Die letzten Tage der Amerikaner in Afghanistan

21. April 2013

Bei den Nachforschungen und der Spurensuche des unglückseligen Rückzugs der britischen Armee 1842 für seine neue Geschichte, Die Rückkehr eines Königs, stand William Dalrymple unter dem Schutz eines Kriegsherrn, dessen Ahnen dabei halfen, seine zu vertreiben. Er findet Vergleiche zur letzten ausländischen Macht, die in das Land einfiel: Amerika.

Rückkehr eines Königs: Die Schlacht um Afghanistan, 1839-42 von William Dalrymple 560 Seiten. Knopf. $30. (DeAgostini, via Getty )

Lesen Sie „Ein Krieg ohne sinnvollen Grund“, um zu verstehen was die Briten nach Afghanistan zog.

Am Ende von Kim lässt Kipling seinen Titel-Helden sagen: „Wenn alle tot sind, ist das große Spiel vorüber. Vorher nicht.“ In den 1980-ern war es der Rückzug der Russen von ihrer schiefgegangenen Besetzung, der den Auslöser für das Ende der Sowjetunion markierte. Kaum zwanzig Jahre später, 2001, kommen britische und amerikanische Truppen nach Afghanistan, wo sie damit fortfahren, das zu verlieren, was, in Großbritanniens Fall, sein vierter Krieg in dem Land war. Wie zuvor schaffte es der afghanische Widerstand am Ende wieder, trotz all der Millionen von Dollar, die ausgegeben wurden, der Ausbildung einer kompletten Armee afghanischer Soldaten, und der unendlich überlegenen Bewaffnung der Besetzer, die verhassten Ungläubigen aus dem Land zu vertreiben1.

Auf meinen ausgedehnten Reisen nach Afghanistan, zur Recherche für Rückkehr eines Königs, wollte ich unbedingt so viele Orte und Ländereien des Ersten Anglo-Afghanischen Krieges sehen, wie möglich. Vor allem wollte ich den Weg des katastrophalen Rückzugs der Briten nachverfolgen und nach Gandamak gehen, dem Ort des letzten britischen Widerstands.

Der Weg des Rückzugs führt zu dem Gebirgszug, der nach Tora Bora und zur pakistanischen Grenze führt, dem Herzland der Ghilzai, das immer – zusammen mit Quetta – der Hauptrekrutierungsbereich der Taliban war. Mir war geraten worden, nicht ohne Schutz vor Ort zu versuchen die Gegend zu besuchen, also machte ich mich schließlich in Begleitung eines regionalen Stammesführers auf den Weg, der auch Minister in Karzais Regierung war: Ein Berg von einem Mann namens Anwar Khan Jagdalak, ein ehemaliger Dorf-Wrestling-Champion und darauf Kapitän der afghanischen Olympia-Mannschaft im Ringen, der sich als Kommandeur der Jami’at Islami-Muhaheddin einen Namen gemacht hatte, im Dschihad gegen die Sowjets in den 80-ern.

Es waren Jagdalaks Vorfahren, die der britischen Armee von 1842 einige ihrer schlimmsten Verluste zufügten, etwas, das er stolz mehrer Male wiederholte, als wir durch genau die Pässe fuhren. „Sie zwangen uns, unsere Waffen aufzunehmen, um unsere Ehre zu verteidigen.“ sagte er. „Also töteten wir die Bastarde bis auf den Letzten.“ Nebenbei bemerkt, nichts davon hielt Jagdalak davon ab, seine Familie von Kabul weg, in den größeren Schutz von Northolt, im Norden Londons, zu schicken.

An dem Tag, als wir nach Gandamak fahren wollten, sollte ich mich morgens um sieben bei Jagdalak melden. Als ich mich durch ein Gewirr von Kontrollpunkten und Stacheldraht zu seinem Ministerium wand, fand ich Jagdalak in einem Konvoi von schwer gepanzerten Geländewagen, eingequetscht von seiner Formation immer anwesender afghanischer Leibwächter, mit ihren knisternden Funkgeräten und Sturmgewehren im Anschlag.

Jagdalak fuhr selbst, während Pick-ups mit seinen Sicherheitskräften hinterher fuhren. Als wir durch die Hauptstadt fuhren, waren wir von Hinweisen auf das aktuelle Scheitern umgeben. Kabul bleibt eine der ärmsten und zerstörtesten Hauptstädte der Welt, trotz der 80 Milliarden Dollar, die die USA nach Afghanistan fließen ließen.

Wir rumpelten über schlaglöchrige Straßen, hinter der Botschaft der USA und den NATO-Kasernen her, die genau an der Stelle der britischen Unterkünfte von vor 170 Jahren gebaut worden sind, dann fuhren wir die im Zickzack laufende Straße hinunter, in die Reihe trostloser Pässe, die Kabul mit dem Khyber-Pass verbinden.

Es ist eine passend dramatische und rohe Gegend: Risse in zerbrochenen und gequälten Schichten gähnten und zogen sich durch die Schießpulver-verrußten Felswände, die sich auf unseren beiden Seiten auftürmten. Darüber waren die zerklüfteten Bergspitzen in bedrohliche Nebelwolken gehüllt. Während wir fuhren, beklagte sich Jagdalak bitterlich über den Umgang des Westens mit seiner Regierung. „In den 1980-ern, als wir Russen für sie töteten, nannten uns die Amerikaner Freiheitskämpfer.“ murmelte er, als wir den ersten Pass hinunterfuhren. „Jetzt tun sie uns einfach als Kriegsherren ab.“

Wir verließen die Hauptstraße bei Sarobi, wo die Berge in eine hügelige, ocker-braune Wüste übergehen, die mit Lagern von Nomaden der Ghilzai gepunktet ist, und steuerten ins Territorium der Taliban; weitere fünf Pick-ups, beladen mit Jagdalaks alten Mujaheddin-Kämpfern, die alle Panzerfäuste schwangen und ihre Gesichter in Turbane gewickelt hatten, tauchten aus einer Seitenstraße auf, um uns zu begleiten.

Beim Dorf Jagdalak, am 12. Januar 1842, fanden sich 200 frierende britische Soldaten von mehreren Tausend Stammleuten der Ghilzai umzingelt; nur eine Handvoll schafften es über die Distelhecken hinaus. Unsere eigene Begrüßung war, Gott sei dank, etwas freundlicher. Die stolzen Dorfbewohner nahmen ihren alten Kommandeur, jetzt ein Regierungsminister, mit auf einen Gang durch die Hügel, die nach wildem Thymian und Wermut dufteten, und durch die Gebirgshänge voller Malven und Maulbeeren, im Schatten von Silberpappeln. Hier, auf der Spitze der umgebenden Gipfel, bei dem Wachturm, wo frierende Sepoys 1842 versucht hatten Schutz zu finden, liegen die Reste von Jagdalaks alten Mujaheddin-Bunkern und Verschanzungen, von denen aus er der Sowjetarmee getrotzt hatte.

Als unser Rundgang beendet war, bewirteten uns die Dorfbewohner in einem Obstgarten am Fuß des Tals: wir saßen auf Teppichen unter einer Weinlaube und Granatapfelblüten, als Gang auf Gang Kebab und Rosinenreis vor uns aufgebahrt wurde.

Während des Abendessens, als meine Gastgeber gelegentlich auf die Stelle der disteligen Absperrung und anderer Orte des Massakers von 1842 hinwiesen, verglichen wir unsere jeweiligen familiären Erinnerungen an diesen Krieg. Ich sprach von meinem Ur-Groß-Onkel, Colin Mackenzie, der ganz in der Nähe entführt worden war, und fragte, ob sie irgendwelche Parallelen zur aktuellen Lage sahen. „Es ist genau dasselbe.“ sagte Jagdalak. „Beide Male kamen die Ausländer wegen eigener Interessen, nicht wegen unserer. Sie sagen: ‚Wir sind eure Freunde, wir wollen helfen.’ Aber sie lügen.“

„Wer auch immer nach Afghanistan kommt, auch jetzt, wird das Schicksal von Burnes, Macnaghten und Dr. Brydon erleiden.“ pflichtete Mohammad Khan, unser Gastgeber im Dorf und Besitzer des Obstgartens, in dem wir saßen, bei. Alle nickten artig in ihren Reis: Die Namen der Gefallenen von 1842, in ihrem Heimatland lang vergessen, sind hier immer noch allgemein geläufig.

„Nachdem die Briten gingen, hatten wir die Russen.“ sagte ein alter Mann zu meiner Rechten. „Wir sahen auch sie gehen, aber nicht bevor sie viele Häuser im Dorf bombardiert hatten.“ Er zeigte auf eine Reihe voller zerstörter Lehmsteinhäuser auf den Hügeln hinter uns.

„Wir sind das Dach der Welt.“ sagte Khan. „Von hier aus kannst du alles kontrollieren und sehen.“

„Afghanistan ist wie der Kreuzweg für jedes Volk, das an die Macht kommt.“ stimmt Jagdalak zu. „Aber wir besitzen nicht die Stärke, unser eigenes Schicksal zu kontrollieren. Unser Los wir von unseren Nachbarn bestimmt.“

Es war nahezu fünf Uhr morgens, als die letzten Fladen des Naan-Brots weggeputzt wurden, einer Zeit, bei der klar wurde, dass es zu spät war um sich wieder auf den Weg nach Gandamak zu machen. Stattdessen fuhren wir an dem Abend auf der Hauptstraße direkt ins relativ sichere Jalalabad, wo wir feststellten, dass wir knapp entkommen waren. Es stellte sich heraus, dass es genau an dem Morgen bei Gandamak eine Schlacht zwischen Regierungstruppen und einer Gruppe Dörfler, die von den Taliban unterstützt wurden, gegeben hatte. Bei einem Streit um Schlafmohn waren neun Polizisten getötet und zehn als Geißeln genommen worden. Die schiere Größe und Länge des Festmahls und unsere eigene Völlerei hatten uns davor bewahrt, direkt in einen Hinterhalt zu laufen. Die Schlacht hatte genau an dem Ort des letzten britischen Widerstands von 1842 stattgefunden.

Am nächsten Morgen gingen wir zu einer Jirga, oder Versammlung von alten Stammesführern der Ghilzai, zu der die Graubärte aus Gandamak gekommen waren, unter einer Friedensflagge, um darüber zu sprechen, was am Tag zuvor geschehen war. Während auf dem nahe gelegenen Flugplatz unaufhörlich Predator-Drohnen starteten und landeten, redeten wir bei einer Kanne grünem Tee. „Letzten Monat,“ sagte einer der Stammesführer aus Gandamak, „beriefen uns einige amerikanische Offiziere in ein Hotel in Jalalabad zu einem Treffen. Einer von ihnen fragte mich: ‚Warum hasst ihr uns?’ Ich antwortete: ‚Weil ihr unsere Türen aufsprengt, in unsere Häuser eindringt, unsere Frauen an den Haaren zieht und unsere Kinder tretet. Das können wir nicht hinnehmen. Wir werden zurückschlagen, euch eure Zähne ausbrechen, und wenn eure Zähne kaputt sind, werdet ihr gehen, so wie die Briten vor euch gingen. Es ist nur eine Frage der Zeit.“

„Was sagte er dazu?“

„Er wandte sich zu seinem Freund und sagte: ‚Wenn die alten Männer so sind, wie werden dann erst die Jüngeren sein?’ In Wahrheit wissen die ganzen Amerikaner hier, dass ihr Spiel aus ist. Nur ihre Politiker streiten das ab.“

„Dies sind die letzten Tage der Amerikaner.“ sagte der andere Alte. „Als nächstes kommt China.“

1 http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/afghanistan/9811223/The-Afghanistan-massacre-on-the-roof-of-the-world.html

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