„Ein Krieg ohne sinnvollen Grund“:
Afghanistan besiegt den Westen erneut

1843, kurz nach seiner Rückkehr von den Schlachtfeldern des Ersten Anglo-Afghanischen Krieges, schrieb der Militärkaplan in Jalalabad, Reverend G.H. Gleig, seine Memoiren über die katastrophale Expedition, die er als einer von wenigen überlebte. Es war, schrieb er, „ein Krieg, der ohne sinnvollen Grund begonnen wurde, ausgeführt mit einer seltsamen Mischung aus Überstürzung und Furcht, und beendet nach Leid und Schrecken, ohne Ruhm für die Regierung, die ihn steuerte, noch für das große Truppen-Kontingent, das ihn führte. Nicht ein Nutzen, weder politisch noch militärisch, ergab sich aus diesem Krieg. Unsere letztendliche Räumung des Landes erschien wie der Rückzug einer besiegten Armee.“ Gleig hatte nicht ganz unrecht. Im Frühjahr 1839 fiel der Westen zum ersten Mal seit Alexander dem Großen in Afghanistan ein. Fast zwanzigtausend britische und East India Company-Soldaten strömten durch die Pässe, vertrieben den beliebten Herrscher Dost Mohammed Khan, den die Briten auf der Seite der Russen wähnten, und setzten Shah Shujah ul-Mulk wieder auf den Thron, den König aus dem Exil, der die letzten zwanzig Jahre im britischen Ruhestand in Indien verbracht hatte. Auf dem Weg stießen die Briten auf wenig Widerstand. Aber nach kaum zwei Jahren wuchs als Antwort bei den Afghanen der Ruf nach dem Dschihad, und Afghanistan zerbarst in Rebellion.

Im Winter 1841-42 wurden die beiden erfahrensten britischen Offiziere in Kabul ermordet, ihnen folgte, zwei Monate später, Shah Shujah höchstpersönlich. Nach einer zwei-monatigen Belagerung zogen sich 18 500 frierende, hungrige und führerlose East India Company-Soldaten und ihre Begleiter mitten im Winter durch die eisigen Pässe zurück. Einer nach dem anderen wurde von afghanischen Scharfschützen niedergeschossen, die mit ihren langläufigen Jezails aus der Felsendeckung schossen—den Scharfschützengewehren des 19. Jahrhunderts—als die Soldaten schneeblind und eingefroren durch die eisigen Gebirgsklüfte stolperten.

Nach acht Tagen Todesmarsch leisteten die letzten fünfzig Überlebenden ihren letzten Widerstand bei Gandamak, einem Dorf bei Jalalabad. Bis in die 1970er konnte man viktorianische Waffen und Militärausrüstung im Geröll über dem Dorf finden. Noch heute ist der Hügel mit bleichen britischen Knochen gepflastert. Von der 18 500 Mann starken Truppe, die Kabul verließ, schaffte es nur ein Mann, Dr. Brydon, zurück zur britischen Garnison in Jalalabad. Eine Handvoll britischer Soldaten und ihre Frauen wurden als Geißeln genommen; der Rest wurde erschossen. Inzwischen wurden die indischen Sepoys, die den Großteil der Armee ausmachten, entweder en masse in die Sklaverei nach Zentralasien verkauft, oder entwaffnet, ausgezogen und zurückgelassen, um im Schnee zu verrecken.

Der Erste Anglo-Afghanische Krieg war wohl die größte militärische Niederlage, die der Westen jemals im Osten erlitten hat: eine komplette Armee der seinerzeit größten Macht der Welt wurde von schlecht ausgerüsteten Stammleuten vernichtend geschlagen und zerstört. Für die Afghanen wurde die britische Niederlage von 1842 zu einem Symbol der Befreiung von fremder Herrschaft, und der Bestimmung der Afghanen, sich nie wieder von einer fremden Macht beherrschen zu lassen. Das diplomatische Viertel in Kabul ist immer noch nach dem afghanischen Anführer benannt, der die Flucht der Briten 1842 beaufsichtigte: Dost Mohammeds Sohn, Wazir Akbar Khan.

Aber 1842 war nicht das letzte Mal, dass die Afghanen ihre Möchtegern-Invasoren und Besetzer verabschiedeten. In den 1980ern war es der Rückzug der Russen, von ihrer gescheiterten Besetzung Afghanistans, der den Beginn des Endes der Sowjetunion einleitete. Weniger als zwanzig Jahre später, 2001, kommen britische und amerikanische Truppen nach Afghanistan, wo sie damit fortfahren, das zu verlieren, was, in Großbritanniens Fall, sein vierter Krieg in dem Land war. Wie zuvor schaffte es der afghanische Widerstand am Ende wieder, trotz all der Millionen von Dollar, die ausgegeben wurden, der Ausbildung einer kompletten Armee afghanischer Soldaten, und der unendlich überlegenen Bewaffnung der Besetzer, die verhassten Ungläubigen aus dem Land zu vertreiben.

Es war 2006, als das letzte neo-koloniale Abenteuer in Afghanistan gerade anfing bitter zu schmecken, und die Kommentatoren just anfingen ein neues Gandamak zu prognostizieren, dass ich anfing darüber nachzudenken, eine neue Geschichte des ersten gescheiterten Versuchs des Westens zu schreiben, Afghanistan zu kontrollieren. Nach einer simplen Eroberung und der erfolgreichen Einsetzung eines pro-westlichen Marionetten-Herrschers, stieß das Regime auf zunehmend verbreiteten Widerstand. Die Geschichte begann sich offenbar zu wiederholen.

Bei meinen anfänglichen Recherchen besuchte ich viele der Orte, die mit dem Krieg in Zusammenhang stehen. In Herat zollte ich dem Grab Dost Mohammed Khans Respekt, am Sufi-Heiligtum von Gazargah. Bei der Ankunft in Kandahar bekam das Auto, das mich auflesen sollte, einen Fernschuss durch sein Rückfenster ab, als es nahte, später stand ich am Schrein von Baba Wali, am Rand der Stadt, und sah wie eine Sprengladung eine US-Patrouille hochjagte, als sie den Arghandab-Fluss durchquerte, der damals wie heute die Grenze zwischen dem besetzten Gebiet und dem Bereich ist, der vom afghanischen Widerstand kontrolliert wird. In Kabul gelang es mir, die Erlaubnis zu bekommen den Bala Hissar zu besuchen, einst Shah Shujahs Festung, jetzt Hauptquartier der Spionageabwehr der afghanischen Armee, wo Berichte über Taliban-Bewegungen ausgewertet werden, mitten im Schrott vernagelter britischer Kanonen von 1842 und umgedrehter sowjetischer T-72 Panzer aus den 80-ern.

Je genauer ich hinschaute, desto mehr schien die erste desaströse Verstrickung des Westens in Afghanistan den neo-kolonialen Wagnissen unserer Tage zu gleichen. Denn der Krieg von 1839 wurde auf der Grundlage zwielichter und zusammengewürfelter Nachrichten von einer nicht-existenten Bedrohung geführt: Nachricht von einem einzelnen russischen Gesandten2 wurden von einer Gruppe ehrgeiziger und ideologie-besessener Falken hochgespielt und frisiert, um Schrecken zu schaffen—in diesem Fall wegen dem Phantom einer russischen Invasion. Wie John McNeill, der britische Botschafter in Teheran, schrieb: „Wir sollten kundtun, dass derjenige, der nicht für uns ist, gegen uns ist … Wir müssen Afghanistan beschützen.“ Dadurch wurde ein unnötiger, teurer und komplett vermeidbarer Krieg verursacht.

Noch erstaunlicher ist, dass Shah Shuja, wie ich erfuhr, ein Popalzai war, aus dem gleichen Unterstamm wie Präsident Hamid Karzai, während sein wichtigster Gegner der Ghilzai-Stamm war, aus dem der Hauptteil der Fußsoldaten der Taliban stammt: der Taliban-Anführer, Mullah Omar, entstammt dem Ghilzaier Herrscherclan der Hotak, wie der befehlende Widerstandskämpfer, Mohammad Shah Khan, der das Massaker der Kabul-Armee im Khord-Kabul-Pass 1841 leitete.

Die Probleme, die dem erniedrigen Rückzug aus Afghanistan vorausgehen, sind unverändert: Alle Kräfte werden in der Verteidigung gebündelt, damals wie heute, die Besetzung ergibt wenig konkrete Zeichen der Verbesserung oder Entwicklung, andersherum, die Präsenz großer Zahlen gut bezahlter ausländischer Soldaten verursacht einen Kostenanstieg der Nahrung und der Lebensmittel, und eine Senkung der Lebensqualität; unter westlicher Besetzung spüren alle Afghanen, dass sie ärmer werden, nicht reicher.

Es gibt noch andere unheimliche Parallelen: in beiden Fällen war der Kriegsaufwand teilweise privatisiert: 1839 gab es neben der eigentlichen britischen Armee Soldaten, die zu einer Gesellschaft, der East India Company gehörten, genau wie die USA heute große Teile der Sicherheit in Afghanistan an Firmen wie Blackstone weitergegeben haben. In beiden Fällen prallen kommerzielle Interessen der Unternehmen und Absichten der Politiker aufeinander.

In beiden Fällen bestand das größte Problem darin, dass der eingesetzte Herrscher sich wehrte, als Marionette zu fungieren, und seinen Sponsoren nach und nach in den Rücken fiel. Vor Kurzem beschrieb Präsident Hamid Karzai die NATO-Truppen als Besetzungsarmee, und drohte, sich den Taliban anzuschließen, falls Washington weiterhin Drück auf ihn ausübte. Shah Shuja tat gegen Ende seiner Herrschaft nahezu dasselbe mit den Briten.

Als ich Rückkehr eines Königs im Januar in Indien veröffentlichte, las Karzai mein Buch innerhalb von vierzehn Tagen und lud mich nach Kabul ein, um über Shujah zu sprechen. Seine Ansicht war, dass die USA ihm antun, was die Briten Shah Shujah 170 Jahre früher angetan hatten: „Die Lügen, die Lord Auckland Dost Mohammed erzählte, dass wir eurem Land nicht in die Quere kommen wollen, ist genau das, was sie uns heute erzählen, die Amerikaner und all die anderen.“ sagte er. „Unsere sogenannten derzeitigen Verbündeten verhalten sich genauso zu uns, wie die Briten es gegenüber meinen Ahnen taten. Sie versuchen genau das zu tun, was sie im 19. Jahrhundert taten.“ Karzai stellte klar, dass er der Meinung ist, dass Shah Shujah seine Unabhängigkeit nicht genügend betonte, und da er seine Lektionen der Geschichte gelernt habe, werde er es niemals zulassen, dass man ihn als Marionette von irgendwem im Kopf behalte.

Wir im Westen mögen die Einzelheiten dieser Geschichte vergessen haben, die so viel dazu beitrug, den Hass der Afghanen auf Fremdherrschaft zu erklären und zu prägen; die Afghanen haben es jedoch nicht: Dorf auf Dorf stellte ich fest, dass die Namen aller Teilnehmer an dem Drama immer noch lebendig sind, als wäre es vor zwei Jahren passiert, nicht vor zwei Jahrhunderten. Zum Teil ist Shah Shuja immer noch ein Symbol für hinterrücksen Verrat in Afghanistan: 2001 fragten die Taliban ihre jungen Männer: „Willst du als ein Sohn Shah Shujas in Erinnerung bleiben, oder als ein Sohn Dost Mohammeds?“

Die Misserfolge von vor 170 Jahren beinhalten immer noch wichtige Lektionen und Warnungen, für uns heute ist es immer noch nicht zu spät, aus den Fehlern des 19. Jahrhunderts zu lernen. Andererseits sieht es so aus, als würde der vierte Krieg des Westens in dem Land mit so wenig politischen Fortschritten enden wie die ersten drei, und wie sie in einen überraschenden Rückzug nach einer demütigenden Niederlage schließen, wobei Afghanistan wieder einmal in Stammeswirren versinkt und recht wahrscheinlich von derselben Regierung beherrscht wird, zu deren Sturz der Krieg ursprünglich geführt wurde.

Wie George Lawrence, ein Veteran dieses ersten Krieges, der während dem Rückzug als Geißel genommen wurde, an die London Times schrieb, kurz bevor Britannien dreißig Jahre später in den Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg stolperte, „eine neue Generation ist in Erscheinung getreten, die, statt aus den ernsten Lektionen der Vergangenheit zu lernen, bereit und begierig ist, uns in die Angelegenheiten dieses unruhigen und kummervollen Landes zu verstricken … Die Katastrophe des Rückzugs aus Kabul sollte den Staatsmännern der Zukunft für immer eine Warnung sein, die Politik, die von 1839 bis 42 so bittere Früchte trug, nicht zu wiederholen.“

William Dalrymple wird über sein neues Buch, Rückkehr des Königs: Die Schlacht um Afghanistan 1839-1842, an Der Asiatischen Gesellschaft, NYC, am 22. April sprechen; bei Politik & Prosa Washington DC am 24. April; Harvard Universität Mahindra Humanities Centre am 25. April; Asia Pacific MuseumPasadena am 2. Mai; The Freer Sackler DC am 3. Mai; und am Metropolitan Museum of Art am 5.Mai.

Alle Einzelheiten unter: www.williamdalrymple.com

Quelle: http://www.thedailybeast.com/articles/2013/04/17/a-war-for-no-wise-purpose-afghanistan-defeats-the-west-again.html

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

1 Siehe „Das Große Spiel“ von Peter Hopkirk 1990 (deutsch 2012) unter:

http://www.thorstenramin.net/Links/DGS-Einleitung.html

2 Siehe „Das Große Spiel“ – Kap.13 „Der mysteriöse Vitkevich“

Schreibe einen Kommentar