Die Krankenhaustragödie von Kunduz wird das Interesse des Westens wahrscheinlich nicht auf die Notlage der Afghanen richten

Financial Times 05. Oktober 2015

Ahmed Rashid

Doktoren und Schwestern der internationalen medizinischen Wohlfahrtsorganisation Ärzte ohne Grenzen haben ihr Hospital in der afghanischen Stadt Kunduz am Sonntag verlassen, nachdem 22 Menschen – einschließlich 12 vom Personal und drei Kinder – getötet wurden und 37 ernsthaft verletzt, von amerikanischen Raketen am frühen Sonntag Morgen.

Es war das einzige intakte Krankenhaus in einer Stadt mit 300 000 Menschen, wo die Taliban und afghanische Regierungstruppen seit einer Woche um die Kontrolle kämpfen. Ärzte ohne Grenzen haben eine unabhängige internationale Untersuchung der Bombardierung gefordert.

Der Angriff hat für einen internationalen Skandal gesorgt, das US-Militär steht zur gleichen Zeit unter Anklage, zu der Präsident Barack Obama versuchte Russland davon zu überzeugen eher die islamistische Gruppe ISIS in Syrien unter Beschuss zu nehmen als andere gegen das Regime gerichtete Kräfte und zivile Ziele. Nur Stunden vor dem Angriff hatten die USA und ihre Koalitionsverbündeten, einschließlich (Groß-)Britannien, eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie Russland verurteilen wegen ziviler Opfer in Syrien.

Die Bombardierung einer westlichen NGO durch eine westliche Macht – auch wenn es ein tragischer Fehler war – und die Schließung des Krankenhause werden gewiss andere NGOs in Afghanistan davon überzeugen sich zurückzuziehen, gerade als die Afghanen einer gewaltigen Talibanoffensive gegenüberstehen und die Wirtschaft zusammenbricht.

Außerdem haben sich die Kämpfe im Norden und Westen Afghanistans ausgebreitet und es ist sehr unwahrscheinlich, dass medizinische Versorgung – ansässig oder ausländisch – für gewöhnliche Afghanen in diesen Kriegsgebieten erschwinglich sein wird. Ärzte fliehen von ihren Standorten, die Taliban verfügen über keine medizinische Versorgung für ihre Truppen, während afghanische Zivilisten sehr auf ausländische medizinische NGOs angewiesen sind, um Kriegsverletzungen zu behandeln.

Die Bombardierung steckte das Krankenhaus in Brand und Überlebende sagten, dass Patienten, die nicht in der Lage waren zu fliehen, in ihren Betten verbrannten. Leichen von Frauen, Kindern und Ärzten lagen über die Ruinen verstreut; 12 der 19 Toten gehörten zum Krankenhauspersonal – alle Afghanen, außer dem Chef des Hospitals.

Ärzte in regionalen Kliniken, wohin einige der Verwundeten gebracht wurden, flohen vor Angst aus ihre Arbeitsräumen, und ließen die Patienten allein. „Das gesamte System ist zusammengebrochen … keine Ärzte, keine Schwestern.“ wurde Saad Mukhtar, der Gesundheitsbeauftragte für Kunduz, in der New York Times zitiert. Ärzte ohne Grenzen gewannen 1999 den Friedensnobelpreis für ihre Arbeit, sie operieren in 20 Ländern.

Inzwischen gehen die Kämpfe in der Stadt weiter, sie ist das Zentrum des Regierungsgegenangriffs, um die Taliban zu vertreiben. Die Taliban haben weitere Städte und Bezirke um Kunduz und in der Provinz Badakhshan eingenommen, die an Pakistan und China grenzt.

Vertreter von Ärzte ohne Grenzen sagten, dass der Standort des Krankenhauses allen an den Kämpfen Beteiligten bestens bekannt war – den afghanischen Truppen, den Taliban und den US-Piloten, die Taliban-Stellungen bombardierten.

Das US-Militär in Kabul gab eine Stellungnahme heraus, die einen US-Luftschlag bestätigt, der auf Taliban zielte, die US-Truppen beschossen und vielleicht „Kollateralschäden“ in einer medizinischen Einrichtung verursachte. Die Regierung in Kabul war unverblümter, sie gab an, dass Kämpfer der Taliban das Krankenhaus als Basis benutzten – was Ärzte ohne Grenzen mit Nachdruck zurückweist.

Der GPS-Standort war gerade drei Tage vor dem Luftschlag an alle Parteien übermittelt worden. Mehrere Vertreter von Ärzte ohn Grenzen sagten, dass als die Bombardierung losging, Vertreter der Wohlfahrtsorganisation mit Vertretern der Amerikaner sprachen und sie baten aufzuhören, aber die Bombardierung ging noch 30 Minuten lang weiter.

Es dauerte mehr als 12 Stunden bevor Verteter der USA in Washington reagierten und sagten, dass sie eine Untersuchung einleiten würden. „Der Vorfall ist äußerst tragisch, unentschuldbar und vielleicht sogar kriminell.“ sagte Zeid Ra’ad al-Hussein, der UNHCR.

Der tragische Verlust von Leben ist verkuppelt mit einem schweren Schlag für die Glaubwürdigkeit Washingtons und Kabuls, was die Bekämpfung der Taliban angeht und internationale und afghanische Unterstützung dazu zu gewinnen. Es herrscht bereits jetzt weit verbreitet Wut unter vielen Afghanen auf die USA und die NATO, weil sie sich zurückziehen während das Land immer noch eine große Bedrohung durch die Taliban erlebt.

Afghanistan hat internationale Hilfen schwinden gesehen und die Wirtschaft hat in diesem Jahr schwere Hiebe durch Kapitalflucht, die Offensive der Taliban und das Fehlen einer eindeutigen wirtschaftlichen Strategie durch die Regierung hinnehmen müssen. Präsident Ashraf Ghani hat vernichtende Kritik von vielen Afghanen erhalten, weil er unfähig war Obama zu überreden, die US-Kräfte über das nächste Jahr hinaus im Land zu belassen, sein Versagen die Wirtschaft zu retten und ergebnislose Absprachen mit ihr einzugehen – weshalb sie nun kollabiert ist. Seine Regierung wird nun hart kritisiert, weil sie die Bombardierung des Krankenhauses verteidigte.

Der US-Angriff hat Afghanistan zurück auf die internationale Bühne katapultiert, aber das arme Land, das sich seit 1978 kontinuierlich im Krieg befindet, ist wahrscheinlich nicht in der Lage, die Aufmerksamkeit auf andere Probleme, wie die russische Bombardierung der Rebellentruppen in Syrien, abzulenken, um erhebliche Hilfeangebote vom Westen zu erhalten.

Quelle: http://blogs.ft.com/the-exchange/2015/10/05/kunduz-hospital-tragedy-unlikely-to-focus-west-on-afghans-plight/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin