Ein Brief aus dem letzten Jahrhundert

Von Patrick Barkham

The Guardian, 22. Dezember 2012

Vor einhundert Jahren schrieb Tim Thorpes Ur-Ur-Großvater einen Brief, der durch die Genera- tionen gereicht werden sollte. Er erweist sich als faszinierender Schnappschuss seiner Zeit

So lange Tim Thorpe zurückdenken kann, wusste er vom “12.12.12”-Brief. Als er in den 1970- ern ein Junge war, sprach seine Familie über die ehrgeizige Mitteilung seines Ur-Ur-Großvaters an Leute, die 100 Jahre darauf „zu mir gehörten“, und schließlich erhielt Thorpe seine eigene Photokopie des handgeschriebenen Briefes. Die Macht von Guy Woods Mitteilung aus dem Grab, geschrieben am 12. Dezember 1912, fasziniert seine Nachkommen weiterhin, und für eini- ge, wie Thorpe, entzündete sie ein Interesse an Geschichte, dass ihre Leben und Karrieren form- te.

„Dies ist die Zeit fliegender Maschinen und Rennautos in ihrer Wiege. Ich versuche mir oft vor- zustellen, wie die Dinge am 12.12.2012 aussehen.“ schrieb Wood, der 51 war und sich dem Ende seines Arbeitslebens als „Chefaufseher“ einer Heilanstalt näherte. „Ich schreibe dies heute, um es zur Seite zu legen, mögen es einige meiner Nachfahren vielleicht lesen.“

Trotz wenig formaler Ausbildung, las Wood begierig Zeitung und sagte ängstlich die Erhebung Deutschlands und die Einführung von „tödlichen Maschinen“ voraus, die Leute zu Tausenden töten würden. Was er nicht vorhersehen konnte, war, dass sein Brief ein geschätztes Erbstück werden sollte, und er wäre erfreut zu hören, dass seine Worte immer noch von seinen Ur-Ur- Großenkeln gelesen werden, als der 12.12.2012 vergeht.

„Es ist auf sehr dramatisch geschrieben und gewährt auf sehr spannende Art einen Einblick in die Zeiten, und es hat wirklich geholfen, mein Interesse an der Geschichte zu wecken.“ sagt Thorpe, 47, der jetzt Kurator im Lynn Museum in Norfolk ist.

„Es ist das Jahr des jemals bekanntesten Schiffswracks.“ schrieb Wood über den Untergang der Titanic. „Von den Erbauern wurde sie wegen ihrer wasserdichten Blöcke als unsinkbar gepriesen, und so spielte die Band ‚Näher, mein Gott, zu dir’ und dann war alles vorbei.“

Anschließend beschreibt Woods Brief wie ein Krieg zwischen „den Balkan-Verbündeten Bulgari – en, Serbien, Montenegro und Griechenland und der Türkei tobt, die sie seit über 500 Jahren unterdrückt haben.“ Dieser Aufstand sollte, das ist klar, mit dem Zerbrechen Jugoslawiens, etwa acht Jahrzehnte später, wieder an die Oberfläche treten.

Interessanterweise machte sich Wood Gedanken, während Masseneinwanderung eine weitere Sorge der edwardianischen Zeit war, über die Folgen von tausenden englischer Leute, die „jede Woche nach Kanada, Australien oder Neuseeland“ emigrierten, was ihn um die Zukunft seines Landes im Jahre 2012 fürchten ließ. „Ich vermute, England wird immer noch existieren, obwohl es manchmal so aussieht, als würden wir von Deutschland oder einem anderen Land aufgesaugt werden, so wie sie ihr Geld für Kriegsschiffe ausgeben, sowohl zu See und Luft.“

Woods eigene Ansichten über die Sinnlosigkeit des Krieges sind klar. „Mir kommt es vor, als ver- wenden Ärzte Geld und Zeit, um zu versuchen Leben zu retten und zu heilen. Andere erfinden Waffen und verschiedene tödliche Maschinen, um Leute zu Tausenden umzubringen, nur um Gier und andere zu besiegen.“ schrieb er.

Wie Thorpe bemerkt, bezieht sich sein Brief auf HG Wells’ ‚Krieg der Welten’, das 14 Jahre vor – her veröffentlicht wurde. Wie Wells war Wood ein Sozialist und las den ‚Daily Herald’, eine neue Tageszeitung für Arbeiter. Nichtsdestotrotz, ist es äußerst ungewöhnlich, dass sich jemand hin- setzt und sich ernsthaft Gedanken um eine Zeit in hundert Jahren macht, einen Brief an Leute schreibt, die noch nicht einmal geboren sind, selbst in einer Zeit großer Unsicherheit, als Autoren die erste Science Fiction erfanden. Was verlockte Wood das zu tun?

„Irgendwie wollte er seine Ängste und Sorgen zu Papier bringen, und so tat er es. Tat er es aus ei- nem Gefühl der Enttäuschung und seiner Machtlosigkeit heraus, diese großen Geschehnisse zu verhindern?“ sagt Thorpe. Der Brief offenbart wie historische Vorgänge die Wahrnehmung eines einfachen Arbeiters verändern können, aber er offenbart nichts über Woods persönliches Leben. Und doch, indem er seinen Brief schrieb und ihn über die Generationen weitergab, tat er etwas, das jeder von uns tun könnte, aber nicht tut – und zeichnete sich als wahrhaft bemerkenswerter Vorfahr aus.

Seine Nachkommen wissen relativ wenig über ihn, außer, dass sein Leben von Verlust geprägt war. 1861 in Batley, Yorkshire geboren, heiratete Wood Sophia, jedoch vier ihrer Söhne, die ein Zimmer teilte, starben an TBC. Nach dieser Tragödie zog die Familie nach Süden und Wood be- kam eine Arbeit in der Cane Hill-Anstalt (neuerdings ein Krankenhaus) in Surrey. Seine Tochter, Florence, überlebte, sowie ein Sohn, Harry, der die Schule mit 11 verließ und ein Dienstjunge in Cane Hill wurde. Es scheint, seine Eltern sorgten sich weiterhin, er würde der TBC anheim fal- len, und er wurde ermutigt in wärmeren Gefilden zu arbeiten, auf einem Kreuzschiff – wo er die Geige spielte – als er 17 war. Später wurde Harry das erste Labour-Landratsmitglied in Essex.

Wünscht sich Thorpe, sein Ur-Ur-Großvater hätte eher Persönliches von seiner Familie geschrie- ben? „Er betrachtete das wahrscheinlich nicht als wichtig – er prahlt nicht mit seinem eigenen Leben,“ sagt er. „Auf manche Art ist es persönlich, darin sind seine Hoffnungen und Ängste sehr gut ausgedrückt.“ Tatsächlich, konnte Wood in seinem Leben viele der logischen Schlüsse der Tendenzen, die er 1912 erkannte, noch sehen. Nachdem seine Frau starb, entscheid Wood, sein Sohn Harry und seine Familie sollten sich um ihn kümmern. „Meine Babysitterin erinnert sich, wie er am Vordereingang auftaucht, komplett mit einer riesigen Kiste Klavier- und Geigenmusik, und sagte, ‚Ihr müsst euch jetzt um mich kümmern,’“ sagt Thorpe.

Seine Mutter Daphne erinnert sich, dass Wood, als sie in den 40-ern ein Kind war, eine Haujacke und einen Fez trug, und in ruhmvoller Einsamkeit im Wohnzimmer ihres Großvaters wohnte, wo er sein Mahlzeiten einnahm und seine Pfeife rauchte. Vor Mittag- und Abendessen, wurde Daphne gesagt, zu ihrem Ur-Großvater zu gehen und mit ihm zu sprechen. „Sie schwatzte rasch

mit ihm bevor er zu Abend aß.“ sagt Thorpe. „Ich denke er war bereits ein mürrischer Alter Mann – er war in den 80-ern.“ sagt Thorpe. Wood starb 1946 im Alter von 85.

Woods Brief veranschaulicht die Veränderungen eines Jahrhunderts, aber demonstriert auch die große Unveränderlichkeit der menschlichen Natur und unsere unveränderlichen Hoffnungen und Ängste. Seine Bemerkungen beweisen ebenso, wie schwer es ist zu wissen was geschehen wird. Wahlrecht für Frauen ist ein „großes Getöse“, bemerkte er, in dem sich „hunderte Frauen ver- sammeln und Scheiben einschmeißen und andere Schandtaten absichtlich begehen.“ Im Nach- hinein scheint die politische Befreiung der Frau unvermeidbar, aber Woods Urteil – „Ich weiß nicht ob sie stimmen dürfen oder nicht“ – zeigt, dass es zu der Zeit alles andere als eine vorher- bestimmter Schritt war. Thorpe las Woods Brief zuerst, als er ein Kind war. „In den 70-ern, wenn wir an 2012 dachten, stellten wir uns eine Arthur C Clarke-Welt der Weltraumerkundung und Science Fiction vor.“

Thorpe kennt keine anderes Familien-Manifest seines Ur-Ur-Großvaters, bis auf eine Photo- graphie, aber Woods Faszination vor der Zukunft, und das Fenster, das er in die Vergangenheit schuf, ist ein andauerndes Vermächtnis. Daphne wurde Geschichtslehrerin und Thorpe sagt, der Brief habe seine Faszination für moderne Geschichte erweckt, die er an der Universität studierte, bevor er sich für eine Museumskarriere entschied.

Thorpe ist sicher, daß der Brief seines Ur-Ur-Großvaters weitere 100 Jahre überleben wird, und er und seine beiden Brüder ihn an ihre Kinder weiterreichen. Hat Thorpe es erwogen, seine eige- ne aktualisierte Version zu schreiben? „Wo sollst du anfangen? Wie stellt man sich das Leben in 100 Jahren vor? sagt er.

„Es ist erstaunlich diese direkte Verbindung zu ihm zu haben, sonst wäre er nur ein Name auf ei- ner Liste. Jetzt wird man immer an ein wirklich lebendiges menschliches Wesen denken, der sehr nachdenklich und bedacht war, und uns diese direkte Verbindung in die Vergangenheit gesandt hat. Ich bin so dankbar. Wir spüren, dass es wirklich ein Geschenk für uns ist, seine Ur-Ur- Großenkel. Es ist so eine bezaubernde Nachricht.“

Quelle: http://www.theguardian.com/lifeandstyle/2012/dec/22/letter-from-a-century-ago

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