Es kann hier geschehen

Cass R. Sunstein

AUSGABE 28. JUNI 2018

They Thought They Were Free: The Germans, 1933–45

von Milton Mayer, mit einem neuen Vorwort von Richard J. Evans

University of Chicago Press, 378 pp., $20.00 (paper)

Broken Lives: How Ordinary Germans Experienced the Twentieth Century

von Konrad H. Jarausch

Princeton University Press, 446 pp., $35.00

Die liberale Demokratie hat bessere Tage erlebt. Wladimir Putin hat seine autoritative Herrschaft zementiert und das wiederbelebte Russland fest in der Hand. Was globalen Einfluss angeht, mag China die Vereinigten Staaten überflügelt haben, und Präsident Xi Jinping ist nun ermächtigt, unbefristet im Amt zu verbleiben. Im Licht kürzlicher Wendungen in Richtung Autoritarismus in der Türkei, Polen, Ungarn und auf den Philippinen, ist verbreitet von einer „demokratischen Flaute“ die Rede. In den Vereinigten Staaten dürfte Donald Trump den konstitutionellen Prinzipien der Demokratie nicht ausreichend verpflichtet sein.

In derartigen Zeiten müsste es verlockend für uns sein, etwas von früheren Wendungen Richtung Autoritarismus zu erfahren, besonders vom Aufstieg der Nazis in Deutschland in den 1930-ern. Das Problem ist, dass der Nazismus so erschreckend und barbarisch war, dass es für viele Menschen in Ländern, wo der Autoritarismus jetzt Fuß fasst, schwer ist Parallelen zwischen Hitlers Regime und ihren eigenen Regierungen auszumachen. Viele Erzählungen aus der Zeit der Nazis geben eine kaum vorstellbare Reihe von Geschehnissen wider, ein Volk wird verrückt. Das macht es einfach sich hinter dem Gedanken zu verstecken, dass es nicht nicht wieder geschehen kann.

Einige Schilderungen von Hitlers Aufstieg1sind jedoch privater und persönlicher. Sie konzentrieren sich weniger auf bekannte Anführer, wichtige Ereignisse, Staatspropaganda, Morde und Krieg, sondern eher auf die Einzelheiten des persönlichen Lebens. Sie helfen zu erklären, dass Menschen nicht nur an schrecklichen Dingen teilhaben, sondern ebenso still dabei stehen und ziemlich gewöhnlich mitten darin leben können. Sie bieten Lektionen für Menschen, die heute mit echtem Grauen leben, aber ebenso jenen, denen der Schrecken vielleicht für immer erspart bleibt, die aber in Ländern leben, wo demokratische Praktiken und Normen unter massivem Druck stehen.

Milton Mayers Klassiker von 1955, They Thought They Were Free, das vor Kurzem mit einem Nachwort des Cambridge Historikers Richard J. Evans neu aufgelegt wurde, war eine der ersten Erzählungen des normalen Lebens unter dem Nazismus. Gespickt mit Humor und mit unglaublicher Leichtigkeit, liefert es einen schrillen Kontrast zu Sebastian Haffners vernichtenden, unvollendeten Memoiren von 1939, Defying Hitler, das einemSchritt für Schritt einDabeiseinsgefühl bei Hitlers Aufstieg vermittelt. (Das Manuskript wurde von Haffners Sohn nach dessen Tod entdeckt, und im Jahr 2000 in Deutschland veröffentlicht, wo es unmittelbar Aufsehen erregte.)2Einen wesentlich weiteren Blickwinkel bietet Konrad Jarauschs Broken Lives, einem Versuch, die Erfahrung der Deutschen das gesamte Zwanzigste Jahrhundert hindurch zu rekonstruieren. Was die drei Bücher voneinander unterscheidet, ist ihr Gefühl für Privates. Sie stellen nicht Gestalten in den Mittelpunkt, die einschneidende Entscheidungen trafen. Sie erforschen wie gewöhnliche Menschen versuchten ihr Leben zu führen, unter furchtbaren Umständen.

Haffners echter Name war Raimund Pretzel. (Er benutzte ein Pseudonym um seine Familie während des Exils in England nicht zu gefährden.) Er war Journalist, kein Historiker oder politischer Theoretiker, aber er unterbricht seine fesselnde Geschichte, um eine große Frage zu anzugehen: „ Was ist Geschichte, und wo findet sie statt?“ Er lehnt es ab, dass die meisten Geschichtswerke so tun „als wären nie mehr als ein paar Dutzend Menschen beteiligt, die zufällig „am Steuer des Schiffs namens Staat sind, und deren Taten und Entscheidungen ausmachen, was man Geschichte nennt.“ Aus seiner Sicht ist das falsch. Was zählt sind „wir, die unbekannten anderen“, die nicht einfach „Bauern auf dem Schachbrett“ sind, weil, die „mächtigsten Diktatoren, Minister und Generäle machtlos sind gegenüber zeitgleichen Massenentscheidungen, die individuell gefällt und nahezu unbewusst von der Bevölkerungen im Großen unternommen werden.“ Haffner besteht auf dem Stellenwert „einige sehr eigenartige, sehr aufschlussreiche mentale Vorgänge und Erfahrungen“ zu untersuchen, einschließlich „der Privatleben, Gefühle und Gedanken einzelner Deutscher.“

Mayer hatte das Gleiche vor. Als amerikanischer Journalist deutscher Abstammung, versuchte er 1935 Hitler zu treffen. Es gelang ihm nicht, aber er reiste weit durch Nazi-Deutschland. Erstaunt eine Massenbewegung zu entdecken statt eine Tyrannei einer boshaften Minderheit, beschloss er, dass sein wahres Interesse nicht Hitler galt, sondern Menschen wie ihm selbst, denen „etwas geschehen war, das mir und meinen Landsleuten nicht (oder zumindest noch nicht) passiert war.“ 1951 kehrte er nach Deutschland zurück, um herauszufinden, was den Nazismus möglich gemacht hatte.

InThey Thought They Were Free,beschließtMayersich auf zehn Menschen zu konzentrieren, die in vielerlei Hinsicht unterschiedlich waren, doch mit einem gemeinsamen Charakterzug: Sie waren alle Mitglieder der Nazi-Partei. Am Ende beschlossen sie zu reden, als sie seine Erklärung annahmen, er wünsche den Menschen seines Landes ein besseres Verständnis für Deutschland. Mayer war damit ehrlich und darüber hinaus mit nahezu allem weiteren. Er erzählte ihnen jedoch nicht, dass er Jude war.

In den späten 1930-ern – der Phase, die Mayer am meisten interessierte – arbeiteten seine Zielpersonen als Hausmeister, als Soldat, als Möbelschreiner, als Büroleiter, als Bäcker, als Gerichtsvollzieher, als Kontrolleur, als Hochschullehrer, und als Polizeibeamter. Einer war ein Hochschulstudent gewesen. Alle waren männlich. Keiner von ihnen bezog sich auf sich selbst als „wir kleinen Leute.“ Sie lebten in Marburg, einer Universitätsstadt an der Lahn, nicht weit von Frankfurt.

Mayer sprach mit ihnen im Lauf eines Jahres, unter formlosen Bedingungen – Kaffee, Mahlzeiten, und lange, entspannte Abende. Er schloss mit jedem Freundschaft (und bezieht sich auf sie durchwegentsprechend). Wie er sagt, mit offensichtlicher Überraschung: „Ich mochtesie. Ich konnte nicht anders.“ Sie konnten ironisch sein, witzig, und unprätentiös. Die meisten von ihnen genossen einen Witz, der aus Nazi-Deutschland stammt: „Was ist ein Arier? Ein Arier ist ein Mann, der groß ist wie Hitler, blond wie Goebbels, und rank und schlank wie Göring.“ Sie konnten verständnisvoll sein. Angesprochen auf die Ansichten gewöhnlicher Menschen unter Hitler, fragte einer:

Opposition?Wie sollte irgendwer das wissen? Wie sollte irgendjemand wissen wogegen jemand war oder nicht? Das ein Mann sagter sei oder sei nicht gegen etwas, hängt von den Umständen ab, wo, und wann, und zu wem, und eben wie er es sagt. Und dann musst du immer noch raten, warum er sagt, was er sagt.

Als Mayer nach Hause zurückkehrte, bangte er um sein eigenes Land. Er spürte, „dass es nicht deutsche Männer waren, die ich getroffen hatte, sondern Männer,“ und dass er unter den entsprechenden Bedingungen genauso geworden wäre wie seine deutschen Freunde. Er erfuhr, dass der Nazismus in Deutschland nicht an die Macht gekommen war „durch Unterwanderung von innen, sondern mit Hurra und Tata.“ Viele Deutsche „wollten es; bekamen es; und sie mochten es.“

Mayers erstaunlichstes Fazit ist, dass es mit einer teilweisen Ausnahme (dem Lehrer) keine seiner Zielpersonen „den Nazismus verstand wie wir – du und ich – auf irgendeine Weise.“ Wo die meisten von uns unter Nazismus eine Form von Gewaltherrschaft sehen, wussten Mayers Probanden „vor 1933 nicht, dass der Nazismus böse war. Sie wussten zwischen 1933 und 1945 nicht, dass er böse war. Und sie wissen es jetzt nicht.“ Sieben Jahre nach dem Krieg sahen sie auf den Zeitraum zwischen 1933 und 1939 als beste Zeit ihres Lebens zurück.

Mayer behauptet, dass selbst wenn tyrannische Regierungen schreckliche Dinge tun, Außenseiter dazu neigen, ihre Wirkung auf derzeitige Erfahrungen der meisten Bürger aufbauschen, die sich auf ihr eigenes Leben konzentrieren und „die Ansichten, die ihnen auf ihren täglichen Runden begegnen.“ Der Nazismus machte die Dinge für die Leute besser, die Mayer befragte, nicht (wie viele denken) weil er etwas von dem verlorenen Nationalstolz wieder herstellte, sondern weil er das tägliche Leben verbesserte. Deutsche hatten Arbeit und besseren Wohnraum. Sie konnten nach Norwegen oder Spanien reisen, durch das „Kraft durch Freude“-Programm. Weniger Menschen waren hungrig oder ihnen war kalt, und den Kranken wurde mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Behandlung zuteil. Die Segen der Neuen Ordnung, wie man sie nannte, wurden scheinbar von jedem genossen.

Selbst im Rückblick mochten Mayers Probanden Hitler und bewunderten ihn. Sie sahen in ihm jemanden, der „ein Gefühlfür die Menschenmassen“ hatte und sich direkt gegen den Versailler Vertrag aussprach, zu Arbeitslosigkeit – und allen Aspekten der bestehenden Ordnung. Sie applaudierten Hitler für seine Zurückweisung des „ganzen Packs“ – „allerparlamentarischen Politiker und allerparlamentarischen Parteien“ – und für seine „Säuberungsaktion der moralisch Degenerierten.“ Der Bankangestellte beschrieb Hitler als „einen faszinierenden Redner, einen natürlichen Orator, Ich denke, er ließ sich von der Wahrheit davontragen, selbst von der Wahrheit (weg), durch seine Leidenschaft. Genauso glaubte er selbst immer, was er sagte.“

Mayer kam mit keiner seiner Zielpersonen auf das Thema Antisemitismus zu sprechen, aber nach ein paar Treffen tat es jeder von ihnen von sich aus, und sie kamen permanent darauf zurück. Als die örtlichen Synagogen 1938 brannten, hatte der Großteil der Gemeinden nur eine Pflicht: „Sich nicht einzumischen.“ Am Ende zeigte Mayer seinen Probanden die lokalen Zeitungen vom 11. November 1938, die einen Bericht enthielten: „Im Interesse ihrer eigenen Sicherheit wurden gestern eine Anzahl männlicher Juden in Gewahrsam genommen. Heute morgen wurden sie aus der Stadt fortgesandt.“ Keiner von ihnen erinnerte sich das gesehen zu haben, oder tatsächlich irgend etwas ähnliches.

Die Ermordung von sechs Millionen Juden? Fake news. (Es gab dafür mal einen Fachbegriff, nämlich Ente! Anmerkung des Übersetzers). Vier von Mayers Probanden blieben darauf bestehen, dass die einzigen Juden, die jemals im Konzentrationslager landeten, Verräter an Deutschland waren, und dass dem Rest gestattet wurde zu gehen, oder mit dem Gegenwert ihres Marktwertes. Der Gerichtsvollzieher stimmte zu, dass die Ermordung der Juden „falsch war, außer sie begingen zu Kriegszeiten Verrat. Und das taten sie natürlich.“ Er setzte hinzu, dass „einige sagen, es ist geschehen, andere, dass nicht,“ und dass man „mir Bilder von Schädeln zeigen kann … aber dass beweist es nicht.“ Auf jeden Fall „hatte Hitler nichts damit zu tun.“ Der Schneider redete ähnlich: „Wenn es stattgefunden hat, war es falsch. Aber ich glaube nicht daran.“

Offensichtlichmüdeberichtete der Bäcker: „Man hatte keine Zeit zum nachdenken. Es war so viel im Gange.“ Sein Bericht war ähnlich dem eines von Mayers Kollegen, einem deutschen Philologen in dem Land zu der Zeit, der das vernichtend zunehmende Wesen des Abstiegs in die Tyrannei betonte und sagte, „wir hatten keine Zeit über diese entsetzlichen Dinge nachzudenken, die heranwuchsen, ganz allmählich, überall um uns herum.“ Der Philologe verwies auf ein Regime, dass daran gebunden war, sein Volk mitendlosenDramen abzulenken(oftmals enthielten sie echte oder eingebildete Feinde), und „zunehmende Gewöhnung der Menschen (daran), Schritt für Schritt, durch Überrumpelung regiert zu werden.“ In seinem Bericht „war jeder Schritt so klein, so belanglos, so gut erklärt oder, gelegentlich, ‚bedauert,’“ dass die Menschen nicht mehr erkannten, „wie es sich von Tag zu Tag entwickelte, wie ein Bauer auf dem Feld das Getreide wachsen sieht. Eines Tages ist es ihm über den Kopf gewachsen.“

Mit dem Schwerpunkt auf dem Jahr 1933 zeichnet Haffner in Hitler trotzenein grundlegend anderes Bild, in dem die wahre Natur des Nazismus vielen Deutschen von Anfang an klar war. In dem Jahr war er gerade 25 Jahre alt und studierte Jura mit dem Ziel Richter oder Verwalter zu werden, erbeschreibt die zunehmenden Auswirkungen des Nazismus auf das Leben seiner begeisterten Freunde und Studentenkollegen, die vollauf beschäftigt waren mit Spass, Berufsperspektiven, und Liebesaffären. Haffner sagt, dass sobald die Nazis die Macht übernahmen, er durch seine Fähigkeit den Moder zu schmecken gerettet wurde:

Was die Nazis angeht, ließ mir meine Nase keine Zweifel. Es war einfach ermüdend darüber zu reden welche ihrer angeblichen Ziele und Absichten noch hinnehmbar waren oder sogar „historisch gerechtfertigt“ während es alles miefte. Und wie es miefte! Dass die Nazis Feinde waren, meine Feinde und die Feinde von allem was ich wertschätzte, war mir von Beginn an klar.

Haffner beschreibt es so, dass eine Form des Schreckens anfing, sobald Mitglieder der SS ihre Anwesenheit durchblicken ließen, und Menschen auf öffentlichen Plätzen einschüchterten. Zur gleichen Zeit wurden Bürger durch einen endlosen Strom von Festivitäten und Feierlichkeiten abgelenkt. Die Einschüchterung, zusammen mit inbrünstigen, abgestimmten Pro-Nazi-Aktionen, schufen ein Anwachsen der Furcht, was viele Skeptiker dazu verführte Nazis zu werden. Trotzdem, Menschen flirteten, erfreuten sich an Liebschaften, „gingen ins Kino, nahmen eine kleine Mahlzeit in einer kleinen Weinbar zu sich, tranken Chianti, und gingen gemeinsam tanzen.“ Haffner, der sich hier anhört wie Mayers Zielpersonen, schreibt, dass es die „automatische Fortsetzung des gewöhnlichen Lebens war“, die „jede beherzte, entschiedene Reaktion gegen den Schrecken verhinderte.“

In Haffners Erzählung gingen der Zusammenbruch der Freiheit und der Rechtsstaatlichkeit schrittweise vor sich, einige schienen relativ klein und unbedeutend zu sein. 1933, als Nazi-Offiziere bedrohlich vor jüdischen Läden standen, waren Juden bloß „gekränkt. Nicht verwundert oder nervös. Bloß gekränkt.“ Aber Haffner bleibt dabei, dass Hitlers Brutalität und die fortwährende Politisierung des täglichen Lebens von Anfang an klar waren. In den frühen Tagen des Regimes riet ihm ein selbst ernannter Republikaner skeptische Kommentare zu unterlassen, die jetzt keinen Zweck hätten: „Ich denke, ich kenne die Faschisten besser als du. Wir Republikaner müssen mit den Wölfen heulen.“

Haffner katalogisiert das Heulen. Bücher begannen aus den Buchläden und Büchereien zu verschwinden. Journalisten und Zeitungen verschwanden ebenso, und diejenigen die blieben, hielten sich an die Parteilinie. Selbst 1933 fanden sich die, die sich weigerten Nazis zu werden, „in einer bösartigen Lage: Es war komplette und nie nachlassender Hoffnungslosigkeit; man wurde täglich Opfer von Beleidigungen und Erniedrigungen.“ Haffner suchte Zuflucht im Privaten, einschließlich einer kleinen Gruppe junger Menschen, die Jura studierten, die so etwas wie einen privaten Debattierklub gegründet hatten. Sie waren sehr gute Freunde. Eins der Mitglieder namens Holz hatte nationalistische Ansichten. Andere widersprachen, doch es war immer höflich, die Sorte energischer Diskussion, die junge Menschen über Politik führen.

Die Gruppe zerbrach als Holz Haffner beschuldigte „die monumentalen Entwicklungen des Wiedererwachens des deutschen Volkes zu ignorieren“ und „eine latente Gefahr für den Staat“ darzustellen – und unheilvoll drohte, ihn an die Gestapo zu verraten. Kurz vor dem Ende enthält Haffners bewegende Erzählung eine heikle und nahezu unerträglich bewegend Erzählung mehrerer idyllischer Wochen mit der Liebe seines Lebens, die mit einem Engländer verlobt war und dabei war, Deutschland endgültig zu verlassen. (Als sie seine Sorge erkannte, nachdem sie ihn über ihre Verlobung in Kenntnis gesetzt hatte, reagierte sie endlos gelassen: „Vorerst bin ich ja noch hier!“) In der Zusammenfassung dieser Wochen, und etwas zur menschlichen Belastbarkeit, enthält Haffners unbeendetes Manuskript ein paar Worte des Dichters Friedrich Hölderlin: „Lasst uns nicht vorwärts blicken/nicht zurück. Sei gewogen wie in/einem schaukelnden Boot auf dem Meer.“

Während Haffner sich zum großen Teil auf ein einziges Jahr konzentriert, ist Jarauschs Thema ein Jahrhundert. In Broken Livesbezieht er sich auf mehr als 70 persönliche Memoiren von Deutschen, die zumeist in den 1920-ern geboren wurden. Sein Ziel besteht darin ein „lebendiges und persönliches Bild davon zu schaffen, was es hieß im 20-sten Jahrhundert zu leben,“ verwurzelt in den Standpunkten von Menschen, die nach dem Gemetzel des 1. Weltkriegs geboren wurden, und die generell glückliche und sogar sorgenfreie Kindheiten in der Weimarer Republik genossen. Es ist eine weit ausholende, panoramische, aufschlussreiche Abhandlung, und zum größten Teil ist sie sehr düster.

Jarausch bietet eine faktenreiche Erzählung der Leben von „Nazi-Jugendlichen“, die ein paar Jahre jünger waren als Haffner, und von dem gewaltigen sozialen Druck, derzum raschen Anwachsen der Nazi-Bewegung unter jungen Menschen führten. Eine der schlauen Taktiken der Nazis, die sie gleich nach der Machtübernahme aufgriffen, war es diesen Druck zu erhöhen indem sie „den Anschein einer einhelligen Unterstützung des Dritten Reichs“ durchsetzten. Viele Deutsche waren nicht so sehr für Hitler als vielmehr gegen gegenHitler – und ihre Opposition gegen die Feinde Hitlers unterstützte den Aufstieg. Jahrzehnte danach bezogen Memoirenschreiber sich auf ihre „glückliche Zeit“ in der Hitlerjugend, den Schwerpunkt nicht auf Ideologie, sondern auf Wanderausflügen, Kameradschaft und Sommerlager.

In Jarauschs Erzählung wurde es für die Deutschen viel schlimmer, beginnend mit dem 1. September 1939, als Deutschland in Polen einfiel. Ein paar Tage später erklärten England und Frankreich Deutschland den Krieg. Ein Memoirenschreiber bemerkte, dass mit dem Großen Krieg im Hintergrund, „keine Flaggen wehten, es gab keine Zustimmung, keine Begeisterung.“ Jarausch beschreibt die folgenden Entwicklungen gewissenhaft, beginnend mit den anfänglichen Siegen der Wehrmacht und der schnellen Eroberung Polens, und abschließend mit der Invasion in der Normandie, dem unermüdlichen Vorrücken der Roten Armee, und Hitlers Selbstmord.

Nach dem Krieg bedeutete die Niederlage für viele einen Neuanfang, eine Art Gelegenheit, und Jarausch demonstriert, wie Deutsche – trostlos, verwirrt, entschlossen – ins gewöhnliche Leben zurückkehrten und auf eine bessere Zukunft setzten. Nationalismus meidend oder selbst Nationalstolz, gelang es ihnen ihre Wirtschaft und ihre Moral wieder aufzubauen. Jarauschs Schwerpunkt liegt auf West-Deutschland, aber er widmet dem Zusammenbruch des Kommunismus in der Deutschen Demokratischen Republik beachtliche Aufmerksamkeit, behauptet, dass er scheiterte weil er seine Bürger enttäuschte und desillusionierte. Obwohl sein verbindendes Thema darin besteht, dass die Leben zahlloser Deutscher auf vielerlei Art zerstört waren, ist sein Schluss optimistisch: Deutsche wurden verwandelt „in ehrliche Demokraten und Pazifisten, die eine Wiederholung früherer Schrecken verhindern wollen.“

Denjenigen, die das deutsche Experiment im Zwanzigsten Jahrhundert verstehen wollen, hat Jarausch einen Bärendienst erwiesen. Er malt auf einer sehr viel breiteren Leinwand als Mayer und Haffner, selbst wenn er Hitlers Aufstieg untersucht. Aber genau wegen der detailgenauen, privaten Natur ihrer Erzählungen, sprechen Mayer und Haffner unmittelbarer zu denen, die besorgt sind über das, was Autoritarismus ermöglicht. Natürlich können wir uns nicht sicher sein, ob wir Jarauschs Probanden glauben können, wenn sie Unwissen angeben, darüber was Hitler eigentlich tat. (Mayer ist sich auch nicht sicher.) Aber sie sind überzeugend, wenn sie das zu einer Zeit sagen, zu der sie sich hauptsächlich auf ihre Familien konzentrierten, ihre Freunde, ihre täglichen Leben. Für Haffners Wiedergabe der „automatischen Fortsetzung des (all-)täglichen Lebens,“ das für so viele inmitten des schrittweisen Sturms auf Freiheit und Würde möglich war, gilt das Gleiche.

Alle drei Autoren sind sich deutlich bewusst, dass ihre Erzählungen wichtige Lehren beinhalten, und die sollten zeitgenössischen Lesern nicht entgehen. Die Türkei, zum Beispiel, ist durch Taktiken in Richtung Autoritarismus geschlittert, die denen der Nazis gleichen: Inhaftierung politisch Abtrünniger, Angriff auf die Meinungsfreiheit, mit Kritikern umspringen wie mit Staatsfeinden, und Ausmerzen der Kontrollen und Gleichgewichte. Bisher hat Präsident Trump mehr gebellt als gebissen. Doch das Bellen hat eine Geschichte, die gleichzeitig hässlich und aufschlussreich ist. Die Nazis wandten den Begriff Lügenpresse für die etablierten Massenmedien; Präsident Trump bezieht sich auf die „Medien“, die, so sagt er, „nicht meine Feinde sind, sondern die Feinde des amerikanischen Volkes!“ In wichtigen Bereichen (einschließlich dem Klimawandel), verleumdet seine Administration die Wissenschaft; er ist sogar dabei gescheitert den Posten des Wissenschaftsberaters des Weißen Hauses zu besetzen. Die Nazis lehnten Wissenschaften ebenfalls ab, oder politisierten sie (besonders Einsteins „Jüdische Wissenschaft“) zugunsten dessen, was sie als den Geist des Volkesausgaben.

Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten durchweg lügt, und sich beschwert, dass die unabhängige Presse schuld sei an den Falschnachrichten, den Entzug von Lizenzen der Fernsehsender verlangt, öffentlich Gefängnisstrafen für politische Gegner fordert, die Autorität des Justizministeriums und des F.B.I. untergräbt, soziale Spaltungen schönredet, Kritik als „korrupt“ oder „erfolglos“ delegitimiert, und sich weigert, selbst gegen das Gesetz, junge Menschen vor Risiken zu schützen, die man (sonst) mit Bleifarbe verbindet – nun, dann ist es kein Faschismus, aber die Vereinigten Staaten haben derartiges noch nicht erlebt.

Mit unserem System aus Kontrolle und Gleichgewicht wird es hier wahrscheinlich zu keinem Autoritarismus in voller Blüte kommen, aber es wäre idiotisch, die Risiken zu unterschätzen, die Trump und seine Administration für die gängigen Normen und Institutionen darstellen, die sowohl Ordnung wie auch Freiheit wahren. Diese Risiken werden wachsen, wenn die Opposition gegen Verstöße gegen lang währende Normen auf Demokraten beschränkt bleibt, und falls Republikaner lachen, applaudieren, zustimmen, oder Trump entschuldigen – dann heulen sie mit dem Wolf.

Auf ihre verschiedenen Arten zeigen Mayer, Haffner und Jarausch wie Gewöhnung, Durcheinander, Ablenkung, Eigennutz, Furcht, Rationalisierung und ein Gefühl für persönliche Machtlosigkeit schlimme Dinge ermöglichen. Sie machen aufmerksam auf den Stellenwert individuellen Gewissenshandlungen im Kleinen und Großen, durch Menschen, die es nie in die Geschichtsbücher schaffen. Vor fast zwei Jahrhunderten warnte James Madison: „Gibt es zwischen uns keine Tugend? Wenn nicht, befinden wir uns in einer erbärmlichen Situation. Theoretisch keine Hemmungen – keine Form von Regierung kann uns Sicherheit geben.“ Haffner zeigte so etwas wie eine logische Folge, die darin besteht, dass der endgültige Schutz vor aufstrebendem Autoritarismus und Wölfe aller Art das persönliche Gewissen ist: Durch „Entscheidungen, die persönlich getroffen werden und fast unbewusst durch die Bevölkerung insgesamt.“

Cass R. Sunstein ist Rechtsprofessor an der Harvard University.

Quelle:http://www.nybooks.com/articles/2018/06/28/hitlers-rise-it-can-happen-here/

deutsch von Thorsten Ramin

1Siehe The Rise of Evil mit dem phantastischen Robert Carlyle als Adolf H., siehe auchhttp://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/fernsehen-der-schon-wieder-1173651.html

Sebastian Haffner, Defying Hitler: A Memoir, übersetzt von Oliver Pretzel (Picador, 2003).