Die Entfachung des Ostens

Prolog 

“Ein kalter Wind weht durch den Osten, und die ausgedörrten Weiden warten auf den Funken. Und der Wind weht gen indische Grenze … Mir liegen von überall Agentenberichte vor.” Das erzählt Sir Walter Bullivant, Chef der britischen Geheimdienste, Richard Hannay, dem Helden von Greenmantle, bevor er ihn fortschickt um den kommenden Großbrand aufzuhalten.

Doch die Wahrheit sollte sich, wieder einmal, unwahrscheinlicher als die Fiktion entpuppen. Binnen drei Jahren nachdem John Buchan dies 1916 geschrieben hatte, schworen die Missionare des Bolschewismus den Osten zu entfachen, mit Hilfe des berauschenden neuen Marxismus-Evangeliums als Fackel. Ihr Ziel war es, ganz Asien zu befreien. Doch ihr Ausgangspunkt war Indien, die reichste aller imperialen Besitzungen. Denn Großbritannien, damals noch die führende Imperialmacht, wurde von Lenin als größtes Hindernis für seinen Traum von der Weltrevolution betrachtet. „England,“ erklärte er 1920, „ist unser größter Feind. In Indien müssen wir es am stärksten treffen.“

Wenn man Indien durch Rebellion aus Britanniens Griff befreien könnte, dann könnte es seine Arbeiter nicht länger bezahlen – unfreiwillige Beteiligte am Imperialismus – zumindest nicht mit der Schweißarbeit und den billigen Rohstoffen des Ostens. Wirtschaftlicher Zusammenbruch und Revolution wären die Folge in der Heimat. Könnte man ähnliche Aufstände überall in den Kolonien schüren, dann würde sich die langersehnte Revolution ihren Weg durch Europa bahnen. „Der Osten,“ verkündete Lenin, „wird uns dabei helfen, den Westen zu erobern.“

Die Briten jedoch, obwohl vom Krieg erschöpft, waren nicht das Volk, das einer derartigen Kampfansage aus dem Weg geht. Ihr Geheimdienst war immer noch der beste der Welt und hatte seine Tentakeln überall. Ein verborgener Kampf um Indien und den Osten erfolgte, dessen Geschichte hier erzählt wird. Sie spielt weitgehend in Zentralasien, wo die drei großen Weltreiche – das von Britannien, Russland und China – aufeinandertreffen. Es ist eine Erzählung von Intrigen und Verrat, Barbarismus und Angst, und gelegentlich reiner Posse.

Wo es möglich war, habe ich von Abenteuer und Unglück derer berichtet, auf beiden Seiten, die an diesem inoffiziellen Krieg teilgenommen haben. Auf weltentrückten Horchposten, weit jenseits der Grenzen Indiens, beobachteten britische Geheimdienstoffiziere jede Bewegung der Bolschewiken gen Indien und berichteten ihren Chefs in Delhi und London darüber. Ihre Namen sind nun lange vergessen, tief vergraben in den Archiven ihrer Zeit, aber aus ihren Berichten und Erinnerungen habe ich viel von dieser Erzählung zusammenstrickt. Oft lesen sich ihre Geschichten wie der klassische Buchan – und keine mehr als die erstaunlichen Abenteuer hinter den bolschewistischen Linien des Colonel F.M. Bailey.

Sechzehn Monate lang spielte dieser täuschend lieb schauende Offizier ein einsames und gefährliches Versteckspiel mit den „Bolos“ (wie die Briten die Bolschewiken nannten), und wurde sogar von der gefürchteten Tscheka, der sowjetischen Geheimpolizei, angeheuert, um sich selbst aufzuspüren. Man erinnert sich dort noch immer an ihn, sechzig (und mehr) Jahre später, mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Hass, wie ich herausfand, beim Zurückverfolgen seiner Fußspuren durch Zentralasien. Glücklich, mit dem Leben davon gekommen zu sein (dank einer bemerkenswerten Fähigkeit sich zu verkleiden), starb er erst 1967, im Alter von 85 Jahren, im leisen Ruhestand in Norfolk.

Ein weiterer beeindruckender Mitspieler in diesem düsteren Krieg war der altgediente Geheimdienstoffizier Wilfrid Malleson. Wenig liebenswert, betrieb dieser frühe Meister mieser Tricks ein riesiges Netzwerk von Spionen und Geheimagenten von Mesched aus, im Nord-Osten Persiens. Mit größter Genugtuung ließ er sich Bolschewiken und Afghanen an die Kehlen gehen, durch geschicktes Aufdecken des Doppelspiels des anderen (erfunden, falls nötig).

Ein dritter britischer Offizier, für den es für die Sowjets keinen Grund gab, ihn zu lieben, war Colonel Percy Etherton. Er kämpfte einen unbarmherzigen, nahezu persönlichen Krieg gegen sie, von seinem einsamen Außenposten in Kaschgar aus, im chinesischen Turkestan, nahe der russischen Grenze. So wirksam waren seine anti-bolschewistischen Aktionen, dass die sowjetischen Behörden in Taschkent einen Preis auf seinen Kopf aussetzten, der antiken Karawanenstadt, die ihnen als Hauptstützpunkt für ihre diskreten Operationen gegen Britisch-Indien diente.

Die Bolschewisten hatten auch ihre Helden in diesem geheimen Krieg. Darunter den indischen Berufsrevolutionär und marxistischen Theoretiker M.N. Roy, der weit oben auf der Fahndungsliste des britischen Geheimdienstes stand, und der extrem kompetente (und sympathische) Mikhail Borodin. Beide widmeten sich der Befreiung der „Arbeiter des Ostens“ durch gewaltsamen Aufruhr.

Dieses erneute Ringen um die Vormachtstellung in Asien hatte ihre Wurzeln im frühesten Wettbewerb zwischen Briten und Russen, dem Großen Spiel. So von einem seiner Spieler getauft, und verewigt von Kipling in Kim, war es offiziell erst vor zehn Jahren beendet worden, mit der Unterzeichnung eines Vertrages, der die Einflussbereiche dieser beiden Großmächte aufteilte. Es hatte in der Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts begonnen, als Britannien und Russland sich in den großen Wüsten und Gebirgszügen gegenüberstanden, die zwischen ihren wachsenden Imperien lagen.

Als die Russen immer näher an Indiens karg bewachte nördliche Grenzen heranrückten, schien Krieg unumgänglich. Denn es war kein Geheimnis, dass einige der genialsten Strategen des Zaren Pläne für die Invasion Indiens erarbeitet hatten. Zentralasien war selten nicht in den Schlagzeilen, und jede Woche erschienen Nachrichten von den schnell reitenden, näherkommenden Kosaken. Das riesige politische Niemandsland, das sich von Persien im Westen nach Tibet im Osten erstreckte, wurde für junge Offiziere und Entdecker beider Seiten zum Abenteuerspielplatz. Vorgebend sie seien auf Jagdausflügen oder (wie die Russen gerne angaben) wissenschaftlichen Expeditionen. Einige entschieden sich in Verkleidung einheimischer Händler zu reisen, und man wundert sich wie überzeugend. Selbst in Gefahr durch blutrünstige Stämme, machten Briten wie Russen die geheimen Pässe ausfindig und kartierten die geheimen Pässe und strategischen Zugangswege ins nördliche Indien.

Dann, als das Jahrhundert dem Ende näher kam, begann die Gefahr – wenn es je eine gab – zu schwinden. In ihrem Kopf-an-Kopf-Rennen an die pazifische Küste waren die Russen unerwartet auf ihr Ebenbild gestoßen. Denn 1905 erlitten sie eine verheerende Niederlage durch eine wachsende Macht in Asien, die Japaner. Innerhalb von zwei Jahren hatten ein einsichtiges Russland und ein erleichtertes Britannien das Anglo-Russische Abkommen unterzeichnet, einen Vertrag, der das Große Spiel offiziell beendete. Das russische Schreckgespenst, und mit ihm die Bedrohung für Indien, war endlich vorüber, so schien es zumindest. Jegliche verbleibenden Zweifel schienen sich zu zerstreuen, als die beiden großen Rivalen 1914 Seite an Seite gegen die Mittelmächte kämpften.

Derartige Hoffnungen jedoch, zerschlugen sich schnell, als die Bolschewiken im Oktober 1917 (November in unserem Kalender) in Russland die Macht ergriffen. Einer ihrer ersten Schritte bestand im Zerreißen aller Verträge, die ihre Vorgänger geschlossen hatten. Über Nacht war das Anglo-Russische Abkommen nur noch ein wertloser Streifen Papier. Alles andere als passé, begann das Große Spiel mit aller Macht von Neuem. Als der Krieg in Europa sich weiter hinzog, sammelten sich über Zentralasien wieder einmal die Sturmwolken. Nur hatten sie dieses mal einen deutlich roten Farbton.

Doch bevor die neuen Herren Russlands ihr Banner durch Asien tragen konnten, mussten sie zunächst die alten Territorien des Zaren zurückerobern. Es war eine Zeit entsetzlichen Blutvergießens und Hungers, ein nicht endender Albtraum für jeden, der dort lebte. Barbarisch benahmen sich beide Seiten. Einige davon, die im Namen des Bolschewismus begangen wurden, hätten Lenin bestürzt. Doch er persönlich kämpfte um das Überleben gegen fanatischen Widerstand Weißrusslands und die alliierte Intervention von 1918-20.

Erst als der unter Kontrolle war, und das russische Zentralasien fest in der Hand der Bolschewiken, konnte Lenin über die Befreiung des Ostens nachdenken. Den Revolutionär, den er für seinen ideologischen Feldzug nach Britisch-Indien erkor, war Roy, der indische „Greenmantle“. Wie erfolgreich er genau war (genau wie andere Agenten der Comintern in Asien), werden wir sehen.

Lenin war jedoch nicht der einzige, der von einem Reich im Osten träumte. In diesen turbulenten Jahren, die auf die Revolution folgten, sollten drei weitere Nacheiferer Dschingis Khans in Zentralasien erwachsen, dem Schlachtfeld des Neuen Großen Spiels. Der bei weitem berüchtigste war ein psychopathischer weißrussischer General, genannt der „Verrückte Baron“, an dessen schreckliche Gräueltaten man sich in der Mongolei immer noch mit einem Schaudern erinnert.

Der nächste, der sein Glück versuchte, war Enver Pascha, der extravagante aber besiegte türkische Kriegsherr, zu der Zeit im Exil in Zentralasien. Nachdem er seinen Gastgeber Lenin hintergangen hatte, versuchte er einen heiligen Krieg gegen die gottlosen Bolschewiken zu entfachen, indem er die muslimischen Massen Zentralasiens zusammenscharte. Aber der Roten Armee unterlegen an Waffen und Menschen, sollte der stattliche Türke seinem Ende mit grimmiger Tapferkeit in den Ausläufern des Pamir begegnen. Dort, sagt man, besuchen Pilgerer aus seiner Heimat immer noch diskret das einsame Grab ihres Helden.

Der letzte dieser Träumer von einem Imperium war ein junger aber reizender Kriegsherr namens Ma Chung-yin, den man gelegentlich auch als „Big Horse“ kennt. Der chinesische, muslimische Visionär, der kaum zwanzig war, hinterließ eine Blutspur in der Wüste Gobi, bevor er nach Westen, entlang der Seidenstraße, in einem gestohlenen Laster floh, verfolgt von sowjetischen Bombern.

Aus all diesen Fäden habe ich die wenig bekannte Geschichte dessen, was in Zentralasien während dieser Ära der Gewalt passierte, zusammengeklaubt. Ihr Nachhall ist heute noch in Afghanistan und andernorts zu vernehmen. Denn dort läuft das Große Spiel immer noch weiter. Nur die Spieler sind andere.

Wie in meinen beiden früheren Bücher, geht es in dieser Geschichte vornehmlich um Menschen. Die mächtigen Kräfte, die zu dieser Zeit am Werk waren, habe ich nur mehr, im wesentlichen zum Verständnis der Erzählung, skizziert. Es ist darum auch weder eine Geschichte des Bürgerkriegs, noch der Anglo-Russischen Beziehungen – noch, was das betrifft, des Ringens um Unabhängigkeit in Indien. Das sind für sich große Themen, und jeder, der sie weiter verfolgen möchte – wozu, wie ich hoffe, diese Erzählung ermutigen wird – muss die schwer beladenen Regale der Spezialbibliotheken konsultieren.

Doch nun kehren wir zurück zum Anfang, zur Mitte des Jahres 1918, etwa neun Monate nach der Machtergreifung der Bolschewiken in Russland. Die europäischen Nationen befinden sich weiterhin im Krieg – ein Krieg, dessen Ausgang zu der Zeit noch lange nicht sicher war. Denn Russlands plötzlicher Rückzug von Schlachtfeld hatte das Gleichgewicht kurzfristig zugunsten der Mittelmächte geneigt. In Britisch-Indien hatte dies das bedrohliche Phantom eines deutsch-türkischen Angriffs durch Zentralasien erweckt. Das ist der Stand der Dinge für die folgende Geschichte.

DIE ENTFACHUNG DES OSTENS von Peter Hopkirk

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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