantwortlich zu sein … es ist schwer, wenn du darauf achtest. Hirnchirurgie ist bestimmt nicht schwierig, wenn du nicht aufpasst ob der Patient stirbt, ist es sogar ziemlich einfach. Ein Flugzeug fliegen ist recht einfach, wenn dir egal ist ob du abstürzt. Das bedeutet schwierig. Es ist ein Ausdruck davon, wie sehr dir das Ergebnis am Herzen liegt. Und wenn du stolz darauf bist, oder glaubst, es kann gut werden, und du willst dass es gut wird, dann kann es so unglaublich schwer sein, bis zu dem Punkt, an dem du ein bisschen meschugge wirst.“

Er vermisst den Arbeitsaufwand nicht – “Ich will wirklich nicht morgens um fünf zur Arbeit gehen.“ – und das Ende der Serie bedeutet, er kann mehr Zeit in England verbringen, nach Jahren in denen er 9 Monate im Jahr in LA war. Nicht, setzt er hinzu, dass er sich über LA beschwert.

„Ich hege wenig Sympathie für Schauspieler, die wiederkommen und sagen: ‘Ich bin ein echter Kerl, also, der ganze Hollywood Schwachsinn.’ Oh, leck mich. Es ist so ein Gewichse. Es ist eine Lüge, dass die britische Presse hören will, LA sei sehr seicht, glamourös, korrupt, oberflächlich, sowas. Britische Leser finden es tröstlich. ‚Ja, darum haben meine Vorfahren den Atlantik nicht mit den Pilgervätern überquert. Sie wussten, es würde enden wie Sodom und Gomorra und das Leben in Chipping Norton ist an und für sich viel echter.’ Ich soll verdammt sein, wenn ich die typischen Clichés für Los Angeles gebrauche. Es gibt gut und schlecht. Es gibt tolle Dinge in Los Angeles. Die Bäume sind toll: Einige der besten Bäume die es überhaupt gibt. Die Architektur: miserabel, sieht aus wie eine Tankstelle. Sehr, sehr schlaue Leute, sehr, sehr ehrgeizige Leute. Schlaue ehrgeizige Leute können etwas unzuverlässige Leute sein, aber manchmal sind die Intelligenz und der Ehrgeiz auf ihre Weise recht erheiternd. Man dreht ihnen nicht unbedingt den Rücken zu, aber ich kannte solche Leute in anderen Teilen der Welt.“

Hugh Laurie in der Tonight Show mit Jay Leno, 2012.

Bild: NBCU Photo Bank via Getty Images

Dennoch, er macht spürbar den Eindruck weniger an einer Hollywood-Karriere interessiert zu sein, als daran aufzunehmen und Musik zu machen: Man bekommt den Eindruck für ihn ist das Angebot Platten zu machen das allerbeste, was aus dem Erfolg von House entstehen konnte. Er ist dabei in Disneys Sci-fi Film Tomorrowland zu aufzutreten, sagt aber er habe eine Rolle als Hauptbösewicht im Remake von Robocop abgelehnt, weil es terminlich mit Aufnahmen kollidierte.

Als ich ihn frage, ob er Musik der Schauspielerei vorzieht, denkt er nicht über seine Antwort nach. „Ja. Es ist ein sinnliches Vergnügen Musik zu machen, harmonische Töne, das mir die Schauspielerei einfach nicht gibt, und ich glaube sonst auch niemandem. Das Ende eines Filmtages ist nur eine Revision dessen, was du falsch gemacht hast. So wie: ‚Mist, daran habe ich nicht gedacht, hätte ich dies nur getan, hätte ich das nur getan.’ Bei der Musik kannst du miserable Noten spielen und alles mögliche falsch machen, aber das sinnliche Vergnügen einen Akkord zu spielen oder irgendeinen Takt, und der Schlagzeuger steigt ein, ein Bassspieler steigt ein und nur für den Augenblick ist es das erlesenste Vergnügen, das es gibt. Es geht nicht besser. Es geht mir durch den ganzen Körper, auf eine Art wie es die Schauspielerei einfach nicht kann.“

Als er darüber redet, sieht er nicht aus wie ein Mann, der sich langweilt. „Es gibt einfach nichts, nichts wie das. Nichts wie das. Es ist nahezu … es ist nahezu unanständig, wie toll es ist. Was der Grund dafür ist, dass es in vielen Gegenden verboten ist.“ Dann runzelt er die Stirn und die Übellaunigkeit ist wieder da. „Sollen sie doch.“ fügt er schwermütig hinzu.

Quelle: http://www.guardian.co.uk/tv-and-radio/2013/may/05/hugh-laurie-sensual-pleasure-music

 

Ãœbersetzung. Thorsten Ramin

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