Hitler & die Muslime

von Steve Coll

Ausgabe vom 02. April, 2015

Islam and Nazi Germany’s War

von David Motadel

Belknap Press/Harvard University Press, 500 S., $35.00

Atatürk in the Nazi Imagination

von Stefan Ihrig

Belknap Press/Harvard University Press, 311 S., $29.90

1941 reiste ein Harvard-Anthropologe namens Carleton S. Coon nach Marokko, vordergründig um Feldforschung zu betreiben. Seine wahre Aufgabe war es, Waffen an Rebellen gegen die Deutschen im Atlas-Gebirge zu liefern, im Auftrag des Büros für Strategische Dienste (Officec of Strategic Services, OSS), dem Kriegsvorgänger der CIA. Im folgenden Jahr, als die Vereinigten Staaten sich darauf vorbereiteten Nord-Afrika einzunehmen, verfassten Coon und ein Kollege vom OSS, Gordon Brown, Werbebroschüren, um die lokale Lage vor den bevorstehenden Schwärmen von GIs zu entspannen. Sie einigten sich auf einen religiösen Wortschatz: „Lob dem einzigen Gott … Die amerikanischen heiligen Krieger sind gekommen … um den großen Gotteskrieg der Freiheit zu führen.“ Die Broschüre war unterzeichnet mit: „Roosevelt.“

Die Leitung von Nazi-Deutschland hegte ebenfalls halbgare Ideen, Nordafrikas Muslimen Nachricht zu senden. Heinrich Himmler war der einflussreichste Befürworter der Instrumentalisierung des Islam für Kriegsziele. Im Frühling 1943, als Feldmarschall Erwin Rommels Armee in Nord-Afrika Richtung Niederlage holperte, befahl Himmler dem Reichssicherheitshauptamt „herauszufinden, welche Absätze im Koran als Grundlage dafür dienen könnten, Muslime zu dem Schluss kommen zu lassen, der Führer sei bereits im Koran prophezeit worden und befugt, die Arbeit des Propheten abzuschließen.“

Ernst Kaltenbrunner vom Hauptamt antwortete mit der enttäuschenden Nachricht, dass der Koran keine adäquaten Absätze vorzuweisen habe, machte aber den Vorschlag, dass Hitler als „der zurückgekehrte Isa (Jesus), der im Koran vorausgesagt wird und der, ähnlich der Gestalt des Ritter Georg, den Riesen und Judenkönig Daddschāl am Ende der Welt besiegt.“ Schlussendlich druckte das Amt eine Million Kopien einer Broschüre auf Arabisch, die dafür warb, dass die muslimischen Araber sich mit Deutschland verbünden.

Oh Araber, seht ihr nicht, dass Daddschāls Zeit gekommen ist? Erkennt ihr ihn, den fetten, lockigen Juden, der die ganze Welt betrügt und beherrscht, und der den Arabern das Land stiehlt? … Oh Araber, erkennt ihr den Diener Gottes? Er [Hitler] ist bereits auf der Welt erschienen und hat seine Lanze bereits gegen Daddschāl und seine Genossen erhoben … Er wird den Daddschāl töten, wie es geschrieben steht, seine Stätten vernichten und sein Genossen zur Hölle schicken.“

Derartige Propaganda „mag heute lächerlich erscheinen,“ schreibt David Motadel in seiner unfassenden und scharfsinnigen Chronik Der Islam und der deutsche Nazi-Krieg. Und doch muss man sich nur die peinlichen Bildertexte amerikanischer Werbebroschüren, die vor der amerikanischen Invasion über Afghanistan abgeworfen wurden, noch einmal ansehen, oder die ähnlich dämlichen Broschüren, die über dem Iran ausgeschüttet wurden, vor dem amerikanischen Einmarsch um Saddam Hussein 2003 zu stürzen, damit man erkennt, dass die Geschichte schlechter westlicher Vermutungen wie man muslimische Bevölkerungen mobilisiert oder vereinnahmt, in der forschungsreisenden Kriegsführung lang ist.

Die Akten des II. Weltkriegs besagen, dass die Alliierten und die Achsenmächte beide viel aufs Spiel setzten, um die Muslime für sich zu gewinnen, und dass beide nur zum Teil und zweitweise erfolgreich damit waren. Selbst diese kleinen Erfolge waren von zynischer Zweckmäßigkeit geprägt, was die einfallenden europäischen Mächte betrifft und wie sie die muslimischen Bevölkerungen auf ihre Art benutzten. Für viele Muslime, die auf dem Pfad deutscher, italienischer oder britischer Panzerdivisionen lebten, war der Krieg letzten Endes allenfalls als Konflikt zwischen kolonialen Unterdrückern – ein Krieg, den man am besten aussitzt, so lange wie möglich.

Der deutsche Plan zu Mobilisierung der Muslime bleibt teilweise besonders interessant, weil der Aufstieg der Nazi-Ideologie von der jüdischen Vernichtung mit der arabischen nationalistischen Mobilmachung des Antisemitismus in Palästina zusammentrifft. Berüchtigterweise hatte Amin al-Husayni, ein arabischer Nationalist, den die Briten zum Obermufti von Jerusalem ernannt hatten, und den Motadel als „eitlen Geck“ und „einen inbrünstigen Judenhasser“ bezeichnet, im Spätjahr 1941 in Berlin Zuflucht gefunden. Er traf Hitler und arbeitete für den Rest des Krieges mit Nazi-Propagandisten zusammen. Nazinachrichten betonten, dass Deutschland die Muslime vom britischen Kolonialismus und bolschewistischem Atheismus befreien würde, indem man das angeblich steuernde Wirken der Juden ausmerzen würde.

Diese Behauptungen fanden in Palästina und der weiteren arabischen Welt bestimmt ein offenes Publikum. Aber der Umfang des Nazieinflusses auf arabische Standpunkte gegenüber dem Zionismus ist nicht messbar, nicht zuletzt, weil die Macht der Nazis in der arabischen Welt sich als kurzlebig erwies. „Überall,“ urteilt Motadel, „versagte die deutsche Propaganda. Die Muslime kämpften am Ende in großen Mengen für England in Nordafrika und überall im Mittleren Osten.

Es gab einige Orte wo Muslime in Gebieten, die von Deutschland erobert wurden, sich fragen mussten, wie sie sich inmitten des aufziehenden Holokaust verhalten sollten. In den von den Nazis besetzten Gegenden auf dem Balkan beteiligten sich einzelne Muslime an den Gewalttaten. Einige stahlen Kupfer von den Dächern verlassener Synagogen. Andere versuchten beherzt wahrscheinliche Pogromopfer zu beschützen. Überall, schreibt Motadel, ist die Rolle der Muslime bei der Ermordung von Juden und Roma „nicht generalisierbar, da sie, wie anderswo, zwischen Mithilfe und Geschäftemacherei und Mitgefühl, sowie, in ein paar Fällen, Solidarität mit den Opfern, rangiert.“

Motadels Geschichte ist eins von zwei neuen wissenschaftlichen Büchern, die unser Verständnis der Verstrickung Nazideutschlands im Mittleren Osten und der weiteren arabischen Welt auf den neuesten Stand bringen. Das zweite, Atatürk in der Phantasie der Nazis, von Stefan Ihrig, einem Stipendiaten am Van Leer Institut in Jerusalem1, ist eine sorgfältige und erleuchtende Erzählung darüber, wie die Gründung der modernen Türkei Hitler und andere Naziideologen beeinflusste, indem es ein Modell des bewaffneten Widerstands gegen den Versailler Vertrag bot, sowie ein theoretisiertes Beispiel eines muskelprotzenden Nationalismus für das kommende Jahrhundert.

Weder Motadel noch Ihrig behauptet, Verbindungen zur aktuellen Politik oder Konflikten im Mittleren Osten zu präsentieren. Das ist angemessen, angesichts der Art ihrer Forschung. Und doch, anlässlich des jüngsten von den Amerikanern angeführten „Dschihad für die Freiheit“ im Irak und in Syrien, mit dem Zweck den Islamischen Staat des Irak und der Levante (ISIS) aufzulösen, verfügen beide Bände über Schlussfolgerungen zum Verständnis der derzeitigen Geschichte. Vor allem Motadel zeigt ein zusammenhängendes Bild der westlichen Strategien zur Mobilisierung des Islam zu Kriegszeiten oder der Verwendung des Islam zu geopolitischen Zwecken – insgesamt eine Geschichte des permanenten Versagens.

Der Zweck von Atatürk in der Phantasie der Nazis besteht darin, zu belegen, dass man immer daran denken muss, das der Begründer der modernen Türkei eine Gestalt vom Rang eines Mussolini in Hitlers frühen geopolitischen Phantasien war. Mustafa Kemal Pascha, der später als Atatürk verherrlicht wurde, hat nachweislich Militäraktionen geführt, die das Entsorgen dessen umfassten, was Hitler für die innerlich aufzehrende Multikultur des sterbenden Ottomanischen Reiches hielt.

Und tatsächlich, in Ihrigs Erzählung, war es, neben Atatürks persönlichem Antrieb, der organisierte Massenmord an Armeniern durch die Türken während dem I. Weltkrieg – jetzt anerkannt als der Armenische Genozid – der Hitlers Meinung über die Auslöschung der Juden bereits 1920 ausdrücklich lenkte. Ihrig zitiert einen mehrteiligen Essay, der in Heimatland, einer einflussreichen Nazi-Zeitschrift, veröffentlicht wurde, von Hans Tröbst, der mit den Kemalisten gekämpft hatte, in dem was die Türken als Unabhängigkeitskrieg verstanden:

Die Blutsauger und Parasiten des türkischen Volkes waren Griechen und Armenier. Sie mussten ausradiert und unschädlich gemacht werden; ansonsten wäre der gesamte Krieg um die Freiheit in Gefahr. Schonende Maßnahmen – das hat die Geschichte schon immer erwiesen – funktionieren hier nicht … Nahezu alle von dieser Herkunft im Kampfgebiet mussten sterben; ihre Zahl ist mit 500.000 nicht zu niedrig eingeschätzt. (Hervorhebung im Original)

In der jungen Nazi-Geschichtswissenschaft, schreibt Ihrig, „wurde die ‚Tatsache‘, dass die Neue Türkei ein echter und rein völkisch(er)2 Staat war, weil es in Anatolien keine Griechen und Armenier mehr gab, wieder und wieder betont, in hunderten Artikeln, Texten und Reden.“ Selbstverständlich wurde der Nazi-Holokaust in seiner eigenen Rahmen erdacht und hatte eigene Ursprünge; man sollte den armenischen Vorläufer nicht zu schwer gewichten, und das tut Ihrig nicht. Dennoch haben wir hier ein belegtes Beispiel für die frühe Industrialsierung ethnischer Morde, in der ein Völkermordfeldzug den anderen bedingte.

Politisch bot Atatürks Erfolg ein Bespiel für Bewältigung der Erniedrigugn und des Kniefalls, der den Verlierern des I. Weltkriegs in Versailles aufgebürdet wurde. Atatürk kam nicht nur durch plakatives Tun im Namen der türkischen Nation an die Macht, er nötigte die europäischen Landeshauptstädte auch dazu, die Bedingungen der auferlegten Verträge neu zu verhandeln. Dieses Vorbild beflügelte Hitlers misslungenen Putsch von 1923 mindestens genau so sehr wie Benito Mussolinis Marsch auf Rom im Spätjahr 1923.

Anschließend, im Zeugenstand bei seiner Verhandlung, sprach Hitler darüber, wie Atatürks Säuberungsnationalismus ihn rechtmäßig an die Macht gebracht hatte: „Aus dem verdorbenen Konstantinopel, dem Zentrum, kann die Erlösung nicht kommen.“ sagte Hitler. Die Stadt war, wie in unserem Fall, verseucht mit demokratisch-pazifistischen internationalisierten Menschen, die nicht länger in der Lage waren zu tun, was nötig war. Es konnte nur vom Land des Bauern ausgehen.“

Ihrigs Buch ist mit einprägsamen politischen Karikaturen über das türkische Vorbild ausstaffiert, das von den Nazi- und anderen Zeitungen ausgeschlachtet wurde. Die Bilder sprechen Ihrigs Intention aus, die da ist, dass kein Zweifel an der Bedeutung der Beeinflussung von Nazi-Kreisen durch Atatürk besteht. Sie reflektieren für uns ebenfalls was archivierte Texte allein nicht können, wie düster und bedrohlich sich die deutsche politische Phantasie nach Versailles gestaltete. Atatürk starb 1938, aber Hitlers Bewunderung für ihn hielt an bis zu den letzten Tage des Führers; Er hielt eine Büste von Atatürk in Ehren, die der Nazibildhauer Josef Thorak entworfen hatte.

Ihrigs Forschungsergebnisse stützen Motadels Ergebnis, dass Naziallianzen mit dem Islam zunächst als Instrumentalisierung betrachtet werden müssen, nicht als Ideologisierung. Atatürk war ein begeisterter Säkularist. Nazischriften, die seinen Aderlass des ottomanischen Gebrechens priesen, bezeichneten den islamischen Glauben als „die große Bremse, die jeden Fortschritt verhindert.“ Dieser Satz aus der Propaganda konkurrierte indes mit einem anderen: Dass die Muslime Nazideutschlands natürliche Verbündete beim Kampf gegen die Juden, England und die Sowjetunion seien. Der Widerspruch erklärt sich durch zwei Merkmale, das stellt Motadels Buch klar. Zum Einen war Hitler ein sehr konfuser Denker. Zum anderen beruft sich die deutsche Instrumentalisierung des Islam weniger auf Hitlers Pläne, als auf das Vermächtnis der ausgiebigen deutschen Verwendung bewaffneter Gotteskrieger, um seine europäischen Feinde zu zersetzen. Beim Ausbruch des I. Weltkriegs untersuchten deutsche Geheimdienstler wie man einfachsten islamische Revolten gegen Großbritannien von Indien bis Ägypten entfachen könnte. Auf deutsches Drängen verteilte der ottomanische Sultan in Konstantinopel, Mehmet V., Fatwas, die alle Muslime der Welt auriefen, sich gegen die Ententemächte zu erheben. Der Sultan vergewisserte denjenigen, die den britischen Gewehren zum Opfer fallen würden, sie seien glorreiche Märtyrer. In Berlin trachteten die Geheimdienstoffiziere, die mit dem Orient betraut waren, danach, so viele feindliche Reichsgebiete wie möglich zum Dschihad aufzuhetzen.

Max von Oppenheim, der Dienstchef, skizzierte die Offensive in einer 136-seitigen Abhandlung mit dem Titel „Mitteilung zur Revolutionierung der Islamischen Ländereien unserer Feinde.“ Sein Stab bestand aus einer großen Anzahl von „akademischen Fachleuten, Diplomaten, Militärrepräsentanten und muslimischen Kollaborateuren,“ schreibt Motadel. Ihre Hetze „schuf endlose Schwierigkeiten,“ schrieb ein französischer Kriegsberichterstatter im Krieg, und zugleich, folgert Motadel, waren die gesamten deutschen Bemühungen auf einer „Fehlkalkulation“ aufgebaut. Sie nahm an, es gebe einen fruchtbaren Boden für eine pan-islamische Revolte, als es den nicht gab, und sie konnte

Deutschlands Manipulationen im eigenen Interesse nicht verhehlen. „Die muslimische Welt war viel zu uneinheitlich“ um auf eine einzige Vorlage zur Revolte zu reagieren, und in jedem Fall „war es viel zu offenkudig, dass Muslime für die strategischen Zwecke der Zentralmächte angeheuert wurden, und nicht aus wahrhaftig religiösen Gründen.“

Nichts davon hielt von Oppenheim und andere Vertreter des Außenministeriums davon ab, die das Projekt leiteten, zu seiner Fortsetzung zu raten, als Hitler einen weiteren großen Krieg begann. Insbesonders Hitler und Himmler waren dankbare Zuhörer. Die Akte zu Hitlers privaten Gedanken über den Islam ist dünn, sie besteht hauptsächlich aus Nachkriegserinnerungen von ehemaligen Vertrauten und Mitarbeitern. Dennoch scheint er vom islamischen Glauben und seiner Geschichte fasziniert gewesen zu sein. Berichten zufolge bezeichnete er den Islam als stärkereres Glaubenssystem als das Christentum und daher besser geeignet für das Deutschland, das er aufbauen wollte.

Laut Albert Speer bot er einmal eine erstaunliche, den Fakten widersprechende Geschichte Europas auf. Er knobelte, was passiert sein möge wenn die muslimischen Truppen, die im achten Jahrhundert in Frankriech einfielen, sich in der Schlacht von Tours gegen ihre französischen Feinde durchgesetzt hätten. „Hitler sagte, dass die siegreichen Araber aufgrund ihrer rassischen Minderheit mit der Zeit nicht fähig gewesen wären, sich mit dem harten Klima zu anzufreunden,“ das in Nord-Europa herrscht. Deshalb „wären am Ende nicht Araber sondern Islamisierte Deutsche am Kopf dieses Mohammedanischen Reiches gestanden.“

Speer zitierte Hitler und schwärmte über einen derartig andersartiges Erbgut. „Verstehen Sie, die falsche Religion war unser Unglück … Die mohammedanische Religion … würde viel besser zu uns passen als das Christentum. Warum musste es das Christentum sein, das so bescheiden und farblos ist?“

In andere Schilderungen formuliert Hitler ähnliche Ansichten. Eva Brauns Schwester Ilse erzählte, dass Hitler bei seinen Tischgesprächen häufig über den Islam sprach und „wiederholt den Islam am Christentum maß, in der Absicht letzteres zu entwerten, in erster Linie den Katholizismus.“ in Motadels Bilanz. „Im Gegensatz zum Islam, den er als einen starken und geeigneten Glauben darstellte, bezeichnete er das Christentum als eine weiche, aufgeblasene, schwache Religion des Leidens.“

Himmlers Begeisterung für den Islam ist besser dokumentiert. Seine Ansichten bewegten sich auf ähnlichem Grund. Felix Kersten, Himmlers Arzt, schrieb ein ganzes Kapitel in seinen Memoiren über die Begeisterung seines Patienten für den Islam und den Propheten Mohammed. Kersten zufolge zeigte führte Rudolf Hess Himmler in den Koran ein, den Himmler gelegentlich am Bett liegen hatte. Zeugen berichten, er habe im Propheten einen der größten Männer der Geschichte gesehen.

Himmler trat 1936 aus der Katholischen Kirche aus, und als später der Krieg tobte, besann er sich bisweilen auf die vermeintlichen Vorteile des Islam bei der Motivation von Soldaten. „Mohammed wusste, dass die meisten Menschen furchtbar ängstlich und dumm sind.“ erzählte er Kersten 1942.

Darum verhieß er jedem Krieger, der tapfer kämpft und in der Schlacht fällt, zwei [sic] schöne Frauen … Man mag das primitiv nennen und darüber lachen … aber es beruht auf tieferer Einsicht. Eine Religion muss die Sprache des Mannes sprechen.“

Diese Gedanken klingen wie Schnapsideen, wie nahezu Himmers sämtliche Gedanken zur spirituellen Welt, zu der ein Interesse am Mystischen und Okkulten zählt. Es sind natürlich keine Gedanken, wegen denen Himmler den heiligen Text so akribisch las und auf die alten Kamellen über das kriegerische Wesen des Islam hereinfiel.

In den vergangenen Jahren haben Autoren wie Christopher Hitchens3, ein selbsterklärter Atheist, den Neologismus „Islamofaschismus“ in den gemeinen Sprachgebrauch eingeführt und dabei erörtert, dass Parallelen zwischen gewissen radikalen muslimischen Ideen zur politischen Ökonomie und denen des Faschismus bestehen.

Neben ein paar Demagogen bei Fox News hat niemand, selbst bei den Rechten, die Idee je ernst genommen, weil sie so offenkundig zu sehr vereinfacht und ahistorisch ist. Es stimmt, dass Himmler SS-Argumente lieferte, die darlegten, dass „der Islam und der Nationalsozialismus gemeinsame Feinde haben und sich auch in den Ansichten gleichen.“ Aber diese Sorte Propaganda entsprang in erster Linie dem Zynismus.

Himmlers öffentliche Äußerungen zum Islam machten klar, dass seine Absicht manipulativ war – Teil eines hoffnungslosen Versuchs, speziell zum Ende des Krieges hin, muslimische Truppen anzuwerben um dem Gegenangriff der Roten Armee zuvorzukommen. Himmler rekrutierte, schulte und entsendete einzigartige muslimische SS-Divisionen, anfangs um die Nazi-Besetzung des Balkans und des Kaukasus zu zementieren, und anschließend, nach 1944, um den Kurs des Krieges zu drehen. Er bemerkte einmal:

Ich muss sagen, ich habe überhaupt nichts gegen den Islam, denn er bildet Männer … für mich aus und verspricht ihnen das Paradies wenn sie gekämpft haben und in der Schlacht gefallen sind. Eine zweckmäßige und verlockende Religion für Soldaten!

Die entscheidende Zweckdienlichkeit für Naziabsichten bezüglich des Islam lassen sich gut in den bizarren Längen erkennen, die Nazipropagandisten benötigten um die Nazi-Rassenpolitik zu revidieren um mögliche Kriegsverbündete unter den Turkvölkern, den Arabern und Iranern nicht zu beleidigen.

Privat betrachtete Hitler diese Völker als rassisch minderwertig. In der Öffentlichkeit trug er die nazistische Rassentheorien vor, um seine militärischen Bündnisse zu begründen.

Während die Inhibition von rassischer Diskriminierung von der Rassentheorie im Hinblick auf Perser und Türken begründet werden konnte,“ schreibt Motadel, „war es im Fall der Araber fragwürdiger, da die meisten Rassenideologen sie als ‚Semiten’“ betrachteten. Trotzdem war Nazivertretern früh bewusst, dass wenn sie Frankreich und Großbritannien herausfordern wollten, Konflikte mit derartigen ‚Semiten‘ vermieden werden mussten. „Bereits 1935 wies das Propagandaministerium daher die Presse an, die Begriffe ‚anti-semitisch‘ und ‚Antisemitismus zu umgehen und an deren Stelle Wörter wie anti-jüdisch zu verwenden.

Als deutsche Truppen 1943 nach Bosnien walzten, entschied die SS, dass die Muslime der Region ein “rassisch kostbares Volk von Europa“ seien. Sie waren die ersten Muslime, die in die Waffen-SS eingezogen wurden

Während des deutschen Einmarschs in den Kaukasus und auf die Krim hatten die Bemühungen der SS, die islamische Kultur zu revitalisieren, um die Sowjetunion zu schwächen, teilweise Erfolg. Die Unterdrückung islamischer Rituale durch den Bolschewismus dauerte noch keine Generation. Als sie den Nordkaukasus betraten, ließen Offiziere der Wehrmacht umsichtig die Wiedereröffnung von Moscheen und religiösen Einrichtungen und die Wiedereinführung religiöser Feiertage und Feste zu. Sie erlaubten die Ausstellung von arabischen und Koranschriften in der Öffentlichkeit, beides war bei den Sowjets verboten. Manche Muslime und Gemeineleiter im Osten begrüßten die deutsche Besetzung als eine Möglichkeit zur Restauration ihrer Kultur. 20.000 Krim-Tataren bekämpften sowjetische Truppen in echten muslimischen Formationen, die der deutschen 11. Armee angegliedert waren.

Diese Soldaten und viele ander Muslime, die mit Deutschland kooperierten, bezahlten einen furchtbaren Preis nach seiner Niederlage. Stalin deportierte die muslimische Bevölkerung des Kaukasus und der Krim nach Zentralasien und anderswo. Durch das Zugeständnis von Jalta, ehemalige Sowjet-Bürger in die Heimat zurückzusenden, beteiligten sich Großbritannien und die Vereinigten Staaten an dem Schrecken. Britische und amerikanische Soldaten internierten ehemalige muslimische SS-Soldaten in gesonderten Lagern und übergaben die Veteranen und verschiedenen kaukasischen Flüchtlinge im Sommer 1945 der Roten Armee. Wie Motadel erzählt, verursachten einige dieser Auslieferungen „dramatische Szenen“.

Dutzende sprangen von fahrenden Zügen. Als sie in Odessa lagen, hüpften viele andere von den Deportationsschiffen in das Schwarze Meer; einige begingen Selbstmord. Ein Imam starb als er sich selbst verbrannte. In der Sowjetunion wurden viele von Sowjetkadern niedergemetzelt oder in die Gulags deportiert … Einsprüch vom Roten Kreuz beeindruckten britische und amerikanische Behörden nicht. Die internationale Presse widmete ihnen ebenfalls keine Aufmerksamkeit.

Das waren die Folgen der deutschen Kriegsverlobung mit dem Islam: Ein Plan der dem Zynismus entsprang, und, mit der Reklame des Antisemitismus gefüttert, im Tod von zivilen Massen und Leiden der Muslime endete.

Die Pläne der Nazis hinterließen ein weiteres Erbe: Sie sahen für die Vereinigten Staaten im Kalten Krieg einen Plan vor. Im Bund mit Saudi-Arabien nach dem Krieg, überlegten amerikanische Strategen wie ein mobilisierter Islam dem Wachsen der Sowjetunion im Mittleren Osten begegnen könnte. Nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979, befugte Präsident Jimmy Carter die C.I.A. verdeckt afghanische Rebellen zu unterstützen – eine Wiederbelebung, in Wirklichkeit, des „Dschihad der Freiheit“ der OSS.

William Casey, Präsident Reagans erster Direltor der C.I.A., begrüßte das verdeckte Programm und baute es aus. Er genehmigte den Druck des Koran in usbekischer Sprache, damit Rebellen ihn über die afghanische Grenze bringen und an Sowjetbürger verteilen konnten. Casey bewilligte, oder unterließ es hinzusehen, Freischärler-Raubzüge auf Sowjetgebiet, die von Rebellen unternommen wurden, die dem afghanischen Islamisten Gulbuddin Hekmatyar ergeben waren. (Hekmatyar, der Waffen von der C.I.A. bekam, kämpft weiterhin in Afghanistan gegen die afghanische Regierung und die Vereinigten Staaten.)

Die Rebellion gegen die Sowjetunion ist einer der wenigen Fälle in der Geschichte, in dem das ausländische Aufhetzen muslimische Kämpfer gegen eine nicht-muslimische Besetzermacht gelang, zumindest militärisch. Das geschah selbstverständlich im Wesentlichen, weil der afghanische Widerstand uransässig war und bereits im Gange, als die Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien dazukamen und ihm mit Geld und ausgeklüngelten Waffen einheizten. Das Ergebnis der amerikanischen Intervention in Afghanistan gegen die Sowjets beinhaltete einen verheerenden Krieg und die Geburt von al-Qaida. Der Kurs kann daher kaum als strategischer Sieg gewertet werden.

Noch immer, wie in Berlin zwischen den Kriegen, hat Scheitern in Washington nicht die Hartnäckigkeit beeinträchtigt, da Pentagonstrategen weiterhin so tun, als könnten sie Kriege im Mittleren Osten gewinnen, indem sie geschickt manipulieren und Stämme bewaffnen, Fundamentalisten und islamische Anführer in verlassenen Regionen, die sie kaum kennen.

Motadels differenzierte Erzählung legt zumindest zwei Gründe vor, warum derartige Strategien des Westens üblicherweise scheitern. Der erste ist die Unkenntnis der Strategen von der Vielschichtigkeit des Islam und der raffinierten Rolle, die der Glauben im täglichen Leben vieler bekennender Muslime spielt. Will sagen, Westler überschätzen regelmäßig den Zusammenhalt des Islam und damit seine Gefügigkeit.

Der zweite Grund steht groß auf der immensen Geschichte der kolonialen und post-kolonialen europäischen und amerikanischen Interventionen in muslimischen Ländern, von den zwei Weltkriegen bis zu den drei Golfkriegen und dem derzeitigen Feldzug gegen den Islamischen Staat. Muslimische Völker, die von Washington, London oder Berlin aufgrund von gemeinsamen Feinden und gemeinsamen Interessen zu den Waffen gerufen werden, kennen das alles schon. Sie erlebten wie Versprechen endlos gebrochen wurden und ein folgenreiches Ergebnis westlicher Einmischung nach dem anderen. Es ist kaum verwunderlich, dass so viele von den Appellen, sich zu verbünden, nicht überzeugt sind.

Quelle: http://www.nybooks.com/articles/archives/2015/apr/02/hitler-and-muslims/

Übersetzung: Thorsten Ramin

2 Unverändert aus dem Originaltext übernommen.