Ein offener Brief an David Cameron, Angela Merkel und den IOC

Von Stephen Fry

7. August 2013

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, Herr Premierminister, M Rogge, Lord Coe und Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees,

Ich schreibe Ihnen im festen Glauben, dass alle diejenigen, die den Sport und den olympischen Gedanken lieben, an den Makel der fünf Ringe denken, der an ihnen haftet, seit die Olympiade in Berlin 1936 unter dem jubelnden Patronat eines Tyrannen stattfand, der zwei Jahre zuvor an die Macht gekommen war, ein Vorgang, der eine Minderheit der besonderen Verfolgung preisgab, deren einziges Verbrechen im Zufall ihrer Geburt lag. In seinem Fall untersagte er den Juden eine akademische Anstellung und öffentliche Ämter, er sorgte dafür, dass die Polizei alle Schläge, Diebstähle und Erniedrigungen, die man ihnen zufügte, ignorierte, er verbrannte und verbot Bücher, die sie geschrieben hatten. Er behauptete, sie „vergifteten“ die Reinheit und Tradition dessen, was als Deutsch galt, sie seien eine Bedrohung für den Staat, für die Kinder und für die Zukunft des Reichs. Er warf ihnen gleichzeitig die sich gegenseitig ausschließenden Verbrechen des Kommunismus und der Kontrolle des internationalen Kapitals und der Banken vor. Er warf ihnen vor, die Kultur mit ihrem Liberalismus und ihrer Verschiedenheit zu ruinieren. Die Olympische Bewegung zu jener Zeit zollte dieser Bosheit genau genommen keine Aufmerksamkeit und fuhr mit der berüchtigten Berliner Olympiade fort, die dem hämischen Führer eine Bühne bot und seinen Stellenwert daheim und im Ausland nur förderte. Sie machte ihn zuversichtlich. Alle Historiker sind sich darin einig. Was er mit dieser Zuversicht tat, wissen wir alle.

Putin wiederholt dieses irrsinnige Verbrechen, aber dieses mal gegen russische LGBT. Prügel, Morde und Erniedrigungen werden von der Polizei ignoriert. Jegliche Verteidigung oder vernünftige Diskussion über Homosexualität ist gegen das Gesetz. Eine Darstellung, zum Beispiel, dass Tschaikowsky schwul war und seine Kunst und sein Leben diese Sexualität widerspiegeln und eine Inspiration für andere schwule Künstler sind, führen zu Gefängnisstrafen. Es ist einfach nicht genug, zu sagen, dass schwule Olympioniken vielleicht, vielleicht aber auch nicht sicher in ihren Dörfern sind. Das IOC muss unbedingt einen soliden Standpunkt einnehmen, im Namen der gemeinsamen Menschlichkeit, die man von ihr gegen das barbarische, faschistische Gesetz, das Putin durch die Duma gedrückt hat, erwartet. Nicht zu vergessen, dass olympische Veranstaltungen gewöhnlich nicht nur athletischer Natur waren, sie umfassten auch kulturelle Wettkämpfe. Wir sollten begreifen, dass Sport tatsächlich kulturell ist. Er existiert nicht in einer Blase außerhalb der Gesellschaft oder der Politik. Der Gedanke, dass Sport und Politik nichts verbindet, ist schlimmer als unaufrichtig, schlimmer als dumm. Er ist unverschämt und gezielt falsch. Jedermann weiß, Politik interagiert mit allem, denn „Politik“ ist einfach das griechische Wort für „mit den Menschen zu tun haben“.

Ein absoluter Boykott der Russischen Winterspiele 2014 in Sotschi ist einfach notwendig. Verlegt sie nach woanders in Utah, Lillehammer, wohin ihr wollt. Um keinen Preis darf Putin die Bestätigung der zivilisierten Welt bekommen.

Er macht schwule Menschen zu Prügelknaben, genau wie Hitler die Juden. Er darf nicht damit davonkommen. Ich weiß wovon ich spreche. Ich habe Russland besucht, wehrte mich gegen den lokalen Abgeordneten, der das erste dieser Gesetze einführte, in seiner Stadt St. Petersburg. Ich schaute in das Gesicht des Mannes und versuchte, vor der Kamera, mit ihm zu diskutieren, ihm zu kontern, ihm zu verstehen zu geben, was er tat. Alles was ich auf mich zurückreflektieren sah, war das was Hannah Arendt so denkwürdig „die Banalität des Bösen“ nannte. Ein dummer Mann, aber wie so viele Tyrannen, einer mit einem Instinkt dafür, wie man ein unzufriedenes Volk instrumentalisiert, indem man Prügelknaben findet.

Putin ist vielleicht nicht so einfältig und dumm wie der Abgeordnete Milonov, aber seine Gefühle sind dieselben. Er mag die „Werte“ Russlands preisen, und nicht die „Werte“ des Westens, aber das steht ganz im Gegensatz zur Philosophie Peters des Großen, und der Hoffnung von Millionen von Russen, die sich nicht im Griff der giftigen Mischung kahl rasierter Schlägerschädel und bigotter Religion befinden, derer, die vom Rückzug der Demokratie und der Entstehung einer neuen Alleinherrschaft im Heimatland verängstigt sind, das so viel erlitten hat (und dessen Musik, Literatur und Theater ich zufällig so sehr mag).

Ich bin schwul. Ich bin Jude. Meine Mutter verlor mehr als ein Dutzend Menschen aus ihrer Familie durch Hitlers Antisemitismus. Jedes Mal, wenn in Russland ein schwuler Jugendlicher zum Suizid gezwungen wird (und es passiert andauernd), eine Lesbierin „korrigierend“ vergewaltigt wird, schwule Männer und Frauen durch Neonazi-Verbrecher totgeschlagen werden, währen die russische Polizei faul daneben steht, wir die Welt schlechter, und ich jedenfalls weine erneut beim Anblick der sich wiederholenden Geschichte.

„Alles was das Böse zum Sieg benötigt, ist, dass gute Menschen nichts tun.“ schrieb Edmund Burke. Werden Sie, die Frauen und Männer des IOC, diese „Guten“ sein, die es dem Bösen erlauben zu triumphieren?

Die Sommerolympiade von 2012 war einer der glücklichsten Momente in meinem Leben und dem meines Landes. Würde es Russische Winterspiele geben, würden sie die Bewegung für immer brandmarken und den kompletten Stolz wegwischen. Die fünf Ringe wären für immer verschmiert, besudelt und , in den Augen der zivilisierten Welt, ruiniert.

Ich bitte Sie, dem Druck des Pragmatismus zu widerstehen, dem des Geldes, der aalglatten Feigheit der Diplomaten, entschlossen und stolz für die Menschlichkeit auf der ganzen Welt aufzustehen, wie ihre Bewegung es eben verpflichtet ist zu tun. Schwenken Sie ihre olympische Flagge mit dem Stolz, mit dem wir schwule Männer und Frauen unsere Fahne schwenken. Seien sie tapfer genug, um nach den Eiden und Vorschriften ihrer Bewegung zu leben, an die ich Sie weiter unten wortgetreu erinnere.

Regel 4: Kooperieren Sie mit fähigen öffentlichen oder privaten Organisationen und anderen Behörden, mit dem Ziel den Sport in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen und dadurch den Frieden zu sichern.

Regel 6: Gehen Sie gegen jede Form der Diskriminierung der olympischen Bewegung.

Regel 15: Motivieren und unterstützen Sie Initiativen, die den Sport mit Kultur und Bildung verbinden.

Ich wende mich besonders an Sie, Frau Bundeskanzlerin und Herr Premierminister, da ich den höchsten Respekt vor Ihnen hege. Als Köpfe von Parteien, die ich nahezu mein ganzes Leben bekämpft und instinktiv nicht gemocht habe, haben Sie ein entschiedenes, leidenschaftliches und sehr ehrliches Engagement für die Rechte der LGBT bewiesen und geholfen, die schwule Hochzeit durch beide Häuser unseres Parlaments zu bringen, durch den Bundesrat und gegen den harten Widerstand so vieler aus unseren eigenen Reihen. Dafür werde ich sie immer schätzen, welche anderen Unterschiede uns auch trennen mögen. Schließlich, glaube ich, wissen sie was falsch und was richtig ist. Bitte Handeln Sie nun nach diesem Instinkt.

Mit verzweifelter Hoffnung für mehr Menschlichkeit,

Stephen Fry und Thorsten Ramin

– Mehr unter: http://www.stephenfry.com/2013/08/07/an-open-letter-to-david-cameron-and-the-ioc/2/#sthash.s5q23NBy.dpuf

Schreibe einen Kommentar