Ein Tag im Leben eines Lesers der New York Times

Noam Chomsky

chomsky.info, 6. April 2015

Ein Titelblattartikel widmet sich der fehlerhaften Geschichte einer Vergewaltigung auf dem Unigelände in der Zeitschrift Rolling Stone, enthüllt in der führenden akademischen Zeitschrift der Medienkritik. Derart gravierend ist diese Abkehr von journalistischer Integrität, dass sie auch Thema der Titelgeschichte im Wirtschaftsteil ist, mit einer kompletten Innenseite, die sich der Fortsetzung der beiden Berichte zuwendet. Die betroffenen Berichte beziehen sich auf frühere Verstöße der Presse: Ein paar Fälle von Lügenmärchen, schnell beleuchtet, und Plagiatsfälle („zu zahlreich um sie aufzulisten“). Der besondere Verstoß des Rolling Stone ist ein „Mangel an Skepsis“, der „auf viellerlei Art der heimtückischste der drei Gattungen“ ist.

Es ist erfrischend, die Verpflichtung der Times gegenüber der Unbescholtenheit des Journalimus zu begreifen.

Auf Seite 7 gibt es zum gleichen Thema eine wichtige Geschichte von Thomas Fuller, betitelt „Einsatz einer Frau, um Laos von Blindgängern zu befreien“. Sie berichtet von der „zielstrebigen Bemühung“ einer laotisch-amerikanischen Frau, Channapha Khamvongsy, „in ihrem Heimatland Millionen von Bomben zu beseitigen, die dort immer noch begraben liegen, das Erbe einer neunjährigen amerikanischen Luftoffensive, die Laos zu einem der meist bombardierten Flecken der Erde machte.“ – um bald darauf vom bäuerlichen Kambodscha überrundet zu werden, auf Befehl von Henry Kissinger an die US-Luftwaffe: „Eine massive Bombardierungsoffensive in Kambodscha. Alles, das fliegt, auf alles, das sich bewegt.“ Ein vergleichbarer Aufruf zum Völkermord ist in den Archivaufnahmen kaum zu finden. Er wurde in der Times in einem Artikel über die veröffentlichten Aufnahmen von Präsident Nixon erwähnt, und bewirkte wenig Aufmerksamkeit.

Die Fullergeschichte über Laos berichtet, dass als Folge von Frau Khamvongsas Lobbyarbeit die USA ihre jährlichen Ausgaben für Blindgänger um generöse 12 Millionen Dollar erhöhten. Die tödlichsten sind Streubomben, die dazu geschaffen sind „maximale Verluste bei den Truppen zu verursachen“ durch das Versprühen von „hunderten Streubomben auf den Boden“. Etwa 30% explodierten nicht, sodass sie Kinder töten und verstümmeln, die sie aufsammeln, Bauern, die sie bei der Arbeit anrühren und andere Pechvögel. Eine Begleitkarte zeigt die Xieng Khouang Provinz im nördlichen Laos, die bekannter ist als Ebene der Tonkrüge, das primäre Ziel des heftigen Bombardements, das seinen Höhepunkt 1969 erreichte.

Fuller berichtet, dass Frau Khamvongsa „zur Aktion getrieben wurde, als sie auf eine Sammlung von Bildern der Bombardierung stieß, die Flüchtlinge angefertigt hatten, und die von Fred Branfman gesammelt wurden, einem Antikriegsaktivisten, der dabei half, den geheimen Krieg zu entblößen.“ Die Bilder erschienen in dem Buch des alten Fred Branfman Stimmen aus der Ebene der Tonkrüge von 1972, das vom Pressewesen der Universtität von Wisconsin 2013 nachgedruckt wurde, mit einem neuen Vorwort. Die Bilder zeigen anschaulich die Qual der Opfer, arme Bauern in einer einsamen Gegend, die praktisch nichts mit dem Vietnamkrieg zu tun hatte, wie öffentlich zugestanden wurde. Ein typischer Bericht einer 26-jährigen Pflegerin gibt das Wesen des Luftkriegs wieder: „Es gab keine Nacht, in der wir dachten, wir leben bis zum Morgen, nie einen Morgen, an dem wir dachten, wir er-leben die Nacht noch. Ob unsere Kinder weinten? Oh ja, und wir ebenso. Ich blieb einfach in meinem Keller. Ich sah das Sonnenlicht zwei Jahre lang nicht. Was dachte ich dabei? Ach, ich wiederholte gewöhnlich, ‚Bitte mach, dass die Flugzeuge nicht kommen, mach, dass die Flugzeuge nicht kommen, mach, dass die Flugzeuge nicht kommen.“

Branfmans wackere Bemühungen verschafften diesen abscheulichen Gräueln tatsächlich einige Aufmerksamkeit. Seine unverdrossenen Nachforschungen brachten auch die Gründe für die grausame Vernichtung einer hilflosen Bauerngesellschaft ans Licht. Er stellt die Gründe in seiner Einleitung zu der neuen Ausgabe von Stimmen noch einmal heraus. Mit seinen Worten:

„Eine der niederschlagendsten Offenbarungen der Bombardierung bestand in der Entdeckung warum sie 1969 so enorm zunahm, wie von den Flüchtlingen beschrieben. Ich erfuhr, dass nachdem Präsident Lyndon Johnson im November 1968 einen Bombardierungsstopp über Nordvietnam erklärt hatte, er die Flugzeuge einfach nach Nord-Laos umleitete. Es bestand kein militärischer Grund dafür. Es geschah einfach, weil, wie der stellvertretende Einsatzchef, Monteagle Stearns, vor dem US-Senatskommitee für auswärtige Beziehungen im Oktober 1969 aussagte, ‚Nun, wir hatten all diese Flugzeuge herumstehen und konnten sie nicht einfach so lassen, ohne etwas zu tun.’“

Darum wurden die unbenutzten Flugzeuge auf arme Bauern losgelassen, und zerstörten die friedliche Ebene der Tonkrüge, weit weg von den Verheerungen der mörderischen Aggressionskriege Washingtons in Indochina.

Lasst uns nun anschauen, wie diese Aufdeckungen in die Newspeak der New York Times umgewandelt werden: „Die Ziele waren nord-vietnamesische Truppen – vor allem entlang des Ho Chi Minh-Pfades, der zum großen Teil durch Laos verläuft – genau wie die kommunistischen Verbündeten Nordvietnams.“

Vergleiche die Worte des stellvertretenden Einsatzchefs und die herzzerbrechenden Bilder und Aussagen in Fred Branfmans angeführter Sammlung.

Richtig, der Berichterstatter hat eine Quelle: US-Propaganda. Das reicht gewiss aus um bloße Fakten über eins der größten Verbrechen der Zeit nach dem II Weltkrieg zu erdrücken, wie sie in jeder seiner Quellen detailliert beschrieben werden: in Fred Branfmans entscheidenden Enthüllungen.

Wir können sicher sein, dass diese gigantische Lüge im Dienst des Landes keine lange Publizität und Anprangerung durch die Freie Presse verdient, so wie Plagiat und Mangel an Skepsis.

Dieselbe Ausgabe der New York Times serviert uns einen Bericht vom unvergleichlichen Thomas Friedman, ernsthaft übermittelt er die Worte von Präsident Obama, und legt sie vor als das, was Friedman als „das Obama-Dogma“ bezeichnet – jeder Präsident muss ein Dogma haben. Das tiefsinnige Dogma ist „Verpflichtung, kombiniert mit dem treffen kernstrategischer Notwendigkeiten.“

Der Präsident wird mit einem entscheidenden Fall veranschaulicht: „Nimm ein Land wie Kuba. Für uns bestehen, um die Möglichkeit das Verpflichtung zu einem besseren Ergebnis für das kubanische Volk führt auszuprobieren, nicht viele Risiken. Es ist ein winzig kleines Land. Keins das unsere größten Sicherheitsinteressen bedroht, darum [besteht kein Grund] den Vorschlag nicht auszuprobieren. Und solllte sich erweisen, dass es nicht zu einem besseren Ergebnis führt, können wir unsere Richtlinien immer noch anpassen.“

An dieser Stelle geht der Friedens-Nobelpreisträger auf seine Gründe für seine In-Angriffnahme dessen ein, was die amerikanische links-liberale Zeitschrift New York Review als den „Mutigen“ und „wahrhaftig historischen Schritt“ bezeichnete, die diplomatischen Beziehungen mit Kuba wieder aufzunehmen. Es ist ein Zug, der unternommen wird um „das kubanischen Volk wirksamer zu stärken“, erklärte der Held, unsere früheren Bemühungen ihnen Freiheit und Demokratie zu geben haben unsere edlen Ziele nicht erreicht. Die früheren Bemühungen umfassten ein erdrückendes Embargo, das die gesamte Welt verurteilte (mit Ausnahme von Israel) und einem gnadenlosen terroristischen Krieg. Der wird gewöhnlich aus der Geschichte getilgt, neben gescheiterten Versuchen Castro zu ermorden, eine sehr geringfügige Kleinigkeit, vertretbar, weil man es höhnisch als lächerlichen CIA-Streich abtun kann. Schaut man sich die freigegebenen internen Aufzeichnungen an, lernt man, dass diese Verbrechen begangen wurden wegen Kubas „erfolgreicher Abwehr“ einer US-Politik, die zurückreicht bis zur Monroe-Doktrin, die Washingtons Absicht erklärte, die Hemisphäre zu beherrschen. Alles unaussprechlich, neben zu viel anderem um es hier zu erzählen.

Suchen wir weiter, stoßen wir auf andere Schmuckstücke, zum Beispiel, das Titelblatt-Denkstück zum Iran-Abkommen von Peter Baker ein paar Tage zuvor, das vor den Verbrechen des Iran warnte, die Washingtons Propaganda-System laufend aufzählt. Alle sind nachweislich recht aufschlussreich für die Untersuchung, aber ganz besonders gilt es für das größte iranische Verbrechen: Die Region „destabilisiert“ zu haben durch Unterstützung „Schiitischer Milizen, die amerikanische Soldaten im Irak töteten.“ Hier ist wieder das Standardbild. Fallen die USA in den Irak ein und vernichten ihn praktisch und sorgen für religiöse Konflikte, die nun das Land und die ganze Region zerreißen, das gilt als „Stabilisierung“ in der offiziellen und daher Medienrhetorik. Unterstützt der Iran Milizen um der Aggression zu widerstehen, ist das „Destabilisierung“. Und es kann kaum einen verruchteres Verbrechen geben als amerikanische Soldaten zu töten, die die eigene Heimat angreifen.

All das, und viel, viel mehr ergibt absolut Sinn wenn wir wahren Gehorsam beweisen und das anerkannte Dogma fraglos hinnehmen: Die USA besitzen die Welt, und das zurecht, aus Gründen, die ebenfalls deutlich in der New York Review erklärt werden, in einem Artikel vom März 2015 von Jessica Matthews, ehemalige Präsidentin der Carnegie Stiftung für internationalen Frieden: „Amerikanische Beiträge zur internationalen Sicherheit, globalem wirtschaftlichen Wachstum, Freiheit, und Wohlbefinden der Menschheit waren so selbstverständlich ohnegleichen und waren so eindeutig auf das Wohl anderer gemünzt, dass die Amerikaner lange Zeit geglaubt haben, die USA würden sich zu einem anderen Land entwickeln. Wo andere ihre nationalen Interessen durchsetzen, versuchen die USA universale Prinzipien zu fördern.“ Die Verteidigungruht sich aus.

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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