Die Hälfte der afghanischen Kinder leidet an bleibenden Schäden durch Unterernährung

Unterernährung in den ersten zwei Lebensjahren hat dauerhafte Auswirkungen auf das Wachstum und die Entwicklung, was für das Land fatal sein könnte


Emma Graham-Harrison in Samangan

The Guardian, 26. Januar 2014

Afghanistanzieht eine verkümmerte Generation heran, deren hinkende Entwicklung das Aus für die schwache Entwicklung der Wirtschaft sein könnte und die Folgen von Hilfen in Höhe von Milliarden Dollar, die ins Gesundheitssystem, Bildung und weitere Bereiche flossen, verpuffen lässt.

Mehr als die Hälfte der afghanischen Mädchen und Jungen leiden an körperlichen und geistigen Schädigungen , weil sie in den ersten beiden entscheidenden Lebensjahren unterernährt sind, geben Ärzte und andere Fachleute an. Die Erkenntnis wirft ernste Fragen zu den Altlasten von mehr als 10 Jahren westlicher Einmischung in Afghanistan auf.

„Bei Erreichen des Alters von 2 Jahren ist die körperliche Verkümmerung meist unumkehrbar und wirkt sich auf Größe und Entwicklung und kognitive Funktionen aus.“ sagt Carrie Morrison vom Welternährungsprogramm. „Auf lange Sicht kann es eine sehr verheerende Wirkung auf die nationale Wirtschaft haben. Junge Menschen werden nicht zu dem, was sie werden sollten. Frauen, die jung heiraten und selbst (körperlich) retardiert sind, gebären einen kleinen Säugling und der Kreis schließt sich.“

Kinder, die nicht ausreichend Nährstoffe mit ihrem Essen erhalten, leiden an chronischer Unterernährung. Das Problem plagt arme Länder auf der ganzen Welt, aber in Afghanistan ist es besonders verbreitet und anhaltend.

Ein Jahrzehnt nach dem Sturz der Taliban-Regierung leiden 55% der Kinder des Landes an Kleinwuchs wegen Mangel-Ernährung, was Daten der afghanischen Regierung und der UNO zeigen.

Die Statistik ist für Westmächte vernichtend, die Milliarden für Entwicklung und Wiederaufbau nach Afghanistan fließen ließen. Allein die USA haben 90 Milliarden Dollar (etwa 66 Milliarden Euro) ausgegeben. Diese Finanzen sollten Afghanistan modernisieren, aber der Ertrag scheint gering zu sein.

Während ausländische Soldaten sich darauf vorbereiten, heimzukehren, verbreitet sich die Gewalt und Afghanistan ist weiterhin eins der ärmsten Länder der Welt, mit geringer Lebenserwartung und ärmlicher Gesundheitsversorgung für Mütter und junge Kinder. Das Problem der Unterernährung wird durch die grundsätzliche Armut derer verursacht, die sich gesundes Essen nicht leisten können, sowie von mangelnder Hygiene und Gesundheitsfürsorge, traditioneller Kinderverheiratung und einem Netz weiterer Punkte.

„Wir haben ganze Familien deren instabile Ernährungsverhältnisse bedeuten, dass alle unterernährt sind, aber wir haben [auch] reiche Familien mit einem Kind, das krank ist.“ sagt Alam Mohammad, 25, ein Arzt, der die Gelegenheit einer simplen Stadtpraxis eintauschte, um in Feroz Nakhchair zu arbeiten,an der mörderischen Front eines Kampfes um die Zukunft des Landes.

Eine halbe Stunde Fahrt auf einem dreckigen Feldweg von der nächsten Landstraße, in einem Tal am Rand von Taliban-Gebiet, sieht er jeden Tag Dutzende Fälle wie Mojabeen, einer 19-jährigen Mutter von drei (Kindern), deren Leopard-bedrucktes Kleid unter ihrer Burka nicht zu ihrem mühseligen Leben zu passen scheint. Sie und ihre Familie leben in einem Ein-Zimmer-Haus auf einem Feld, das regelmäßig überflutet wird.

Ihr Gatte verdient zwei oder drei Dollar am Tag, wenn er Arbeit findet, und was nicht ausreicht um die kleine Familie zu ernähren. „Mein zweites Kind lebt bei meiner Mutter, weil wir nicht für es sorgen können.“ sagt Mojabeen, während sie darauf wartet, dass ihr neues Baby gewogen und untersucht wird.

Ihre Kinder war schon bevor sie geboren wurden benachteiligt, weil Mojabeen so ausgehungert war, dass sie nichts weitergeben konnte, was sie während der Schwangerschaft dringend benötigt hätten. In einem Bezirk mit ungefähr 13 000 Menschen ist das Problem so verbreitet, dass ein Programm, das für ca. 100 schwanger und stillende Mütter eingerichtet wurde, etwa vier mal so viele versorgt.

Trotzdem kann es für Wohlfahrtsverbände und die Regierung schwierig sein, chronischer Unterernährung Aufmerksamkeit und Mittel zu zollen, wenn das Land eine noch schlimmere Art von Hunger bekämpft, die einfacher anzugehen ist: akute Unterernährung.

Landesweit in den Kliniken haben zehntausende Babies und Säuglinge derartig ernste Kalorienknappheiten erlebt, dass sie die vorstehenden Knochen und die aufgeblähten Mägen haben, die man von Fotografien von Hungernotopfern kennt. Akute Unterernährung betrifft in mancehn Regionen mehr als eins von vier Kindern, sie kann jedoch gewöhnlich relativ schnell beigelegt werden, durch regelmäßige Versorgung mit hochenergetischer Plumpy’Nut Erdnussbutter.

Kinder, die an chronischer Unterernährung leiden sind irgendwie schwieriger zu behandeln, da man vielleicht nicht sieht, dass sie hilfebedürftig sind.

„Du könntest ein Kind sehen, dass untergewichtig erscheint oder zu klein für sein Alter, das sagt aber nicht viel aus man muss sie mit gut ernährten Kindern vergleichen. Aber sie (chronische Unterernährung) verhindert, dass sie aufwachsen und eon produktiveres Leben führen können.“ sagt Morrison.

Sie sagt Eisenmangel, unter dem drei Viertel der afghanischen Kinder leiden, schränkt die Aktivität und die Produktivität ein. Bei jungen Kindern unterbricht sie die Hirnentwicklung, mit Auswirkungen wie „Kleinwüchsigkeit, Gebrechlichkeit, schlechter Aufmerksamkeit in der Schule, und niedrigen Leistungen bei Konzentration und Gedächtnis.“ Ein Jodmangel ist die führende weltweite Ursache für vermeidbare mentale Beeinträchtigungen, und Vitamin A-Mangel beeinträchtigt das Immunsystem und erhöht die Sterberate bei Kindern unter fünf. Der Schaden ist so akut, dass die Bekämpfung durch eine Mixtur von Grundnahrungsmitteln wie Salz und Mehl mit Spurenelementen zu einem der wirtschaftlichsten Wege zählt, Gutes zu bewerkstelligen.

„In den meist betroffenen Ländern kann der Nutzen von Versorgung mit Vitamin A und Zink 100 mal höher sein als die Kosten.“ gemäß einem Papier zur Wirkung von Verabreichung von „Spurenelementen“ an Kinder.

Die Regierung hat ein fünfjähriges Programm zum Anbau von Mehl eingeleitet, das für Fladenbrot verwendet wird – was häufig das einzig tägliche Nahrungsmittel armer Familien ist – Öl und anderer Nahrungsmittel. Der Fortschritt bei Ausbildung, Gesundheitsversorgung und -pflege von Frauen war langsam.

Eine kürzliche Studie der Weltbank kehrte eine direkte Verbindung zwischen sanitären Anlagen und Größe hervor: ein fünfjähriges Kind in einer Gemeinde, in der jeder eine Toilette benutzt, ist durchschnittlich 2 cm größer als ein Kind aus einer, in man im Freien defäkiert.

Aber Armut ist ebenso ein drängendes Problem, in einem Land wo ein Drittel aller Bürger nicht immer weiss, wo sie die nächste Mahlzeit herkommt. Eine neue Studie der UNO befand, dass selbst minimale Ernährung für die Mehrheit der Afghanen nicht zu haben ist; in einigen Provinzen kann nur einer von fünf sich regelmäßige, ausgewogene Mahlzeiten leisten.

Während Entwicklungshelfer versuchen, sich um das Problem zu kümmern, was Jahre dauern kann, wird das medizinische Personal zurückgehalten, in Hinblick auf offenbar dringendere Probleme. „Wir sorgen uns wegen chronischer Unterernährung, aber wir können sie nur beraten.“ sagt Nehmatullah Majidzafa, eine Ernährungsschwester bei einem Oxfam-unterstützten Projekt nahe der Stadt Balkh, wo das meiste Geld für die Ernährung derer ausgegeben wird, die sie am offensichtlichsten benötigen.

Das umfasst Demonstrationen, wobei Schwestern gehackte Zwiebeln in einen Schnellkochtopf geben, bevor sie Linsen zufügen. Reis und Gemüse, und ermahnen sein Geld lieber für Proteine statt Süssigkeiten auszugeben, mit denen viele ihre Kinder verwöhnen.

Die Information ist hilfreich, weil „Eltern hier nicht viel über Gesundheit wissen.“ sagt Mohammad. Aber viele brauchen diese Hilfe nicht mehr.

„Wenn ein Kind zu lange an Mangelernährung leidet, kann es sich nicht vollständig erholen. Wir können die Eltern nur schulen, damit sie mehr darauf achten, dass ihre anderen Kinder es nicht erleiden.

Hunger in Afghanistan

Extreme Armut und ein raues Klima bedeuten für viele Afghanen Hunger. Ein Drittel der Bevölkerung bekommt nicht genug Nahrung um gesund und aktiv zu leben, und ein weiters Drittel schwebt an der Grenze zu instabiler Ernährung, oder weiss nicht, wo das nächste Essen herkommen soll. Aber Lebensmittelknappheit ist besonders schädlich für junge Kinder, die sich schnell entwickeln müssen.

Internationale Studien zeigen, dass Kinder, die angemessene ernährt werden, als Erwachsene zwischen einem Drittel und der Hälfte mehr verdienen können als die, deren Nahrung nicht angemessen war, sagt Morrison vom Welternährungsprogramm.

Und die allgemeine Unterernährung frisst jährlich 2-3% des nationalen Einkommens von Afghanistan, sagt die Weltbank. Das ist etwa eine halbe Milliarde Dollar die an ein bereits sehr armes Land eingebüßt wurden.

Quelle:
http://www.theguardian.com/world/2014/jan/26/afghan-children-harm-malnutrition-growth-development

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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