Hamlets Frage

Hamlets Frage

James Shapiro

NYRB 9.APRIL 2018


Hamlet and the Vision of Darkness

von Rhodri Lewis

Princeton University Press, 365 S., $39.95

In den Jahrzehnten nachdem es zuerst aufgeführt wurde, vielleicht 1600, scheint Hamlet bekannt gewesen zu sein, wenn auch nicht besonders. Er wurde am Globe Theater, in Oxford, Cambridge und anderswo, und mindestens zwei Mal am Hof erneut aufgeführt. Aber Ausgaben von Hamlet wurden nicht so oft publiziert wie Richard III, Richard II oder sogar Perikles, und neben den Anklängen in den Arbeiten anderer Dramatiker wird das Stück nur von ein paar Zeitgenossen Shakespeares erwähnt (einer sagt, es gehöre zu der „gebildeteren Sorte“, andere, es bekomme es hin „allen zu gefallen“). Vor 1711 schrieb niemand einen längeren Text über Hamlet; der Graf von Shaftesbury sagte von ihm damals, es sei das Stück das „englische Herzen am meisten berührt habe“ und vielleicht das am „meisten Gespielte“, was es wahrscheinlich der Bekanntheit von Thomas Betterton verdankte, einem der großen Hamlets.

Ein weiteres Jahrhundert sollte vergehen, bevor Hamlet zu Shakespeares meist gefeiertem Stück wurde, ein Rang, der ihm immer noch abgelaufen werden muss. Viel von diesem Ansehen geht zurück auf die romantischen Autoren in Deutschland und England, die angezogen waren von seiner tiefgreifenden Ergründung des Ich und die ihre eigenen Konflikte in Hamlets widergespiegelt sahen. Goethes Entwicklungsroman Wilhelm Meister’s Lehrjahre (1795–1796) machte aus Hamlet ein Muster für nachfolgende Porträts des Künstlers als junger Mann. William Hazlitt schrieb, dass „wir Hamlet sind … deren Tatkraft durch das Denken verzehrt worden ist“, und Samuel Taylor Coleridge verkündete: „Ich selbst habe einen Hauch von Hamlet an mir, wenn ich so sagen darf.“ „Wir lieben Hamlet,“ würde Lord Byron ergänzen, „da wir uns selbst lieben.“

Auf der Suche nach noch existierenden Aufzeichnungen aus Stratford-on-Avon hat Edmond Malone kurz danach entdeckt, dass Shakespeares Sohn Hamnet (die Aussprache war synonym mit Hamlet) im Alter von elf Jahren 1596 gestorben war. Malone war der erste Biograf, der eine Chronologie von Shakespeares Werk schuf und sein Leben aus seinen Stücken und Gedichten rekonstruierte. Nicht sicher auf wann er King John, datieren sollte und unter der Annahme, dass „ein Mann von solcher Sinnlichkeit“ wie Shakespeare „nicht seinen einzigen Sohn verloren hätte … ohne außerordentlich zu leiden“, erklärte Malone, dass Zeilen wie „(Mein) Schmerz füllt den Platz meines abwesenden Kindes aus“ es wahrscheinlich erscheinen ließen, dass King John in der Folge von Hamnets Tod geschrieben worden sei.

Doch niemand interessierte sich groß für King John. Am Ende mutmaßten Biografen, dass Shakespeares Ausdruck der Trauer für den endgültigen Tod seines Sohnes vier Jahre lang aufgeschoben wurde, bis sie schließlich in den treffend benannten Hamlet mündete. Solange man übersieht, dass Hamlet von einem trauernden Sohn handelt, der um seinen Vater weint (und nicht andersherum), dass Shakespeare ein altes Stück namens Hamlet umschrieb, und dass er seinen Sohn nicht öfter als einige Male gesehen hatte, nachdem er seine Familie zurückgelassen hatte als er in den späten 1580ern nach London zog, erwies sich das als viel bessere Geschichte. Obendrein kamen sich Kritiker jetzt befugt vor, die Erfahrungen von Hamlet mit denen Shakespeares zu verschmelzen.

Hamlet war in einem Paar von Quartos verlegt worden, gedruckt 1603 (Q1) und 1604 bis 1605 (Q2). Eine dritte Fassung des Stücks erschien in der Ausgabe des Ersten Folios (F1), das 230 Zeilen aus Q2 kürzte, 90 neue zufügte, und substantielle Veränderungen enthielt. Als Nicholas Rowe Hamlet 1709 neu herausgab, bediente er sich an Passagen der Fassungen aus Q2 und F1 (zu der Zeit existierte keine Abschrift von Q1), womit er eine Art „Beste Bissen aus Hamlet“ zu Stande brachte, die in den nächsten dreihundert Jahren mehr oder weniger abgeschaut wurden. Dann wurde 1823 mit Verspätung eine Abschrift von Q2 gefunden, und stellte vieles man in dem Stück sah in Frage gestellt wurde. Die erste Druckversion unterschied sich erheblich von den anderen beiden und war erheblich kürzer. War Q1 eine Raubkopie oder wurde es vielleicht viel eher geschrieben? Wurden Shakespeares Stücke bei der Aufführung gekürzt? Überarbeitete Shakespeare seine Stücke? Seit dieser Entdeckung diskutieren Wissenschaftler diese Fragen erbittert, die genauso folgenreich für unser Bild davon sind, wie Shakespeare schrieb, wie für unsere Auslegung des Hamlet.

Es ist ein Gemeinplatz, dass niemand dem Verständnis eines anderen von Hamlet zustimmt. Und seit mindestens zweihundert Jahren war keine Generation zufrieden mit der Einstellung der Vorfahren zu dem Stück. Es ist schwer sich ein anderes vorzustellen, dessen Interpretationen so unglaublich entlarvend sind für das was es selbst die „Zustände und Zwänge der Zeit“ nennt. Kritiker und Darsteller begreifen die kulturellen Verschiebungen gewöhnlich ein wenig verspätet; aber ab und zu scheinen die Aufgewecktesten ihnen zuvorzukommen. Im frühen Neunzehnten Jahrhundert, als die tradierten Geschlechterrollen sich langsam veränderten, fingen Schauspielerinnen, unter ihnen Sarah Siddons, Charlotte Cushman und Sarah Bernhard, mit den Männern um die Titelrolle zu wetteifern. 1875 verortete der einflussreiche Biograf Edward Dowden Hamlet an einer düsteren Phase im Leben des Schriftstellers: Nachdem er seine romantischen Komödien geschrieben hatte sei Shakespeare „verwirrt gewesen durch die Dunkelheit einiger der großen Rätsel des menschlichen Daseins“ bevor er genas und die „ernste Heiterkeit“ seiner späten, erlösenden Schauspiele erlangte. Aber in dieser Phase hatte sich Shakespeare zu Hamlet „in der Tiefe“ gesellt.

Eine Generation darauf entwickelte sich ein eher radikales Nachdenken über Hamlet und Shakespeares Geisteszustand als er es schrieb. Sigmund Freud, der auf der Suche nach Bestätigung seiner Theorie des Ödipus-komplexes war, schrieb an seinen Freund Wilhelm Fliess 1897, dass „die gleiche Sache auch bei Hamlet unter dem Strich herauskomme. Ich denke (dabei) nicht an Shakespeares bewusste Absicht, glaube aber eher, dass ein reales Ereignis den Dichter zu seiner Repräsentation inspirierte, daran dass sein Unbewusstes das Unterbewusstsein seines Helden verstand.“ Freud fuhr fort mit der Behauptung, dass Shakespeares eigene ödipale Krise sei die lange gesuchte Erklärung für Hamlets Hemmung sei, den Tod des Vaters zu rächen: „Was passt besser, als die Qual, die er durch die verklärte Erinnerung erleidet, über die er selbst durch die finstere Tat gegen seinen Vater sinniert, aus Leidenschaft für seine Mutter?“ Andere Teile von des Hamlet-Rätsels waren rasch zur Stelle:

Sein bewusstes und unbewusstes Gefühl der Schuld. Und ist nicht seine sexuelle Entfremdung im Gespräch mit Ophelia entsprechend hysterisch? … Und bestraft er sich am Ende, auf die gleiche phantastische Art und Weise wie meine hysterischen Patienten, selbst? 

Freuds Theorie sollte eine tiefgreifende Wirkung auf Wissenschaftler und Schauspieler haben; ein Stück, dass sich Politik und Privates überbrückt wurde nun zunehmend als eigene Tragödie aufgefasst. Und Freuds Schüler Ernest Jones‘ berühmtes Hamlet and Ödipus1(1949) erweiterte seinen Einfluss um eine weitere Generation.

In den 1980ern wurden diese psychologischen Ansätze zugunsten anderer beiseite gespült, die besser zu einer Generation von Akademikern passten, die in den kulturellen Tumulten der 1960er aufwuchsen. Neue Historiker richteten ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Politik im Hamlet , mitunter dem Sieg des opportunistischen Fortinbras, dessen Machtergreifung am Ende des Stücks lange Zeit bei der Aufführung herausgeschnitten wurde. Ich erinnere mich an ältere Besucher, die bei einer Aufführung um Luft rangen, in der Horatios Abschied von Hamlet („Gute Nacht, mein Fürst!/Und Engelscharen singen dich zur Ruh‘! –“) jetzt Fortinbras‘ Auftritt folgte, der, während er die letzte Zeile des Stücks wiedergab –„Geht, heißt die Truppen feuern!“ – eine Pistole zog, sie an Horatios Kopf hielt und den Abzug drückte.

Harold Jenkins‘ bekannte Arden-Ausgabe des Stücks (1982), das sich an die alte Tradition hielt, die verschiedenen Versionen von Hamlet zu verbinden, wurde jetzt als verdächtig erachtet, und 2006 wurde es durch eine neue Arden-Ausgabe ersetzt, die alle drei Fassungen herausgab – Q1, Q2 und F1 – einzeln. Als neue Historiker Interesse an Shakespeares Glauben hegten, hatte die (rasch aufgeklärte) Idee eines katholischen Shakespeare nachklingende Auswirkungen dafür, wie Hamlet, auf seiner Rückkehr aus dem protestantischen Wittenberg, dem Geist des Vaters vorhält, aus der Hölle zu kommen. Rückblickend ist es schwer zu unterscheiden, ob der Wunsch, das theologische Fundament des Hamlet zu überdenken, Forscher dazu verführte Shakespeares eigene Vorstellungen umzugestalten oder anders herum.

Ich habe drei Jahrzehnte lang Studenten an der Columbia Universität Shakespeare gelehrt, und während meine Studenten mit den Jahren ihre Meinungen zu Ein Mittsommernachtstraum, oder Macbeth nicht geändert haben, haben sie es zu Hamlet durchaus. Wie bei jeder Vorlesung zu dem Stück kommt der Diskurs zwangsläufig auf Hamlets Hemmung. In den 1980ern konnte ich, dank einer Generation von Hochschullehrern, die Laurence Oliviers oedipalen Hamlet-Film2gesehen und wahrscheinlich Hamlet und Oedipus gelesen hatten, immer mit ein paar Studenten rechnen, die sagten, dass Hamlet sich nicht ohne Weiteres an einem Mann rächen konnte, der seinem eigenen Verlangen gehandelt hatte, seinen Vater zu töten und mit seiner Mutter zu schlafen. (Heutzutage erwähnt kein Student mehr die ödipale Theorie, und wenn ich sie als Möglichkeit anbiete, erntet der Vorschlag Stöhnen und Gelächter).

Die ältere romantische Betrachtung von Hamlet als Intellektuellem, der durch inflationäres Nachdenken gelähmt ist, wirkt immer noch auf zögernde Studenten, darum höre ich auch solche Ausführungen. Aber mit den Jahren höre ich neue Varianten. Einige meiner Studenten schlugen vor, dass Hamlet nicht handeln konnte, weil er ein Feigling war, andere, dass er eine spirituelle Krise durchmachte. Am Ende des Jahrhunderts tauchte eine neue Denkart auf: Hamlet war schwer depressiv – darum ist er stillgelegt, hat Stress mit seiner Freundin, und kommt sich so fremdartig vor. Wie ein Student es denkwürdig formulierte, wäre Prozac bereits erhältlich gewesen, hätte er auch keine Hemmungen gehabt.

Da die Vorherrschaft des Neuen Historizimus, der meine eigene Arbeit stark beeinflusst hat, beendet ist, bin ich selbst zunehmend neugierig darauf, was die kommende Generation aus Hamlet machen wird und was ihr Blick auf Shakespeare und seinen bekanntesten Helden über unsere Kultur ergibt. Rhodri Lewis‘ fesselnder und urschriftlicher Hamlet and the Vision of Darkness3 ist die erste große Neudeutung des Stücks seit Langem und deutet darauf hin, wohin es führen könnte.

Lewis ist offensichtlich unzufrieden mit der bisherigen Verständnis von Hamlet durch Kritiker. Er behauptet, dass es falsch sei „auf romantische, freudianische oder andere Arten der Individualität auf etwas zurückzuwerfen auf eine Zeit, in der sie kaum verständlich waren.“ Lewis lehnt auch „das ideologisch identifizierte Subjekt, das zum Gegenstand des Glaubens einer früheren kritischen Generation wurde“ ab. Der ganze Streit um verschiedene Texte von Hamlet erscheint ihm sinnlos und ihm reicht es auf Jenkins frei kombinierte Arden-Ausgabe zurückzukommen, entscheidend ist für ihn dass die Texte einander ausreichend ähnlich sind um die Unterschiede zu ignorieren. Eine weitere Rückwärtsbewegung ist Lewis Erklärung, sein Buch „ist eine Übung in literarischer Kritik,“ und sollte nicht von einem dieser zeitgemäßen Studenten verwechselt werden, der „Shakespeare zum Liefern von Beispielen benutzt, um mit ihnen die Geschichte, Theorie oder Politik von X zu hinterfragen.“

All diese Schichten kritischer Firnis abzutragen, ergibt für Lewis ein trostloseres Stück als moderne Leser und Theatergänger kennen:

Darum ist Hamlet nicht ein Beispiel im Entstehen begriffener Subjektivität, der erste moderne Mensch, ein dramatischer Versuch der Erfindung des Menschlichen, oder sogar eine Studie der Enttäuschung, die mit der fürstlichen Enteignung des sechzehnten Jahrhunderts einhergeht. Anstelle dessen ist er die fein gezeichnete Verkörperung einer moralischen Ordnung, die unter dem Gewicht ihrer eigenen Widersprüche zusammenbricht. 

Lewis‘ Hamlet erweist sich als „ein Opfer,, ein Symptom, und ein Vertreter“ einer Welt, die aufgebaut ist auf hohle und sich selbst dienenden humanistischen Plattitüden und einer „verwirrten, maßlosen und häufig unbedachten“ noch dazu. Er zögert nicht so sehr Rache zu nehmen als zu merken, dass er überhaupt nicht im Namen eines Vaters handeln will, dem es nicht gelungen ist seine Nachfolge zu sichern.

Es wird schlimmer. Lewis‘ Hamlet ist „ein Denker kompromissloser Oberflächlichkeit, Verwirrung und frommer Selbsttäuschung. Ihm täuscht Tiefgang vor, aber er ist nicht willens und unfähig seine eigenen Ängste zu überwinden, seine blinden Flecken und Voreingenommenheiten.“ Zumindest Claudius weiss, welches Spiel er treibt; Hamlet „ist anders als sein Onkel unfähig oder nicht bereit in sich selbst die Korruption, die er anderen attestiert, zu erkennen.“ „Trotz Claudius‘ Unehrlichkeit,“ und „trotz Polonius‘ sich selbst dienenden Geistesergüssen,“ schließt Lewis, „Ist der junge Prinz Hamlet der Bewohner von Helsingör, der am gründlichsten in der Scheiße steckt, wegen sich selbst und wegen der Welt um ihn herum.“ Und Hamlets Gedanken zum Wirken der Vorsehung sind die „Summer seiner Scheiße.“

Es wäre idiotisch zu versuchen, Hamlet mit Zitaten seiner berühmtesten Monologe zu verteidigen, da seine Worte, zusammengeflickt aus leeren Frömmeleien, die er kritisieren sollte, jedoch lediglich aufwärmt, „aus einer weiteren Studium des oberflächlichen Humanismus bestehen, aus Binsenweisheiten und Sentenzen, die losgelöst vom Kontext keinen Sinn ergeben.“ „Sein oder nicht sein“ „hört sich grandios an“, aber „es macht absichtlich keinen Sinn.“ Noch sollten wir Hamlets Gerede von Selbstmord ernst nehmen, da er nur „posiert.“ Hamlet „gibt vor sich“ mit „der Erwartung des Selbstmordes auseinanderzusetzen, weil er einem Bild von sich verfallen ist, in dem er die Welt verachtet, und weil er nicht vorhat dem Vorhaben Taten folgen zu lassen.“

Lewis‘ Hamlet erweist sich als genauso schwacher Dramakritiker, wie Historiker, Poet und Philosoph. Indem er Polonius‘ Antwort an die Schauspieler verspottet, versucht Hamlet uns von seiner eigenen „unausgegorenen Theoriebildung“ abzulenken. Aber wir sollten uns nicht täuschen lassen; weder Polonius noch Hamlet „ist sich ganz bewusst, wovon er redet, obwohl sich beide so verhalten als wüssten sie es.“ Die beiden sind „hochwohlgeborene Philister, deren Ellbogentaktik und kulturelles Verständnis den professionellen Künstler davon überzeugen, sie ausreden zu lassen.“

Warum haben frühere Kritiker Hamlet nicht so gesehen? Man ist versucht Shakespeare vorzuwerfen, dass er seine Absichten nicht klarer signalisiert hat. Aber ich stelle mir vor, dass Lewis es wahrscheinlich eher unserer kollektiven Weigerung zuschiebt, die Wege wahrzunehmen, die das Stück beschreitet um sich Shakespeares eigener Ablehnung des Humanismus zuzuwenden. Und darum, um das wichtigste Argument des Buchs nicht falsch wiederzugeben, und um eine Gespür dafür zu vermitteln, wie leidenschaftlich es formuliert ist, zitiere ich ausführlich:

Shakespeare lehnt zwei wesentliche Grundsätze der humanistischen Kultur ab. Erstens, den zentralen Glauben, dass Geschichte eine Quelle der Erkenntnis ist, von der menschliche Gesellschaften lernen können und sollten … Zweitens, die Überzeugung, dass der wahre Wert des menschlichen Lebens am besten verstanden werden kann durch eine Rückkehr ad fontes—zu den Ursprüngen der Dinge, seien sie historisch, textuell, moralisch, poetisch, philosophisch oder religiös (protestantisch genauso wie römisch katholisch). Für Shakespeare ist das Augenwischerei … Wie die Vergangenheit allgemein, sind Ursprünge anpassungsfähig – wozu auch immer die rivalisierenden oder ergänzenden Notwendigkeiten des Verlangens, Ehre, Vorteil und Zweckmäßigkeit sie benötigen.

Die vergebliche Suche nach Unbedingtem nach dem man handelt oder urteilt ist dem Versagen gewidmet: „Das Stück Hamlet wendet sich der Moralphilosophie zu, der Liebe, sexuellem Verlangen, kindlichen Verpflichtungen, Freundschaft, der Introvertiertheit, Poesie, Realpolitik und Religion auf der Suche nach Sinn oder Beständigkeit. Auf jeden Fall entdeckt es nicht Bedeutendes.“

Das Fehlen jeglicher moralischer Gewissheit bedeutet, dass es eine „Töte oder werde getötet“–Welt ist, und das eindrücklichste Kapitel in Hamlet and the Vision of Darkness begründet, wie die Sprache der Plünderung das stück sättigt. Lewis brillante Analyse verleiht an dieser Stelle lange bekannten wenn auch nur halb verstandenen Sätzen neuen Bedeutung, einschließlich dem „eingesäumten“Brautbett, dem „Köder der Lüge“, „der Trauer der Spieler“, „Wir trafen sie auf dem Weg“, „Beginne nicht so ungestüm“, „Ich bin Zahm, Herr“, „Wir machens wie französische Falkner“, und „Wenn der Wind südlich steht, kann ich einen Falken von einer Stoßsäge unterscheiden“. Vor dreißig Jahren hätte diese Analyse die Basis einer wichtigen, wenn auch hiesigen Studie sein können – aber diese Art Buch würde heute keinen großen Verlag finden. Hier, wird sie zu einer kleveren Art und Weise das festzustellen, was für Lewis die Basslinie des Stücks ist:

Was auch immer eine Person zu glauben sich bemüht, immer und nur existiert er als eine Form der Jagd – eine bei der sie, wie jeder andere, sowohl Jäger wie Beute ist. 

Es wäre mutig genug gewesen zu behaupten, Shakespeare habe ein Stück über das Übel im Herzen des Humanismus im sechzehnten Jahrhundert geschrieben. Aber für Lewis erweist es sich als symptomatisch für etwas größeres, eine Krise, die nicht nur die berühmteste Figur der Literatur kennengelernt hat, sondern Shakespeare selbst, der „die humanistische Moralphilosophie angesichts der menschlichen Erfahrung als mangelhaft befand, als er sich nach ihr richtete.“ Für den Shakespeare des Hamlet, „ist die Menschheit an die Unkenntnis ihrer selbst gebunden.“ Wir erfahren, dass „Shakespeares Ziel nicht Hamlet, ist, oder nicht nur Hamlet. Stattdessen wendet er sich gegen Boethius, gegen Cicero, gegen die Konventionen des Humanismus im philosophischen und religiösen Kanon. Und Shakespeare wendet sich auch gegen Gott:

Es gibt keinen göttlichen Autor, der menschliche Angelegenheiten aufschreibt; keine Liste genehmigter Teile für die Menschheit; kein himmlisches Publikum, dass ihr Urteil zur menschlichen Aufführung abgibt.

Diese biografischen Angaben, die zurückverfolgt werden können bis zu Edward Dowdens Fantasien über Shakespeare „in der Tiefe“, sind der schwächste Teil des Buchs und am meisten der Psychologisierung verpflichtet, die Lewis an anderer Stelle verschmäht. Und Lewis weicht der Frage aus, was Shakespeares tiefe Desillusionierung auslöste. Erklärt, es liege „jenseits des Rahmens dieses Buchs“. Es bleibt uns überlassen uns zu fragen, ob Shakespeare seine Verzweiflung jemals überwand, und ob er das in seinen späten und scheinbar erlösenden Stücken nur vorspielte. Ebenso verbleiben wir im Dunklen über Lewis Wendung gegen eine humanistische Tradition, in die er so eingetaucht ist; die meisten Gelehrten mit so viel Latein- und Griechisch(-Kenntnissen) feiern die humanistische Kultur am Ende, und enthüllen sie nicht als falsch.

Eine weitere Frage, die das Buch nicht eindeutig beantwortet, ist ob es die Geschichte eines schlechten Studenten – Hamlet – ist, oder eher halb-verdaute Fetzen einer humanistischen Renaissance-Bildung wiederkäut, die er nicht ganz versteht, oder ob es ein echtes Projekt dieser humanistischen Tradition ist und seine Argumente sorgfältig vermittelt, Argumente, die sich als flach und eigennützig erweisen. War Shakespeare – der nie eine Universität besuchte noch seinen Seneca und Tacitus kannte – je so eingebettet in klassischen Humanismus, wie Lewis uns glauben machen will? Ich bin von der Behauptung nicht überzeugt, dass Hamlet seinen berühmtesten Monolog hält während er eine Abschrift von Ciceros Tusculanae Disputationes in der Hand hält.

Während ich dieses Buch gelesen habe, suchte ich vergeblich danach, was diese makabere Meinung auslöste – bevor ich eine notdürftige Erklärung fand in „Hamlet: Dann und Jetzt“, einem kurzen Essay, den Lewis kürzlich auf der Website der Princeton University Press postete. Er behauptet dort, dass Shakespeare

uns einen entschlossen brillanten Wegweiser für die Zwickmühlen anbietet, in denen wir uns im Trumpland und auf der Brexit-Insel befinden. Nicht weil er Konsorten wie Farage, Bannon oder Donald J. Trump vorhersagt … sondern weil er uns in die Lage versetzt, eine Welt kennenzulernen, in der verbreitetes Wahrnehmungen einer moralischen Ordnung (politisch, ethisch, persönlich) nur eine höchst oberflächliches Verhältnis zur gelebten Erfahrung besitzen. 

Wenn ich Lewis richtig verstehe, haben wir einen stolzen politischen Preis bezahlt, nicht auf Shakespeares Warnung im Hamlet zu hören, dass die Welt immer amoralisch und rücksichtslos war.

Unsere politische Situation hat sich mit seit kurzem mit affenartiger Geschwindigkeit verändert. Irgendwie schlucken wir diese Veränderungen gemeinsam, auch wenn viele von uns sich weigern, sich mit ihnen zu versöhnen. Aber Widerstand gegen Veränderung ist noch leidenschaftlicher, wenn er zu radikalen Neuauslegungen unserer liebsten Kunstwerke führt, und Lewis und seine anti-humanistische Herangehensweise an Hamlet, auch wenn sie momentan adäquat erscheint, wird, fürchte ich, sehr wenige Bewunderer überzeugen, zumindest auf kurze Sicht.

Die Lektüre dieses Buchs entfachte bei mir selbst einige Vermutungen, ich fragte mich was es über die Desillusionierung eines Wissenschaftlers wie Rhodri Lewis verriet, erwarteten sie, Hamlet-gleich, wenn sie am Zug sind ein akademisches Königreich zu beerben? Die Finanzierung für höhere Bildung gestrichen, literarische Abteilungen geschrumpft, Vollzeit-Fakultäten ersetzt durch Assistenten, und erhabene Universitäten, wie meine, entscheiden sich nur noch zum Grundgehalt einzustellen, um diejenigen von uns zu ersetzen, die sich zur Ruhe setzen, sind die Aussichten für die nächste Generation von Akademikern trostlos. Deprimierend ist es, dass in diesem Jahr in ganz Nord-Amerika nur eine einzige Stelle für einen führenden Shakespeare-Forscher ausgeschrieben wird. Die Notwendigkeit Furore zu machen, selbst Forderungen zu übertreiben, ist verständlich.

Lewis‘ Hamlet ist weder mein noch sein Hamlet. Der Unterschied unserer Ansätze und Schlüsse mag ganz einfach generationsbedingt sein. Doch bewundere ich sein schonungsloses Hinterfragen nicht bestätigter Überzeugungen die unsere Art Hamlet zu lesen lange bestimmt haben, und, wenn er Recht hat, behilflich waren uns in den politischen Morast zu führen, in dem wir uns jetzt befinden.

Quelle: http://www.nybooks.com/articles/2018/04/19/the-question-of-hamlet/

Übersetzung: Thorsten Ramin