Die chinesische Weltordnung

Andrew J. Nathan

 

NYRB AUSGABE 12. Oktober 2017

The End of the Asian Century: War, Stagnation, and the Risks to the World’s Most Dynamic Region

by Michael R. Auslin

Yale University Press, 279 pp., $30.00

Post-Western World: How Emerging Powers Are Remaking Global Order

by Oliver Stuenkel

Polity, 251 pp., $64.95; $22.95 (paper)

Destined for War: Can America and China Escape Thucydides’s Trap?

by Graham Allison

Houghton Mifflin Harcourt, 364 pp., $28.00

Vor zehn Jahren veröffentlichte der Journalist James Mann ein Buch namens China Morgana, in dem er amerikanische politische Entscheidungsträger für etwas kritisierte, das er „die Beschwichtigungstaktik zur Rechtfertigung der Politik diplomatischer und geschäftlicher Bindung an China nannte. Aus dieser Sicht würde Chinas Beteiligung an den Vorteilen der Globalisierung das Land dazu bringen, demokratische Institutionen einzuführen und Amerikas Führung an der Spitze der Weltordnung anzuerkennen. Vielmehr, sagte Mann voraus, würde China ein autoritäres Land bleiben und sein Erfolg würde andere autoritäre Regime ermutigen, dem Druck sich zu verändern zu widerstehen.1

Manns Vorhersage erwies sich als wahr. China nutzte die Vorteile des wachsenden Potentials unbeschränkten globalen Handels um zur Nummer Eins der Handelsnationen zu werden, und zur zweitgrößten Ökonomie der Welt. Es ist der erste Handelspartner jedes anderen Landes in Asien, nicht nur weil aufgrund seiner entscheidenden Stellung Montageteile woanders in der Region zusammengeschraubt wurden. Vierundsechzig Länder haben sich Chinas One Belt-One Road-Infrastruktur-Projekt (OBOR) angeschlossen, das 2013 angekündigt wurde und aus Häfen, Schienenstrecken, Straßen und Flugplätzen besteht, die China und Südost-Asien, Zentralasien, den Mittleren Osten und Europa verbindet – eine Neue Seidenstraße‟, die, falls sie Erfolg hat, Chinas wirtschaftlichen und politischen Einfluss in großem Maße erweitern wird. Neunundzwanzig Staatschefs besuchten die OBOR-Konferenz in Peking Mitte Mai.

Derweil bleibt China ein autoritäres Ein-Partei-Land, das von einem zunehmend mächtigen Militär gestützt wird. Chinas Militärhaushalt ist im letzten Viertel-Jahrhundert im gleichen Verhältnis gewachsen wie sein Bruttoinlandsprodukt, von 17 Milliarden Dollar 1990 auf 152 Milliarden 2017 – ein Wachstum um 900 Prozent. Das gestattete es China Flugzeugträger zu kaufen, komplexe Raketen, fortschrittliche Unterseeboote und Kapazitäten für Computerkriege, die Amerikas militärische Dominanz in Asien in Frage stellen. Es hat seine Flottenpräsenz aufgestockt, in den Nahen Meerenum seine Küsten und selbst im Pazifik und Indischen Ozean.

China hat diese neue Stellung ergattert, während es meist den Regeln der WTO entsprach, der es sich 2001 anschloss. Dennoch befanden es westliche Regierungen 2016 für nötig, ein Versprechen zu verleugnen, das sie gemacht hatten als China sich anschloss, ihm nach fünfzehn Jahren Mitgliedschaft vollständigen Marktwirtschaftsstatuszu verleihen. Dieser Status würde es anderen WTO-Mitgliedern erschweren, China für Dumpingzu belangen – Produkte zu niedrigerem Marktpreis zu verkaufen um Konkurrenten zu verdrängen – aber das Versprechen diesen Status zu verleihen basierte auf der Erwartung, China würde sich in eine dem Westen ähnliche Marktwirtschaft verwandeln.

Ds ist nicht passiert. Stattdessen kontrolliert der Staat weiterhin die chinesische Wirtschaft und ihre Bemühungen die Marktanteile chinesischer Firmen sowohl in China wie im Ausland zu erweitern. Peking hat Industriespionage betrieben, um sich fortschrittliche westliche Technologien anzueignen, erzwang den Technologietransfer von westlichen an chinesische Firmen durch gemeinsame Unternehmen und Fusionsverträge, und, zeitweise (wenn auch nicht jetzt), hat es den Tauschwert seiner Währung gedrückt, um Exporte zu fördern. Seit 2006 hat Peking sich verschiedener Formen der Regulierung bedient, die von der WTO nicht verboten sind, um es ausländischen Unternehmen zu erschweren, den heimischen Markt zu betreten und dort wettbewerbsfähig zu sein, und um chinesischen Unternehmen einen Vorteil zu verschaffen – vor allem auf innovativen Gebieten wie Halbleitern, fortgeschrittenen Fertigungstechnologien, sowie Informations- und Kommunikationstechnik.

Chinas zunehmend beherrschender wirtschaftlicher Einfluss hat Anteil an den populistischen und Antiglobalisierungsbewegungen, die sich in vielen Ländern im Westen breitmachen, einschließlich der USA mit Donald Trump. Mit einem beeindruckenden Rückschlag hat der chinesische Präsident Xi Jinping, statt einem europäischen oder amerikanischen Oberhaupt, eine solide Verteidigung der Globalisierug geliefert, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, 2017. Präsident Obama bemühte sich die Allianzen der USA in Asien zu stärken, in der Hoffnung, Chinas Wachstum unter Kontrolle zu bringen. Hingegen hat Präsident Trump den Wert der Allianzen mit Japan und Südkorea angezweifelt, sich aus der Trans-Pazifischen Partnerschaft verabschiedet und hat die American Freedom of Navigation Operations (FONPS) im Südchniesischen Meer zweitweise ausgesetzt. Auf der Versammlung in Mar-a-Lago im April, benahm sich Trump peinlicherweise wie der Schüler von Xi, als es um die Frage nach der wachsenden nuklearen Bedrohung durch Nord-Korea ging, konstatierend: „Nachdem ich (Xi) zehn Minuten zugehört hatte, erkannte ich, es ist nicht einfach.‟ Dann legte er seine Wahlversprechen zur Seite, China höher zu bezollen und ihm Währungsmanipultion vorzuwerfen, in der sich als vergeblich heraustellenden Hoffnung, China werde das Südkorea-Problem für ihn lösen. Im Gegenteil, das Problem ist ständig gewachsen, Pjönjang hat am 4. Juli erfolgreich eine Langstreckenrakete getestet, die fähig sein könnte Alaska zu erreichen.

Um alles noch schlimmer zu machen, hat sich die Trump-Familie unübersehbar auf Chinas Gehaltsliste eingetragen, und zukünftige Profite angenommen, in der Form von Markenzeichen für beide, die Trump- und Ivankamarken, und ersuchte um chinesische Investitionen in Kushners Immobilienprojekte. Als China Labor Watch, eine in New York ansässige Arbeitsrechtsorganistaion, Informationen über schlechte Bedingungen in einer Fabrik veröffentlichte, in der Schuhe mit Ivankas Markenzeichen vor Kurzem produziert wurden, zog China die drei Ermittler ab, das einzige Mal, dass Ermittler der CLW abgezogen wurden, weil sie Missbrauch chinesischer Arbeiter öffentlich gemacht hatten.2

Diese Anzeichnung von Verwirrung in der amerikanischen Politik haben die Entwicklung von Chinas wirtschaftlichem und politischem Einfluss beschleunigt. In Asien hat der philippinische Präsident, Rodrigo Duerte, in der Einstellung der vorherigen phillipinischen Verwaltung zu einem Disput um Territorium im Südchinesischen Meer nachgegeben, und akzeptierte ein großes chinesisches Handels- und Investitionspaket; das malaysische Oberhaupt Najib Razak stimmte dem ersten Kauf chinesischer Schiffe für seine Marine zu; koreanische Wähler stimmten für einen neuen Präsidenten, Moon Jae-in, der engere Beziehungen zu Peking versprochen hat; und Vietnam hat diplomatische und militärische Beziehungen zu China aufgenommen.

Der japanische Premierminister Shinzo Abe hält am Bündnis mit Amerika fest, aber wenn die amerikanische Politik weiterhin Schwäche zeigt, wird Japan entweder vor der Wahl stehen, chinesische Territorialansprüche im Ostchinesischen Meer anzuerkennen, oder aufzurüsten, vielleicht sogar mit nuklearen Waffen. Nach Graham Allison, Direktor des Harvard Kennedy School’s Belfer Center für Wissenschaften und Außenpolitik, in seinem neuen Buch Bestimmt zum Krieg (Destined for War), „So weit das Auge schauen kann, ist die Frage nach der globalen Ordnung die, ob China und die USA der Falle des Thukydides entkommen können.‟ die er als wahrscheinlichen Krieg zwischen einer dominierenden und einer heranwachsenden Macht definiert.

Die beiden anderen neuesten Bücher legen nahe, obwohl sie auf sehr verschiedene Art und Weisen an das Thema herangehen, dass China gar nicht so bedrohlich ist, wie viele Kommentatoren uns glauben machen wollen. Michael Auslin, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter am konservativen Hoover-Institut, erklärt das Ende des Asiatischen Jahrhunderts, bevor es überhaupt begonnen hat, weil führende asiatische Länder, mitunter China, sich nicht der wirtschaftsfreundlichen Praxis angeschlossen haben, den pro-demokratischen Reformen, und kooperativen regionalen Instituten, die es ihnen ermöglichen würden, wirkungsvoll mit dem Westen zu konkurrieren. Oliver Stuenkel, ein brasilianischer Akademiker, der eher nach links tendiert, argumentiert dagegen, dass der Aufstieg Chinas und anderer asiatischer Länder nicht umkehrbar ist, dass die Machtverschiebung jedoch keine Bedrohung für westliche Interessen darstellt. Obwohl beide Bücher ganz Asien besprechen, steht China im Mittelpunkt ihrer Argumentationen.

Auslins Analyse beruht auf dem umstrittenen Ideenwerk, das man gewöhnlich den Washingtoner Konsens nannte – der Glaube, dass freie Märkte, freier Handel, und politische Demokratie notwendig sind, damit Wirtschaften wachsen und politische Systeme stabil bleiben. Da die chinesische Haltung diese Theorie missachtet, denkt Auslin, dass das Land stolpern wird bevor es die amerikanische Vorrangstellung bedroht. Er sieht viele Probleme in der chinesischen Wirtschaft, einschließlich der großen Zahl und dem Ausmaß der Unternehmen in staatlicher Hand, der intransparenten Unternehmensführung, den riesigen Staatsschulden (200 Prozent des BIP nach einigen Schätzungen), einer Immobilienblase und einer überproportionalen Abhängigkeit von Exporten. Aber das ergänzt nur die Beschreibung, wie die Wirtschaft betrieben wird, kein Argument, dass diese Art es zu betreiben nicht funktionieren soll.

Tatsächlich ist die chinesische Wirtschaft nicht so verletzlich wie Auslin denkt. Zunächst, weil die chinesische Währung, der Yuan, nicht ungehindert tauschbar ist, es ist schwierig für Yuan-Besitzer in großem Maß irgendwo außer(halb von) China zu investieren, ohne staatliche Genehmigung. Um auf Nummer sicher zu gehen, gibt es im Ausland einen Klecks an Kapital, der ausreicht um den Kauf eines Spitzenklassegrundstücks in Vancouver, Los Angeles oder New York zu gestatten, aber es reicht kaum um Investitionen in China zu verderben oder den Yuan zum Thema von Währungsspekulationen zu machen. Außerdem, genau wie der US-Dollar das „unverschämte Privileg‟ besitzt, überall als Wertgegenstand akzeptiert zu werden, auch wenn er nicht von irgendeinem Wertgegenstand abgesichert ist, so wird der chinesische Yuan genauso von Beteiligten an der chinesischen Wirtschaft akzeptiert, und sogar, in begrenztem Ausmaß, in Übersee, als Wertgegenstand, was der Regierung die Möglichkeit verleiht, Geld nach Gutdünken zu drucken um das Wirtschaftswachstum anzuregen, mit dem begrenzten Risiko der Inflation.

Drittens, sowohl Schuldner wie Kreditgeber sind in der chinesischen Wirtschaft meist staatliche Instanzen, sodass die Regierung ihre Schuldenverhältnisse anpassen kann, ohne eine Finanzkrise auszulösen. Peking löste sich von vorherigen Schuldenüberschüssen, indem es Vermögensverwaltungsfirmengründete (oder bad banks) um schlechte Anleihen aus den Büchern der staatlichen Banken zu nehmen, und es funktionierte. Solche Verfahren können, wenn nötig, wieder angewandt werden.

Auslin ist überzeugender, wenn er darlegt, in welchem Ausmaß die hochgradige Korruption die Legitimität von Chinas Ein-Parteien-Herrschaft beschädigt hat, und wie uneffektiv die umständliche Propaganda mit seiner Absicht ist, diese Legitimität erneut zu erzwingen. Trotzdem zeigen Umfragen, dass die chinesische Öffentlichkeit dem Regime Kredit gewährt für nachhaltiges Wirtschaftswachstum, und für einen ernsthaften Kampf gegen die Korruption. Auslin stimmt einem ungenannten China-Experten zu – offenbar der hoch respektable Gelehrte von der George-Washington-Universität, David Shambaugh – dass das chinesische Regime in sein Endspiel eingezogen ist.3 Das mag wahr sein, aber dieselbe Vorhersage wurde jahrzehntelang schon so oft gemacht, dass es schwierig ist, sich davon überzeugen zu lassen. Indem er das chinesische Regime und andere asiatische politische Systeme, wie Thailand, Myanmar und Malaysia, die keine Regierungen wie der Westen entwickelt haben, als unfertige Revolutionenbetrachtet, begeht Auslin den Fehler politische Stabilität mit Demokratisierung zu verbinden.

Anders als Auslin glaubt Stuenkel nicht an das Verblassen der chinesischen Macht, sieht Chinas Ziele aber eher wirtschaftlich als militärisch. Es ist wahr, dass China Sandinseln im Südchinesischen Meer gebaut und befestigt hat, seine Entsendung von Truppen an die Friedensmission der UNO in Afrika erhöht und eine kleine Marinebasis in Dschibuti errichtet hat, es nutzte chinesische Marinetruppen, um etwa 36 000 chinesische Arbeiter aus Libyen zu evakuieren, und entsandte Schiffe um sich an der multilateralen Schutztruppe gegen Piraten im Golf von Aden zu beteiligen.

Aber aus Stuenkels Perspektive führen diese Bemühungen nicht zur Bildung eines globalen militärischen Reiches wie den USA. Es wäre schwierig für China sein weit verzweigtes, zerbrechliches Netzwerk wirtschaftlicher Interessen durch militärische Stärke zu verteidigen. Chinas riesige Investitionen in Bodenschätze und Infrastruktur im Ausland können sich nur auszahlen, wenn der Frieden in all diesen stürmischen Region mit politischen Mitteln bewahrt bleibt, Anerkennug internationaler Gesetze inbegriffen. Laut Stuenkel will China nichts anderes als die Hauptmerkmale der Welthandelsordnung bewahren, von der es so sehr profitiert hat, und dabei größeren Einfluss auf die Einrichtungen gewinnen, die diese Ordnung durchsetzen und weiterentwickeln.

Weil der amerikanische Kongress sich bis vor Kurzem weigerte, bei der Weltbank und dem IWF höhere Stimmrechte für Chinas zu legitimieren – und, könnte man hinzufügen, weil China einen riesigen Betrag ausländische Devisen angehäuft hat, den es für Investitionen brauchte – machte sich Peking daran, etwas zu schaffen, das Stuenkel eine Parallel-Ordnunginternationaler Wirtschaftsinstitutionen nennt. Er benennt zweiundzwanzig neu gegründete multilaterale Institutionen, von der Asiatischen Infrastruktur Investment Bank über die Shanghai Cooperation Organization bis zur Freihandelszone des asiatischen Pazifik, in der China gewöhnlich das tonangebende Mitglied ist.

Stuenkel behauptet, diese seien eher paralleleals alternativeInstitutionen: Sie bieten Infrastrukturinvestitionen, regulieren den Handel, ermöglichen internationale Bezahlungen, und führen Sicherheits- und Diplomatiegespräche auf die gleiche Weise, wie es ähnliche vom Westen dominierte Institutionen tun, denen sie entsprechen. Sie handeln nach Regeln, die einheitlich sind bei existierenden Institutionen im gleichen Bereich, und ihre Teilnehmer sind gleichzeitig Mitglieder der älteren Institutionen. Aus Stuenkels Sicht ist ihre Schaffung eine gute Sache.

[Sie] schaffen zusätzliche Plattformen der Zusammenarbeit (zwischen nicht- westlichen und westlichen Mächten), und streuen die Bürde globale öffentliche Leistungen beizusteuern (wie die Friedensmission der UNO, Schutztruppen gegen Piraten, und die Kontrolle des Klimawandels) gleichmäßiger … All diese Institutionen werden Chinas Integration in die globale Wirtschaft vertiefen, vielleicht das Konfliktrisiko schmälern, und alle Boote steigen lassen.

Auslin und Stuenkel verwenden, um James Manns Formulierung zu verwenden, Beschwichtigungstaktiken‟: Entweder wird Chinas Aufstieg erstarren bevor es eine ernsthafte Bedrohung amerikanischer Interessen darstellt, oder es wird der bestehenden internationalen Ordnung neues Leben einhauchen. Jedoch sind beide zu optimistisch. Auch wenn Chinas Wachstumsrate von zweistelligen Zahlen auf eine jährliche Rate (von der einige Ökonomen denken, sie sei übertrieben) von 6,7 Prozent abgebremst ist und weiter abbremsen wird, während die Wirtschaft altert, glauben wenige, dass sie in der absehbaren Zukunft unter drei Prozent fällt.

Worauf Stuenkel hinweist, mit der Rate wird es zwangsläufig die Wirtschaft der Amerikaner überholen, selbst wenn die USA ihre eigene Wachstumsrate steigern, einfach weil Chinas Bevölkerung vier mal so groß ist wie die Amerikas. In einigen Jahrzehnten wird Chinas Wirtschaft zweimal so groß sein wie die der USA. Eine wirtschaftliche oder politische Krise, wenn es dazu kommt, kann Chinas Aufstieg bremsen, aber China wird nicht in die Armut der Ära vor den Reformen zurückfallen.

Stuenkel argumentiert überzeugend, dass Peking hauptsächlich um Stabilität daheim bekümmert ist und wirtschaftlichen Zugriff im Ausland, und nicht um Werbung für sein autoritäres politisches Modell im Rest der Welt. Noch trachten die chinesischen Anführer danach, wie mancher meinte, die Vereinigten Staaten aus Asien zu verdrängen, oder die Welt zu beherrschen‟. Sie verfolgen dennoch zwei Ziele, die grundsätzlich mit wichtigen amerikanischen Interessen kollidieren (Chinas Missbrauch des amerikanisch-chinesischen Wirtschafts-Verhältniss ausgeklammert, wobei das ein Problem ist, das man nach und nach durch Verhandlungen beseitigen kann).

Zunächst ist da seine Bemühung das militärische Gleichgewicht in Asien zu verändern. An seiner langen, ungeschützten Küste wird China mit einer Reihe amerikanischer Verbündeter und Partner konfrontiert: Süd-Korea, Japan, Taiwan, die Philippinen, Singapur und Vietnam. Es sind etwa 60 000 amerikanische Soldaten in der Gegend stationiert, und amerikanische Basen in Guam und Pear Harbour beherrschen den Pazifik. Kurz hinter der Linie zwölf nautische Meilen entfernt von der chinesischen Küste, die seine souveränen territorialen Gewässerbestimmt, führt die amerikanische Siebente Flotte reguläre geheimdienstliche und Überwachungsmanöver aus. Entlang seiner Inlandsgrenzen konfrontiert China gleichermaßen amerikanische Einsatztruppen, Verbündete und militärische Partner – in Afghanistan, Pakistan, Zentralasien, der Mongolei und Indien.

Mit Chinas Machtzuwachs nehmen seine Herrscher diese Einkesselung nicht länger hin. Sie sind nun in der Lage, Druck auf Süd-Korea auszuüben, damit dies die Stationierung eines amerikanischen Raketenabwehrsystems (THAAD) rückgängig macht; chinesische Militärschiffe und U-Boote durch die strategischen Straßen zwischen den japanischen Inseln und dem Ostchinesischen Meer zu bewegen; den japanischen Anspruch auf die Senkaku-Inseln infragezustellen, die umstrittenen Inseln im Südchinesischen Meer. Diese Schritte hinterfragen die etablierte amerikanische Stellung in Asien.

Der zweite ernsthafte Interessenkonflikt hat mit der geistigen Freiheit und Sprache zu tun. Das Regime ist hypersensibel wegen seines Profils, aufgrund seiner dürftigen Legitimität daheim. Das hat es nicht nur dazu gebracht, gewöhnliche Pressearbeit zu betreiben, und Medienarbeit auf der ganzen Welt, sondern ebenso diplomatischen Druck auszuüben, Ablehnung von Visa, finanzielle Einflussnahme, Überwachung, und (An-)Drohung zu kontrollieren, was Journalisten, Gelehrte und chinesische Studenten und Wissenschaftler im Ausland über China sagen. Die Bemühung, Kritiker zum Schweigen zu bringen reicht bis zu Menschenrechtsinstitutionen wie dem Menschenrechtsrat der UNO in Genf., wo China daran arbeitet abzusichern, dass es selbst und andere autoritäre Regime nicht kritisiert werden; sie reicht sogar bis nach Hollywood, wo Studios, die darauf erpicht sind, Zugang zum chinesischen Markt zu bekommen, unvorteilhafte Abbildungen von China vermeiden. Dieser Gegenzug stellt für den Westen eine besondere Herausforderung dar, eine, für die die gewöhnlichen Klischées über das Ausgleichen von Werten und Interessen in der Außenpolitik nicht gelten. Da China seine Bemühungen in der Gedankenkontrolle über seine Grenzen hinaus ausbaut, sind unsere Werte unsere Interessen.

Manche haben vorgeschlagen, dass die Amerikaner ihre Stellung in Asien zurückschrauben, um den Chinesen mit ihrem Wunsch nach größerem militärischen Einfluss in seiner eigenen Region entgegenzukommen. In seinem Buch von 2011 schlug Henry Kissinger vor, dass beide Seiten sich auf eine Pazifik-Gemeindeeinigen – eine Region, zu der die Vereinigten Staaten, China und andere Länder gehören und an dessen friedlicher Entwicklung alle teilnehmen.Graham Allisons Ideen wie man einen Krieg vermeidet, sind gleichermaßen beruhigend: Verstehen, was China zu tun versucht,‟ „Strategisch handeln,und Stellt heimische Fragen in den Mittelpunkt.

Andere Strategen waren genauer, erklärten, dass die USA und China ein gemeinsames annehmbares Sicherheitsgleichgewicht herstellen sollten, indem sie einander Zugeständnisse zu Taiwan, den Senkakus-Inseln, militärischen Stationierungen von Angriffs– und Verteidigungsraketensystemen machen. Durch ein solches Vorgehen könnten Washington und Peking demonstrieren, dass beide nicht danach streben, die Kernsicherheitsinteressen des anderen zu bedrohen.4

Das Problem mit solchen Vorschlägen ist, dass Peking sie wahrscheinlich dahingehend interpretiert, das man von ihm fordert, eine einmischende amerikanische Präsenz hinzunehmen, und zwar genau dann, wenn ein sich verschiebendes Machtgleichgewicht es ermöglichen sollte, die Situation zu korrigieren. Und von Seiten der USA den chinesischen Absichten vorsorglich nachzugeben, würde seine Glaubwürdigkeit bei all seinen Verbündeten vernichten, nicht nur in Asien, sondern auch anderswo. Die resultierende Destabilisierung würde weder amerikanischen noch chinesischen Interessen dienen.

Auslins Empfehlungen mit Chinas Aufstieg umzugehen, sind für die USA seine Militärpräsenz in in der Region auszubauen; zusätzliche Verbindungen aufzubauen – wie mit Indien und Indochina – an der Spitze seines existierenden Bündnissystems; und den amerikanischen Druck wegen demokratischer Veränderung auszubauen. Es sollte an dieser Politik festhalten, sagt er, bis Chinas Anführer … die Vorteile konstruktiver Versprechen anerkennen.Das ist eine großartige Vision, der drei Hindernisse im Weg stehen – der Mangel an Einheitlichkeit in der gesamten Verwaltung in Washington, die benötigt würde, um eine deartige Strategie zu implementieren; der Widerwille von Ländern wie Indien, Indonesien und selbst unserer formellen Verbündeten Süd-Korea und Japan, sich so sichtbar vor der größten und weiterhin wachsenden Regionalmacht zu verbeugen; und die Unwahrscheinlichkeit, dass China die amerikanische Vormachtstellung als vorteilhaft hinnehmen würde.

Stuenkel, seinerseits, empfiehlt, dass die Vereinigten Staaten die Mitwirkung der wachsenden Mächte in vorhandenen Institutionen vergrößern, damit sie einen gerechten Anteil am Einfluss haben, China und andere wachsende Mächte zu ermutigen sich mehr am Gemeinwohl zu beteiligen, wie der Friedensmission der UNO, Schutztruppen gegen Piraten, sowie der Kontrolle des Klimawandels, und die parallelen wirtschaftlichen Institutionen, die China erschafft, komplett anerkennt statt sie zu kritisieren und zu versuchen, sie abzuspalten.Das sind konstruktive Ideen, aber sie zielen nicht auf die Kernprobleme der regionalen Sicherheit und der Menschenrechte.

Die USA sollten mit China in den Bereichen zusammenarbeiten, in denen gemeinsame Interessen bestehen, wie dem Atomwaffensperrvertrag und Klimawandel (Ungeachtet der Einstellung der Trump-Administration). Und die USA müssen permanent Druck machen, um die chinesische Wirtschaft auf gegenseitiger Basis zu öffnen – eine Bemühung, der es sehr geholfen hätte, wäre man in der TPP (Transpacific Partnership) verblieben. Aber um Chinas wachsender miltärischer Macht zu begegnen, müssen die USA fest an der Linie festhalten, wo strategische Interessen aufeinandertreffen, wie im Fall Taiwan und der amerikanischen Marinepräsenz im Südchinesischen Meer. Darüber hinaus müssen die USA die internationalen Maßstäbe der Menschenrechte und Freiheiten inständiger verteidigen, als sie das in den vergangenen Jahren getan haben; es hat keinen Sinn, den lautstarken Befindlichkeiten des chinesischen Regimes nachzugeben, gerade weil China sich immer mehr in unsere Freiheiten einmischt. Wettbewerb, Reibung und Erproben sind zwischen den Vereinigten Staaten und China unvermeidbar, möglicherweise für Jahrzehnte. Um diesen Prozess zu lenken, benötigen die USA eine sorgfältige Beurteilung chinesischer Interessen, und sogar seiner eigenen.

Übersetzung: Thorsten Ramin

Quelle: http://www.nybooks.com/articles/2017/10/12/chinese-world-order/#fnr-1

1 China Morgana: Chinas Zukunft und die Selbsttäuschung des Westens von James Mann, Campus Verlag, 11.02.2008

2 John Ruwitch, “Activist Probing Factories Making Ivanka Trump Shoes in China arrested: Group,” Reuters, 31. Mai 2017

3 David Shambaugh, China’s Future (Polity, 2016)

4 Zum Beispiel James Steinberg und Michael E. O’Hanlon, Strategic Reassurance and Resolve: US-China Relations in the Twenty-First Century (Princeton University Press 2014), and Lyle J. Goldstein, Meeting China Halfway: How to Defuse the Emerging US-China Rivalry (Georgetown University Press, 2015)