Die lange Lektüre – Die Podemos Revolution Teil 1

Die Podemos Revolution: Wie eine kleine Gruppe radikaler Akademiker die europäische Politik veränderte

Nur 15 Monate nachdem sie gegründet wurde, führt Podemos nun die Umfragen in Spanien an. Wird diese Basis-Partei an Macht gewinnen – oder wie eine Blase zerplatzen?


Giles Tremlett

The Guardian, Podemos – Die lange Lektüre

Am Anfang des Akademischen Jahres 2008 begrüßte Pablo Iglesias, ein 29 Jahre alter Dozent mit gepiercter Augenbraue und Pferdeschwanz, seine Studenten an der Fakultät der Politischen Wissenschaften, indem er sie aufforderte, sich auf ihre Stühle zu stellen. Die Konzeption bestand darin, eine Szene aus dem Film „Der Club der toten Dichter“ nachzustellen. Iglesian Botschaft war einfach. Seine Studenten waren dort um die Macht zu studieren, und das Mächtige kann in Frage gestellt werden. Dieser Gag war typisch für ihn. Politik, dachte Iglesias, kann nicht einfach studiert werden. Es war etwas, das du entweder tust, oder das andere für dich tun. Als Professor war er intelligent, hyperaktiv, und – als Gründer einer Universitätsorganistion namens Counterpower – rasch wenn es um Unterstützung der Studentenproteste ging. Er passte nicht so ganz in das klassische Profil eines doktrinären Intellektuellen aus Spaniens kommunistisch-angeführter Linken. Aber ihm war klar, wer schuld am Schlechten der Welt ist: Der uneingeschränkte, globalisierte Kapitlismus, der sich, im Kiel von Ronald Reagan und Margareth Thatcher, zur dominanten Weltanschauung der Industrieländer entwickelt hat.

Iglesias und die Studenten, Ex-Studenten und Akademiker der Fakultät mühten sich ab, ihre Ideen zu verbreiten. Sie produzierten politische Fernsehsendungen und kollaborierten mit ihren lateinamerikanischen Helden – links orientierten populistischen Anführern wie Rafael Correa aus Ekuador und Evo Morales aus Bolivien. Doch als sie dann am 17. Januar 2014 ihre eigene politische Partei gründeten und sie Podemos nannten („Wir können“), lehnten viele sie ab. Ohne Geld, ohne Struktur und mit wenig konkreten Zielen wirkte sie wie eine von den verschiedenen wütenden, anti-Armuts-Parteien, dazu verurteilt in wenigen Monaten dahin zu schwinden.

Ein Jahr später, am 31. Januar 2015, stiefelte Iglesias über eine Bühne auf Madrids bedeutungsschwangerem zentralen Platz, der Puerta del Sol. Er war gefüllt mit 150 000 Menschen, die so zusammengequetscht wurden, dass man sich nicht mehr bewegen konnte. Er wandte sich mit der leidenschaftlichen Rhetorik an die Menge, für die er von Gegnern als gefährlicher Populist vom linken Flügek gebrandmarkt wurde. Er wetterte gegen die Monster des „Finanztotalitarismus“, von denen sie alle erniedrigt wurden. Er riet den Anhängern von Podemaos zu träumen, und, wie der verrückte Edelmann Don Quixote, „ihre Träume ernst zu nehmen.“ Spanien befand sich im Griff historischer, konvulsiver Veränderungen. Die gedrängte Menge bestand aus Nachfahren des gemeinen Volks, das – bewaffnet mit Messern, Blumentöpfen und Steinen – gegen Napoleons Truppen rebelliert hatte, in nahegelegenen Straßen, zwei Jahrhunderte zuvor. „Wir können träumen, wir können gewinnen!“ rief er.

Fortsetzung folgt …