Gewinnen Taliban in Afghanistan und Pakistan die Oberhand?

BBC News, 06. Februar 2014

Von Ahmed Rashid.

Die Taliban sind den Regierungen von Afghanistan und Pakistan überlegen, behauptet Gastkolumnist Ahmed Rashid.

Die Anführer sowohl von Afghanistan wie auch von Pakistan haben sich auf den gefährlichen Weg eingelassen, Gesprächen mit den Taliban eine Chance zu geben, jedoch haben sie die politische Initiative den Kämpfern überlassen und riskieren die Integrität des Staates, indem sie Gespräche zwischen den Institutionen ablehnen.

Die Taliban spielen um Zeit wenn sie vorgeben, verhandeln zu wollen, während sie Macht und Einfluss ausüben um ihre politischen Ziele zu verwirklichen und weiterhin Bombenangriffe ausführen.

Präsident Hamid Karzai gibt inzwischen zu, in den vergangenen Monaten in geheimen Kontakt mit den Taliban gestanden zu haben, jedoch setzte er dazu keine staatlichen Organe ein, die ausdrücklich zu dem Zweck am Hohen Friedensrat teilzunehmen geschaffen wurden.

Derweil hat er die Amerikaner zur Weißglut gebracht, indem er sich weigerte einen Vertrag zu unterschreiben, der die Präsenz der US- und NATO-Truppen über 2014 hinaus zusichern würde, wenn alle Westmächte gehen müssen.

Die Loya Dschirga, eine afghanische Versammlung der Alten, und das Parlament des Landes haben den Vertrag im letzten Jahr beide befürwortet.

Kontroverser Friedensprozess

Die meisten Afghanen möchten, dass die ausländischen Truppen bleiben, aber Herr Karzai hat einen provokanten Standpunkt gegenüber den USA eingenommen, zum Teil, wie es nun scheint, um mit den Taliban zu verhandeln und sie zu überzeugen, dass er gegen Amerika ist, und sicherlich nicht will, dass die US-Kräfte länger bleiben.

Eine von Herrn Karzais Bedingungen um mit Washington klar zu kommen, ist, dass die USA erneut einen Dialog mit den Taliban führen, der vor zwei Jahren von den Kämpfern persönlich abgebrochen wurde.

Das spiegelt eine Forderung der Taliban, da jegliche Gespräche, mit bevorstehenden Präsidentschaftswahlen und unsicherer Zukunft, das politische Ansehen der Taliban verbessern würden.

Derweil antwortete Herr Karzai spät auf die fortgesetzten Massaker durch die Taliban, wie den Angriff auf ein Restaurant in Kabul, der im letzten Monat 13 Ausländer das Leben kostete, einschließlich vier UN-Vertreter, eine klaren Verurteilung erfolgte nicht. Stattdessen nahm er die Gelegenheit wahr, die USA im Zuge des Anschlags und für einen Luftangriff in der Provinz Parwan zu geißeln.

Bisher sieht es so aus als hätten die Taliban Herrn Karzai in die Ecke getrieben und seien dabei auf der politischen Bühne in jeder Hinsicht zu gewinnen. Herrn Karzais geheime Gespräche haben zu keinem Ergebnis geführt, die Taliban machen keine Zugeständnisse wie Minderung ihrer Angriffe.

Militärisch offensiv

In Pakistan hat Premierminister Nawaz Sharif jetzt einen kontroversen Friedensprozess mit den pakistanischen Taliban eingeleitet. Noch bis vergangene Woche gab es ein gemeinsames Interesse an der Unterstützung einer militärischen Offensive gegen die Taliban, bei deren Angriffe hunderte Soldaten und Zivilisten allein in der vergangenen Monaten getötet wurden.

Die innenpolitische öffentliche Meinung, die Medien, politische Oppositionsparteien, Pakistans direkte Nachbarn, die Region und westliche Verbündete haben alle Unterstützung für militärisches Vorgehen bekundet, um die staatliche Souveränität in Pakistans öden wiederherzustellen.

Es war ein einzigartiger Augenblick im Leben

Stattdessen kündigte Herr Sharif an, er werde Gespräche mit den pakistanische Taliban führen. Er wählte ein Komitee, das aus Personen zusammengesetzt ist, die loyal zu ihm stehen und die den Taliban wohlgesonnen sind, um Gespräche anzustoßen.

Die Taliban ernannten lieber ultrakonservative Religionsführer um zu verhandeln als ihre eigenen Anführer. Auch wenn diese religiösen Gestalten als Sympathisanten der Taliban betrachtet werden, sind sie doch nur Mittelsmänner.

Es ist ein schlauer Zug, da er die Taliban von jeder echten Verantwortung bei den Verhandlungen entbindet, da sie nicht direkt beteiligt sind. Sie erhalten auch ein Vetorecht über das Verhandlungskomitee, dem man jederzeit die Schuld in die Schuhe schieben kann, falls etwas schief läuft. Durchaus beschämender ist die Tatsache, dass der Staat nun offensichtlich mit Gruppen verhandelt, die lange von der Regierung als staatsfeindlich und terroristisch verurteilt wurden,

Den Kurs diktieren

Die Armee ist schwer enttäuscht über diese Wendung, aber sie braucht die politische Deckung, die ihr nur die gewählte Regierung verschaffen kann, bevor sie eine Offensive einleitet. Die Armee hat geo-politische Ziele verfolgt als sie die pakistanischen Taliban ins Visier nahm, vernachlässigte aber die afghanischen Taliban, die immer noch eine strategische Rolle für Pakistan spielen könnten.

Nach Tagen des Zanks, haben die Delegationen sich gerade erst getroffen. Derweil halten die Taliban ihre lange und blutige Angriffsliste konstant. Es gab zwei Bombenangriffe an aufeinanderfolgenden Tagen auf ein Kino und ein Restaurant in Peschawar, wobei 14 Menschen gețtet und mehr beiden als 60 verwundet wurden Рgerade als die beiden Komitees ein Treffen beschlossen.

Der Beschluss der Regierung, den Taliban die Hand zu reichen, ht ein Trommelfeuer an Mullahs losgelassen, die im Fernsehen auftauchen und in der Presse, und alle die Hauptforderung der Taliban zetern – die Verhängung der Scharia (dem islamischen Recht), die, worauf einige bestehen, eingeführt werden kann ohne die Verfassung zu ändern.

Herr Sharif hat die Büchse der Pandora geöffnet, indem er anti-demokratischen Kräften Legitimität verlieh und einen beispiellosen Zugang zu den Medien und der öffentlichen Meinung. Taliban-Sympathisanten beharren nun darauf, dass die Regierung zuerst die Scharia in Kraft setzen muss, und dann mit den Taliban verhandeln.

Pakistan scheint am Scheitelpunkt enormer, wenn nicht blutiger, Veränderungen zu stehen. Mit einer schwachen Regierung, die unvorbereitet auf eine allumfassende Strategie ist – die militärisches Vorgehen, Rückforderung verlorenen Bodens, wirtschaftliche Entwicklung und Gespräche umfassen sollte – sind stattdessen die Taliban am Zug.

Einst auf eine kleine Ecke in Pakistan beschränkt, scheinen die Taliban jetzt den zukünftigen politischen Kurs für des gesamten Landes zu diktieren. Wenn die Regierung sich darauf einlässt, das Rechtssystem zu ändern, wird Pakistan aufhören als demokratisches Land zu existieren und auch seine wirtschaftliche Zukunft wird in Gefahr sein.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/pakistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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