Ein Hauch von Amerikas Vergangenheit

28/5/2009

Versteckte Dokumente aus der Kongressbücherei bringen lokale kulinarische Wurzeln und und Traditionen zum Vorschein, die gerade verschwunden waren.

Von Mark Kurlansky für die LA Times

 

Es war ein spannender Moment: Ich war in der Kongressbücherei und beobachtete wie eine Karre näherkam, die vollgepackt war mit dutzenden langweiliger grauer Kisten. Ich wollte sie öffnen, wie eine Zeitkapsel und in die Vierziger Jahre springen, ein Amerika, das die meisten von uns kaum hervorzaubern können. Eine gute Methode unsere eigene Zeit zu verstehen, ist die Vergangenheit zu untersuchen.

Unser Eintritt in den Zweiten Weltkrieg setzte einen unaufhaltbaren Prozess von Veränderungen in Amerika in Gang. Nach 1942 unter den unmittelbarsten Reformen: Die Sozialprogramme wurden eingestellt und ihre Mittel zum Militär umgeleitet. (Wir haben das nie rückgängig gemacht. Als der Krieg beendigt war, hielt die Militärunterstützung an, was uns schließlich unsere unzureichenden Gesundheits- und Bildungssysteme bescherte.)

Unter den ersten Maßnahmen, die eingestellt wurden, war Präsident Theodor D. Rossevelts Stimulanspaket gegen die Depression, die Arbeitsbeschaffungsbehörde (WPA1). Die WPA wies Amerikanern eine breite Auswahl an Projekten zu. Eins davon, das staatliche Autoren-Projekt 2, operierte in 48 Bundesländern und stellte über 4,500 Autoren ein, unter ihnen Studs Terkel, Saul Bellow, Richard Wright, Nelson Algren, Claude McKay, Conrad Aiken, Ralph Ellison, Zora Neale Hurston, Kenneth Patchen, John Cheever und Kenneth Rexroth.

1943, als das WPA eingestellt wurde, hatten diese Autoren eine Million Worte über Amerika veröffentlicht. Es gab mindestens 276 Bücher, einige werden immer noch gedruckt und heute genossen. Insgesamt, Brochüren und Flugblätter mitgerechnet, produzierte diese Gruppe mehr als 1000 Veröffentlichungen.

Nun lagen die seltenen, uneditierten Manuskripte der letzten kreativen Bemühungen des Projekts – das nach Pearl Harbor gestrichen und nie zusammengetragen wurde – in den grauen Kisten vor mir. Diese ehrgeizigen Bemühungen untersuchten die sozialen und gastronomischen Traditionen amerikanischer Esskultur. Romanautoren, Anthropologen, arbeitslose Journalisten, Lehrer, Sekretäre, Schreibkräfte und mittelose Leute, die schon immer schreiben wollten und angewiesen wurden, Rezepte einzureichen, Interviews, Berichte von Festen und Essen, Pfannekuchenfrühstück3 und Hochzeiten, und allem, was sie sonst finden konnten, das irgendwie mit Ernährung und Essgewohnheiten in Amerika zu tun hatte.

Einiges, was die Zeitkapsel zum Vorschein brachte, war ziemlich vertraut: Bereits damals schrieben sie über hohlköpfige Literaturveranstaltungen in New York und Gesundheits-Ernährungstrends in Los Angeles. Auf der anderen Seite gelten die Leute aus Georgia nicht mehr allein als erste Coca-Cola-Trinker. Aber es war eben ein anderes Amerika, in dem eine Italo-Amerikanerin in Neu-England, die über ihre ethnischen Traditionen schrieb, ihren Lesern erklärte, was Ravioli sind.

Was mir zuerst auffiel war, dass die meisten dieser Seiten — von denen viele offenkundig nie gelesen worden waren — auf diesem raschelnden, durchsichtigen Papier getippt wurden, das man onion skin1 (Zwiebelhaut) nennt. Viele waren Kohlepapierdurchschriften – es gab keine Kopierer!

Es gibt andere Dinge, die diese Unterlagen bezeugen, von denen wir froh sind, dass sie sich mit den Jahren verändert haben. Die Zuwanderungsgesetze waren vor dem Krieg wesentlich strenger und das Land war weniger vielfaltig. Die Manuskripte zeigen uns auch einen Süden vor den Bürgerrechten. Wir sollten nicht vergessen, wie das war. Afrikanisch-amerikanische Arbeitskräfte werden nur mit Vornamen ausgewiesen, mit der Unterzeile „ein Neger“. Interviews mit Schwarzen bezeugen eine erstaunlich herablassende Haltung, in einem Ton, als würde der Herr zum Sklaven sprechen. Als Zora Neale Hurston – Autorin von drei Büchern, einschließlich eines vielgeachteten Romans, eine erfahrene Anthropologin mit einem angesehenen Diplom der Columbia Universität – ohne Geld dastand, wandte sie sich an ihren Kollegen, den Columbia-Abgänger Henry Alsberg, der das Autoren-Programm leitete. Alsberg, der einsah das sie besser qualifiziert war als manch anderer Schreiber, sandte sie als Chefherausgeberin nach Florida. Aber für die Floridaner war es undenkbar, dass eine Schwarze die Verantwortung übernehmen sollte und gaben ihr Arbeit auf niedrigster Ebene.

Dennoch, es war ein anziehendes Amerika, wo lokale Traditionen tief verwurzelt waren und wo es keine Highways oder Fast Food gab, und wenige Kühlschränke. Das Essen war frisch und regional und in einem Teil des Landes komplett verschieden von dem in einem anderen. Heutzutage wäre man froh, einem üblichen Kanincheneintopf auf Long Island zu begegnen, einem guten Opossum aus Georgia mit süßen Kartoffeln, Schweinekuchen aus Indiana oder frittiertem Biberschwanz aus Oklahoma. Erst einmal da konnte man einfach die Hauptstraßen entlangfahren und der Reisende einfach anhalten und die Unterschiede von Bezirk zu Bezirk ausprobieren.

Ein Schriftsteller aus Virginia um 1930, Eudora Ramsay Richardson, schrieb: „Wenn der Tourist kein einheimisches Gericht an den Highways vorfindet, dann sollte er an einer Hoftür klopfen und seine Unbill gegen die amerikanische Vereinheitlichung bekunden.“ Scheinbar beschwerten sich nicht genug Leute und, obwohl es jetzt Ansätze gibt, wieder zu regionaler Küche zurüchzukehren, mag es zu spät sein

Von viel größerem Interesse ist, wie viele natürliche Ressourcen wir noch abrufen können. 1940 hatten wir Flüsse an beiden Küsten, die vor Lachs wimmelten; Meerohr-Steak war ein Hauptgericht in San Francisco; die Fischerei in Neuengland boomte mit Kabeljau und Heibutt. Ahorn-Bäume bedeckten den Nord-Osten, und die Sirup-Zeit war so sicher wie die Monate in einem Kalender. Flughörnchen hechteten noch von Nadelbaum zu Laubbaum in den Wäldern der Apalachen, wo sie als Eintopf verzehrt wurden.

Heute ist der Atlantik-Lachs fast ausgerottet, Atlantik-Kabeljau und Hering werden immer rarer, das Meerohr oder die Irismuschel kommen sogar noch seltener vor. Seit den 1970ern ist die Temperatur in unseren süßen Ahorn-Gegend durchschnittlich um zwei bis drei Grad gestiegen und die Sirup-Saison beginnt zögerlich um die fünf Wochen eher als 1940. Es gibt permanent weniger Ahorn-Bäume und Forscher vermuten, dass sie nicht nur vom Klimawandel zerstört werden, sondern auch von saurem Regen, der durch die Umweltverschmutzung entsteht. Das Flughörnchen, das zwischen den Bäumen in den einst gewachsenen Wäldern der Apalachen schwebte, ist fast verschwunden, zusammen mit den Wäldern.

Es ist wichtig sich zu erinnern, daß es eine Zeit gab, die nicht lange vergangen ist, in der die Großzügigkeit der Natur Amerikas unendlich erschien, wo es noch einen Sinn für Wurzeln und Traditionen gab, wo regionales und selbstgemachtes2 Essen keine Bewegungen waren, sondern Lebensmottos, Amerika noch eine Küche (original: cuisine / Anm. des Übers.) hatte und die Regierung in die Kreativität der Leute investierte. Wenn wir auch Fortschritte gemacht haben, ist es dennoch erschreckend zu sehen wie viel wir in nur siebzig Jahren verloren haben.

Mark Kurlansky ist Autor des kürzlich erschienen „The Food of a Younger Land“.

1 Work Progress Administration

2 The Federal Writers Project

3 Wohltätigketsveranstaltung

1 Luftpostpapier

2 sog. slow food

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