Du bist da von Anne Fadiman

Du bist da

Am 12. November 1838 brach Thomas Babington Macaulay in einer Pferdekutsche von Florenz nach Rom auf. „Mein Weg lag auf dem Feld von Trasimene,“ schrieb er in sein Tagebuch,, „und sobald die Sonne aufging, las ich Livius’ Schilderung des Schauplatzes.“

Genau als ich den Satz las, wusste ich, dass Macaulay und ich vom gleichen Schlag waren. Natürlich habe ich niemals das indische Bildungssystem reformiert, war nie im Unterhaus, oder habe eine fünf-bändige Geschichte von England geschrieben, aber das sind belanglose Kleinigkeiten. Er wäre bestimmt einverstanden, dass wir einander da ähnelten, wo es darauf ankam: Wir waren beide beinharte Anhänger dessen, was ich Du-bist-da-Lesen nenne, die Gewohnheit, Bücher an den Orten zu lesen, die sie beschreiben.

Die Entdeckung unserer gemeinsamen Leidenschaft war besonders erfreulich, weil Macaulay der vielleicht größte Leser aller Zeiten war. Er begann im Alter von drei Jahren zu lesen, und starb mit neunundfünfzig mit einem offenen Buch vor sich, und dazwischen, bemerkte sein Neffe, las er Bücher „schneller als andere sie überfliegen, und überflog sie so schnell wie andere die Seiten umgeschlagen bekommen.“ Besonders gerne las er auf Reisen. Er las Bulwer Lyttons Alice während er über die Sümpfe der Pontine ging, Platon während er durch die Heide bei Tunbridge Wells streifte, und unzählige Bücher während er flink, und offenbar ohne Zusammenstoß, durch die vollen Straßen von London kurvte. Während er nach Indien segelte las er Homer, Vergil, Cäsar, Horaz, Petrarca, Ariost, Tasso, Bacon, Cervantes und alle siebzig Bände von Voltaire. Das ist eine Auswahl. „Welch ein Segen es ist, Bücher zu lieben wie ich es tue,“ schrieb er an einen Freund, „fähig zu sein, sich mit den Toten zu unterhalten und mitten im Unreellen zu leben.“

Als er Livius in Trasimene las — natürlich in Latein — erreichte Macaulay so etwas wie doppelten Wortwert, dessen besonderer Schauer jeder wieder erkennt, der oder die schon einmal Wordsworth in Grasmere, Gibbon in Rom oder Thoreau bei Walden gelesen hat. Trasimene, ein See im Osten Etruriens, war der Ort des schlimmste Schlamassels der römischen Militärgeschichte. 217 v. Chr. hatte Hannibal, der den einzigen überlebenden von achtunddreißig Elefanten ritt, die sich im Vorjahr auf den Weg über die Alpen gemach hatten, die römischen Legionen besiegt, angeführt vom Konsul Gaius Flaminius, in der zweiten großen Schlacht des Zweiten Punischen Krieges. Es war ein klassischer Hinterhalt. Während sie  am Morgen durch den engen Pass marschierten, mit steilen Bergen auf der einen Seite und dem See auf der anderen, wurden die Römer gleichzeitig von vorne, von hinten und von der linken Flanke von Strömen karthagischer Infanteristen angegriffen, die von einem dichten, tief liegenden Nebel verborgen wurden. Die Römer, die nicht in Stücke gehackt wurden, landeten im See, wo viele unter dem Gewicht der Rüstung versanken. In drei Stunden starben 15 000 Römer.

Als ich Livius’ Beschreibung der Schlacht nachschlug — es ist Buch XXII über die Geschichte der Römer, das er etwa zweihundert Jahre nach Flaminius’ Niederlage schrieb —erwartete ich trockene Kost. Nun ja. Auf Seite fünf saß ich an der Stuhlkante; auf der zehnten hatte sich meine Herzfrequenz offenkundig erhöht. Und ich las in meinem Wohnzimmer. Ich hatte vergessen, wie unglaublich blutrünstig, mitreißend und innig der Kampf war bevor Feuerwaffen erfunden wurden, als man, um seinen Feind zu töten, nah genug sein musste um ihn mit deinem Schwert zu erstechen oder ihn mit deinem Speer zu durchlöchern — Der Nebel war so dick, dass die Ohren mehr nützten als die Augen.“ schrieb Livius,

und das Stöhnen der Verwundeten, und der Klang von Hieben auf Körper und Rüstung und die vermischten Rufe und Schreie der Angreifer und Angegriffenen ließ (die Römer) umdrehen und um sich blicken, jetzt hierhin und nun dorthin … Als offenbar wurde, dass ihre einzige Hoffnung auf Sicherheit in ihren Armen und ihren Schwertern lag, übernahm jeder Mann selbst das Kommando und trieb sich selbst zur Handlung an … Und derart war die Raserei ihres Ansporns, und so vereinnahmt waren sie in den Kampf, dass ein Erdbeben, das stürmisch genug gewesen wäre um große Teile der Städte in Italien aus dem Weg zu räumen, Stromschnellen aus der Richtung zu bringen, das Meer die Flüsse hoch zu tragen und Berge mit großen Erdrutschen umzuwerfen, von den Kämpfern nicht einmal wahrgenommen worden wäre.

Zweitausend und fünfundfünfzig Jahre später, schrieb Macaulay, „Ich war genau in der Lage des Konsul Flaminius — komplett verborgen im Morgennebel … sodass ich getreu sagen kann, was die römische Armee an dem Tag sah.“ Er war in Trasimene nicht nur zur Stunde der ursprünglichen Schlacht angekommen, sondern auch in derselben Witterung! Als seine Kutsche die Berggipfel erreichte, über dem Nebel, hatte er, wie Hannibal, eine klare Sicht des Schauplatzes. „Ich verstand den enormen Vorteil, den Hannibal daraus zog, dass er seine Divisionen auf den Anhöhen ließ, wo er sie alle sehen konnte, und wo sie sich gegenseitig sehen konnten, während die Römer sich, ohne Möglichkeit der Abstimmung, durch den dicken Dunst darunter tasteten und stolperten. Haec est nobilis ad Trasumennum pugna. So war die berühmte Schlacht von Trasimene. So war Macaulays Unterhaltung mit den Toten.

Was macht das Du-bist-da-Lesen für uns Anhänger so viel spannender als das Du-bist-irgendwo-anders-Lesen? Ich glaube, das Auge des Gedächtnisses ist nicht wortgetreu genug für uns. Wir wollen in die Seiten hineingehen, so wie Woody Allens Professor Kugelmass in Madame Bovary hineinlief, was eine Flut gelehrter Verwirrung über den kahlen New Yorker in Freizeitkleidung auslöst, der plötzlich auf Seite 100 auftaucht. Gelingt das nicht, kommt es Macaulays Leben „mitten im Unreellen“ am nächsten, an den physischen Standort des Buches zu gehen. Zum Beispiel, Steinbeck in Monterey zu lesen, bringt’s nicht; wir müssen ihn auf der Cannery Row lesen. Selbst diese Hintertür ist nicht perfekt, denn Cannery Road hat sich in einem halben Jahrhundert mehr verändert als Thrasimene in zwei Jahrtausenden, und die Einzelheiten auf der Seite passen nicht mehr zu den Details vor deinen Augen. Die vollkommene Du-bist-da-Erfahrung verlangt von uns, wie Macaulay, genau das zu sehen was der Autor beschrieb, sodass alles was wir tun müssen, um die eidetische Schwelle zu überschreiten, ein wenig schielen ist.

Ich habe nie die sinnliche Realistik meines Freundes Adam erreicht, der einst neun Bücher der Odyssee las, auf Griechisch, in einer Höhle, die die des Zyklopen sein soll, eine sizilianische Grotte, die homerisch nach Schafscheiße duftet. Aber ich habe Yeats in Slogo, Isak Denison in Kenia und John Muir in der Sierra gelesen. Aber in meiner tollsten Du-bist-da-Stunde habe ich die Tagebücher von John Wesley Powell gelesen, dem einarmigen Bürgerkriegsveteranen, der die erste Expedition den Colorado-Fluss hinunter leitete, während ich an Granitstromschnellen am Boden des Grand Canyon campte.

In einem wichtigen Punkt habe ich Macaulay geschlagen. Alleine auf seiner großen Reise hatte er niemanden mit sich um die Begeisterung über Trasimene zu teilen, außer dem Schatten des Livius. Im Grand Canyon hatte ich George. Es war unser erster gemeinsamer Urlaub und er war voller Enthüllungen: dass George Angst vor Mäusen hatte; und ich nie wandern ging, ohne mein rosa Kinderkissen; dass wir beide Nacktbaden in Wasser liebten, das so kalt war, dass wir Kopfschmerzen davon bekamen.

Allein an einem nahezu karibisch weißen Strand, von Abhängen aus schwarzem Schiefer umgeben und rosanem Granit, hatten George und ich uns gegenseitig das Haar im Colorado gewaschen und waren dann neben die aufgewühlten Wellen umgezogen, mit Die Erkundung des Colorado-Flusses und Seiner Schluchten. „G. liest Powell vor,“ schrieb ich nachts bei Kerzenlicht in mein Tagebuch, „das Buch auf den nackten Beinen. Erstaunt von Powells Ausrüstung und Essen zu hören, und wie schwer es für ihn war die Stromschnellen zu meistern, mit den Stromschnellen direkt vor uns!!“ Da war eine Gravierung von Granite Rapids in dem Buch. Nichts hatte sich verändert.

„Wir sind jetzt bereit uns auf den Weg ins große Unbekannte zu machen.“ las George, „Unsere Boote, angebunden an einen gemeinsamen Pfahl, scheuern aneinander als sie in den unruhigen Fluss gestoßen werden … Wir müssen immer noch eine unbekannte Entfernung überwinden, einen unbekannten Fluss erforschen. Welche Wasserfälle es gibt, wissen wir nicht; welche Felsen den Kanal besetzen, wissen wir nicht; welche Wände sich über den Fluss türmen, wissen wir nicht.“ Zu der Zeit wussten wir nicht, das dies mit die berühmtesten Sätze der Expeditionsliteratur sind. Wir dachten, wir hätten sie entdeckt. Ich bin dankbar für unser Unwissen, genauso wie ich dankbar dafür bin, dass ich nicht wusste, dass Powells Tagebücher aus den kargen Notizen zusammen gedengelt wurden, die er während der Expedition auf braune Papierstreifen gekritzelt hatte, überlagert mit Eindrücken von einer zweiten Reise zwei Jahre später, außerdem überlagert von zweimaligen Überarbeitungen.

Mit einer Stimme, die über dem Röhren der Gischt kaum zu hören war, las George von Drehungen in Strudeln, gegen Felsen schlagen, Kentern in Wasserfällen, Essen verlieren und Ruder und Waffen und Barometer und Decken und ein ganzes Boot. Auf den schlimmsten Abschnitten, einschließlich der Stromschnellen zu unseren Füßen, konnte Powell weder nach rechts noch nach links, konnte nicht abbremsen, konnte nicht heraus, konnte nichts tun als sich an dem Lederriemen festzuhalten, den er am Schandeck befestigt hatte, und seine leckende Dory reiten wie ein bockendes Wildpferd. Jahre später, als ich Livius las, war ich davon gefesselt wie sehr Powells adrenalin-getränktes Durcheinander den Soldaten in der Falle des Engpasses von Trasimene ähnelte. Wer durch Granite Rapids karamboliert, würde auch niemals ein Erdbeben bemerken.

„Im Regen ist es heute nacht besonders kalt.“ las George. „Unsere kleine Leinwand ist vermodert und nutzlos; die Gummiumhänge, mit denen wir aus Green River City aufbrachen, sind alle verloren gegangen; mehr als die halbe Gruppe hat keine Hüte, keiner von uns hat eine komplette Kleidergarnitur, und wir haben nicht eine einzige Decke … Wir sitzen die ganze Nacht zitternd aufrecht auf den Felsen.“ Das war die Nacht des 17. August 1869. Powell und seine Männer hatten gerade Granite Rapids erreicht. Als die Sonne am südlichen Rand unterging, kuschelten George und ich uns in Propylen und Goretex. „Für uns nur die Illusion der Gefahr und Entdeckung.“ schrieb ich, „Für Powell das echte Ding.“

Das ist der Trick: es ist immer die Illusion, nie das echte Ding. Dachte ich bis zum vergangenen Jahr. George und ich haben jetzt zwei Kinder, und unsere Abenteuer sind näher zuhause. Als unsere Tochter vier war, nahm sie ihre Ausgabe von Eloise mit zum Tee im Plaza Hotel. Macaulay kämpfte nie in Trasimene. Ich habe nie den Colorado befahren. Aber Susannah hat sich wirklich hinter den roten Samtgardinen des großen Tanzsaals versteckt, ist den Korridor auf der fünfzehnten Etage heruntergebrannt, und ihr wurde schwindelig in der Drehtür mit dem IP darauf. Als wir in den Palmenhof kamen, öffnete Susannah ihr Buch auf Seite 40. Ihre Augen huschten hin unrund her zwischen der Platte mit dem Gugelhupf auf dem dreistufigen Tisch auf dem Bild und der Platte mit dem Gugelhupf auf dem dreistufigen Tisch vor ihr. Sie sagte kein Wort. Ich wusste was sie dachte. Sie war da.

Anne Fadiman, Ex Libris