Die lange Lektüre – Die Podemos Revolution Teil 2

Die Umfragen geben ihm recht. Seit 1982 wird Spanien von nur zwei Parteien regiert. Dennoch sieht El País Podemos jetzt bei 22%, vor den beiden herrschenden, der konservativen Partido Popular (PP) und ihrer linken Oppsosition, der Partido Socialista Obrero Español (PSOE). Kann Podemos weiter wachsen, könnte Iglesias nach den Wahlen Premierminister werden, die für November erwartet werden. Das wäre eine nahezu unerhörte Leistung für eine derart junge Partei.

Viele in der Puerta del Sol sehnten sich nach diesem Tag. „Podemos! Podemos!“ sangen sie. Andere Zuschauer fröstelte es in Erinnerung an Iglesias Bewunderung für Venezueleas letzten Präsidenten Hugo Chávez und aus Furcht vor einem Ausbruch eines lateinamerikanischen Populismus in einem Land, das von Schulden, Armut und Arbeitslosigkeit erfasst ist. Doch ohne Podemos, befürchteten Befürworter, stände Spanien bevor wie Griechenland zu werden, mit seinem Wohlfahrtsstaat, zerbrechender Mittelklasse und wuchernder Ungleichheit.

An jenem Tag auf der Bühne erklärte Iglesias, dass den selbst-bedienenden Eliten die Macht wieder wegnehmem und sie den Menschen übergeben werde. Um das zu tun, benötigt die neue Partei Stimmen. Wenn das bedeutet, man erregt Emotionen und wird des Populismus beschuldigt, dann sei es so. Und, wie die Gründer der Partei bereits bewiesen, wenn sie einige ihrer Ideen aufgeben müssen, um mehr Anklang zu finden, oder riskieren, jemanden aus ihrer Basis-Bewegung zu verärgern, indem sie den Zentralismus befördern, sind sie bereit auch das zu tun. Das Ziel ist schließlich zu gewinnen.

Zunächst wirkt Podemos‘ schwindelerregender Aufstieg rätselhaft. In Wahrheit entstand das Projekt über eine lange Zeit, und selbst die Organisatoren wussten nicht, ob es am Ende in eine Party münden würde, oder eine globale Finanzkrise ihnen die Gelegenheit liefern würde. In Spanien ist heute ein Drittel der Arbeitskräfte entweder arbeitslos oder verdient weniger als 9080,- € p.a.. In großen Städten schockiert der Anblick von Menschen, die die Mülltonnen nach Essen oder Dingen zum Verkaufen abkleppern – eine Seltenheit im Spanien vor der Krise – niemanden mehr. Fataler Trübsinn hat sich über ein Land gesenkt, das drei Jahrzehnte auf einer optimistischen Welle trieb, nachdem es sich von einer Diktatur zu einer Demokratie verwandelt hatte. Nach Jahren wirtschaftlichen Wachstums ließ die Finanzkrise Spaniens Formblase zerplatzen. Zahllose Korruptionsfälle – die sowohl die PP wie die PSOE betrafen – haben auf breiter Bühne Wut auf die etablierte politische Klasse geschürt. „Eine politische Krise ist der Moment für Wagemut,“ erklärte Iglesias neulich einem Publikum. „Gerade dann ist ein Revolutionär fähig, dem Volk ins Auge zu sehen und ihnen zu sagen, „Schaut, diese Leute sind eure Feinde.“

Er ist nicht der erste Pablo Iglesias, der Spaniens politische Ordnung durcheinanderwirbelt. Er ist nach dem Mann benannt, der die PSOE 1879 gründete. (Seine Eltern stießen zum ersten Mal bei einer Erinnerungszeremonie an Iglesias Grab aufeinander.) Als Jugendlicher war Mitglied der Kommunistischen Jugend in Vallecas, einem von Madrids ärmsten und stolzesten Vierteln. Er lebt dort auch heute noch, in einem bescheidenen Apartment in einem Graffiti-verschmierten 80-er Jahre Anwesen kleiner und größerer Hochhäuser. „Verteidigt euer Glück, organisiert eure Wut.“ heißt ein Graffiti-Spruch.“ Schon als Jugendlicher war er „ein Anführer und großer Verführer,“ erinnert sich ein altes Posemos-Mitglied, der die gleiche Jugendgruppe besuchte. Iglesias studierte Recht an der Complutense Universität (https://www.ucm.es/english), bevor er einen zweiten Abschlus in politischer Wissenschaft absolvierte. Er machte weiter und schrieb eine Promotion über Ungehorsam und Antiglobalisierungsdemonstrationen und bekam ein angesehenes Cum Laude-Prädikat.

Fortsetzung folgt …