Die vergessene Art des schickeren Schauspiels

Wayne Curtis

Chargendarsteller

von W.C. Fields bis John Belushi, Auf- und Abstieg des derbleckenden Säufers im Fernsehen und Film

Leevde Frounsmönschen un Kerls, ich darf Ihnen Jack Norton vorstellen! Er muss natürlich nicht vorgestellt werden. Der in Brooklyn geborene Schauspieler trat in bemerkenswerten 184 Filmen auf, während seiner glorreichen Karriere, mitunter Calling All Cars, Thanks for the Memory, und die Palm Beach Story. Er war bei seinen Fans in den 1930-ern und 40-ern durchweg beliebt. „Alles was er tun muss, ist durch die schwingende Tür torkeln und das Publikum lächelt fröhlich.“ schrieb ein Kritiker 1944.

Außer, natürlich, dass Jacke jetzt wirklich vorgestellt werden muss. Ich bin recht sicher, sie haben nie von ihm gehört. Er war ein Charakterdarsteller, und die Person war, unabhängig vom Film, immer ein Betrunkener. Er spielte zahlreiche Statistenrollen in Filmen, vielfach verlieh er einem gesellschaftlichen oder anderen Skandal komische Auflockerung, und war unverzüglich an seinem Menjoubärtchen (Dalì) und eleganten Anzug zu erkennen. Preston Sturges, ein berühmter Regisseur von Slapstickkomödien, liebte es ihm ein paar Augenblicke auf dem Bildschirm und eine Zeile oder zwei zu überlassen, wobei er als eine Art Lückenbüßer diente. Nortons bemerkenswerteste Rolle? Der durchnässte Filmregisseur mit dem herrlichen Namen A. Pismo Clam, in dem W.C. Fields-Film von 1940, Der Bankdetektiv (The Bank Dick).

Etwa ein halbes Jahrhundert — von der Außerkraftsetzung 1933 bis in die 1980-er — hatte jede Generation ihren eigenen Film- oder TV-Säufer. (Betrunkene hatten Gastauftritte im Vaudevilletheater, aber sie beeinflussten die Popkultur nicht wie spätere Akteure.) Statistentrinker waren der Hofnarr, derjenige, der alle zum Lachen brachte indem er einfach auftrat.

W.C. Fields war unter den Pionieren — Ich habe hier die These vertreten, dass er der Schauspieler war, der es nach der Prohibition wieder sozial vertretbar machte zu trinken. Fields war auf aufbrausende Art charmant, und ebnete den Weg für den umfallenden Saufbold, der für mehrere Jahrzehnte zu einem Bild Hollywoods wurde.

Arthur Housman kam nach Fields, und wie Norton, erschien er in Dutzenden Filmen, fast immer als ein liebenswerter Trunkenbold. Dann kam Norton, der seine Last als Nationaltrinker bis in die frühen 1950-er trug. In den 1960-ern wurde der Stab an Hal Smith weiter gereicht, der Schauspieler, der Otis Campbell spielte, den stadtbekannten Alki in The Andy Griffith Show zwischen 1960 und 1968. Er taumelte in ungelegenen Momenten besoffen herein, anschließend schloss er sich in eine Zelle ein um darin seinen Rausch auszuschlafen. Seine schrulligen, trinkgesteuerten Halluzinationen waren immer gut für ein paar Lacher.

Die Rolle wurde dann von dem Komiker Foster Brooks übernommen, der häufig „der liebenswerte Trinker“ genannt wurde. Er war eine der Säulen des Fernsehens und der Nachtclubs, vielleicht am besten bekannt durch seinen Auftritt in The Johnny Carson Show und Dean Martins Verspottungen (dem Derblecken) der Promis, wobei es ihm gelang seinen polternden Bariton mit verschiedenen kleinen Rülpsern zu verflechten, beiläufigen Fehlbetonungen und ewigen Wiederholungen, was hinauslief auf eine mehrstimmige Symphonie der Torheit. Man könnte meinen, dass die Wiedergabe eines Betrunkenen eine einfache Rolle für einen Schauspieler wäre. Geh ein wenig wackelig, lall ein paar Worte und fertig ist der Lack. Dennoch, man denke an all die nicht überzeugenden Trinker, die man im Fernsehen und auf der Bühne gesehen hat, ganz zu schweigen unter deinen Freunden, die denken, ihr betrunkenes Spiel sei makellos. Ist es nicht. Alle Teile müssen perfekt passen, oder das Spiel geht in die Binsen.

Jack Norton war die Meryl Streep der liebenswerten Trinker. Er studierte seine Rollen und vereinnahmte sie, dann traf er es jedes Mal, sein königliches Gebaren einstudiert erbracht ohne königliches Gelage.

„Kein Säufer ist vor mir sicher.“ sagte er einmal, und beschrieb damit wie er Betrunkene studierte. „Ich setze mich auf einen Stuhl und beobachte den anderen Kerl im Spiegel.“ Sah er einen Säufer die Straße herunter eiern, folgte er ihm mehrere Blocks, sammelte Bewegungen, die er für sein Spiel gebrauchen konnte.

Norton sagte nach einer Dekade des Studiums von Betrunkenen, er könne sie in fünf Typen unterteilen: „diejenigen, die verzweifelt darum kämpfen, Würde zu bewahren; diejenigen, die Streit suchten; diejenigen, die in Verwirrung fallen; diejenigen, deren Glückseligkeit übersprudelt; und die, die zu absoluten Wracks werden.“

Einige der Anzeichen: der gediegene Trinker geht sehr vorsichtig, redet sehr langsam und fährt fort in Dornenbeete an Worten auszuschweifen, wie „Ich bin reichlich breim wie ein Eiter und je trunkener ich stehe, desto länger werde ich.“ Dem verwirrten Zecher „sind die Beine unsicher und er hat allen möglichen Ärger mit Türen und Aufzügen und komischen Frauen.“ Den stürmische Trinker zu spielen war die schwerste (und seine unliebste) Rolle: „Er ist der Junge, der der den anderen Jungs die Getränke unter der Nase wegmopst. Er hat Probleme sich zu konzentrieren, und sein Gespräch ergibt keinen Sinn.“

Nortons bevorzugte Rolle war die des glückseligen Trinkers. Wie ein Kritiker es zu der Zeit beschrieb: „Norton fängt wundervoll an zu glühen, ihn umgibt eine diesige Ausstrahlung von Glückseligkeit und Wohlgefallen, ein Gestus einfältiger Kameradschaft, so hell und hämorrhagisch wie die sinkende Sonne.“

Foster Brooks war ein weiterer, der seine Kunst feinschliff, und ich habe lange über seine Rolle nachgesonnen. Anders als Norton, findet man ihn auf YouTube ganz einfach. Aber wie Norton hatte er verstanden, dass es den archetypischen Trinker nicht gibt, und jeder der Typen entwickelte sich im Laufe eines Abends von tollpatschig zu rotzevoll. Er musste einen wählen und einen Anknüpfpunkt finden.

Jack Nortons Zecher, sagte Brooks einmal, „fiel besoffen um. Mein Kerl ist nicht so. Er ist nicht unangenehm.“

Brooks Figuren hielten sich eher an den wonnigen Trinker, nach Nortons Typologie. „Ich stelle mir den Betrunkenen wie einen Lieblingsonkel vor, der niemanden etwas tut.“ sagte Brooks einst. „Er ist der Mann, der gerade einen zu viel hat und sein Bestes tut, es niemanden wissen zu lassen. Er versteht wirklich nicht, worüber die Leute lachen. Der Betrunkene findet nicht, dass er lallt. Er denkt, er hält die Leute zum Narren.“

Brooks Spiel war so raffiniert, dass er häufig Leute täuschte, die das nicht kannten. Wenn er auf der Bühne oder im Live-Fernsehen erschien, dachte man unweigerlich er sei ein alltäglicher Schauspieler, der hinter der Bühne eine Stärkung zu viel zu sich genommen hatte, und dann auf der Kante ihres Stuhls saßen um zu sehen ob er es durchhielt. Einer seiner ersten Auftritte als Säufer war in der Perry Como Show, wo man ihn als 

Filmproduzenten vorstellte, dessen Beruf darin bestand, große Leinwandfilme für den kleinen zu bearbeiten. (Seine bekannteste Arbeit, gab er an, seien „Die drei Gebote“ gewesen.) Bald darauf übernahm er ernstere Rollen, die das Publikum zweifellos enttäuschten, das erwartete, dass er wankte un lallte.

Dafür berühmt, betrunken zu sein, war das Kreuz, das er trug. „Leute kommen auf mich zu und tun so als seien sie dicht.“ erzählte er 1976 einem Journalisten. „Ich weiss nicht genau, was sie von mir erwarten. Sollte ich lachen, oder sollte ich sagen dass das er einen besseren Trunkenbold gibt als ich, oder was?“

Die Zeit des komischen Säufers begann sich in den 1970-ern dem Ende zuzuneigen. Das Jahrzehnt ging los mit der Ratifizierung des Gesetzes gegen Alkoholmissbrauch und Alkoholismusprävention und dem Rehabilitationsgesetz, und endete mit mit der Gründung von Mütter gegen betrunkenes Fahren. Alkoholismus wurde immer mehr als Krankheit betrachtet, und sich über Krankheit lustig zu machen bedeutete eine rote Linie der Gesellschaft zu überschreiten.

Öffentliche Zecher tauchten immer noch auf der Mattscheibe auf – John Belushi in Animal House (1978), Dudley Moore in Arthur (1981), Kate Hudson in Almost Famous (2000) –  aber die Trunkenheit war fester Bestandteil einer eher detaillierten Rolle. (Kiffer nahmen zur gleichen  Zeit nachvollziehbar die Aufgabe des komischen Konterparts. Mann denke an:  Cheech und Chong’s Up in Smoke von 1978; Sean Penn in Fast Times at Ridgemont High von 1982). In der Wiederbelebung von Andy Griffith 1986 von Return to Mayberry war sogar Otis trocken und fuhr einen Eismannauto.

Die Zeit der betrunkenen Chargendarsteller war vergangen. Wenn Betrunkene auf dem Bildschirm auftauchten, trugen sie den Mantel des Pathos, ein Sternchen, dass den Aufdruck trug „Lustig, aber traurig“.

Bemerkenswert, eigentlich tranken weder Norton noch Brooks viel. Norton trank auf einer Party einen Cocktail, dann nahm er noch einen weiteren als Schild, damit ihm nicht jemand noch einen anbot. Brooks nahm 1965 vom Trinken Abstand nach einer 10$-Wette und hielt ihn ein.

Im wirklichen Leben waren beide hervorragende Vorbilder für die Jugend, beide waren ernsthaft und sachlich, was ihr Handwerk anging.

Quelle: https://www.thedailybeast.com/the-lost-art-of-acting-drunk

Übersetzung: Thorsten Ramin