Erstes Kapitel! Ich bin Malala von Malala Yousafzai

Für jene Kinder auf der ganzen Welt, die keinen Zugang zu Bildung haben,

für jene Lehrer, die weiterhin beherzt unterrichte,

und für alle, die um ihre regulären Menschenrechte und Bildung gekämpft haben.

Vorwort

Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich mein Schlafzimmer. Das Bett ist nicht gemacht, meine fusselige Decke liegt auf einem Haufen. Ich bin losgehetzt zur Schule, spät dran für eine Prüfung. Mein Schulstundenplan liegt offen auf dem Schreibtisch, eine Seite aufgeschlagen am 9. Oktober 2009. Und meine Schuluniform – mein weißer shalwar und meine blaue kamiz – sind an einem Haken an der Wand und warten auf mich.

Ich höre die Kinder Kricket spielen in der Gasse hinter unserem Haus. Ich höre das Summen des Basars um die Ecke. Und wenn ich genau hinhöre, kann ich Safina hören, meine Freudin eine Tür weiter, die an die Wand klopft, um mir ein Geheimnis mitzuteilen.

Ich rieche kochenden Reis, denn meine Mutter arbeitet in der Küche. Ich höre meine kleinen Brüder um die Fernbedienung ringen – das Programm wechselt zwischen Wrestling und Zeichentrickfilmen. Bald werde ich die tiefe Stimme meines Vaters hören, wenn er meinen Spitznamen ruft. „Jani,“ wird er sagen, das ist Persisch für ‚Meine Liebe‘, „Wie lief es heute in der Schule.“ Er fragte, wie es an der Khushal Schule für Mädchen lief, die er gegründet hatte und die ich besuchte, aber ich ergriff immer die Gelegenheit, die Frage förmlich zu beantworten.

Aba,“ scherzte ich, „die Schule geht, sie läuft nicht!“ Das war meine Art ihm zu sagen, dass ich fand, es könnte besser sein.

Einige sagen, es sei zu gefährlich für mich jetzt dorthin zurückzukehren. Das ich nie zurückkehren könne. Also kehre ich von Zeit zu Zeit im Geiste dorthin zurück.

Doch nun lebt eine andere Familie in dem Haus, andere Mädchen schlafen in dem Schlafzimmer – während ich tausende Meilen weit weg bin. Mich interessieren die anderen Dinge in den Zimmer kaum aber die Schultrophäen auf dem Bücherregal tun es schon. Ich träume sogar manchmal von ihnen. Da gibt es einen Preis für die Zweitbeste von dem ersten Sprechwettbewerb, an dem ich je teilgenommen habe. Und mehr als 45 Goldpokale und Medaillen für die Erstplatzierte bei Tests, Diskussionen und Wettbewerben. Für jemand anderen wäre es bloß Tand aus Pastik. Für noch andere wären es einfach Auszeichnungen für gute Noten. Aber für mich sind sie Erinnerungen an das Leben, das ich liebte und an das Mädchen, das ich war – bevor ich an diesem verhängnisvollen Tag ging.

Öffne ich meine Augen, dann bin ich in meinem neuen Schlafzimmer. In einem soliden Ziegelhause an einem frostig kalten Ort namens Birmingham, England. Hier gibt es aus jedem Hahn Wasser, heiß oder kalt, nach Geschmack. Man braucht keine Kanister mit Brennstoff vom Markt nach Hause zu schleppen um das Wasser zu heizen. Hier gibt es große Zimmer mit hellen Holzböden, voll riesiger Möbel und einem noch größeren Fernseher.

Es gibt kaum ein Geräusch in diesem stillen, grünen Vorort. Keine lachenden und brüllenden Kinder. Keine Frauen die unten Gemüse zerkleinert und mit meiner Mutter schwatzen. Kein Zigaretten rauchenden Männer, die über Politik diskutieren. Doch manchmal, selbst mit diesen dicken Mauern zwischen uns, kann ich meine Familie um ihr Daheim weinen hören. Doch dann wird mein Vater durch die Tür stürmen. „Jani! wird er sagen. „Wie war die Schule heute?“

Jetzt ist es kein Wortspiel. Er fragt nicht nach der Schule, die er leitet und die ich besuche. Aber da ist ein Hauch von Sorge in seiner Stimme, als befürchte er, ich würde nicht da sein um zu antworten. Denn es ist noch nicht lange her, dass ich beinahe getötet wurde – nur weil ich mich für mein Recht einsetzte, zur Schule zu gehen.

Es war ein Tag wie jeder andere. Ich war fünfzehn, in Klasse 9 und war die letzte Nacht viel zu lange aufgeblieben um für eine Prüfung zu lernen.

Ich hatte bereits den Hahnenschrei zu Morgengrauen gehört, doch war wieder eingeschlafen. Ich hatte den Gebetsruf am Morgen gehört, von der nahe gelegenen Moschee, aber ich schaffte es mich unter meiner Decke zu vertecken. Und ich tat so, als hörte ich meinen Vater nicht, der kam um mich zu wecken.

Dann kam meine Mutter und schüttelte mich vorsichtig an der Schulter. „Wach auf, Pisho.“ sagte sie, nannte mich ‚Kätzchen‘ auf Paschtu, der Sprache der Paschtunen. „Es ist 7 Uhr 30 und du bist spät dran für die Schule.“

Ich hatte eine Prüfung über Pakistan. Darum sagte ich ein schnelles Gebet. „Kannst du es bitte einrichten, dass ich Erste werde.“ flüsterte ich. „Oh, und danke für meinen bisherigen Erfolg.“

Ich verachlang ein wenig gebratenes Ei und chapati mit meinem Tee. Mein jüngster Bruder, Atal, war an diesem Morgen besonders kess. Er beschwerte sich über all die Aufmerksamkeit, die ich bekam, weil ich mich dafür aussprach, dass Mädchen die gleiche Ausbildung wie Jungen bekommen sollten, und mein Vater hänselte ihn ein wenig am Frühstückstisch.

Wenn Malala einst Premierministerin ist, kannst du ihr Sekretär sein.“ sagte er.

Atal, der kleine Clown der Familie, gab sich erbost. „Nein!“ schrie er. „Sie wird meine Sekretärin sein!“

All diese Scherze sorgten dafür, dass ich spät dran war und ich rannte zur Tür hinaus, mein halb aufgegessenes Frühstück noch auf dem Tisch. Ich rannte den Weg hinunter, gerade pünktlich für den mit Mädchen überfüllten Schulbus auf dem Weg zur Schule. An diesem Dienstag sprang ich auf und sah mein Zuhause nie wieder.

Die Fahrt zur Schule ging schnell, nur fünf Minuten die Straße hoch am Fluss entlang. Ich kam pünktlich und der Prüfungstag ging vorbei, wie alle anderen. Der Trubel von Mingora Stadt umgab uns, mit seinem Gehupe und Fabriklärm, während wir leise arbeiteten, über unsere Papiere gebeugt, in schweigsamer Konzentration. Am Ende des Tages war ich erschöpft aber froh; Ich wusste, ich war bei den Prüfungen gut gewesen.

Lass uns auf den zweiten Bus warten.“ sagte Moniba, meine beste Freundin. „So können wir uns noch ein bisschen länger unterhalten.“ Wir warteten immer gern auf die letzte Mitfahrgelegenheit.

Seit Tagen hatte ich eine komische, nagende Ahnung, dass etwas Schlimmes passieren würde. Eines Nachts befasste ich mich mit dem Tod. Wie ist es wirklich tot zu sein, wollte ich wissen. Ich war allein in meinem Zimmer, also drehte ich mich Richtung Mekka und fragte Gott: „Was passiert wenn man stirbt?“ sagte ich. „Wie fühlt es sich an?“

Sollte ich sterben, würde ich den Leuten erzählen können, wie es sich anfühlte. „Malala, du dummes Mädchen.“ sagte ich mir dann, „Du wärest tot und könntest niemandem mitteilen, wie es gewesen ist.“

Also bat ich Gott, bevor ich zu Bett ging, um etwas anderes: „Kann ich ein bisschen sterben und zurückkommen, um den Leuten davon zu berichten?“

Doch der nächste Tag war hell und sonnig angebrochen, und der nächste und er danach. Und jetzt wusste ich, das ich bei meiner Prüfung gut gewesen war, und was mir auch durch den Kopf ging hatte begonnen zu verblassen. Also taten Moniba und ich was wir immer taten: Wir quatschten. Welche Gesichtscreme benutzte sie? Hatte einer der Lehrer eine Haartransplantation bekommen? Und jetzt, wo die erste Prüfung vorbei war, wie kompliziert würde die nächste werden?

Als unser Bus ausgerufen wurde, rannten wir die Treppen hinunter, wie gewöhnlich.

Moniba und die anderen Mädchen bedeckten ihre Köpfe und Gesichter, und wir gingen durch das Tor in den wartenden dyna, den weißen Kleinbus, der unser Khushal Schul-‚Bus‘ war. Und, wie sonst auch, hatte der Busfahrer einen Zaubertrik patat um uns zu bespaßen. An jenem Tag ließ er einen Stein verschwinden. Wie sehr wir uns auch bemühten, es gelang uns nicht sein Geheimnis zu ergründen.

Wir drängten uns hinein, zwanzig Mädchen und zwei Lehrer, in die dreireihigen Bänke gestopft, die sich durch den dyna erstrecken. Es war heiß und stickig und es gab keine Fenster, nur ein vergilbtes Stück Plastik, das gegen die Buswand schlug, als wir durch Mingoras vollgestopften Stoßverkehr rumpelten.

Haji Baba Straße war ein Gewirr von grellfarbigen Rikschas, Frauen in fliegenden Gewändern, Männern auf Rollern, die hupten und im Slalom durch den Verkehr fuhren. Wir kamen an einem Laden besitzer vorbei, der Hühner schlachtete. Ein Junge verkaufte Eiskremkugeln. Ein Plakat für dr. Humayuns Haarersatzinstitut. Moniba und ich waren ins Gespräch vertieft. Ich hatte viele Freunde, aber sie war meine innigste Freudin, diejenige, der ich alles anvertraute.

An diesem Tag sprachen wir darüber, wer dieses Semester die besten Noten bekommen würde, als eins der anderen Mädchen ein Lied zu singen begann und wir anderen schlossen uns an.

Kurz nachdem wir die Little Giants Schokoriegelfabrik hinter uns gelassen hatten, in der Kurve, die kaum drei Minuten von meinem Zuhause entfernt ist, bremste der Wagen herunter bis er hielt. Draußen war es merkwürdig still.

Es ist heute so ruhig.“ sagte ich zu Moniba. „Wo sind all die Menschen?“

Danach erinnere ich mich an nichts mehr, aber hier ist die Geschichte, die mir erzählt wurde.

Zwei junge Männer in weißen Roben schritten vor unseren Bus.

Ist das der Khushal Schulbus?“ fragte einer von ihnen.

Der Fahrer lachte. Der Name der Schule war in schwarzen Buchstaben auf die Seite des Kleinbusses gemalt. Der andere junge Mann sprang auf die Ladeklappe und beugte sich in den Rückraum, wo wir alle saßen.

Wer ist Malala?“ fragte er.

Niemand sagte ein Wort, aber einige Mädchen schauten in meine Richtung. Er hob seinen Arm und zeigte auf mich. Ein paar Mädchen schrien und ich drückte Monibas Hand.

Wer ist Malala?

Ich bin Malala und das ist meine Geschichte.

Übersetzung: Thorsten Ramin

Quelle:http://www.theguardian.com/childrens-books-site/ng-interactive/2015/jul/30/extract-i-am-malala-by-malala-yousafzai