Es ist die Luftsicherung die Afghanistan vom Westen benötigt

Financial Times – The Exchange 16. Oktober 2015

Von Ahmed Rashid

Präsident Barack Obama kündigteam Donnerstag an, er werde die Präsenz der US-Trruppen bis 2017 verlängern, über seinen früheren Stichtag für den endgültigen Abzug der US-Truppen hinaus, (noch) bevor seine Amtszeit im nächsten Jahr endet.

Die afghanischen Taliban drohen ein halbes Dutzend weitere Provinzen und ihre Hauptstädte zu überrennen – eine schlichte Erinnerung an die andauernde Unsicherheit des Landes, die Herrn Obama am Ende überredet hat, seine Meinung zu ändern. Die NATO erwiderte, der Zug der USA „ebne den Weg für eine nachhaltige Präsenz“ der Allianz und man werde in den kommenden Wochen „wichtige Beschlüsse“ fassen.

Die Nachrichten der Truppen sind gut, aber es wird an dem afghanischen Kriegszustand nichts ändern. Was das Land unbedingt benötigt, um die Kozentration der Talibantruppen außerhalb der Städte zu unterbinden, ist Luftunterstützung durch die USA. Werden die Taliban es schaffen und eine große Stadt besetzen bevor der Winter kommt, wird es eine Panik im ganzen Land und der Region auslösen.

Die afghanische Armee hat bewiesen, dass sie besser kämpfen kann als die Iraker, auch wenn sie schwere Verluste erlitten hat – mehr als 5.000 afghanische Sicherheitskräfte sind dieses Jahr getötet worden. Trotzdem hat es zwei Wochen gedauert, bis die Armee die strategisch wichtige Stadt Kunduz zurückerobert hatte, die von den Taliban am 1. Oktober eingenommen wurde.

Die Taliban umkreisen die Stadt weiterhin und besetzen den größten Teil der Provinz Kunduz, die entscheidend an Zentralasien angrenzt.

Der neue Plan sieht vor, dass der Abzug von 9.800 Mann starken US-Truppe, gegenüber 5.500 Ausbildern und Spezialeinsatzkräften 2017 beginnen wird. Seit Anfang dieses Jahr waren keine US-Truppen in Kampfhandlungen verwickelt. Amerika hatte seine bereits begrenzte Luftüberwachung von Kunduz beendet, nachdem seine Luftwaffe im vergangenen Monat aus Versehen ein Krankenhaus bombardiert hatte, das die internationale medizinische Hilfsorganisation Ärzte Ohne Grenzenbetrieb. Zweiundzwanzig Menschen starben bei dem Angriff, mitunter zwölf Stabsmitglieder und drei Kinder, und die Organisation hat eine Entschuldigung der USA abgelehnt und eine internationale Untersuchung gefordert.

Herr Obama war entschlossen, alls US-Truppen aus Aghanistan abzuziehen bevor seine Amtszeit endet, aber er wurde vom amerikanischen Miltär, Kongressleuten, Denkfabriken und Afghanistans Präsident Ashraf Ghani gedrängt, militärisch präsent zu bleiben. Einige europäische Länder, an erster Stelle Deutschland, haben ihren Wilen bekundet, ihren Entsendung von Truppen nach Afghanistan als Teil von NATO-Einsätzen aufrechtzuerhalten, wenn US-Truppen dort sind, um sie unterstützen und den Luftraum zu sichern. Es sind nun 7.000 Natosoldaten im Land und es wird erwartet, dass etwa 4.000-5.000 in Afghanistan verbleiben, neben den Amerikanern.

Hohe afghanische Vertreter sagten mir in dieser Woche, dass die afghanische Armee dringlich ununterbrochenere Luftsicherung benötigt, um die Ansammlung von Talibantruppen außerhalb der Städte zu verhindern. Es gibt keine eigentliche afghanische Luftwaffe oder westliche Luftsicherung und das Land hat wenig Offensivvermögen.

Westliche Diplomaten, die mit Afghanistan vertraut sind, bekennen, dass die USA spät begonnen haben eine afghanische Luftwaffe auszubilden, die vor 2018 nicht voll einsatzfähig sein wird. Derweil gibt es einen kleinen Kreis erfahrender Piloten, die in den 80-ern von den Sowjets ausgebildet wurden, um russische Kampfhubschrauber zu fliegen, und es wieder könnten, wenn sie verfügbar wären. Die Regierung in Kabul ist so verzweifelt, dass hohe afghanische Vertreter die ehemaligen Sowjetrepubliken

durchkämmen, nach der älteren Generation russischer Helikopter für Bares – und verärgern damit die Amerikaner. Ersatzteile und die Hubschrauber sind schwerer zu bekommen, seit der Westen Sanktionen über Russland verhängt hat.

Ein paar gerade ausgebildete afghanische Piloten fliegen amerikanische MD-530 Aufklärungshubschrauber, die zu Kampfhubschraubern umgerüstet wurden, aber sie sind klein und zu leicht, mit kurzer Reichweite und sie tragen nur zwei schwere Maschinengewehre.

Die Bedrohung für das afghanische Land wachsen. Afghanische Vertreter erzählten mir, dass die verschiedenen Provinzen und ihre Hauptstädte in Gefahr sind. Das bezieht Helmand und Uruzgan im Süden ein, wo die ländlichen Gegenden meist von den Taliban kontrolliert werden; Faryab im Nord-Westen an der Grenze zu Turkmenistan; Harah im Süd-Westen an der Grenze zum Iran; und die Provinzen Badachschan und Kunar, im Osten an Pakistan angrenzend.

Die UN sagen, dass Aufruhr in mehr Gegenden herrscht als jemals seit 2001 und sie hat ihr Personal in denletzten Wochen aus vier Provinzen evakuiert. Viele Straßen sind gesperrt und viele Menschen werden vertrieben, und kaum eine Hilfsorganisation oder Regierungsbehörde kann sich um sie kümmern. Mindestens 120.000 Menschen sind allein aus Kunduz geflohen, laut UN-Berichten. Die humantäre Krise wird sich wahrscheinlich verschärfen, da der afghanische Winter anrückt.

Am 13. Oktober haben afghanische Truppen 2.000 Taliban abgewehrt, die aus verschiedenen Richtungen zusammenströmten um die Stadt Ghazni, südlich von Kabul, einzunehmen, und es gab schwere Gefechte bevor die Taliban zurückgeschlagen wurden. Ghazni, eine antike multi-ethnische Stadt, liegt an der entscheidenden Autobahn von Kabul nach Kandahar, die jetzt zu riskant zum befahren ist. Große Teile der Provinz von Ghazni sind in den Händen der Taliban.

Amerikanische und Nato-Luftsicherung benötigt das afghanische Militär unbedingt. Durch sie lässt sich die Moral der Streitkräfte des Landes heben. Die Taliban müssen aus den bewohntesten Gegenden vertrieben werden, bevor die Gespräche zwischen ihnen und der Regierung, die im Juli abgebrochen wurden, fortgesetzt werden können. Wenn der Westen nicht Einsatz und Mittel für Afghanistan bereitstellt, werden die Taliban nur weiterhin motiviert, den Krieg fortzusetzen.

Quelle:http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Übersetzung: Thorsten Ramin