Großbritanniens klandestine Kriege

von Ian Cobain

The Guardian, Donnerstag 8. September 2016

In den Monaten nach der Kapitulation Japans am 14. August 1945 waren die Briten bereit zu glauben, dass der Krieg hinter ihnen lag. Die Zeitungen waren voller Berichte über die Autonomie Indiens und Hafenarbeiter, die in London streikten, in Liverpool und Hull. Es ist fraglich wieviele Leser des Manchester Guardian ihn sahen, geschweige denn lasen, einen kurzen Absatz, der auf dem Fuß von Seite sechs versteckt war, eingebettet zwischen einem Leserbrief über die Kriegsverbrechensprozesse von Nürnberg und einem Leitartikel über die Gründung der Vereinten Nationen.

Unter der Überschrift „Briten in Indo-China“ erschien die Kopie eines Briefes, der auch an Ernest Bevin gesandt worden war, den Außenminister. „Es scheint, dass wir mit japanischen und französischen Truppen gegen die nationalen Truppen der Viêt Minh wirken.“ stand in dem Brief. „Welchem Zweck dient diese Zusammenarbeit? Warum entwaffnen wir die Japaner nicht? Wir verlangen eine Erklärung der Regierungspolitik bezüglich der Präsenz britischer Truppen in Indo-China.“ Der Brief war unterzeichnet mit „Britische Unteroffiziere und Mannschaften“ der Funkabteilung eines Infanterieregiments in Saigon.

Es war höchst ungewöhnlich – ungeachtet des egalitären Geistes jener Nachkriegstage – dass es eine Gruppe niedriger Dienstgrade gab, die so öffentlich verlangte, dass der Außenminister seine Regierungspolitik erklärt. Doch wahrhaft außerordentlich war die Enthüllung, dass britische Truppen in der ehemaligen französischen Kolonie gegen die lokale Bevölkerung kämpften, und dass sie das an der Seite ihrer ehemaligen Feinde taten: Der japanischen Armee und den Vichy-Franzosen.

Die Öffentlichkeit war sich kaum bewusst, dass die britische Regierung so besorgt darum war, dass die Franzosen Kontrolle über ihren kolonialen Besitz aus der Vorkriegszeit zurückerlangten, dass sie das gesamte 20. Infanterieregiment der Britisch-Indischen Armee auf dem Luftweg im vorhergehenden August dorthin transportiert worden hatten, mit Befehl die Versuche der vietnamesischen Bevölkerung zu unterdrücken, ihre eigene Regierung zu bilden. Dort waren nahezu 26 000 Männer mit 2 500 Fahrzeugen, mitunter gepanzerte Autos. Drei britische Artillerieregimente waren also entsandt worden, von der RAF (Royal Air Force) mit 14 Spitfires und 34 Mosquito Jagdbombern eingeflogen, und es gab ein 140 Mann starkes Kontingent der Königlichen Marine (Royal Navy).

Bei der Landung hatten die Briten die Vichy-Truppen mit neuen britischen .303-Gewehren neu bewaffnet. Kurz darauf waren kapitulierte japanische Truppen ebenso erneut bewaffnet und genötigt worden, die Vietnamesen zu bekämpfen – einige unter dem Kommando britischer Offiziere.

Die Briten operierten gemäß eines Befehls, dass sie gegenüber Zivilisten eine rücksichtslose Missachtung erweisen sollten, die, infolgedessen, massenhaft getötet und verstümmelt wurden. „Bei dieser Operation gibt es keine Front.“ besagte der Befehl. „Wir werden es schwierig haben Freund von Feind zu unterscheiden. Wende immer maximale Gewalt an, um sicher zu gehen alle Feindlichkeiten auszumerzen, auf die wir treffen. Setzt jemand zu viel Gewalt ein, entsteht kein Schaden. Wendet jemand zu wenig Gewalt an und muss befreit werden, werden wir Opfer erleiden und den Feind ermutigen.“

Viele der Soldaten, von denen man erwartete nach solchen Befehlen zu agieren, waren entsetzt. Einer der Unterzeichner des Briefes an Bevin war Dick Hartmann, ein 31 Jahre alter Soldat aus Manchester. Hartmann erinnerte sich später: „Wir sahen Häuser, die verbrannt wurden und hunderte der Lokalbevölkerung wurden in Lagern gehalten. Wir sahen viele Krankenwagen, hinten offen, hauptsächlich beladen – eigentlich nur – mit Frauen und Kindern, die bandagiert waren. Ich erinnere es sehr lebendig. All die Frauen und Kinder, die dort lebten, standen außerhalb ihrer Häuser, alle in schwarz, und starrten uns finster an, wirklich mit … Hass.“

Daheim im Vereinten Königreich wussten Parlament und Öffentlichkeit nahezu nichts von diesem Krieg, die Art und Weise auf die er geführt wurde, oder Britanniens Rolle darin. Und es scheint, dass das Kabinett und das Kriegsministerium wollten, dass dieser Zustand erhalten blieb.

In den südöstlich gelegenen asiatischen Hauptquartieren der Alliierten in Ceylon und im Kriegsministerium in London waren britische Kommandeure und hohe Beamte des Verteidigungsministeriums dennoch erbost durch den Brief. Hartmann und seine Kameraden wurden gewarnt, dass ein Brigadegeneral auf dem Weg zu ihnen war.

Er kam eines Tages einfach herein und hielt uns eine Ansprache über die Bosheit unseres Vorgehens. Er sagte, ein paar Jahre eher wären wir erschossen worden, aber unglücklicherweise könne er das nun nicht tun.“ Hartmann war beunruhigt. Aber einige seiner Kameraden hatten viele Jahre des Dschungelkampfes hinter sich und waren von dem Brigadegeneral und seinem Getöse nicht beeindruckt. Sie sagten ihm unverblümt, dass sie glaubten die Sache der Briten in dem Land sei ungerecht, und dass er sich dünne machen solle. Der Brigadegeneral machte auf dem Absatz kehrt und tat genau das.

Es gab jedoch keine weiteren Briefe aus Saigon, wenig Aufmerksamkeit durch die Presse und nahezu keine Kommentare im Unterhaus. Trotz des Umfangs seines militärischen Einsatzes in Indo-China sollte dies eine britische Militäroperation außer Sichtweite bleiben, und meist verdrängt. Und es sollte nicht der letzte derartige Feldzug sein.

Fast 70 Jahre später, im September 2014, gab David Cameron, der britische Premierminister, eine Stellungnahme ab, in der er das Land auf die Fortsetzung der militärischen Maßnahmen im Irak vorbereitete, dieses mal gegen die Truppen des Islamischen Staates. „Wir sind ein friedliches Volk.“ sagte Cameron, der vor zwei Flaggen des Union Jack stand. „Wir suchen nicht nach Konfrontation, aber wir müssen verstehen, dass wir diese Bedrohung unserer Sicherheit nicht ignorieren können … wir können nicht einfach weitergehen wenn wir dieses Land in Sicherheit verwahren wollen. Wir müssen uns dieser Bedrohung stellen.“

Niemand bezweifelte, dass der Premierminister unter Handlungsdruck stand, nachdem der Islamische Staat den brutalen Mord eines britischen Entwicklungshelfers gefilmt hatte und mit der Abmetzelung eines zweiten drohte. Zudem bestritt niemand seine Versicherung, dass die Briten „ein friedliches Volk“ sind, das die Konfrontation nicht sucht.

Tatsächlich kämpften britische Truppen zwischen 1918 und 1939 im Irak, im Sudan, in Irland, Palästina und in Aden. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kämpften britische Soldaten in Eritrea, Palästina, Französisch Indochina, im niederländischen Ost-Indien, Malaya, Ägypten, China und im Oman. Zwischen 1949 und 1970 leiteten die Briten 34 ausländische Militärinventionen ein. Später kamen Falkland, Irak – vier Mal – Bosnien, Kosovo, Sierra Leone, Afghanistan, Libyen und, natürlich, Operation Banner dazu, der 38 Jahre währende Einsatz in Nord-Irland.

Seit mehr als hundert Jahren vergeht kein Jahr, in dem Großbritanniens bewaffnete Truppen nicht an Militäreinsätzen irgendwo auf der Welt beteiligt waren. In dieser Hinsicht sind die Briten einzigartig: Dasselbe kann man nicht von den Amerikanern sagen, den Russen, den Franzosen oder irgendeiner anderen Nation.

Nur die Briten sind ununterbrochen im Krieg.

Ein Grund, warum dies kaum wahrgenommen wird, könnte sein, dass die Briten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und vor der Phase der nationalen Identitätskrise, die durch die Suezkanal-Krise ausgelöst wurde, mit so vielen Altlasten des Ende des Empires beschäftigt waren, dass militärische Maßnahmen von der britischen Öffentlichkeit als normal betrachtet wurden, und daher nicht erwähnenswert. Ein anderer ist, dass die britischen Streitkräfte seit 1945 an einer Reihe kleinerer Kriege beteiligt waren, die lückenhaft dokumentiert wurden und jetzt fast vergessen sind, oder verdeckt wurden, selbst als sie ausgetragen wurden, durch spannendere Geschehnisse woanders.

Eine Menge ist bekannt über einige Konflikte, wie der Falkland-Krieg 1982, und der Invasion in den Irak 2003, und Großbritanniens Rolle in den zwei Weltkriegen ist auf vielerlei Art wesentlich für die Nationalgeschichte. Aber anderer Konflikte erinnert man sich nur undeutlich oder sie waren schon immer überwiegend verborgen.

Ein strategisch wichtiger Krieg, den Britannien seit mehr als einem Jahrzehnt führte, wurde die meiste Zeit unter kompletter Geheimhaltung ausgetragen. Im Januar 1972 schlugen Leser des Observer ihre Zeitung auf um eine Bericht zu erblicken der übertitelt war „Führt das UK einen geheimen Golfkrieg?“ Am selben Tag brachte die Sunday Times einen sehr ähnlichen Artikel, sie fragte „Ist Dhofar Britanniens Nacht-und-Nebel-Krieg?“ Britische Kräfte, deckte die Zeitung auf, waren beteiligt am Krieg, den der Sultan von Omar gegen Guerillas in den Bergen von Dhofar führte, im Süden des Landes.

Vier Jahre zuvor war Harold Wilsons Regierung durch die Inflationskrise gezwungen worden zu schwören, dass britische Truppen von allen Punkten südlich des Suez bis zum September 1971 abgezogen sein würden – die einzige Ausnahme war eine kleine Truppe, die in Hong-Kong verweilen sollte. Jetzt verlangte der Observer-Artikel zu erfahren: „Hat Britannien seine Truppen wirklich aus dem Persischen Golf und der Arabischen Halbinsel zurückgezogen? Oder führt die britische Regierung, wie die Amerikaner in Laos, einen klandestinen Krieg ohne volle Kenntnis des Parlaments und der Öffentlichkeit?“ Der Observer ermittelte einen der Anführer des Aufstands, der seinem Berichterstatter verriet, dass der Krieg mit einer „Explosion“ in dem Land am 9. Juni 1965 begonnen hatte, ausgelöst durch etwas das er als mangelhafte Staatsführung und „die Unterdrückung durch die Briten“ beschrieb. Als der Observer und die Sunday Times ihre ersten, vorläufigen Berichte veröffentlichte, lag Britannien seit sechseinhalb Jahren im Krieg.

Das Sultanat von Oman liegt an der süd-westlichen Ecke der Arabischen Halbinsel und grenzt an die Vereinigten Arabischen Emirate im Norden, und an Saudi-Arabien im Westen und Südwesten. Das Land liegt genauso an der Straße von Hormus, der 54 Kilometer langen Wasserstraße durch die das persische Öl unterwegs zum Markt ist. In den 1960ern stammte mehr als 60% Prozent des Rohöls der westlichen Welt vom Golf, ein riesiger Tanker passierte alle zehn Minuten den Flaschenhals von Hormus. Während das Öl floss blühten die lokalen Wirtschaften und wurden zu wichtigen Märkten für britische Güter: London wurde umso begieriger seine Interessen in Region zu schützen und die Herrscher, die sie unterstützten.

Im gesamten 19ten und 20sten Jahrhundert bewahrte Britannien Kontrolle über die nachfolgenden Sultane von Oman, um zu verhindern, dass andere Kolonialmächte Fuß in der Region fassten. Das erreichte es durch ein einfaches Mittel: Geld. In der Mitte der 1960er erhielt der tyrannische Herrscher, Sultan Said bin Taimur, mehr als die Hälfte seiner Einkünfte direkt aus London. Erst ab 1967, als omanisches Öl zum ersten Mal aus dem Boden gepumpt wurde, fing das Land an das meiste seines Einkommens selbst zu generieren.

Selbst dann übte Britannien noch immense Kontrolle auf den Sultan aus. Sein Verteidigungsminister und Geheimdienstchef waren britische Armeeoffiziere, sein Chefberater war ein ehemaliger britischer Diplomat, und alle seiner Regierungsminister außer einem waren britisch. Der britische Kommandeur der Streitkräfte des Sultans von Oman traf sich täglich mit dem britischen Verteidigungsattaché, und wöchentlich mit dem britischen Botschafter. Der Sultan hatte keine formale Beziehung zu irgendeiner Regierung außer dem UK.

Der offizielle britische Standpunkt war, dass das Sultanat von Muskat und Oman komplett souveräne und unabhängige Staaten waren. In Wahrheit waren es de facto britische Kolonien. Als solche waren nachfolgende britische Regierungen verantwortlich für die elenden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen, die die Untertanen des Sultans ertrugen, und die alle die Volksrevolte schürten und auslösten.

Mitte der 1960 besaß Oman ein Krankenhaus. Seine Kindersterblichkeit lag bei 75% und die Lebenserwartung lag bei 55 Jahren. Es gab nur drei Grundschulen – die der Sultan häufig zu schließen drohte – und keine weiterführenden Schulen. Daraus resultierte, dass nur 5% der Bevölkerung lesen und schreiben konnten. Es gab keine Telefone oder sonstige Infrastruktur, außer einer Reihe antiker Wasserrohre. Der Sultan verbot alles das er als dekadent einstufte, was bedeutete, dass die Omanis daran gehindert wurden Radios zu besitzen, Fahrrad zu fahren, Fußball zu spielen, Sonnenbrillen zu tragen, Schuhe und Hosen, und elektrische Pumpen in ihren Brunnen zu benutzen.

Diejenigen, die sich gegen die Gesetze des Sultans zur Wehr setzten konnten mit grausamen Strafen rechnen. Es gab öffentliche Hinrichtungen. Den Bedingungen in seinen Gefängnissen – wo pakistanische Wachen Befehle von britischen Wärtern erhielten – sagte man nach schrecklich zu sein, mit sehr vielen Insassen, die in dunklen Zellen aneinander gekettet waren, ohne angemessenes Essen oder medizinischer Versorgung.

Das Volk von Oman verachtete und fürchtete sowohl seinen Sultan und die Briten, die ihn in die Schranken wiesen und mit seiner Politik des Stillstandes kollaborierten. Es überrascht nicht, dass der Sultan sich häufig an die Briten wenden musste, damit sie ihm die militärischen Truppen stellten, die notwendig waren um ihn vor seinen eigenen Leuten zu beschützen.

Während der 1950 gab es zahlreiche Aufstände im Norden des Landes, die von britischen Streitkräften niedergeschlagen wurden. Sowohl der SAS (Special Air Service) und die RAF hatten Bedenken bezüglich der Erfolge dieser Maßnahmen gegen die Unruhen. Zwischen Juli und Dezember 1958 flog die RAF beispielsweise 1 635 Einsätze, warf 1 094 Tonnen Bomben und feuerte 900 Raketen auf die Aufständischen, ihre Dörfer auf den Bergspitzen und Bewässerungsanlagen. Das war mehr als zwei Mal das Gewicht der Bomben die die Luftwaffe im November 1940 auf Coventry geworfen hatte.

1966 brach eine erneute eine Rebellion im Süden des Landes aus, unter dem Volk der Provinz Dhofar. Im folgenden Jahr zogen sich der Sultan und seine Frau aus Dhofar, nachdem sie einen Mordversuch überlebt hatten, in seinen Palast an der Küste in Salalah zurück. Er wurde so selten gesichtet, dass viele seiner Untertanen zu der Überzeugung gelangten, er müsse gestorben sein und dass die Briten das vor ihnen verbargen.

Für die neue Labour-Regierung stellte die enge Beziehung zu dem Vasallensultanat ein ideologisches Problem dar. Die Labour-Partei wurde 1964 gewählt aufgrund eines Programms, das ein Versprechen beinhaltete einen neuen „Krieg nach Bedarf“ in der Entwicklungswelt zu führen, und für „Freiheit und Rassengleichheit“ in der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu kämpfen. Es würde die fürchterlichste Erniedrigung bedeuten, wenn verbreitet bekannt würde, daheim und im Ausland, dass Oman das letzte Land auf der Erde war, in dem die Sklaverei legal war. Der Sultan besaß etwa 500 Sklaven. Geschätzte 150 davon waren Frauen, die er in seinem Palast in Salalah behütete; einigen seiner männlichen Sklaven sagte man nach, sie seien körperlich deformiert durch die Grausamkeiten, die sie erlitten hatten.

Nach den Rebellionen in den 1950ern waren die bewaffneten Kräfte des Sultans von Oman neu aufgestellt worden, mit britischer Beratung, Ausbildung, Ausrüstung und Geld. Mehr Omanis wurden in die Reihen aufgenommen worden, aber alle Offiziere waren weiterhin britisch. Einige waren „verlegte Offiziere“ während andere sogenannte Vertragsoffiziere waren, oder Söldner – Männer, die zuvor in Oman in der britischen Armee gedient hatten und die zurückgekehrt waren, um eine stattliche Vergütung zu verdienen.

Zunächst waren die Rebellen, denen sie in Dhofar gegenübertraten, arabische Nationalisten. Hingegen lag im westlich von Dhofar Aden, aus dem sich die Briten Ende 1967 zurückziehen mussten, angesichts zunehmend gewaltsamer Rebellionen. Die britische Herrschaft war durch einen marxistischen Staat abgelöst worden, der Demokratischen Republik des Volkes Jemen, die Hilfe sowohl von China und Russland empfing. Anfang 1968 entwickelte sich ein nationalistischer Aufstand der Dhofaris zu einer von China unterstützten revolutionären Bewegung mit panarabischen Zielen. Für die britischen Offiziere war der Feind jedoch immer einfach der Adoo – Arabisch für Feind. Ende 1969, hatte der Adoo die Küstenstadt Raysut eingenommen, und zu Beginn des Folgejahres kontrollierten sie den größten Teil der Hochebene und waren innerhalb Mörserdistanz von der RAF-Basis in Salalah.

Die neuen Ölfelder in der Wüste zwischen Dhofar und der Hauptstadt, Muskat, machten zunehmend einen angreifbaren Eindruck. Manche in London entwickelte eine besorgte Dominotheorie des Mittleren Ostens, bei der sie vorhersahen, dass die Straße von Hormus unter kommunistische Kontrolle geriet.

Die britische Antwort war gnadenlos. „Wir brannten Rebellendörfer nieder und erschossen ihre Ziegen und Kühe.“ schrieb ein Offizier. „Alle Leichen von Feinden, die wir bargen, wurden auf dem Basar in Salalah aufgestellt, als eine heilsame Lektion für jeden Möchtegern-Freiheitskämpfer.“ Ein anderer Offizier erklärte, dass er anders als in Nord-Irland glaube, wo Soldaten bestrebt waren Tötungen oder Verletzungen von Nicht-Kämpfern zu vermeiden, dass es in Dhofar keine Unschuldigen gebe, nur Adoo: „Die einzigen Menschen in diesem Gebiet – es gibt dort keine Zivilisten – sind alle der Feind. Darum kannst du mit deiner Arbeit fortfahren, die Gegend mit dem Mörser beschießen und Kleinkaliberfeuer erwidern, ohne darüber nachzudenken unschuldige Menschen zu verletzen.“

Bei ihrer Entschlossenheit den Volksaufstand gegen die Unmenschlichkeit und den Versäumnisse eines Despoten, der von den Briten aufgestellt und finanziert wurde, niederzuschlagen, vergifteten die Briten Quellen, steckten Villen in Brand, zerstörten Ernten und erschossen Viehherden. Während des Verhörs von Rebellen entwickelten sie ihre Foltertechniken, und stellten Versuche mit Lärm an. Gegenden, die von Zivilisten bewohnt waren, wurden zu Abschusszonen. Kaum ein Wunder, dass die Britannien diesen Krieg absolut geheim führen wollte.

Es bestand kein Bedarf auf das offizielle Geheimhaltungsgesetz, oder DSMA-Notice, zurückzugreifen, um den Krieg in Dhofar vor der Außenwelt zu verschleiern, und die rücksichtslose Art und Weise, auf die er geführt wurde. Zwei einfache Mittel wurden verwendet: Keine Journalisten wurde in das Land gelassen, und niemand in der Regierung erwähnte den Krieg. Als Wilson seine Erzählung der Labour-Regierung von 1964-70 veröffentlichte, erwähnte er den Krieg, den die Amerikaner in Vietnam führten, zum Beispiel an die 250 Mal. Der Krieg seiner eigenen Regierung in Oman nicht einmal.

Während die Regierung Wilson jeden Grund hatte, vertraulich mit der militärischen Hilfe umzugehen und einen sklavenhaltenden Despoten unterstütze, dessen Herrschaft man nachsichtig mit mittelalterlich beschreiben könnte, bestanden zusätzliche Gründe für die all-umfassende Geheimhaltung. Dies war eine Zeit, in der die Entwicklungswelt und die Vereinten Nationen den Kolonialismus ausgemustert hatten, und arabische Nationalisten hatten an Stärke seit Jahrzehnten zugenommen. Darum war es entscheidend für die Glaubwürdigkeit des UK im Mittleren Osten, dass seine Hand im Oman weitgehend unsichtbar blieb.

John Akehurst, der Kommandeur der bewaffneten Kräfte des Sultans 1972, deutet einen weiteren Grund für den Wunsch der britischen Regierung an, die Aufmerksamkeit nicht auf seinen Krieg in Dhofar zu lenken: „Sie waren vielleicht ängstlich, dass wir ihn verlieren würden.“

Allerdings verlief Britanniens geheimer Krieg im Sommer 1970 so schlecht, dass verzweifelte Maßnahmen nötig waren.

Am 26. Juli kündigte das Auswärtige Amt in London an, dass Sultan Said bin Taimur durch seinen 29 Jahre alten Sohn, Qaboos bin Said, bei einer Palastrevolte entthront worden war. In Wirklichkeit war der Streich eine sehr britische Angelegenheit. Er war in London vom MI6 und von Zivilbeamten im Verteidigungsministerium geplant worden, und hatte nach der Wahl grünes Licht bekommen, die Edward Heath in die Downing Street beförderte.

Der neue Sultan schaffte die Sklaverei umgehend ab, verbesserte die Bewässerungsinfrastruktur und begann sein Geld für die Streitkräfte auszugeben. Truppen des SAS trafen ein, zunächst als Leibwächter des Sultans, und dann in Geschwaderstärke um die Aboo zu bekämpfen. Schließlich wendeten sich die Gezeiten, Journalisten wurden ins Land gelassen, und im Sommer 1976 war der Krieg gewonnen.

Strategisch war Dhofar eine der entscheidendsten Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts, da die Sieger erwarten konnten die Straße von Hormus zu kontrollieren und den Ölfluss. Tausende starben, die Briten gewannen und im Westen blieben die Lichter an. Heute wird der Krieg an der Führungs- und Stabsakademie in Britannien weiterhin untersucht. Doch aufgrund der Art und Weise wie Informationen über den langwierigen Feldzug damals so erfolgreich unterdrückt wurden, als man ihn führte, ist er aus dem Gedächtnis der Nation nahezu ausgelöscht. Wie die britischen Kriege in Eritrea, Indochina, dem niederländischen Ost-Indien und Borneo, erinnern sich in Britannien nur jene Männer, die dort kämpften, und ihre Familien.

Einige Seiten der Rolle Britanniens in dem (Staats-)Streich und dem Krieg bleiben die dunkelsten Geheimnisse des britischen Staates. Wilsons Briefwechsel über den Oman, zum Beispiel, und der seines Nachfolgers Heath, sind für Historiker und die Öffentlichkeit bis 2021 unzugänglich. 2005 wurde ein kurzer Vermerk des auswärtigen Amtes öffentlich gemacht, der beschreibt, wie der eigene Verteidigungsminister des alten Sultans, Colonel Hugh Oldman, die Hauptrolle bei der Planung übernahm, der Omans Herrscher abservierte, zum Zweck den britischen Zugriff auf das ÖL des Landes und seine Militärbasen sicherzustellen. Das Dokument wurde eiligst zurückgezogen – seine Freigabe sei ein unglücklicher Irrtum gewesen, gab das Auswärtige Amt an.

Bewertet man die letzten fünfzehn Jahre, spricht wenig dafür, dass der Kriegshunger des britischen Staates nachlässt. Die erste Auseinandersetzung des neuen Jahrhunderts in die GB sich einließ, war der Angriff nach 9/11 auf das Taliban-Regime in Afghanistan.

„Diesem Krieg folgte schneller Erfolg, doch er stotterte und verdarb nachdem der Einsatz des UK nach Helmand im Süden des Landes ausgedehnt wurde. Der Krieg zog sich hin und kostete geschätzte 95 000 Leben in 13 Jahren, einschließlich derer von 453 britischen Soldaten und -innen, und nutzte dem afghanischen Volk wenig. Der zweite Krieg des 21. Jahrhunderts – die Invasion des Irak 2003 – war vielleicht die größte Katastrophe des UK im Ausland seit Suez. Verlustschätzungen schwanken stark zwischen 150 000 Toten und mehr als einer Million. Was nicht bestritten werden kann ist, dass 179 der Toten Briten waren. Mehr als zehn Jahre später herrscht im Irak weiterhin Chaos.

Die Konflikte in Afghanistan und im Irak nach 9/11 wurden direkt unter der Blende der Medien ausgetragen und verfolgten die Politiker, die sie in Gang gesetzt hatten. Ungeachtet dessen investierte Britannien weiterhin in Kriege – politisch, technisch und finanziell – als Mittel Macht auszuüben und den Einfluss unter wichtigen Verbündeten sicherzustellen, und ebenso, so schien es beizeiten, um Ordnung und einen Grad an Vertrautheit in eine chaotische und unvorhersehbare Welt zu bringen.

Konnte dies jedoch geheim geschehen? In der Ära globaler Medien, 24h laufender Nachrichten, sozialer Medien und der Fähigkeit der Soldaten, selbst aufzunehmen und permanent Bilder vom Konflikt zu teilen, wäre es für eine britische Regierung sicher unmöglich in den Krieg zu ziehen und seine Maßnahmen zu verheimlichen, so wie Dhofar sechseinhalb Jahre vor der Öffentlichkeit verborgen wurde? Tony Jeapes, der das erste SAS-Geschwader leitete, das heimlich nach Oman entsandt wurde, überdachte diese Frage und kam zu dem Ergebnis, dass während eine derartige Geheimhaltung „ein idealer Zustand der Sache“ ist, es wahrscheinlich nicht noch einmal so ausführbar sei.

In den Jahren seit dem Krieg in Dhofar wurden die Spezialeinheiten des UK schrittweise erweitert, und seit 1996 sind alle seine Angehörigen verpflichtet ein vertrauliches Einverständnis zu unterschreiben. Das hat die die Diskretion mit der die Mitglieder von Eliteeinheiten in militärischer Tradition ihre Pflichten ausführen, verstärkt und es ist selten dagegen verstoßen worden.

Derweil hat die Entwicklung nachfolgender Generationen unbemannter Luftfahrzeuge, oder Drohnen, militärischen Strategen mehr Möglichkeiten verschafft Operationen zu initiieren, die unbekannt blieben, anders als für jene, die sie befahlen, planten und ausführten, und ihre Opfer.

Das Vertrauen der modernen Gesellschaften in das Internet und die wachsende Häufigkeit mit der Länder ihre Netzschutzwälle ausprobieren und angreifen, haben einige Analysten veranlasst von unsichtbarer Kriegsführung zu sprechen, die oft durch Abstreiten verborgen wird. Das Ergebnis ist, dass die Grenze zwischen Krieg und Frieden zunehmend verwischt wird.

In den Jahren nach 9/11 tauchten Hinweise auf, in den Fußnoten der Budgetangaben des Verteidigungsministerium und fragmentarischen Beweisen, die in den Küstendörfern von Somalia geborgen wurden, den Gebirgen im Jemen und den Städten Libyens, dass die Briten erneut Krieg im Verborgenen führen. Es schien, dass eine tödliche Dreieinigkeit von Sonderkommandos, Drohnen und lokalen Vertretern eingesetzt wurde, die der britischen Öffentlichkeit unerfreuliche Einzelheiten des Wesens moderner Kriege ersparte, und dem Parlament die Notwendigkeit zu debattieren, ob es klug ist sie zu führen.

Im Juli 2007, weniger als eine Woche nachdem er Tony Blair als Premierminister beerbt hatte, verkündete Gordon Brown eine Reihe umfassender Verfassungsänderungen, die, wie er sagte, die britische Regierung zu „einem besseren Diener des Volkes“ machen würden. Eine Maßnahme – offensichtlich eine Antwort auf den zutiefst unbeliebten Krieg im Irak und die verhängnisvolle und kostspielige Expedition nach Helmand – die den Parlamentariern das letzte Wort bei Kriegserklärungen überließ.

Sechs Jahre später, im August 2013, übte das Parlament sein neues Recht aus, als MPs den Antrag ablehnten, der ein militärisches Eingreifen in Syriens blutigen Bürgerkrieg autorisiert hätte.

Minister der Koalitionsregierung waren entsetzt von der Abstimmung – man sagte, sie sei das erste Mal seit 1872 gegen die Außenpolitik eines Premierministers – und behaupteten, sie blockiere nicht nur die Entsendung britischer Truppen, sondern verhindere, dass das UK irgendwo militärisch helfen könne.

Für mich ist klar,“ sagte Premier David Cameron dem Unterhaus, „dass das britische Parlament, das die Ansichten des britischen Volkes widerspiegelt,keine militärischen Maßnahmen will. Ich habe verstanden und die Regierung wird entsprechend handeln.“ Aber das Wort „entsprechend“ war nicht ganz das, was es zu sein schien.

Im Juli 2015 erstattete der Verteidigungsminister, Michael Fallon den Parlamentariern einen aktuellen Bericht über die erneuten militärischen Maßnahmen im Irak – der Feldzug, den Cameron verkündet hatte, als er vor zwei britischen Union Jacks stand und erklärte, die Briten seien „ein friedliches Volk.“ Die RAF, sagte er, habe 300 Luftschläge im Irak verübt, dort seien 900 Angestellte des UK im Einsatz und er habe 45 Millionen Pfund in den vergangenen 12 Monaten gekostet. Er versicherte seinem Publikum, „unsere Haltung bleibt die, dass wir (im Unterhaus) erst nach Erlaubnis fragen würden, bevor wir in Syrien Luftangriffe durchführen.“

Bevor er diese Erklärung abgab, sagte man Fallon sei durch Gerede im politischen Umfeld von Washington umgesattelt, dass man die Weigerung des UK in Syrien zu handeln nur als Zeichen britischer Altersschwäche deuten könne. Seine Erklärung war zutiefst irreführend: Seit mindestens 18 Monaten sollen RAF-Piloten mit amerikanischen und kanadischem Militär „zusammen“ Luftangriffe auf syrische Ziele in Syrien geflogen sein. Andere flogen Kriegseinsätze mit dem französischen Militär über Mali. Sie sollen unter dem Kommando der dieser ausländischen Truppen gestanden haben, aber sie waren offenkundig ein britischer Beitrag in dem Krieg, den die Parlamentarier entschieden hatten zu vermeiden.

Zwei Wochen darauf kam die Wahrheit heraus, und Fallons Füße standen wieder im Unterhaus wo er sich wütenden Parlamentariern erklären musste.

„Zusammen“-gelegtes Personal sei nichts neues, erklärte er; es erfülle das Recht des UK, aber „müsse den Regeln des Gastlandes entsprechen.“ Er habe nicht öffentlich gemacht was vor sich gehe, weil diese Piloten mit anderen Ländern ausgeholfen haben. Weiterhin stellte er klar, dass das Versäumnis publik zu machen was vor sich gehe als „übliches Vorgehen“ betrachtet werden solle.

Im Dezember 2015 stimmten Parlamentarier dafür, dass offene militärische Aktionen gegen den Islamischen Staat schließlich fortgesetzt werden sollten. Der Regierung wurde die parlamentarische Bestätigung für militärische Maßnahmen erteilt, die bereits seit zwei Jahren verdeckt im Gange waren.

Im Golf wurde derweil aufgedeckt, dass britisches Militärpersonal in den Kontrollräumen saß, von denen aus die Luftwaffe Saudi-Arabiens ihre Bomber im Jemen dirigierte. Die Briten halfen ihren saudischen Amtskollegen den Programmiertext einzugeben, um ihre Ziele auszuwählen und anzugreifen. Die Saudis hatten nicht nur britische Flugzeuge und warfen britische Bomben, sie warfen riesige Mengen. In einer Zeit von drei Monaten 2015 waren die Exportwerte britisch produzierter Bomben und Raketen um 11 000% von neun Millionen auf eine Milliarde angewachsen. Dieser Bombenfeldzug wurden von Rechtsgruppen stark kritisiert weil er tausende tote Zivilisten mit sich brachte. Im Parlament hat die britische Regierung wenig anderes dazu zu sagen, als darauf zu beharren, dass es „den Statuten humanitärer Rechte gehorcht.“ Wieder einmal schien die Regierung das Land stillschweigend in einen Konflikt im Mittleren Osten zu ziehen, ohne jegliche parlamentarische Aufsicht oder Bestätigung. Und verdeckte, nicht erklärte und undokumentierte Kriegsführung konnte man nicht als mögliche, sondern als die Wahrheit über viele der Kriegseinsätze des UK ansehen.

Dieser Beitrag ist ein bearbeiteter Auszug aus Ian Cobains offizieller Studie zur Geheimhaltung im vereinigten Königreich, gennant The History Thieves (Die Diebe der Geschichte).

Quelle: https://www.theguardian.com/uk-news/2016/sep/08/britains-secret-wars-oman

Übersetzung: Thorsten Ramin