Die Pakistaner werden es bereuen,
dass sie Malala verdrängt haben.

Financial Times A List, 12. November 2013

Von Ahmed Rashid.

Es ist ein Zeichen für die verzweifelten, kläglichen Zeiten in Pakistan, dass, während der Anführer der pakistanischen Taliban, der vor Kurzem von einer US-Drohne getötet wurde, als Märtyrer und Opfer amerikanischer Tücke bejubelt wird, das Buch einer wahren Heldin ihren Alters gerade an den Schulen Pakistans verboten wurde.

Am 5.November wurde Hakimullah Mehsud, der 34-jährige Anführer der pakistanischen Taliban, dessen Lakaien tausende Soldaten und Zivilisten in Moscheen, Kirchen und Basaren getötet und Terroristen aus den USA, dem UK, Zentralasien und der arabischen Welt ausgebildet haben, schließlich durch einen von den USA gesteuerten Drohnenangriff auf eins seiner Verstecke in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan getötet wurde.

Das hat zu einem Aufschrei der Kritik von Seiten der Regierung, Oppositionsführern und den rechten Medien geführt, die Amerikaner sabotierten die Friedensgespräche zwischen der Regierung von Nawaz Sharif und den pakistanischen Taliban im Keim.

Eine noch weit gefährlichere Bedrohung ist die von Imran Khan, dem ehemaligen Kricketspieler, dessen Partei Tehreek-e-Insaf nun die nordwestliche Provinz Khyber Pakhtunkhwa regiert, die Straße zwischen Peschawar und Karatschi zu schließen, auf der die USA und die NATO ihre schwere Ausrüstung abtransportieren, in Vorbereitung auf einen Abzug aus Afghanistan im kommenden Jahr.

Herr Khan erkennt das doppelte Spiel nicht. Er stand bei den Forderungen nach einem Rückzug der Amerikaner in der vordersten Reihe, doch nun scheint er ihn zu blockieren. Die USA haben soundso verschiedene andere Ausgangsmöglichkeiten, aber die Jobs und Existenzen zehntausender pakistanische Arbeiter hängen am US-Verkehr.

Eine noch größerer Hohn zeichnet sich mit dem Verbot der Autobiografie „Ich bin Malala“ von Malala Yousufzai ab, der 16 Jahre alten Schülerin und Verfechterin umfassender Bildung, die einen Mordversuch der Taliban überlebte und jetzt im Exil in England ist. Der Verband privater Schulen in Pakistan ließ verlauten, Kinder romantisierten Frl. Yousufzai beim Lesen ihres Buches, was „ihren Verstand verwirren würde.“ sagt Mirza Kashif, derzeit Präsidentin der Stiftung in Pakistan.

Die Gründe, ihr Buch an allen Privatschulen in Pakistan zu verbieten, ist ihre angebliche Verteidigung der Schriften Salman Rushdies, ihre empfundene Kritik an dem, was der Koran über Frauen sagt und dass sie „Frieden sei mit ihm“ nach dem Namen des Propheten Mohammed schrieb, was in der muslimischen Tradition obligatorisch ist. Die Gründe sind, gelinde gesagt, fadenscheinig.

Ihr Buch ist weltweit zehntausende Male verkauft worden, vor allem unter jungen Leuten in Pakistan, die ihre „Message“ schätzen, die einfach die in der Notwendigkeit für Bildung besteht, in einem Land, in dem nahezu die Hälfte der Menschen Analphabeten sind. Trotzdem wurde sie von der Rechten und der islamischen Lobby angegriffen, weil sie Pakistan verunglimpfe und sich bei westlichen Entwicklungs- und Bildungskonzepten anbiedere.

Auf der anderen Seite ist es nahezu sicher, dass die viel gepriesenen Gespräche zwischen der Regierung und den Taliban, die der US-Drohnenangriff abgewürgt haben soll, nicht auf jedermanns Tagesordnung standen. Ein paar Stunden bevor die Drohne Mehsud tötete, sagte Shahidullah Shahid, ein Sprecher der Taliban, dass sich niemand von der Regierung mit ihnen in Kontakt gesetzt habe. „Die Regierung macht nur in den Medien Ankündigungen, Friedensgespräche gibt es bisher nicht.“ sagte Herr Shahid.

Die Regierung und Herr Khan behaupteten unverzüglich, dass Hakimullahs Tod „den Friedensprozess entgleisen lassen“ hat. Viele Pakistaner fragten sich, was es überhaupt zu besprechen gab. Die Taliban bestehen darauf, dass der Staat alle Einrichtungen abbaut, die Demokratie annulliert und das Rechtssystem der Scharia einführt, sowie ein islamisches Kalifat. Die Regierung hat sich noch nicht dazu geäußert, welche Zugeständnisse einzuräumen sie willens ist und worüber sie reden will. Hakumullah ist nun durch Maulvi Fazlullah ersetzt worden, einen noch grausameren Mörder, der seit 2008 den Aufstand im Swat-Tal angeführt hat und dessen Männer versucht haben, Malala zu töten. Er wird genauso wenig für Frieden sorgen wie sein Vorgänger.

Die Wahrheit ist, dass die Regierung von Premierminister Nawaz Sharif keine nachvollziehbare Strategie gegen den Terrorismus hat, die sie der Öffentlichkeit anbieten kann. In den letzten Tagen hat in Karatschi eine neue Serie religiöser Morde begonnen, bei der fast 20 Leute, zumeist Schiiten, von sunnitischen Extremisten niedergeschossen wurden, die es vor allem auf schiitische Ärzte abgesehen haben.

Extremismus in Pakistan nahm in den späten 70-ern seinen Anfang, und wurde heimlich von den folgenden Militärregierungen und Geheimdiensten unterstützt, weil Extremisten Verbündete waren um Indien in Schach zu halten und Einfluss in Afghanistan zu gewinnen. Folglich hatte der Extremismus lange und erfolgreich Zeit, sich zu entwickeln, bevor er sich, wie Frankensteins Monster, gegen seinen Herrn wandte.

Eine ernsthafte Strategie um mit Terrorismus und islamischem Extremismus fertig zu werden wird bis zur Umsetzung und Durchführung mehrere Jahre benötigen. Bisher besteht die politische Elite darauf, die öffentlichen Erwartungen durch unehrliche Aussagen und Ausflüchte zu schüren, indem sie vorgibt, ein einziger, schneller Beschluss zu Gesprächen oder Freilassung von Gefangenen könne die Vorhaben von mehr als fünfzig militanten Gruppen, die das Land praktisch in der Hand haben, irgendwie abwürgen.

Wenn Heldinnen wie Malala ignoriert werden oder absichtlich von genau der Regierung und politischen Elite in Frage gestellt, die durch ihren Appel und Erfolg, die öffentliche Meinung gegen Terrorismus und Extremismus zu mobilisieren profitiert, dann sollten viele Pakistaner sich fragen, was die Zukunft für sie bereit hält. Die herrschende Elite muss die Zeichen der Zeit erkennen, bevor es zu spät ist.

Quelle:

http://www.ahmedrashid.com/publications/pakistan/articles/

Übersetzung: Thorsten Ramin

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