Die urst betäubten Nazis

Antony Bevoor

AUSGABE 9.März 2017

Blitzed: Drugs in the Third Reich

von Norman Ohler, aus dem Deutschen übersetzt von Shaun Whiteside

Houghton Mifflin Harcourt, 292 S., $28.00

Norman Ohler, ein deutscher Autor und Filmemacher, wurde neugierig, als ein DJ in Berlin ihm erzählte, dass das Dritte Reich vor Drogen troff und nahelegte, dass jemand einen Film darüber machen sollte. Ohler begann sich in das Thema zu vertiefen, wollte erst einen Roman schreiben, entschied dann aber, es nicht fiktiv zu behandeln, auch wenn ihm die Übung im Historischen fehlte. Nachdem seine Forschungen in deutschen und amerikanischen Archiven Fortschritte gemacht hatten, wandte Ohler sich an einen der führenden deutschen Historiker der Nazizeit, den alten Hans Mommsen. Mommsen war von seinen Befunden begeistert und wurde sein inoffizieller Mentor.

Das Fundament von Ohlers Buch bilden das grundlegende Paradox und die schamlose Heuchelei des Nazismus. Seine Ideologie fordert Reinheit des Körpers, des Blutes und des Bewusstseins. Adolph Hitler wurde als vegetarischer Abstinenzler dargestellt, der nicht zuließ, dass irgend etwas ihn verderben würde. Drogen wurden dargestellt als Teil einer jüdischen Verschwörung zur Vergiftung und Schwächung der Nation – von Juden sagte man, dass sie „eine Hauptrolle spielten“ im internationalen Drogenhandel – trotzdem wurde niemand abhängiger von Drogenmischungen als Hitler, und keine bewaffnete Armee arbeitete mehr an der Verbesserung der Leistung ihrer Truppen als die Wehrmacht, durch den Einsatz einer Variante von Methamphetamin. Auch wenn Ohlers Buch die Geschichte des Dritten Reichs nicht grundlegend verändert, so verändert sich unser Blick auf diese gut beleuchtete Phase dennoch stark.

Im Neunzehnten Jahrhundert war Deutschland der Welt mit chemischer und pharmazeutischer Forschung weit voraus. 1805, wobei Goethe in Weimar den Faust schrieb, experimentierte Friedrich Wilhelm Sertürner in Paderborn mit Schlafmohn und isolierte am Ende Morphium. 1827 war der Anfang der pharmazeutischen Industrie mit Heinrich Emanuel Merck, einem Apotheker aus Darmstadt, der, so schreibt Ohler, ein „Geschäftsmodell besaß, für die Versorgung mit Alkaloiden und anderen Medikamenten von gleicher Qualität.“ Ein Vierteljahrhundert später wurde Morphium erschwinglich für die militärärztliche Schmerzlinderung.

Deutschland blieb primär an der Spitze der Welt weil das Land über so viele gut ausgebildete Chemiker verfügte. Einer von ihnen bei der Firma Bayer synthetisierte 1897 Aspirin aus Weidenrinde. Elf Tage darauf schuf der selbe Mann, Felix Hoffmann, Diamorphin, das als Heroin vermarktet wurde. Bayer warb dafür und verkaufte es als Heilmittel gegen Kopfschmerzen, als Hustenlöser und als Schlafmittel für Kleinkinder. Die Erträge waren riesig. Politische und soziale Unruhen schienen den Markt nur zu erweitern. Sogar im revolutionären Petersburg verbreitete sich der Kokainkonsum unter jungen Kommissaren und ihren Geliebten aus reichen Familien, wie es in M. Ageyevs eindrücklichem Roman mit Kokain geschildert wurde.

Im bankrotten Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg waren die Deutschen aufgrund des psychischen und physischen Traumas sehnsüchtig nach den Produkten der Industrie. Opiate waren beliebter als Alkohol, wie es populäre Lieder in Berlin zum Ausdruck brachten:

Es ist noch gar nicht lange her

als der geile Alkohol, das Vieh

verschönte unser Leben sehr

der Preis stieg an wie nie

Weswegen Kokain und Morphium

in Berlin keine Wahl verlieren

Lass draußen leuchtend‘ Blitze wüten

Wir schnupfen und wir injizieren!

(Once not so very long ago


Sweet alcohol, that beast,


Brought warmth and sweetness to our lives,


But then the price increased.


And so cocaine and morphine


Berliners now select.


Let lightning flashes rage outside


We snort and we inject!)

1925 wurde der ungeheuer mächtige chemische und pharmazeutische Konzern I.G. Farben erschaffen, aus einer Verschmelzung vieler verschiedener Firmen. Im darauf folgenden Jahr betrugen Deutschlands Exporte an Opium 40 Prozent des Weltmarktes, wobei nur drei deutsche Firmen 80 Prozent des weltweiten Kokainmarktes kontrollierten.

Die durch Drogen gespeiste Realitätsflucht der Weimarer Jahre steuerte dazu bei, Berlin in das zu verwandeln, was Alfred Döblin die „Hure Babylon“ nannte, während der Zusammenbruch der Währung 1923 zum Zusammenbruch liberaler und konservativer Muster und Werte führte. Für Kommunisten wie Nazis bot sich mit dem Ausblick auf absolute Entgrenzung eine naheliegende Vorlage. Die Nazis ergriffen die Gelegenheit, durchblicken zu lassen, dass die Juden hinter jedem Faktor der Weimarer Republik steckten, die sie die „Jüdische Republik“ nannten. Juden wurden identifiziert mit Toxinen, Bazillen und Erregern.

Nachdem man fälschlicherweise die Juden beschuldigt hatte, Organisatoren des Drogenhandels sowie seine besten Kunden zu sein, leiteten die Nazis durch die Gesundheitsbehörde durchweg Gesetze und Regulierungen ein, um Drogen und das Leben von Abhängigen zu steuern. Man bezeichnete sie als „psychopathische Persönlichkeiten“ und es war verboten, sie zu heiraten. Die Pflichtsterilisierung wurde eingeführt. „Aus Gründen rassischer Hygiene“, hielt das Gesetz für den Schutz vor vererbbar erkranktem Nachwuchs fest, „müssen wir daher dafür sorgen, dass Schwerabhängige daran gehindert werden, sich zu reproduzieren.“ Die Parallele zur antisemitischen Gesetzgebung, besonders den „Nürnberger Gesetzen“ von 1935, war vollkommen eindeutig.

Absichtlich anders stellten die Nazis Hitler als den urbildlich rein lebenden Menschen dar, der sich für sein Land opfert durch Überstunden. „Er ist,“ schrieb der Nazivertreter Gregor Strasser, „nur Geist und Körper. Und er martert diesen Körper derart, dass es Leute wie uns schockieren würde! Er trinkt nicht, er isst praktisch nur Gemüse und rührt keine Frau an.“ Mehr noch als sowjetische Kommunisten, die man einmal bezichtigte auf die bürgerlichen Liebe zu verzichten, um ihre Gefühle rein ihrem großen Anführer Stalin zu widmen, wurden Deutsche dazu angehalten, sich in kollektivem Rausch an Hitler zu suhlen. Und doch beschritt Hitler bereits im Frühling 1936 den Weg, auf dem er selbst ein Drogenabhängiger werden sollte, von genau der Sorte, die die Nazis davon abhalten wollten sich zu vermehren.

Dr. Theodor Morell, ein Fachmann für Hauterkrankungen und sexuell übertragbare Krankheiten, war 1933 Mitglied der Nazipartei geworden, nachdem jemand das Wort „Jude“ außen an sein Büro geschmiert hatte (obwohl er kein Jude war). Mit Hilfe des Geldes seiner Frau eröffnete er eine medizinische Praxis auf dem Kurfürstendamm in Berlin und kam zunehmend in Mode. Er verschrieb seiner wachsenden Kundschaft „Vitamine“, die aber regelmäßig mit Testosteron und Anabolika für Männer verstärkt waren, und mit Extrakten von Nachtschatten für Frauen, was ihren Augen eine hypnotische Wirkung verlieh. Er wurde berühmt für seine Fingerfertigkeit bei Injektionen.

Im Frühjahr 1936 wurde er durch einen Telefonanruf aus dem Nazihauptquartier in München beordert Hitlers Fotografen, Heinrich Hoffmann, von Tripper zu kurieren. Ein Flugzeug wurde ihm gesandt und anschließend Morell und seiner Frau ein Urlaub in Venedig gewährt. Auf einer Abendgesellschaft, die Morell organisiert hatte, wurde Morell Hitler vorgestellt, der über seine Darmschmerzen sprach. Morell empfahl eine Diät und bald darauf tauchte der Führer im Notizbuch des Arztes als „Patient A“ auf.

Morells Erfolg bestand laut Ohler darin, Hitler nicht zu viel zu fragen oder zu berühren. Stattdessen sorgte er für kurzzeitige Aufputschmittel mit seinen schmerzfreien Injektionen. Gelegentlich spritzte er Hitler mehrfach am Tag. Abhängig vom Zustand von Geist und Körper seines Patienten, konnten die Schüsse Glukose, Kokain, Morphium und Essenzen aus der Leber und dem Herzen eines Schweins beinhalten. Hitler, der eingeschworene Vegetarier und Abstinenzler, betrachtete seine intravenöse Diät aus Tierextrakten und harten Drogen als Arznei. Wutentbrannt wies er jeden Zweifel seines Gefolges an Morells Behandlung von sich. Um jede Kritik abzuwenden, ernannte er seinen Arzt zum Ehrenprofessor. Morell erlangte Wohlstand und erwarb eine schicke Villa direkt neben neben Dr. Goebbels auf der Insel Schwanenwerder in Berlin, hatte aber kaum Zeit sie zu genießen.

Während dieser Vorkriegszeit konzentrierte sich die wiederbelebte deutsche Wirtschaft auf synthetische Alternativen für viele Produkte – darunter Buna um Gummi zu ersetzen und Brennstoff aus Kohle. Die britische Meerblockade von Deutschland im Ersten Weltkrieg hatte für ernste Engpässe bei vielen Rohstoffen gesorgt und Hitler war entschlossen, dass, wenn er Deutschland demnächst in den Krieg führen würde, das Land komplett bereit sei. Selbst Rauschgift wurde von den großen pharmazeutischen Konzernen synthetisiert, einschließlich Bayer und Merck.

Der Einsatz von Benzedrin durch amerikanische Athleten bei der Berliner Olympiade von 1936 veranlasste die Firma Temmler, am Rand von Berlin, sich auf eine wirksamere Variante zu konzentrieren. Im Herbst 1937, hatte ihr Chefchemiker, Dr. Fritz Hauschild (in den Nachkriegsjahren der Medikamentenlieferant für ostdeutsche Athleten), eine synthetische Version von Methamphetamin erschaffen. Diese wurde patentiert als Pervitin. Es produzierte intensive Empfindungen von Tatkraft und Selbstvertrauen.

In Tablettenform wurde Pervitin als vielseitiges Aufputschmittel vermarktet, ebenso praktisch für Fabrikarbeiter wie für Hausfrauen. Es versprach Linderung bei Narkolepsie, Depression, niedrigem Energiehaushalt, Frigidität bei Frauen, und schwachem Kreislauf. Die Zusicherung, es würde die Leistung verbessern, erregte Anerkennung bei der Nazipartei, und der Genuss von Amphetamin wurde in jeglicher Anti-Drogen-Propaganda leise ausgespart. 1938 nahmen große Teile der Bevölkerung Pervitin nahezu regelmäßig, einschließlich Studenten, die sich auf Examen vorbereiteten, Schwestern auf Nachtschicht, gestresste Geschäftsleute, und Mütter, die mit den Belastungen durch Kinder, Küche und Kirche fertig werden mussten (auf die man, wie die Nazis dachten, Frauen degradieren könne). Ohler zitiert aus Briefen den zukünftigen Nobelpreisträger Heinrich Böll, damals im deutschen Heer, der seine Eltern anbettelt, sie mögen ihm mehr Pervitin schicken. Sein Konsum wurde als vollkommen normal angesehen.

Kaum überraschend traten die militärischen Vorteile durch Pervitin bald zutage. Professor Dr. Otto F. Ranke, Direktor der Forschungseinrichtung für Verteidigungsphysiologie, glaubte, dass es die Lösung wäre für die entscheidendste Schwäche einer Armee – Müdigkeit. Er begann vergleichbare Studien zu erstellen, und wandte Pervitin, Benzedrin, Koffein und Placebos bei vier getrennten Gruppen Soldaten an, die eine Reihe von Aufgaben ausführten, sowohl körperliche wie mentale. Diejenigen, denen Pervitin gegeben wurde, steigerten ihre Leistung und Ausdauer weit mehr als die anderen Gruppen, machten bei Tests aber mehr Fehler, wenn Rechnen oder andere geistige Fähigkeiten gefragt waren. Ranke störte das nicht. Insofern es ihn betraf, war die wichtigste Wirkung des Mittels die künstlich stimulierte Fähigkeit weiterzumachen, wenn feindliche Gruppen vor Anstrengung umgefallen waren. Ranke war sich der Nebenwirkungen bewusst, wie Schlaflosigkeit und in die Länge gezogene Erschöpfung in der Folge, aber die Doktoren und andere, die an den Versuchen beteiligt waren, versprühten Begeisterung für das Mittel.

Während der Invasion von Polen im September 1939 berichteten medizinische Offiziere Ranke enthusiastisch von den Wirkungen des Pervitin, dass unter ihren Truppen verteilt wurde: Alle frisch und freudig, astreine Disziplin. Leichtes Glücksgefühl und wachsender Tatendrang. Mentale Ermutigung, sehr dynamisch. Keine Unfälle. Langfristige Wirkung. Nachdem man vier Tabletten genommen hat, sieht man doppelt und Farben.

Doppelt sehen war kaum die helfende Wirkung für Panzerschützen, und doch waren Panzerdivisionen vom Können der Droge einheitlich begeistert. Neben der Vertreibung von Hunger und der Anregung körperlicher und geistiger Tätigkeit, schien es ebenso Hemmungen und Ängste zu verringern.

Zuhause im Reich jedoch war der Gesundheitsminister, Leo Conti, besorgt über den Zustand, dass die gesamte Nation süchtig zu sein schien. Conti sorgte dafür, dass Pervitin nur noch auf Rezept zu bekommen war, von November 1939 an. Aber die Oberste Heeresleitung der Wehrmacht sah keine Nachteile, vor allem für die Strategie, die entwickelt wurde, für den Einfall nach Frankreich und in die Niederlande im Mai 1940. Dieser Plan bestand in einem Angriff auf das neutrale Holland und Belgien, um die Franzosen und Briten zu zwingen, ihnen zu Hilfe zu kommen, unmittelbar gefolgt vom Panzerdurchbruch aus den Ardennen in Belgien bis Nordfrankreich hindurch an die Somme-Mündung, wodurch die britischen und französischen Formationen abgeschnitten würden. Selbst Hitler bebte vor der Versuchung, noch dazu als Heereskommandeur erkannte er, dass die Deutschen viel höhere Chancen auf Erfolg haben würden, wenn ihre Truppenspitzen ohne Pause weitermachen konnten. Ohler fand heraus, dass die Temmler Fabrik einen Gang zulegte, und am Tag 833 000 Pillen herstellte, um der Anforderung der Wehrmacht nach 35 Millionen Pillen zu entsprechen.

General Heinz Guderian sagte zu seinen Truppen vor dem Angriff: „Ich verlange, dass Sie mindestens drei Tage lang nicht schlafen, wenn das nötig ist.“ Die Geschwindigkeit des deutschen Vorstoßes durch die Ardennen an den Fluss Meuve erwischte die Franzosen kalt. General Ewald von Kleists Panzergruppe hatte den Fluss hinter sich bevor französische Divisionen ihre Stellungen erreichten. Die Überheblichkeit de Sieges wurde durch die Wirkung von Pervitin natürlich noch gesteigert. Colonel Charles de Gaulle war erbost, als er hörte, dass die feindlichen Panzermannschaften sich weigerten, die Kapitulation französischer Einheiten anzuerkennen. Sie befahlen französischen Soldaten ihre Waffen wegzuwerfen und rückwärts zu marschieren. Die deutschen Panzerdivisionen, die ihre eigenen Versorgungszüge hinter sich gelassen hatten, tankten einfach an Tankstellen am Straßenrand nach oder in verlassenen Armeekasernen.

Diese Panzertruppen kamen Briten und Franzosen wie gepanzerte Supermänner vor, obgleich die deutschen Bodentruppen tatsächlich weit weniger technisiert waren wie ihre eigenen. Es war die Geschwindigkeit und die Unbarmherzigkeit, durch die die französischen und britischen Armeen besiegt wurden, die sich immer noch aufführten als sei es 1918. Sie hatten keine Ahnung wie die Deutschen es schafften, Tag und Nacht vorzustoßen ohne zu schlafen. Der offizielle französische Bericht über ihre Niederlage schilderte es als „Kollektiv halluzinatorisches Phänomen“.

Ohler bewegt sich auf weniger sicherem Grund, wenn er Hitlers berühmten Befehl die Panzer kurz vor Dünnkirchen anhalten zu lassen, auf Reichsmarschall Hermann Görings Morphiumabhängigkeit zurückführt. Es ist bestimmt wahr, dass Hitler von Göring überzeugt wurde, dass die Luftwaffe mit den britischen Kräften, die dort stationiert waren, verhandeln könne, allerdings gab es für diesen Rat praktische Gründe. Das Gebiet vor den Deutschen war durchkreuzt von Wasserwegen und der Boden war zu weich für Panzer. Ihre Truppen waren erschöpft und die Fahrzeuge selbst mussten dringend gewatet werden bevor man sie wendete, um die französischen und britischen Stellungen südlich der Somme anzugreifen.

Morell hatte derweil ehrgeizige Pläne. Er erzeugte ein Präparat namens „Vitamultin“ und ließ es von einer Firma herstellen, von der ihm die Hälfte der Anteile gehörten. Die Absicht war, Hitler zu überreden, es regelmäßig zu nehmen, als seine eigene persönliche Marke, und es dann unter verschiedenen Namen neu zu verpacken zur Konsumierung durch Personen oder Organisationen, von der Deutschen Arbeiterfront bis zur SS. Der Chef des medizinischen Dienstes der Luftwaffe weigerte sich, diesen Plan zu akzeptieren und Morell ließ ihn feuern. Seine Stellung als Arzt des Führers war inzwischen unanfechtbar. Aber Ranke, als Chef der militärischen Forschungsvorhaben, lehnte Vitamultin für die Armee ab und blieb standhaft, obwohl er mit dem Vordringen der Sowjetarmee nichts tat, um den Gebrauch von Pervitin einzuschränken.

Anders als die Invasion von Frankreich, konnte Deutschlands Operation Barbarossa gegen die Sowjetunion nicht mit der geheimen chemischen Waffe der Wehrmacht gewonnen werden. Die Entfernungen waren einfach zu riesig. Eine der drei Heeresgruppen allein verbrauchte 30 Millionen Tabletten Pervitin in den ersten paar Monaten des Feldzugs, dennoch schaffte sie es nicht ein entscheidendes Ergebnis zu erzielen.

Hitler, der jetzt sein Lager in seinem ostpreussischen Bunker bezogen hatte, benötigte permanente Aufmerksamkeit. Von August 1941 bis November 1945 war Morell 885 von 1349 Tagen bei Hitler. Er machte sehr sorgfältige – wenn auch chaotische – Notizen, aus Furcht davor, dass falls Hitler starb, die Gestapo ihn speziell bestrafen würde. Bei einem verzweifelten Versuch „Patient A“ von plötzlicher Erkrankung im August 1941 zu heilen, versuchte Morell was er konnte, beginnend mit Vitamultin, sowie die gewöhnlichen Aufputschmittel. Bald darauf fing er an, Hitler andere Substanzen zu spritzen, darunter Nebenprodukte von Blut aus dem Uterus, das Sexualhormons Testoviron, und sogar Orchikrin, ein Derivat aus Bullenhoden. Aufgrund der Anspannung der Rückschläge an der Ostfront forderte Hitler immer mehr von Morells Drogencocktails.

Morells Notizbuch versorgte Ohler mit einer beängstigenden Liste von neunundachtzig Mitteln, von denen siebzehn psychoaktive, bewusstseinsverändernde Drogen waren. Tag für Tag notierte Morell „Injektion wie immer“, ohne die Inhalte anzugeben. Was bei Ohler „Polytoxikomanie“ heißt, hatte gewiss seinen Anteil an Hitlers Fantasien von Karten, die deutsche Fortschritte verzeichneten als er jeglichen Kontakt zur Realität auf dem Schlachtfeld verlor.

Mitte 1943, nach der Schlacht von Kursk, einer großen Katastrophe für die Deutschen an der Ostfront, und dem Zusammenbruch von Italien, griff Morell, aus Furcht er werde nicht mit Hitlers zunehmender Desorientierung fertig, zu einer noch stärkeren Droge, Eudokal, eine synthetisierte Form von Opium. Aber die Rückzüge und Niederlagen der Wehrmacht, besonders in Nordafrika, bedeuteten, dass man keinen Nachschub an Rohopium bekommen konnte. Morell, inzwischen ein reicher Mann mit all den verschiedenen Fabriken und pharmazeutischen Unternehmen, er beschaffte es sich durch schamlose Ausnutzung seiner Stellung, und durchkämmte das besetzte Europa um an die Vorräte zu gelangen, die nötig waren um den Führer glücklich zu machen.

Bei dem Versuch Hitler am 20. Juli 1944 in seinem preußischen Hauptquartier zu ermorden, wurden seine Ohren durch die Bombenexplosion perforiert. Er wurde von dem Spezialisten Dr. Erwin Giesing an fünfundsiebzig Tagen fünfzig Mal mit Kokain behandelt. Hitler liebte die Wirkung von Kokain und bedrängte Giesing um mehr, aber im Oktober setzte Morell ihn wieder auf Eudokal. Natürlich kam es zwischen den beiden Männern zu einem Krieg der Ärzte. Giesing beschuldigte Morell, den Führer zu vergiften, jedoch beschuldigte er die falsche Droge, und Hitler weigerte sich seinen persönlichen Leibarzt aufzugeben. All das überschnitt sich mit dem Vorhaben des Angriffs, der, in Hitlers Fantasie, ein Wendepunkt des Krieges wäre: die Ardennen-Offensive. (Im Monat vor dem Beginn des Feldzuges, schreibt Ohler, verabreichte man einer Einheit Gefangener im Konzentrationslager Sachsenhausen hohe Dosen Kokain und Pervitin, die man vier Tage lang auf lange Gewaltmärsche schickte, „um das Vertragen und die Wirkung“ der Drogen in großem Umfang zu bestimmen.)

Ob Hitlers zitternde Hände die Folge von Parkinson oder das direkte Ergebnis von ausschweifendem Drogenkonsum waren, ist unmöglich zu sagen, aber die Desorientierung bei seinem Auftreten gegen Ende des Jahres 1944 schockierte viele, die ihn seit Anfang des Jahres nicht mehr gesehen hatten. Im Februar 1945 gingen die Eudokalvorräte zur Neige und Hitler litt bald an Entzugserscheinungen, während das Ende im Führerbunker in Berlin nahte. Albert Speer beschwerte sich immer, dass die Geschichte immer abschließende Geschehnisse hervorhebe, und dabei die frühen Erfolge des Nazismus übersehe. Er könnte nicht mehr daneben liegen. Das scheußliche und aberwitzige Ende des Dritten Reichs entblößte seinen wahren Kern aus Lügen, Heuchelei, nutzlosem Schlachten und sinnloser Grausamkeit.

Es ist nicht schwer zu verstehen, warum Hans Mommsen von Ohlers Forschungen fasziniert war. Er war der Leiter der funktionalen Schule, die an das chaotische Wesen der Naziregimes glaubte und dass Hitler ein „schwacher Diktator“ war. * Nichts scheint das besser zu illustrieren als Hitlers Drogenabhängigkeit. Ohlers Buch wird einige Historiker irritieren; er macht schnippische Bemerkungen und verwendet Kapitelnamen wie „Sieg High!“ und „High Hitler“. Aber, wie Ian Kershaw, der große Biograf von Hitler, einsah, er hat ein „ernsthaftes Werk der Wissenschaft“ geschrieben, und eins das gut recherchiert ist.

Aus dem Englischen übersetzt von Thorsten Ramin

Quelle: http://www.nybooks.com/articles/2017/03/09/blitzed-very-drugged-nazis/

*Ian Kershaw, “Hans Mommsen Obituary,” The Guardian, November 12, 2015.