Die größte Festung der Welt

Obwohl bisher das meiste der kaukasischen Region, einschließlich Georgien und Armenien, fest in der Hand von Zar Nikolaus war, und offiziell in das russische Reich integriert, leisteten die muslimischen Stämme in den nördlichen Bergen weiterhin heftigen Widerstand. Die beiden wichtigsten Bereiche, die immer noch der Eroberung harrten, waren Tscherkessien im Westen und Dagestan im Osten. Da sie nicht mehr im Krieg mit den Türken oder Persern lagen, widmeten die russischen Generale ihre ganze Energie der Unterwerfung der kriegerischen Einwohner dieser beiden Bollwerke. Es sollte wesentlich länger dauern als sie erwartet hatten, denn die lokalen Kommandeure zeigten eine brillante Begabung für Berg- und Waldtaktiken. Außerdem hatten sie einen unerwarteten Verbündeten.

David Urquhart, damals 28 Jahre alt, hatte ein herzliches Verhältnis zu den Türken entwickelt, was sich aus seinen Erfahrungen als Freiwilliger im Griechischen Unabhängigkeitskrieg ergab. 1827, zusammen mit etwa achtzig anderen Briten, war er nach Griechenland gegangen, um dabei zu helfen die Türken zu vertreiben, aber sehr bald war er gründlich desillusioniert von den Griechen. Seine neue Neigung zu den Türken, deren Mut und andere Eigenschaften er sehr bewunderte, ließ in ihm eine gleichwertige Abneigung gegen ihren alten Feind, die Russen, aufsteigen. An einer französischen Militärakademie in Oxford ausgebildet, besaß Urquhart auch bemerkenswerte Gaben als Propagandist, die er nun gegen St. Petersburg richtete. Es dauerte nicht lange bis er Englands führender Russophobe wurde. Er hatte den zusätzlichen Vorteil Freunde in den höchsten Etagen des öffentlichen Lebens, einschließlich des Königs persönlich zu haben. Darum wurde er von der Regierung für mehrere geheime diplomatische Missionen im Nahen Osten angestellt, und es geschah während einer solchen in Konstantinopel, dass er auf den Fall Tscherkessien stieß.

Kurz zuvor, mit dem Ende der Bedrohung des Sultansthrons durch Mohammed Ali, hatten sich die Russen zurückhaltend bereit erklärt, ihr Einsatzkommando aus Konstantinopel zurückzuziehen, jedoch nicht ohne von den Türken hohe Zahlungen für ihr Eingreifen zu verlangen. Unter den Bedingungen des Vertrags, der 1833 unterzeichnet wurde, war die Türkei – zumindest in den Augen von Urquhart und seinen russophoben Freunden – auf wenig mehr als ein russisches Protektorat gestutzt worden. Zu Londons Entsetzen wurde bald aufgedeckt, dass die Türken laut einer geheimen Klausel dazu verpflichtet waren, falls St. Petersburg das verlangte, die Dardanellen für ausländische Kriegsschiffe, mit Ausnahme russischer, zu schließen. Dadurch hätten die Russen im Kriegsfall als einzige das Recht mit ihrer mächtigen Schwarzmeerflotte durch die türkische Meerenge zu fahren.

Palmerston, der britische Außenminister, war darüber aufgebracht und protestierte ausdrücklich gegenüber St. Petersburg. Er fing an sich zu fragen, ob der gefürchtete Mohammed Ali, der England freundliche Annäherungsansinnen gemacht hatte, nicht besser auf dem türkischen Thron säße, anstelle des zappelnden Sultans. Seine Laune wurde durch Russlands Antwort auf seinen Protest nicht verbessert, das argumentierte, es habe bloß getan, was England auch gerne gemacht hätte, sei ihm aber zuvorgekommen.

Das wies Palmerston als „vorlaut und unverschämt” zurück, obwohl er wusste, dass es unangenehm nah an der Wahrheit war. Es nutzte jedoch wenig, um das rapide schlechter werdende Klima zwischen den beiden Mächten zu verbessern. Die Sorge um Russlands langfristige Vorhaben wurde noch größer durch die Nachricht, dass Russland seine Flotte in großem Stil ausbaute, und die Royal Navy wurde entsprechend vergrößert um sich anzupassen. Da das neben Russlands Sieg über Persien und die Türkei 1828 und 1829, und dem geheimen Abkommen über die Dardanellen, nur die Spitze des Eisbergs war, wirkte es tatsächlich bedrohlich. In dieser Stimmung diente fast alles, wie trivial auch immer, der Sache der Russophoben.

So war die Stimmung, als David Urquhart im Namen der Kirgisen die Knute auspackte. Erstmals nahm er 1834 mit ihren Anführern Kontakt auf, während er in Konstantinopel lebte, und stattete ihrem gebirgigem Bollwerk als erster seiner Landsleute einen Besuch ab. Die kirgisischen Anführer, furchtlos aber ungebildet, waren sehr beeindruckt von ihrem Besuch aus der großen weiten Welt, der repräsentativ im Namen – dachten sie zumindest – eines so mächtigen Volkes wie den Briten sprach. Er spendete ihnen viel Ermutigung und Rat, und sie baten ihn zu bleiben und sie in ihrem Kampf gegen die Russen anzuführen. Doch Urquhart widersprach, bestand darauf in London für sie viel nützlicher zu sein. Er kehrte heim in der Überzeugung, dass es Englands moralische Pflicht sei, die Russen abzuhalten dieses kleine Hochlandvolk zu überrennen, das für niemanden eine Bedrohung darstellte und ihn auch an seine eigene Heimat Schottland erinnerte. Es war für England ebenfalls von größtem Interesse, den kaukasischen Stämmen zu helfen die Russen von dieser wichtigen Landbrücke zu vertreiben, von der aus die Türkei, Persien und schließlich Indien angegriffen werden könnten.

Urquhart hielt sein Versprechen und eine Flut von Artikeln, Pamphleten und Pressenotizen flossen aus seinem Stift, verbreitete ihre Sache und verwünschte alles was russisch war. Im folgenden Jahr veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel England und Russland, in dem er vor Russlands expansionistischen Plänen im Nahen Osten und Zentralasien warnte. Er prophezeite, dass die Türkei zuerst aufgesaugt werden würde. „Das gesamte Ottomanische Reich läuft mit einem Mal über, und ist dann offen unser Feind.“ schrieb er, „Das Militär, die Waffen, die Grenzen, die Festungen, die Schätze und die Schiffe der Türkei, die jetzt gegen Russland aufgestellt sind, richten sich gegen uns – von ihr abgerichtet, vereinnahmt und gesteuert.“ Nachdem es die Türkei aufgesaugt hätte, würde Russland als nächstes Persien unterwerfen. Die Perser seien „ein zahlreiches, geduldiges und kriegerisches Volk, das von den Russen ohne Probleme und Aufwand diszipliniert und gesteuert werden könnte.“ Urquhart hatte wenig Bedenken, gegen wen sie eingesetzt werden würden. Da sie gern Beute machten, müsste man die Perser kaum nötigen, wenn ihnen Indiens sagenhafter Reichtum vor die Nase gehalten werden würde..

Er schlussfolgerte, Russland „wählt sich den Zeitpunkt aus … es darf sich in so einem Moment nicht verrechnen. Alle Gedanken, Energien und Mittel sind darauf konzentriert. Es muss absolut siegessicher sein, bevor es zuschlägt.” Nichts davon war komplett neu. Sir Robert Wilson war der Erste, der das Augenmerk auf die Niederlage des Ottomanischen Reiches durch die Russen gelenkt hatte, während das Konzept St. Petersburgs, die Perser zu benutzen um Indien anzugreifen, siebzehn Jahre früher von Kinneir erörtert worden war. Aber seitdem hatte sich viel verändert. Urquharts Warnung kam zu einem Zeitpunkt, als sich die Russen offenbar wieder regten. Außer der Vergrößerung ihrer Flotte, hatten sie den Griff in den Kaukasus verstärkt, die Landbrücke, von der aus alle weiteren Vorstöße in die Türkei oder Persien nahezu mit Gewissheit ausgehen würden. Da die Russophobie jetzt voll in Mode war, hatte Urquhart keine Mangel an Zuhörern.

Mit so mächtigen Freunden wie William IV, dem türkischen Sultan und Lord Ponsonby, dem derzeitigen britischen Botschafter in Konstantinopel, war es keine Überraschung, als Urquhart Anfang 1836 in der türkischen Hauptstadt als Erster Sekretär in der Britischen Botschaft eingesetzt wurde. Aber Urquhart war nicht der Mann, um sich durch seinen neuen Diplomatenstatus in seinen russophoben Aktivitäten oder seiner Unterstützung der kirgisischen Sache zügeln zu lassen, und während er in Konstantinopel fungierte, fand die aufsehenerregende, wenn jetzt auch lange vergessene Affäre der Vixen statt. Obwohl Kirgisien alles andere als besiegt war, beanspruchten die Russen es zu diesem Zeitpunkt bereits als ihr Land, vertraglich erworben von den Türken. Unter dem Vorwand einer Quarantäne, wegen dem Ausbruch einer Seuche, hatten sie eine strenge Seeblockade über die Küste des Schwarzen Meeres verhängt.

England erkannte den Anspruch nicht an, aber die Regierung fühlte sich nicht stark genug, um Russland in der Angelegenheit herauszufordern. Urquhart war jedoch genauso entsetzt von dem was er sah, wie die tapferen Kirgisen, genau wie von der Rückgratlosigkeit, die Blockade nicht anzufechten, die darauf zielte, britische Waren, und vielleicht Waffen, vom Kaukasus fernzuhalten. Darum überredete Urquhart, um die Sache zu forcieren, eine Schiffsgesellschaft, einen ihrer Schoner, die Vixen, von Konstantinopel mit einer Ladung Salz in den Hafen von Sudjuk Kale, am nördlichen Ende der Kirgisischen Küste, zu schicken. Es war eine absichtliche Provokation, mit der Absicht zu sehen, wie weit die Russen bereit waren ihren Anspruch auf Kirgisien aufrechtzuerhalten. Sollte der Kahn aufgehalten werden, hoffte Urquhart, dass das die öffentliche Meinung zu Hause entfachen und die Regierung zwingen würde, direkt gegen die Russen vorzugehen, um seine Handelsflotte zu schützen. So ein Schritt, der die Entsendung der britischen Kriegsschiffe ins Schwarze Meer erforderte, würde auch dem Zweck dienen, das russisch-türkische Abkommen über die Dardanellen in Frage zu stellen. Sollten die Russen es wiederum unterlassen, die Vixen zu beschlagnahmen, dann würde das zeigen, dass man sie zwingen konnte klein beizugeben, indem nur einer sich ihnen entgegenstellte. Es würde ebenso zeigen dass Nachschub an Waffen für die belagerten Kirgisen ausbaufähig wäre.

Im November 1836 verließ die Vixen Konstantinopel und steuerte östlich durch das Schwarze Meer. Ihre Abfahrt konnte St. Petersburgs Aufmerksamkeit nur schwerlich entgehen, da Urquharts Zeitungskontakte dafür sorgten, dass flächen- deckende Berichterstattung erfolgte. Urquhart und seine Mitverschwörer, alle ausschließlich Falken, hofften natürlich, dass sie aufgehalten werden würde. Weil sie glaubten, dass nur eine Kraftprobe zwischen London und St. Petersburg das russische Wachstum jetzt aufhalten könnte. Die Dinge nahmen einen viel versprechenden Anfang, als der Kommandeur einer russischen Brigg das Schiff im Hafen von Sudjuk Kale aufhielt, wo sie seit zwei Tagen Handel betrieben hatte. Nachrichten von ihrer Aufbringung wurden umgehend von britischen Zeitungs-Korrespondenten nach London geschickt, meist von Freunden Urquharts, mit Sitz in Konstantinopel. Wie erwartet erweckten die Nachrichten den Zorn von Presse und Öffentlichkeit, auch wenn wenige Briten auch nur die leiseste Ahnung hatten, wo Kirgisien war. Die russophoben Zeitungen, denen zeitweise das Pulver ausgegangen war, schluckten wie vorgesehen Urquharts Köder. Während The Times die Regierung rügte, den Russen erlaubt zu haben, Englands Verzagtheit zu verspotten, untersuchte die Edinburgh Review die näheren Umstände der Krise. „Sind die Kirgisen einmal besiegt,“ erklärte sie, „und der Kaukasus offen, ist Persien St. Petersburgs Gnade ausgeliefert … Dann werden wir sehen, wie Russlands Grenze auf einen Schlag um 2.000 km näher an unsere indische Grenze rückt.“

Palmerston selbst war nicht weniger verärgert über die illegale Kaperung des britischen Schiffs, and ein erhitzter Briefwechsel begann mit St. Petersburg. Der Außenminister war ebenso verärgert über Urquhart und seine Freunde, von denen er wusste, dass sie dahintersteckten. Er hatte versucht Urquharts Berufung nach Konstantinopel zu verhindern, aber es war kein Geheimnis, dass dies den persönlichen Rückhalt des Königs hatte, und er war von seinen Kabinettskollegen überstimmt worden. Da er sich jetzt voll rehabilitiert fühlte, machte er sich sofort daran, den Täter nach London zurückberufen zu bekommen, bevor er britisch- russischen Beziehungen weiteren Schaden zufügen konnte. Derweil erwarteten Urquhart und seine Freunde in der türkischen Hauptstadt sehnsüchtig die Antwort der britischen Regierung zur Festsetzung und Beschlagnahmung Vixen.

Es war um diese Zeit herum, dass die Russen anfingen zu klagen, dass britische Agenten unter den Kirgisen operierten, sie mit Waffen versorgten, sie berieten und sie ermutigten standzuhalten. Tatsächlich, behaupteten sie, habe man festgestellt, dass die Vixen, neben ihrer Salzfracht, Waffen für die aufständischen Stammes-angehörigen geladen habe. Sie waren so besorgt über die möglichen Auswirkungen auf den Krieg, dass der russische Kommandeur eine Warnung an die Kirgisen erließ, die verdächtigt wurden, den Ausländern Unterschlupf in ihren Berghöhlen zu bieten. „Die Engländer in eurer Mitte,” verkündete er, „sind bloß prinzipienlose Abenteurer.“ Sie seien gekommen, nicht um der kirgisischen Sache zu helfen, sondern um Kirgisien für England einzunehmen. Sie sollten unverzüglich ergriffen und umgebracht werden. Die Kirgisen selbst, sagte er, seien so klug ihre Waffen niederzulegen, denn kein Land habe jemals gegen Russland Krieg geführt und gewonnen. „Ist euch nicht bewusst,” fragte er sie, „das, sollte der Himmel einstürzen, die Russen ihn mit ihren Bajonetten auffangen würden?“ Es sei weit besser für die kirgisischen Stämme, vom Zaren regiert zu werden, als vom König von England. Sollten sie aber auf die Briten hören, und beschließen Widerstand zu leisten, dann wäre es nicht die Schuld der Russen, wenn ihre Täler und Heime von Feuer und Schwert zerstört und ihre Gebirge „zu Staub zertrampelt“ würden.

Wie die Russen im kommenden Vierteljahrhundert und darüber hinaus feststellen sollten, würde mehr als heiße Luft nötig sein, um die Kirgisen einzuschüchtern, die ihren Widerstand noch aufrechterhielten, als die anderen kaukasischen Völker schon aufgegeben hatten. Aber in einem Punkt lag der General richtig. Augenblicklich lebten wirklich Engländer unter den Kirgisen. Einer, James Longworth, war Spezialkorrespondent der The Times, einer Zeitung, die mit der Kirgisischen Sache sympathisierte, und der gekommen war um zu sehen wie es lief, bei ihrem David gegen Goliath-Kampf gegen die Russen. Sein Begleiter, James Bell, war ebenso ein kirgisischer Sympathisant. Tatsächlich war er es, vielleicht unklugerweise, der die Vixen verliehen hatte um ihre Sache zu unterstützen. Von Urquhart ermutigt, hatte er den russischen Fehdehandschuh genau wie Longworth aufgenommen, um Zeuge des Krieges zu werden und ihn Zuhause in die Titelzeilen zu bringen. Auch war er ungeduldig, zu erfahren was mit seinem Schiff und seiner Ladung passiert war, und zu versuchen sie wiederzufinden.

In den Monaten, die sie mit den Mujahedin verbrachten, direkt unter der Nase der Russen, erfuhren die beiden Männer von der außerordentlichen Ehrfurcht, die die Kirgisen für „Dauod Bey“ empfanden, wie David Urquhart bei ihnen hieß. Als er, mehr als zwei Jahre zuvor an ihrer Küste gelandet war, hatte er sie zersplittert und unorganisiert vorgefunden. Sofort machte er sich daran, eine zentrale Autorität einzurichten, um ihren Widerstand zu organisieren und zu koordinieren. Ebenso schrieb er für sie eine formale Unabhängigkeitserklärung und sorgte dafür, dass sie in Europa weithin veröffentlicht wurde. Für ihren Teil konnten Longworth und Bell den Kirgisen Ermutigung und Rat anzubieten, während sie und ihre Gastgeber auf Nachrichten der Antwort seitens der britischen Regierung auf die Aufbringung der Vixen warteten, und von St. Petersburgs Anspruch auf Kirgisien. In der Zwischenzeit konnten sie einige der Kämpfe beobachten und Longworth seiner Zeitung über ihren Fortschritt berichten, wodurch sie dafür sorgten, dass die kirgisische Sache im öffentlichen Interesse verblieb.

Anfangs, als die Kämpfe sich auf die Grenzregion beschränkten, gebrauchten die Russen ihre Kosaken-Kavallerie, um den Widerstand zu zerbrechen. Aber mit Jahrhunderten in der Berg- und Wald-Kriegsführung hinter sich und einer umfassenden Kenntnis des Geländes, erwiesen sich die Kirgisen mehr als gleichwertig mit den Russen. Sie waren auch besser ausgerüstet und bewaffnet als die Kosaken, und genauso erfahren und grausam im Kampf. Das Ergebnis war, dass die russischen Kommandeure erneut nachdenken mussten. Im nächsten Zug benutzten sie Infanterie unterstützt von Artillerie, mit kosakischer Kavallerie, um die Flanken zu bewachen. Damit konnten sie vorsichtig auf feindliches Gebiet vorstoßen, Dörfer und Ernten dabei zerstörend.

Nach katastrophalen Versuchen die russischen Reihen zu zerbrechen, erzählt Longworth, während denen „die besten und mutigsten der Krieger ihrer eigenen Unbesonnenheit zum Opfer fielen,” änderten die Kirgisen ebenso ihre Taktik. Statt zu versuchen, die Russen von vorne zu treffen, lernten sie, sie in geschickt gestellte Hinterhalte und Fallen zu lenken, aus dem Nichts auf ihren flinken Reittieren zuzuschlagen und genauso schnell zu verschwinden. Als Nächstes verwendeten die Russen Kartätschen, eine frühe Variante von Schrapnell. „Ihre Kanonen,” beschwerte sich ein Kirgise bei Longworth, „kotzen jetzt an Stelle einer Kugel, die uns über die Köpfe zischt … zehntausend davon, von denen jede einzelne alles an uns zerreißt und zerbricht.“ Würden die Briten sie nur mit solchen Waffen unterstützen, flehte er, dann würden die russischen Truppen „ihre Ränge nicht besser halten können als wir, und, wären sie einmal zerstreut, würde unsere Kavallerie ihnen wieder so übel mitspielen wie zuvor.”

Widerstand im Kaukasus, erfuhren die Engländer, war nicht auf Kirgisien beschränkt. Jenseits der Berge gen Osten, auf der kaspischen Seite des Kaukasus, fand ein ähnlicher Kampf gegen die Russen in Dagestan statt. Der wurde angeführt von einem muslimischen Geistlichen von außerordentlichem Charisma und genialen Guerillataktiker namens Schamyl. Aber aufgrund von Dagestans Abgelegenheit und der Tatsache, dass es dort keinen Urquhart gab, um es zu publik zu machen, oder Longworth, um darüber zu berichten, verlief der Krieg praktisch unbemerkt von Europa. Aber auch wenn die Briten nichts von Schamyl gehört hatten, die Generale des Zaren hatten es mit Sicherheit, denn keine der gewöhnlichen Taktiken schien gegen ihn zu funktionieren. Mehr als zwanzig Jahre Krieg standen aus, bevor Schamyl besiegt wurde und weitere fünf, bevor die kirgisischen Stämme schließlich überrollt wurden. Der Feldzug erwies sich als extrem teuer für die Russen, in beidem, Leben und Geld, und er sollte einige seiner größten Autoren und Dichter inspirieren, einschließlich Tolstoi, Puschkin und Lermontov. All das war aber zu der Zeit, über die hier geschrieben wird, noch lange hin, als Longworth und Bell Bescheid aus London über den Ausgang der Vixen Affäre erwarteten.

Als sie schließlich Nachricht erreichte, in Form eines Ausschnitts aus The Times, war sie zutiefst enttäuschend. Die britische Regierung, das war klar, war nicht bereit sich viel aus der Kaperung des Schiffes zu machen, und schon gar nicht einen Krieg mit Russland deswegen zu riskieren. Zum Ärger der Russophoben entschied Palmerston, dass Kirgisien zwar nicht zu Russland gehöre, Sudjuk Kale, wo die Aufbringung stattgefunden hatte, aber schon. Zu der Zeit war Urquhart nach London zurückbeordert worden und war wegen seiner Rolle bei der Konfrontation zwischen den beiden Mächten, die offiziell verbündet waren, gefeuert worden. Keiner von Urquharts Freunden war mächtig genug, um in seinem Namen einzuschreiten, denn einen Monat vor seiner Rückkehr war William IV erkrankt und gestorben. Stattdessen startete Urquhart eine Schmähkampagne gegen Palmerston, indem er behauptete, er sei mit russischem Gold gekauft worden. Er bemühte sich sogar, den Außenminister wegen Verrat anzuklagen, aber daraus wurde schließlich nichts.

Die Nachricht das England klein beigeben hatte, war eine schlimme Enttäuschung für Longworth und Bell, denn sie hatten ihren Gastgebern mehrfach versichert, sie würden sehr bald die Unterstützung der mächtigsten Nation der Erde genießen, wovon sie anscheinend selbst überzeugt waren. Palmerstons Entscheidung war ein noch schlimmerer Schlag für Bell, der sich jetzt von allen Hoffnungen, sein Schiff von den triumphierenden Russen wiederzubekommen, verabschieden konnte. Die beiden Männer entschieden, das wenig mehr zu erringen war wenn sie blieben, dennoch versprachen sie ihren kirgisischen Freunden, von England aus weiterzukämpfen. Tatsächlich veröffentlichten beide detaillierte Erzählungen ihrer Abenteuer und Erfahrungen mit den Mujahedin. Derweil, obwohl Palmerston vereitelt hatte, dass er Russland und England zum Kollidieren brachte, hatte sich Urquhart mit frischem Elan wieder der russophoben Sache zugewandt und war unter anderem dabei, den Waffenschmuggel nach Kirgisien zu organisieren. John Baddely führt in seiner klassischen Studie Die russische Eroberung des Kaukasus, 1908 veröffentlicht, den Erfolg der Kirgisen zu großen Teilen „auf diese Bemühungen“ zurück. Jedoch klagt er Urquhart und seine Kollaborateure an, dadurch den Krieg verlängert zu haben, den die Kirgisen niemals hätten gewinnen können, und sie mit er falschen Hoffnung gefüttert zu haben, britische Unterstützung zu erhalten.

Urquhart betrat schließlich das Parlament, wo er seine Kampagne gegen Palmerston weiter verfolgte und seine Versuche, ihn wegen Verrats anzuklagen, genau wie er sein Russenködern weiterhin betrieb. Aber nach und nach steigerte er sich in andere Dinge, und schließlich musste er sich aus gesundheitlichen Gründen in die Schweizer Alpen zurückziehen. Als Erz-Russophober des Tages aber, hatte er viel getan um die öffentliche Meinung gegen Russland zu wenden und die tiefe Kluft zwischen den beiden Mächten zu vertiefen. Tatsächlich sehen sowjetische Historiker einen Teil der Schuld an den heutigen Problemen im Kaukasus in der britischen Einmischung in der Region, und behaupten sogar, Schamyl sei ein britischer Agent gewesen. Sicherlich forderte der Widerstand, auf den die Russen dort stießen, sie militärisch
heraus und war einige Jahre ein Hindernis für ihre Pläne anderswo in Asien. Der Kaukasus ist dadurch, dank Urquhart und seiner Freunde, zu einem Teil des Großen Spiels geworden.

Quelle

Ein Gedanke zu „Die größte Festung der Welt

  1. Thorsten Ramin

    Die deutsche Ãœbersetzung von „Das Große Spiel“ ist seit 2 Jahren fertig. Es folgt „Die Entfachung des Ostens“, die Fortsetzung der Auseinandersetzung in Zentralasien, die Revolution der Bolschewiken und der endgültige Zusammenbruch des indischen „Raj“ von Peter Hopkirk.

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