Die weitreichenden Auswirkungen der Einnahme von Kunduz

Financial Times 01. Oktober 2015

Ahmed Rashid

Die Einnahme der nördlichen afghanischen Stadt Kunduz durch die Taliban ist ein katastrophaler Schlag für die bedrängte Regierung von Präsident Ashraf Ghani, der seit einem Jahr im Amt ist. Doch für die Region hat sie noch viele weitere Folgen.

Es ist ein bezeichnender Rückschlag für die USA und die NATO, die viel Blut und Geld gelassen haben, um Afghanistan seit 2001 zu sichern, aber die meisten ihrer Kräfte dieses Jahr zurückzogen, trotz klarer Warnzeichen, dass die Lage im Norden sich verschlechterte. Es sind noch immer 9800 US- und NATO-Angestellte im Land, und Präsident Barack Obama hat versprochen, sie im nächsten Frühjahr abzuziehen.

Es wird Mullah Akhtar Mohammed Mansour stärker machen, den neuen Taliban-Chef, und die Vereinigung der Aufständischen unterstützen, die sich wegen interner Streitigkeiten uneins waren, nachdem er im letzten Monat gewählt wurde. Seine Rivalen können nun kaum anders als seine Führerrolle anerkennen. Geplante Friedensgespräche zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung sind gefährdet.

Doch die größe Bedrohung besteht für Zentralasien und das westliche China. Kunduz grenzt an beide Gegenden und könnte zur Drehscheibe für Kämpfer aus Zentralasien werden, die den Taliban dabei halfen, die Stadt zu erobern. Hohe Vertreter in Zentralasien sagen, die Aufständischen und ihre Verbündeten stellten die größte Gefahr für die Stabilität dort dar.

Als wenige hundert Taliban zum Sonnenaufgang am 28. September nach Kunduz vorstießen, trafen sie auf wenig Widerstand von den geschätzten 7000 Regierungstruppen, die dort stationiert sind. Bis zum Mittag hatten sie die halbe Stadt eingenommen, hunderte aus dem Gefängnis befreit, Banken, Regierungsgebäude und Büros der UN sowie des Roten Kreuzes ausgeplündert, und die erste Taliban-Verwaltung in einer großen afghanischen Stadt eingerichtet, seit ihrer Niederlage durch US-Kräfte 2001.

Dennoch war der Schritt keine Überraschung. Die Taliban beherrschten schon das ganze 70 Prozent der Provinz Kunduz und im Juni führten sie einen gescheiterten Angriff auf die Stadt mit geschätzten 300 000 Menschen. Seitdem saßen ihre Truppen in Dörfern nur ein paar Meilen entfernt von der Stadt Kunduz, aber die afghnscihe Armee, die Polizei und lokale Regierungsmilizen versuchten keine Gegenoffensive. Westliche Geheimdienstinformationen gab es nur vereinzelt und es gibt keine komplett ausgerüstete Luftwaffe in Afghanistan.

Die Auswirkungen von Kunduz werden wahrscheinlich in der gesamten Region zu spüren sein. Vertreter westlicher und zentralasiatischer Geheimdienste und Diplomaten stimmen überein, dass viele Kämpfer der Taliban keine Afghanen sind. Es sind Usbeken, Tadschiken, Turkmenen, Kirgisen und Kasachen aus den fünf zentralasiatischen Republiken, die in ihren eigenen Gruppen für die Taliban gekämpft haben, wie der Islamischen Bewegung von Usbekistan, der Islamischen Dschihad Union und Jamaat Ansarullah. Es gibt auch Tschetschenen und Dagestaner aus dem Kaukasus und Uiguren – chinesische muslimische Kämpfer, die unter dem Banner der Islamischen Bewegung Ost-Turkestan kämpfen, jedoch versuchen ihre Heimat in der Provinz Xinjiang aus der Kontrolle durch Peking zu befreien. Es gibt auch Elemente von al-Qaida, dem Islamischen Staat des Iraks und der Levante (ISIS) und pakistanische Kämpfer.

Seit einem Jahrzehnt waren diese Kämpfer in den Stammesgebieten zwischen Afghanistan und Pakistan ansässig. Operationen der pakistanischen Armee haben diese Gotteskrieger seit Juni 2014 nach Afghanistan hineingedrängt. Die afghanische Armee versuchte nicht sie aufzuhalten. Innerhalb von Monaten hatte sie sich neu aufgestellt um strategische Gebiete im Norden und Osten Afghanistans zu erobern. Ihr großes Ziel ist Zentralasien zu erobern und dort ein Kalifat zu errichten.

Kunduz bietet den Taliban und ihren Verbündeten eine ideale Basis um Kämpfer auszusenden, Sprengstoff und Geld um China und Zentralasien zu destabilisieren. Russland, das 7000 Soldaten im südlichen Tadschikistan stationiert hat, wäre in die Sache verwickelt, zusammen mit China. Die Gefahr eines zunehmenden Terrorismus und eines breitflächigeren regionalen Konflikts wird steigen. Die Einnahme von Kunduz passt strategisch zu jüngeren Eroberungen der Taliban der nord-östlichen Provinzen von Badakhshan, Kunar und Nuristan. Die grenzen an Pakistan und China, und bieten Zugang zu Tadschikistan und Zentralasien. Bereits jetzt fließen Kämpfer, Drogen, Geld und Waffen uneungeschränkt über Grenzen.

Die USA und die NATO zeigen wenig Interesse an der Erhaltung einer Präsenz in dieser brisanten Region. Russland und China haben riesige Armeen, sind aber schlecht ausgerüstet um sich mit Terrorismus und langanhaltendem Guerilla-Krieg hier zu beschäftigen. Noch können alle vier Großmächte militärisch und diplomatisch zusammenarbeiten, um Afghanistan stärker zu machen und Zentralasien sicherer. Bevor der Region nicht größere Aufmerksamkeit geschenkt wird, können wir mit weiteren Taliban-Eroberungen rechnen.

Der Verfasser ist Autor mehrerer Bücher über Afghanistan, Pakistan und Zentralasien, zuletzt „Pakistan am Abgrund“.

Der Übersetzer hat mehrere Bücher ins Deutsche übertragen, u.a. „Das Große Spiel“ von Peter Hopkirk. Geplant ist die Übersetzung von „No Good Men Among The Living“ von Anand Gopal.

Quelle:http://www.ft.com/intl/cms/s/0/fe63aac2-6750-11e5-a57f-21b88f7d973f.html#axzz3niKGJEHs

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin