Die Geisterjäger

Tim Weiner

AUSGABE 16.  AUGUST 2018


The Assault on Intelligence: American National Security in an Age of Lies

von Michael V. Hayden

Penguin, 292 S., $28.00

A Higher Loyalty: Truth, Lies, and Leadership/Größer als das Amt — Auf der Suche nach der Wahrheit – der Ex-FBI-Direktor klagt an

von James Comey

Flatiron/Droemer, 290 S./384S., $29.99/€19,99

Facts and Fears: Hard Truths from a Life in Intelligence

von James R. Clapper, with Trey Brown

Viking, 424 S., $30.00

1.

Für Donald Trump ist es, als sei der „Staat im Staat“ den Untiefen des düsteren Sumpfs von Washington entsprungen, um ihn zu triezen. Er versteht es als Intrige seiner politischen Feinde — allen voran die Männer, die das FBI, die Nationale Sicherheitsbehörde (NSA) und die Zentrale Geheimdienstbehörde (CIA) geleitet haben — als eine Geheimgesellschaft, die unter dem Deckmantel der verfassungsgemäß gewachsenen Regierung agiert, einer gewaltigen Verschwörung, einer dunklen Macht, die ihn zu vernichten trachtet. Der Präsident steht auf, um Donnerschläge per Twitter zu entgegnen, bevor FOX & Freunde sich morgens anmelden. (Und zwar: 23. Mai 2018, 06 Uhr 54: „der kriminelle Staat im  Staat. Sie gehen falschen Absprachen mit Russland nach, erfundenem Betrug …“)


Als er am 16. Juli 2016 neben Wladimir Putin in Helsinki stand, wurde er gefragt, ob er den einhelligen Ergebnissen seiner Geheimdienste glaube, dass Russland versucht habe die Wahlen von 2016 zu beeinflussen. Trump schloss sich dem feixenden Autokraten an: „Sie sagten, sie denken es ist Russland. Ich habe Präsident Putin; er sagt gerade, Russland ist es nicht. Ich sage dies: Ich sehe keinen Grund, warum es sollte.“ Senator John McCain nannte es „einen der erbärmlichsten Auftritte eines amerikanischen Präsidenten aller Zeiten.“

Trump betrachtet die Gesetzeshüter des FBI als subversive Gauner und die Spione der CIA als Sturmtruppen der Nazis; er glaubt, dass sie seine Telefone abhören, Spione in seine Mitte eingeschleust haben, und ihn schon seit vor seiner Ernennung sabotieren; sie stecken mit der Presse unter einer Decke; und, noch unheilvoller, sie sind Robert S. Mueller III hörig, dem FBI-Direktor von 2001 bis 2013 — nun als Sonderermittler, der die strafrechtliche Ermittlung gegen Trump und seine Vasallen leitet, ein Mann, der die Macht hat, ihm seine Präsidentschaft wegzunehmen.

Der Staat im Staat ist für Trump eine geheime Bruderschaft von Militärs und Geheimdienstoffizieren, die diskret den Staatskörper manipulieren, und die von den Anführern der amerikanischen Geheimdienstorganisationen unter Präsident Obama betrieben wird, zusammen mit ungenannten düsteren Kräften, die noch immer im Justizministerium ausharren. Das sind die gleichen Leute, die eine schamlose verdeckte Operation durch Wladimir Putin und seine Spionierdienste aufdeckten, um Trump 2016 zu Wahl zu verhelfen. Für den Präsidenten verteidigen sie nicht die Republik, sondern betreiben einen langsamen Staatsstreich.

Trump mag paranoid sein, aber er hat reale Feinde unter den Altgedienten der Geheimdienstbetriebe, und darunter befinden sich die Autoren dreier neuer Bücher, die sich zusammen bis zu einer Million Mal verkauft haben: James Clapper, der Aufseher der amerikanischen Spionage von 2010 bis 2017 als Obamas Koordinator der nationalen Geheimdienste, Michael Hayden, der die NSA von 1999 bis 2005 leitete und die CIA von 2006 bis 2009, und James Comey, den Trump als Chef des FBI letztes Jahr feuerte, und der nun seine Rache haben kann. In der bizarren Welt, die Washington heute darstellt, haben diese politisch konservativen nationalen Sicherheitsanhänger — von Liberalen zurecht beschimpft wegen Taten in ihrer Amtszeit — sich als Mitglieder der Trumpopposition entpuppt und als Brennpunkt extremen Zorns von der Rechten. Aufgrund ihrer hohen Ämter im Staat im Staat, wie Trump das sieht, gehören sie in seinen Augen zu den gefährlichsten Männern in Amerika. Sie ihrerseits nennen Trump einen Lügner und Fantasten, eine Bedrohung für die nationale Sicherheit Amerikas und eine Gefahr für die Verfassung und die Grundrechte-Charta.

„Ich glaube nicht daran, dass unsere Demokratie lange mit Lügen funktionieren kann.“ schreibt Clapper.

„Wir haben jemanden zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt, dessen Urtrieb darin besteht, die Wahrheit zu seinem Vorteil zu verbiegen und zu entstellen, sich und seiner Familie  finanzielle Vorteile zu verschaffen und dadurch die Werte für die sein Land stand, herabzusetzen … Während er das tut, weigert er sich gezielt die erhebliche Gefahr anzuerkennen, die Russland darstellt, unerklärlicherweise vertraut der den Leugnungen Putins und ihre Einmischung in unsere politischen Prozesse eher als den wohlüberlebten Urteilen unserer eigenen Geheimdienste.“

Dieser Abschnitt, auf der vorletzten Seite einer ansonsten prosaischen Biografie, ist so anregend wie Clappers Nachrichten-agenturton beißend ist. Trump lieferte seine Sicht der Dinge am 28. April in einem Tweet um 8 Uhr 58 ab: „Er ist eine Lügenmaschine, die jetzt für die Lügenpresse von CNN arbeitet.“ Das provozierte eine schnelle Antwort, ebenfalls auf Twitter, von John Brennan, CIA-Direktor von 2013 bis 2017. An die Adresse von Trump schrieb er: „Deine Heuchelei kennt keine Grenzen. Jim Clapper ist ein integrer Mann, ehrlich, ethisch und moralisch. Du bist es nicht.“ (Brennan  provoziert Trump weiterhin. „Deine Angst aufzufliegen ist greifbar.“ tweetet er am 23. Juni. „Deine Hoffnungslosigkeit sogar noch mehr.“) Um nicht ausgestochen zu werden, mischte sich Michael Hayden neulich in Trumps Einwanderungspolitik ein, postete ein Bild des Todeslagers Birkenau mit der Überschrift: „Andere Regierungen haben Mütter und Kinder getrennt.“ Es gibt keinen Präzedenzfall für Männer in solch hohen Ämtern der amerikanischen Geheimdienste, die ihren Dienstherren derart angreifen.

In Haydens forsch geschriebenem Buch „Angriff auf die Geheimdienste“ geht es nahezu komplett um Trump. Er ist geradeheraus, wenn er in seinem Untertitel feststellt, dass wir in einem „Zeitalter der Lügen“ leben und warnt, dass unsere Demokratie vielleicht in Gefahr ist. Sein Text über Trumps Amerika liest sich wie Masha Gessens über Putins Russland (ist aber nicht so sprachgewandt). Hayden war kein Anhänger von Obama und bekam keinen Platz in seiner Administration, teilweise weil er das außenverfassungsmäßige Programm mit Decknamen STELLAR WIND ausgeführt hatte, in dem Präsident Bush die NSA anwies, ihr elektronisches Abhören nach dem 11. September auf Amerikaner anzuwenden.

Hayden bewegt sich trotzdem nah an einer Entschuldigung für Trumps autoritative Neigungen und seine bedenkliche Verwandtschaft zu seinem russischen Pendant: „Putin hätte mitsummen können, als Trump auf der Versammlung der Republikaner 2016 behauptete, ‚Nur ich kann es in Ordnung bringen‘. Er beklagt, nachdem er Trumps endlose Angriffe auf die Presse hervorgehoben hat: „Wenn das ist, was wir sind, oder das, was aus uns wird, dann habe ich 40 Jahre meines Lebens verschwendet.“ Und er ist sauer über den Gedanken, er und seine alten Gefolgsleute seien im Geheimen dabei, Trump zu unterwandern: „Es gibt keinen ‚Staat im Staat‘ in der Republik Amerika. Es gibt nur ‚den Staat‘, oder, wie ich es bezeichne, berufliche Profis tun ihr Bestes im Rahmen der Gesetze. Nicht dass sie sich immer vertragen.“

Nein, tun sie nicht. Zwei Wochen nachdem Trump ins Amt kam veröffentlichten die Washington Post und die New York Times vernichtende Erzählungen von Gesprächen, die vor seiner Amtseinführung geführt wurden, zwischen dem Mann, den er zu seinem nationalen Sicherheitsberater erkoren hatte, dem pensionierten Generalleutnant Michael Flynn und Russlands Botschafter in den Vereinigten Staaten, Sergey Kislyak. Diese ergaben sich aus gerichtlich genehmigten geheimdienstlichen Abhörungen im Rahmen der Überwachung der Russischen Botschaft in Washington. Der Grund war die Beseitigung von Sanktionen, die Obama Russland auferlegt hatte. Da Trump noch nicht vereidigt wurde, war die Diskussion zumindest höchst unangemessen und im schlimmsten Fall illegal. Flynn leugnete alles. Da er bei der Täuschung erwischt wurde, trat er zurück, später plädierte er auf schuldig, das FBI belogen zu haben, und jetzt kooperiert er mit Mueller, was ihn zu einer gefährlichen Bedrohung für Trump und seinen engeren Kreis macht.

Artikel aus ähnlichen Quellen ergaben, dass Generalstaatsanwalt Jeff Sessions und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner ebenfalls vertrauliche Gespräche mit dem russischen Botschafter führten. Die Frage, wie Überwachung der Nationalen Sicherheitsdienste es in die Zeitungen geschafft haben, ist verblüffend. Ich berichte und schreibe seit den späten 80ern über amerikanische Geheimdienste, und ich kann sagen, dass diese Dinge selten, wenn überhaupt, nahezu in Echtzeit aufgeflogen sind, bis zum letzten Jahr. Die wahrscheinlichste Quelle war jemand in den oberen Rängen des FBI, dem Justizministerium oder der NSA — jemand, dessen Name Comedy, Clapper oder Hayden bekannt wäre — jemand, der Trumps Strohpuppe ein wenig menschlicher erscheinen ließe.

Das wirft Fragen auf. Hat Trump vielleicht recht? Gibt es wirklich einen amerikanischen Staat im Staat? Wenn ja, ist er hinter ihm her?

Ich zweifle stark daran, aus Gründen die ich weiter unten bespreche. Aber ich saß bolzengerade als ich las, dass Jack Goldsmith, ein Harvardprofessor und Gründungsredakteur des unschätzbaren Sicherheitsblogs Lawfare, daran glaubt dass dies tatsächlich „Lücken des Staats im Staat gegen Trump“ waren. Goldsmith war stellvertretender Generalstaatsanwalt in Präsident Bushs Rechtsberaterbüro, und er kennt die Politik der Geheimhaltung. Er packte vor fünfzehn Jahren zuerst über STELLAR WIND aus und trieb Comey, damals amtierender Generalstaatsanwalt, und Mueller, als Direktor des FBI, dazu an, den Präsidenten mit der Tatsache zu konfrontieren, dass er das Gesetz brach.

Goldsmith sagte, in einem kürzlich veröffentlichten Aufsatz, diese undichte Stellen gegen Trump könnten gelesen werden als Rückkehr zu den Tagen J. Edgar Hoovers, der geheime Informationen als Waffen politischer Kriegsführung benutzte. Obwohl „wir nie in einer Situation waren, in der der Nationale Sicherheitsberater, und vielleicht sogar der Präsident der Vereinigten Staaten, eine ernstzunehmende Spionageabwehr-bedrohung darstellten und einen unserer größten Gegner darin verstrickt.“ behauptet er, es gibt keine guten undichten Stellen der Staatsgeheimnisse, keine höhere Wahrheit, der nicht autorisierte Enthüllungen dienen. „Selbst wenn sich herausstellt, dass die Russen Flynn und andere, die Trump nahestehen, in der Tasche hatten,“ schreibt er, „werden viele Leute für eine lange Zeit die undichten Stellen gegen Trump als politischen Missbrauch der Geheimdienste zum Schaden politischer Feinde betrachten.“

Ich glaube, dass wer auch immer die Informationen über die geheimdienstlichen Abhöraktionen an die Times und die Post weitergereicht hat, eher Heilsbringer war als Diversant; es gibt mehr rechtschaffene Lecks als unmoralische. Goldsmith, der in nationalen Sicherheitsfragen einiges zu sagen hat und ein überzeugter konservativer Kritiker an Trump ist, denkt, dass der Staat im Staat echt ist und in diesem Fall schmutzige Arbeit geleistet hat. Ich denke nicht. Dennoch hat die Angst vor einem Staat im Staat eine lange Geschichte.

2.

Niemand „soll sich es von nun an wagen sich in jegliche Regierungs- oder undurchsichtige staatliche Angelegenheiten einzumischen.“ warnte König James I einst das Unterhaus. Wir betrachten alle Regierungen als  undurchsichtig und unsichtbar.“ schrieb einer der königlichen Untertanen, der Philosoph Francis Bacon 1605. Die Macht des Staates war „ein Teil des Wissens … der geheim blieb.“ Das stammte vom göttlichen Recht der Könige, und die Menschen wagten nicht es in Frage zu stellen.

Die Amerikanische  Revolution bemühte sich diese Vorstellung zu kippen. Obgleich die Verfasser Geheimhaltung bei Militär und diplomatische Angelegenheiten erlaubten, hätten sie sich nie ein amerikanisches Imperium vorstellen können, das die Briten in den Schatten stellt, oder eine gewaltige Friedensarmee, oder die Waffenindustrie für ihren Nachschub. Präsident Eisenhower warnte davor, dass der militärisch-industrielle Komplex drohe mit „dem katastrophalen Aufstieg einer unangebrachten Macht“ deren „totale Einflussnahme — wirtschaftliche, politische, selbst geistige — in jeder Stadt, jedem Parlament, dem Büro der bundes-staatlichen Regierung“ zu spüren sei.

Die durch die Demokratie ungebremste Verflechtung politischer und wirtschaftlicher Macht war eine Gewalt, die Präsident Theodore Roosevelt als Motor des Staates im Staat betrachtete. Auf seiner Plattform der Progressiven Partei von 1912 warnte er: „Hinter der  sichtbaren Regierung sitzt eine unsichtbare Regierung auf dem Thron, die den Menschen keine Loyalität schuldet und keine Verantwortung anerkennt.“ Er sprach von den Plutokraten, den Männern, die er die Übeltäter des großen Wohlstandes nannte, die Stimmen von Senatoren und Kongressmitgliedern kauften. „Das unheilige Bündnis zwischen korrupter Geschäftswelt und korrupter Politik.“ wie TR es nannte, lebt und gedeiht heute: diese Erscheinung des Staates im Staat wird von den Koch-Brüdern angeführt, die die Laufbahn von Männern wie dem Staatsminister Mike Pompeo und dem in Ungnade gefallenen EPA-Chef Scott Pruitt gestalteten, sowie die von vielen der reaktionärsten Kongressmitglieder.

Roosevelt schuf das FBI 1908 mit der Absicht es zu benutzen, um die unsichtbare Regierung des Schwarzgeldes anzugreifen. Er starb kurz vor dem Aufstieg von Hoover, der das Büro 1924 übernahm und es 48 Jahre leitete. Der Kalte Krieg machte Hoover zum Beherrscher der Geheimnisse. Er herrschte mit Angst. Er handelte abseits der Gesetze und jenseits der Grenzen der Verfassung, Telefonüberwachung, Verwanzen und Einbruch, ungehindert durch Ermächtigungen. Die CIA, erschaffen 1947, und die NSA, erschaffen 1952, arbeiteten in einer unbehaglichen Allianz mit Hoovers FBI — unbehaglich, weil er auch sie ausspionierte. Hoover hatte einen Sitz in Präsident Eisenhowers Nationalen Sicherheitsrat, neben dem Außenminister und dem Verteidigungsminister. Er gestaltete die komplette Politik der Regierung von Nationaler Sicherheit bis Bürgerrechten.

Als Präsident Kennedy das Amt übernahm, besaß Hoover eine schlüpfrige Akte über ihn — einschließlich einer Bandabschrift eines Schäferstündchens 1924 mit einer Frau, die verdächtigt wurde, eine Nazispionin zu sein — und er ging sicher, dass JFK das wusste. Der Generalstaatsanwalt, Robert F. Kennedy, fand Hoover sei ein „gefährlicher“ Mann, und leite „eine sehr gefährliche Organisation“ — eine Gefahr, von der er dachte, man könne sie kontrollieren. Aber Hoover ließ sich von Bobby Kennedy keine Befehle geben, oder vom Kongress der Vereinigten Staaten, oder vom Obersten Gerichtshof. Der Generalstaatsanwalt beugte sich Hoovers Willen in Angelegenheiten des Staates im Staat, einschließlich der 24h-Überwachung und Verwaltung von Martin Luther King.

In den 1960ern und den frühen 1970ern befahlen die Präsidenten Johnson und Nixon dem FBI, der CIA und der NSA die Anti-Kriegsbewegung zu stoppen oder zu demontieren. Als sich der Krieg in Vietnam zum immer Schlimmeren wendete, übten sie immer mehr Druck auf die Geheimdienste aus, die (nicht existenten) geheimen Unterstützungen auszumachen, die Moskau und Peking der amerikanischen Linken zukommen ließen. LBJ tat sein Bestes, um eine geheime Polizei zu gründen. Auf seinen Befehl ordneten liberal gesinnte Männer wie Generalstaatsanwalt Ramsey Clark und sein Vertreter Warren Christopher, später Bill Clintons Außenminister, das FBI, die NSA und die Armee an, mindestens 100 000 amerikanische Bürger abzuhören; die CIA koordinierte mit der NSA die Auflistung tausender auf einer Abhörliste. (Zu der Zeit war Clapper ein Air Force Captain der für die Signalaufklärung der NSA arbeitete.)

Präsident Nixon wollte die illegalen Überwachungsbemühungen verdoppeln, die sein Vorgänger hochgetrieben hatte, befahl Hoover, Mitglieder des Stabs des Nationalen Sicherheitsrats und der Washingtoner Presse abzuhören. Unter Nixon wuchs die Liste bis sie Senatoren der Vereinigten Staaten beinhaltete: Frank Church, ein Demokrat aus Idaho, sollte später die erste Kongressuntersuchung der amerikanischen Geheimdienste leiten, und Howard Baker, ein Republikaner aus Tennessee, sollte die berühmte Frage stellen: „Was wusste der Präsident, und wann wusste er es?“ Die Anfrage kam ein Jahr nachdem Nixons stümperhaftes Einbruchskommando, angeführt von fertigen FBI und CIA-Leuten, geschnappt wurden als sie am 17. Juni 1972 in das Hauptquartier der Demokratischen Nationalkomitees im Watergate-Hotel einbrachen. Weder das FBI noch die CIA konnten den Präsidenten beschützen. Hoover war seit sechs Wochen im Grab. Und die CIA würde nicht den Kopf hinhalten für den Einbruch. Nixon war verloren.

Im friedlichen Sommer von 1973 war ich siebzehn Jahre alt, und gelähmt von den übertragenen Senatsanhörungen zu Watergate die die Nixon-Administration nach und nach vernichteten. Die Senatoren, die an den entscheidenden Informationen arbeiteten, die das Außenbüro des FBI erhielt, fingen an das Bild eines Präsidenten zusammenzusetzen, der das Gesetz gebrochen und die Verfassung bis zum Geht-nicht-mehr strapaziert hatte. Als der Sonderermittler die Hauptangeklagten im Folgejahr beschuldigte, wurde Nixon ein uneingeweihter Mitverschwörer genannt. Die Auflösung kam im August 1974, nachdem acht wichtige Aufnahmen aus dem Weißen Haus durch eine acht zu Null-Entscheidung des Obersten Gerichtshofs freigegeben wurden. Sie offenbarten, dass Nixon versucht hatte, die Untersuchungen des FBI, sechs Tage nachdem es geschehen war, zu blockieren.

Nach Watergate ergab Senator Churchs Untersuchung eine lange Reihe von Missbräuchen durch das FBI, die CIA und die NSA. Bekanntlich verkündete er, dass die CIA — und als Folge alle amerikanischen Geheimdienste — „ein defekter Elefant“ waren, der außer Kontrolle herumwütete. Das verfehlte den markantesten und verstörendsten Punkt in der bis dahin verborgenen Geschichte. Es dauerte Jahre eine Tatsache zu begreifen: Mit sehr wenigen Ausnahmen führten die Herren der Nationalen Sicherheit Befehle des Weißen Hauses aus. Präsident Franklin D. Roosevelt hatte Hoover diskret autorisiert, Überwachungen ohne richterlichen Beschluss durchzuführen, unter Missachtung einer klaren Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von 1940, und Hoover behielt den einseitigen Befehl in einem Schreibtisch versteckt bis er starb. Präsidenten von Eisenhower bis Nixon trieben das FBI, die CIA und die NSA an, Amerikaner auszuspionieren und politische Gegner zu unterwandern.

Es waren Präsidenten, keine Geheimdienste, die abtrünnig wurden. Die langsame Freigabe von Dokumenten aus dem Kalten Krieg hatten eindeutig gezeigt, dass die geheime Regierung der Vereinigten Staaten nicht von J. Edgar Hoover, den Vereinten Generalstabschefs oder dem heimlichen Dienst der CIA gesteuert wurde.  Ihr Hauptquartier war 1600 Pennsylvania Avenue.

Ein wahrer Staat im Staat muss die Macht besitzen der Puppenspieler demokratisch gewählter Vertreter zu sein — vor allem des Präsidenten. Nach dieser Definition, selbst in den Untiefen des Kalten Kriegs, ist der amerikanische Staat im Staat ein Hirngespinst, entstanden durch Geheimhaltung und Angst. Und dennoch besteht die Angst fort. Ein zersetzendes Misstrauen der offiziellen Version verheerender Geschehnisse hat aus Verschwörungstheorien populäre Überzeugungen werden lassen. Die meisten Amerikaner — Gallup Poll zufolge gingen die Zahlen 2001 bis zu 81% hoch — dachten, die Ermordung Kennedys sei das Ergebnis einer Verschwörung und nicht ein Ein-zu-eine-Million-Schuss eines verwirrten Marine-Scharfschützen mit einem Versandhaus-Gewehr. 

Eine klare Mehrheit der von der New York Times Befragten in den fünf Jahren nach den Angriffen vom 11. September sagten, dass die Regierung  entweder log oder „etwas verbarg“, das geschehen war. Der Glaube an einen Staat im Staat ist heute genauso weiterverbreitet, obschon mit einem trumpischen Kniff. Er ist kein geheimnisvoller Untergrund, es ist der administrative Staat selbst; es gibt kein Justizministerium, nur „Staat-im-Staat-Justiz“, wie Trump es nennen würde. Das mag ein notwendiges Konstrukt der postfaktischen Politik sein, die uns einen gegenfaktischen Verschwörungstheoriebefehlshaber beschert hat.

3.

James Comey stieß zum ersten Mal auf Trump im güldenen Palast des Trumpturms am 6. Januar 2017. Er (zusammen mit Clapper und Brennan) sollten seine einhellige Bewertung der russischen Bemühungen abgeben, sich in die Wahlen von 2016 einzumischen: Putin und seinen Agenten war es gelungen, das öffentliche Vertrauen in den Prozess zu untergraben, Hillary Clinton zu verleumden und ihren erkorenen Kandidaten Auftrieb zu verleihen. Das Ziel war, die amerikanische Demokratie zu zerrütten — und was könnte störender sein als die Wahl Donald Trumps?

Alles an Trumps Präsidentschaft dreht sich diesen Moment: die entscheidende Unterscheidung, dass eine mehrköpfige verdeckte Operation unter Einsatz von Spionage, Sabotage und einer Internet-Kampagne der Informationskriegsführung, unter dem Kommando des ehemaligen KGB-Offizier Putin, ihm zur Macht verholfen hat. Das FBI, mit Informationen die von CIA und NSA gesammelt wurden, war jetzt verpflichtet herauszufinden, ob Mitglieder der Truppe Trumps — und möglicherweise Trump persönlich — die russischen Bemühungen unterstützten und sie begünstigten. Das besorgte dem verschwörungsaffinen designierten Präsidenten Grund zur Angst vor amerikanischen Geheimdiensten, und besonders vor Comey. Es vergrößerte ihren Grund zur Besorgnis vor seiner Präsidentschaft.

Der FBI-Direktor hatte an diesem Tag einen kurzen Streichholz gezogen. Er allein musste Trump zum „Steele Dossier“ briefen, das ein ehemaliger britischer Spion zusammengestellt hatte, der dem FBI durchaus bekannt war, das die Beschuldigung umfasste, dass der gewählte Präsident ungewöhnliche Sexualpraktiken mit Prostituierten in Moskau betrieben hatte, und dass russische Spione über bloßstellende Beweise verfügten. Comedy schreibt in „Größer als das Amt (A higher Loyalty)“, dass er dachte, Trump könnte „annehmen, dass ich ihn mit der Prostituiertensache triezen würde um ihn in die Patsche zu reiten, um Druck auszuüben. Er hätte genauso annehmen können, dass ich die Hoover-Karte zog, denn das ist es was J. Edgar Hoover an meiner Stelle getan hätte.“

Comey war bereits der politisch einflussreichste FBI-Direktor seit Hoover. Der Streit darum, ob er Hillary Clintons Aussichten 2016 nur geschadet hat oder sie vernichtete wird bis ans Ende der Zeit weitergehen. Er besitzt nun die Macht, dabei zu helfen einen Kriminalfall zu besiegeln oder einen Amtsenthebungsartikel gegen Trump, indem er die Fakten in seinem Buch bezeugt: das er gefeuert wurde, wie Trump in einem NBC Nachrichteninterview sagte, oder die „Russische Sache.“

Comey ist ein „LÜGNER“, hat Trump getweetet. Es ist möglich Comeys Buch zu lesen und es läuft so, dass man denkt, er glaube vor allem sich selbst. Er hat eine hochfliegende Selbstachtung, er kann fromm sein, sogar aufgeblasen. Aber es ist schwer vorstellbar, dass er nicht die Wahrheit erzählt über seine Treffen mit Trump. Wenn er sich mit dem Präsidenten hinsetzt, erzählt er uns, denkt er an seine Tage als Mafiaankläger: „Ich dachte an die New Yorker Mafiavereine … die Treueschwüre. Die Wir-gegen-Sie-Perspektive. Das Lügen über alles, klein und groß, im Dienste eines Lobgesangs auf Loyalität, der der Organisation dazu verhalf über der Moral und der Wahrheit zu stehen.“ Diese Sätze klingen wahr, und Comedy ist in der einzigartigen Lage, sie zu schreiben.

Die Konfrontationen deren hier gedacht wird, vor allem wenn Trump sagt, er wolle, dass das FBI seine Untersuchung des in Ungnade gefallenen Mike Flynn fallen lässt und „die Wolke lüftet“, die Untersuchung der russischen Einmischung in die Wahlen von 2016 — und dann Comedy feuert, weil der sich weigert Nägel mit Köpfen zu machen — sind spannender als es irgendein Kapitel präsidialer Geschichte jemals war. Es ist besser als das eindeutige Watergate-Beweisband: Der Präsident der Vereinigten Staaten versuchte den FBI-Direktor zu einer Behinderung der Justiz zu verleiten. Comey hat im letzten Jahr vieles davon bezeugt, aber die zusätzlichen Stimmungen in dem Buch sind gewaltig. Das Bild des Präsidenten als Mafiaboss ist untilgbar. Der üble Geruch der Kriminalität hängt in der Luft des Westflügels wie Schießpulver.

Sollte ein weiteres Jahr schwerer Kriminalitätsvorwürfe gegen einen Präsidenten auf uns zukommen, wird der wahrscheinlichste Punkt wieder die Behinderung der Justiz sein, wieder den Einbruch in ein demokratisches Hauptquartier betreffen, wieder in Zusammenarbeit mit dem FBI — dieses Mal mit Mueller als Chefermittler und Comey als seinem prominenten Zeugen — um den Präsidenten vor Gericht zu bringen. Die Macht geheimer Informationen, die von amerikanischen Geheimdiensten gesammelt und die im Kongress veröffentlicht wurden oder vor dem Gerichtshof könnten seine  Untergang bedeuten. Wir werden dann Beweise dafür sehen, dass was uns betrübt nicht der Staat im Staat ist, sondern eine geistlose und korrupte Regierung.


—18.Juli 2018

deutsch von Thorsten Ramin