Die Auslöschung von Osama Bin Laden

von Seymour M. Hersh. Verso, 132pp, $19.95

The New York Review of Books. 29. September 2016

Von Ahmed Rashid

Am 01.Mai 2011 verkündete Präsident Obama, dass Osama bin Laden bei einer „gezielten Operation“ getötet worden sei, ausgeführt von einer „kleinen Gruppe Amerikaner“. Der Angriff habe stattgefunden, erklärte er, nachdem „Jahre mühseliger Arbeit unserer Nachrichtendienste“ bin Ladens Versteck in einem Gebäude in Abbottabad, Pakistan, enthüllt hatten. Obama sagte, der erfolgreiche Angriff sei „bis dato die wichtigste Leistung im Bemühen der Nation, al-Qaida zu besiegen.“ 

Während der letzten paar Jahre sind die Behauptungen der CIA, man habe Osama bin Laden durch umfangreiche Geheimdienstarbeit erfolgreich aufgespürt, bei einer kleinen Gruppe von Skeptikern auf den Prüfstand geraten. Seymour Hersh, der weithin bewunderte Enthüllungsjournalist, der das My Lai-Massaker von 1969 aufdeckte, ist wahrscheinlich der energischste und lautstärkste von ihnen. Seine eigene kontroverse Erzählung, wie die CIA den Gründer von al-Qaida fand und tötete, erschien im letzten Mai, ursprünglich unter dem Namen „Die Auslöschung von Osama bin Laden“ in der London Review of Books, und nun ist das Buch unter dem selben Titel veröffentlicht worden, zusammen mit drei anderen Essays, die die US-Politik und Syrien betreffen. 

Dem offiziellen Bericht der US-Regierung zufolge, hat die CIA durch akribische Arbeit einen „Kurier“ ausgemacht, der Nachrichten an bin Laden in das Haus in Abbottabad zustellte. Bin Laden und seine Familie wohnten dort seit mehreren Jahren, was dem pakistanischen militärischen Geheimdienst (ISI) nicht bekannt war. Das Haus war speziell für bin Ladens Familienmitglieder gebaut worden, für den Kurier und den Bruder des Kuriers vom Land, der Kurier hatte es persönlich gekauft. Der US-Regierung zufolge, informierte die CIA den ISI niemals über ihre Entdeckung, noch teilte man ihm den geplanten Angriff der amerikanischen Spezialeinheit mit. Der darauf folgende verdeckte Luftlandeangriff von Seal Team sechs führte zum Tod von bin Laden, bin Ladens Sohn, des Kuriers,, des Bruders des Kuriers und der Frau des Bruders (des Kuriers). Bin Ladens Leiche wurde in einem der Hubschrauber ausgeflogen und innerhalb von vierundzwanzig Stunden seebestattet, im Einklang mit der islamischen Tradition.

Als die Geschichte von der Tötung bin Ladens öffentlich wurde, versammelten sich Menschenmassen vor dem Weißen Haus und auf Ground Zero zur Feier dessen, was man als amerikanischen Sieg im Krieg gegen den Terror verstand. Die CIA wurde für ihre Geheimdienstarbeit gelobt, Obama für seine Entschlossenheit bei der Autorisierung des Angriffs, und die US SEALs für ihren Mut und ihren Erfolg bei der Durchführung des Überfalls. Bald nach der Verkündung wurde der offizielle amerikanische Bericht jedoch in Frage gestellt, als neue Informationen öffentlich gemacht wurden, die der eingangs erzählten Geschichte der Regierung widersprachen. John Brennan, stellvertretender nationaler Sicherheitsberater, hatte Reportern ursprünglich erzählt, bin Laden sei in „ein Feuergefecht verwickelt“ gewesen, mit den SEALs, die den Angriff führten. Einen Tag später verkündete der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, bin Laden sei nicht bewaffnet gewesen. Zwei der SEALs, die an dem Angriff beteiligt waren, veröffentlichten jeder für sich widersprüchliche Berichte der Geschehnisse in Abbottabad, beide behaupten, die tödlichen Schüsse auf bin Laden abgefeuert zu haben. 

Die wechselhaften offiziellen Berichte über die Geschehnisse während und vor dem Angriff in Abbottabad befeuerten Vermutungen, dass wichtige Kapitel der Geschichte im Vagen blieben. In einem Artikel des New York Times Magazins vom 12. Mai 2015 schilderte Carlotta Gall die Geschichte vom Tod bin Ladens als „Wechselbalg“. „Alle Erzählungen,“ behauptete sie, „waren irgendwie unvollständig.“ Hersh schreibt im ersten Kapitel seines Buchs, dass „der Bericht des Weißen Hauses von Lewis Carroll verfasst worden sein könnte: Würde bin Laden, Ziel einer gewaltigen internationalen Menschenjagd, tatsächlich beschließen, dass ein Zufluchtsort vierzig Meilen von Islamabad entfernt, der sicherste Ort sei zum leben und um al-Qaida-Operationen zu leiten?“ Hershs Skepsis sorgte dafür, dass er seinen eigenen Bericht verfasste, von dem er uns wissen lässt, dass er sich auf das Zeugnis einen pensionierten hohen Geheimdienstmitarbeiters beruft, zwei langjährige Berater der amerikanischen Spezialeinheiten, und eingeweihte Pakistanis, deren Namen nicht genannt werden.

Laut Hershs Fassung, wurde bin Laden nicht durch flächendeckendes Ausspionieren durch die CIA erwischt wurde, sondern durch Beweise eines „Besuchers“ – ein ehemaliger pakistanischer Geheimdienstoffizier, der in die amerikanische Botschaft in Islamabad kam, im August 2010, und der CIA verriet, dass der ISI, Pakistans Geheimdienst, bin Laden seit 2006 in Abbottabad Unterschlupf gewährte. Das Anwesen, sagte er, wurde von den Saudis bezahlt. Nachdem die USA an diese Informationen gelangt waren, schreibt Hersh, kollaborierte der ISI mit der CIA um den Überfall zu planen und auszuführen, der zu bin Ladens Tod führte. Um mögliche Störungen zu vermeiden, wurde ein Flugverbot für die pakistanischen Luftstreitkräfte erlassen und ein Offizier des ISI begleitete die amerikanischen SEALs um sie zu bin Ladens Unterkunft zu führen. Hersh schreibt, bin Ladens Leiche sei nicht auf See bestattet worden, worauf die amerikanische Regierung beharrte, sondern sei auf dem Rückweg nach Afghanistan aus einem amerikanischen Hubschrauber geworfen worden.

Der erste Teil von Hers Erzählung  seine Behauptung, bin Ladens Versteck sei nicht durch Spionage der CIA entdeckt worden sondern durch einen pakistanischen Informanten  wurde von Carlotta Gall bestätigt, und Steve Coll, Dekan der Columbia Hochschule für Journalistik, hat es ebenfalls als möglich betrachtet. In ihrem Artikel im New York Times Magazin von 2015 berichtete Gall, sie habe von einem hohen Mitglied des ISI erfahren, dass „es tatsächlich ein Brigadegeneral der pakistanischen Armee war  alle höheren Offiziere des ISI sind beim Militär  der dem CIA erzählte, wo bin Laden sich versteckte, und dass bin Laden dort mit Kenntnis und unter dem Schutz des ISI lebe.“ Coll erzählte Jonathan Mahler vom New York Times Magazin, er habe vier Jahre lang versucht den Namen des Informanten zu verifizieren.

Sollte die Geschichte von dem Brigadegeneral wahr sein, würde sie sowohl die Angaben der CIA untergraben, sie sei für das Auffinden von bin Ladens Behausung verantwortlich, als auch das Abstreiten der Regierung Pakistans, man habe irgend etwas davon gewusst. Aber die Identität des vermeintlichen Informanten wurde nicht verifiziert. Steve Coll bekräftigte in einer E-Mail an mich, dass weder er noch ein anderer Reporter, den er kennt, bisher in der Lage war sie zu bestätigen, obwohl Gerüchte besagen, dass er nach Washington gebracht wurde, wo die CIA weiterhin versucht, seine Identität zu schützen. Coll vermutete ebenso, dass es mit den Jahren so viele Vermutungen über die Möglichkeit eines Informanten gegeben habe, dass es schwierig geworden ist, Wahrheit und Gerücht voneinander zu trennen. Hershs eigene Erzählung beruht zum großen Teil auf den Angaben eines anonymen pensionierten CIA-Offiziers. Es scheint möglich (und das ist meine eigene Vermutung), dass die Enthüllungen eines pakistanischen Besuchers sich mit Informationen aus CIA-eigenen Quellen überschnitten, auf den Basaren der Städte Pakistans oder in der pakistanischen Bürokratie. Die Informationen mögen auf verschiedenen Wegen zur CIA gelangt sein.

Hershs zweite bedeutende Behauptung  „das pakistanische Militär habe bei dem Überfall mitgewirkt, nachdem die USA herausfanden, dass es bin Laden versteckte“ wird von den Erkenntnissen von Gall und Coll nicht gestützt, und ist der am wenigsten wahrscheinliche Teil seiner Geschichte. Hersh liefert keine historische Analyse des enorm komplexen und angespannten Verhältnisses zwischen den amerikanischen und pakistanischen Geheimdiensten. Seine einzige Erklärung, warum der ISI mit der CIA bei der Tötung bin Ladens an einem Strang gezogen haben soll, ist „die garantierte Freigabe amerikanische Militärhilfen, von der ein guter Teil in Anti-Terror-Mitteln bestand, die Sicherheitsdienste wie kugelsichere Limousinen und Wachen und Unterkünfte der ISI-Führung finanzieren.“

Die Beziehung zwischen den USA und Pakistan war schon immer angespannt, und Hersh lässt sich nicht auf eine Diskussion ein über die Tatsache, dass 2011 das schlimmste Jahr in amerikanisch-pakistanischen Beziehungen seit den späten 80-ern war. Im Dezember 2010 verdächtigten die USA den ISI, er habe absichtlich den Namen des Chefs des Standorts der CIA in Islamabad durchsickern lassen, der anschließend Opfer von derart vielen Todesdrohungen wurde, dass die CIA ihn von seinem Posten in Pakistan abziehen musste. Im Januar 2011, nur vier Monate vor dem Tod von bin Laden, wurden das Verhältnis zwischen den USA und Pakistan ausgesetzt, nachdem Raymond Davis, ein Vertragspartner der CIA, zwei Pakistanis in Lahore erschossen hatte. Ein dritter Pakistani wurde erschossen, bei einem Unfall mit Fahrerflucht durch das Auto, das Davis zu Hilfe kommen sollte. Davis wurde gefasst und eingesperrt, und der ISI weigerte sich ihn freizulassen, bis Washington eine komplette Entschuldigung aussprach, was die Obama-Administration verweigerte, und behauptete, Davis genieße diplomatische Immunität.

Die Beziehungen zwischen ISI und CIA verschlechterten sich weiterhin, als Islamabad die CIA beschuldigte dreihundert Agnten illegal in Pakistan stationiert zu haben, und keine Visa mehr für amerikanische Vertreter ausgab, die nach Islamabad wollten, einschließlich Wachpersonal für den Botschaftsstab. Aus Furcht vor einem Angriff durch Extremisten schloss man das komplette Konsulat in Lahore und zog um nach Islamabad.

Derweil, während der Krieg in Afghanistan weiterging, weigerte sich Pakistan Druck sowohl auf die afghanischen Taliban auszuüben, sowie auf die Haqqani-Gruppe, Gespräche mit dem Regime in Kabul aufzunehmen, die mehrere Überfälle in Kabul ausführte. Das Misstrauen zwischen den USA und Pakistan vertiefte sich, nachdem die USA erneut mit Drohnenangriffen auf pakistanischem Boden begannen, insgesamt fünfundsiebzig Angriffe im Jahr 2011.

Davis wurde schließlich Ende März entlassen ein paar Wochen vor bin Ladens Tod – nachdem die USA eine Entschuldigung verfassten, aber das Misstrauen zwischen der CIA und dem ISI war gewachsen. Einen Tag nach Davis Freilassung tötete eine Reihe von Drohnenangriffen im Norden Waziristans vierzig Menschen  viele davon waren Zivilisten. General Ashfaq Kayani, der Kommandeur der Armee Pakistans, beschuldigte die CIA der „leichtsinnigen und herzlosen“ Anvisierung „friedlicher Bürger“. Im November sperrte die pakistanische Armee jede Benutzung pakistanischer Straßen für Verkehr der NATO und der USA nach Afghanistan, als Vergeltung für die unbeabsichtigte Tötung von vierundzwanzig pakistanischen Soldaten durch NATO-Hubschrauber. Die Straßen blieben für sieben Monate gesperrt.

In Anbetracht der Geschichte des schlechten Verhältnisses zwischen CIA und ISI in der Phase vor dem Überfall, ist es für mich undenkbar, dass die Kooperation zwischen ihnen, wie Hersh sie beschreibt, stattgefunden haben kann. Dass Hersh keine dieser Spannungen erwähnt, und überhaupt nichts über den Zustand des Verhältnisses zwischen CIA und ISI, scheint mir unerklärlich. Ferner, in Folge des Überfalls in Abbottabad, mussten sich sowohl der kommandierende General der pakistanischen Armee und hohe ISI-Offiziere der Verlegenheit und Beschuldigungen der zivilen Regierung stellen, des Parlaments, der Medien und der Öffentlichkeit. Man erachtete sie für unfähig, da man amerikanischen Hubschraubern Zutritt in den pakistanischen Luftraum gestattet hatte. Es ist nicht glaubhaft, dass militärische Kommandeure freiwillig eine derartige Erniedrigung riskieren würden, der sich die Armee Pakistans dann stellen musste. Hersh erwähnt diese Konsequenzen mit keinem Wort.

Genauso, was die Beteiligung der USA an der mutmaßlichen Zusammenarbeit angeht, ich kann mir nicht vorstellen, dass die Administration, als sie bin Ladens Aufenthaltsort einmal entdeckt hatte, so still hinnehmen würde, dass er von Pakistan, mit Unterstützung durch die Saudis, seit 2006 versteckt wurde. Würden die USA diese Saaten nicht für die Angriffe verantwortlich gemachte haben, die bin Laden geplant haben könnte, während er unter Aufsicht von Pakistan und den Saudis stand? Würde die CIA. Nachdem sie zwei Jahrzehnte nach bin Laden gefahndet hat, plötzlich mit den Truppen zusammenarbeiten, die ihm Zuflucht gewährt haben?

Schließlich, sollte das pakistanische Militär vorher von dem amerikanischen Überfall gewusst haben und jedem gesagt haben, er solle die Füße stillhalten, müssten Dutzende Offiziere darüber informiert gewesen sein. Allein in Abbottabad hohe Offiziere der Armee, des ISI, Paramilitärs, Luftwaffe, die Kadettenschule, Polizei, zivile Verwaltung, Feuerwehren, und noch mehr hätten in den Plan eingeweiht sein müssen, um Zusammentreffen mit den amerikanischen Angreifern zu umgehen. Dennoch ist kein Wort über eine derartige Übereinkunft je publik geworden, und sogar die vielen Quellen für politischen Tratsch sagen nichts darüber.

Die anderen drei Essays in Hershs Buch behandeln Amerikas Politik in Syrien, und besonders Präsident Obamas überraschende Entscheidung nicht einzugreifen, nachdem ein extrem vernichtender Giftgasangriff auf den Vorort Ghuta, im August 2013 dem Assadregime zugeordnet wurde. Während des vorherigen Jahres hatte Obama darauf bestanden, dass der Gebrauch von chemischen Waffen durch die syrische Regierung eine „Rote Linie“ sei, und es „enorme Konsequenzen“ gebe, würde man sie überschreiten. Bald darauf befand man das Assadregime als verantwortlich für den Angriff. Der Anführer der Mehrheit im Senat, Harry Reid, brachte eine Resolution ein, die es den USA erlauben würde, militärisch in den syrischen Bürgerkrieg einzugreifen. Aber im September, bevor auch nur ein Plan für amerikanisches Handeln umgesetzt waren, gab Obama sie alle auf, nachdem Syrien, auf Drängen Russlands, sich bereit erklärte, sein komplettes chemisches Waffenarsenal zu zerstören.

Zumindest ist das die Geschichte, die die amerikanische Regierung erzählt; Hersh hat eine andere Sicht auf die Dinge. Er sagt, die Sarin-Angriffe auf Ghuta, die hunderte Menschen töteten, seien nicht von Präsident Bashar al-Assads Truppen ausgeführt worden, wie man weithin glaubt, sondern mit Hilfe der Türkei, von der Jabhat al-Nusra, einem syrischen Ableger von al-Qaida, die sich gegen das Assad-Regime stellt und gegen den Islamischen Staat im Irak und der Levante (ISIS).

Hersh vermutet, dass die al-Nusra und die Türkei den chemischen Angriff ausführten, um ein Eingreifen der USA zu provozieren und um die syrische Regierung zu bestrafen. „Erdogans Hoffnung,“ schreibt Hersh, „bestand darin etwas anzuzetteln, das die USA zwingen würde, die Rote Linie zu überschreiten.“

Ab 2013 bestand im Mittleren Osten sicherlich ein starker Glauben daran, dass nur ein Eingreifen des amerikanischen Militärs dem Bürgerkrieg in Syrien eine Ende bereiten könne. Hershs Behauptung, dass die Türkei versucht habe, ein derartiges Eingreifen zu verursachen, wird jedoch durch weitere Beweise oder Quellen nicht angemessen bestätigt. Durch das Fehlen derartiger Beweise, ist es schwierig zu glauben, dass die Beteiligung der Türkei an einem geheimen Angriff nicht aufgedeckt worden sei, oder öffentlich kritisiert, von einigen der vielen Gegner von Präsident Erdogan. Genauso bestehen Zweifel daran, dass Erdogan den Schaden am internationalen Ruf der Türkei riskiert hätte (sic! Anm. d. Übers.), und seine Beziehungen zu den Großmächten, sollte bekannt werden, dass er Waffen liefert, einschließlich tödlischem Gas, und das an al-Qaida-Terroristen.

Ich bewundere das Können und die Unabhängigkeit mit der Hersh wichtige und verdeckte Informationen ans Licht brachte schon lange, und wir können sicher sein, dass es keinen Mangel an Verschwörungen gibt, die in einer muslimischen Welt enthüllt werden können, die von streitenden Dschihadistengruppen und Bürgerkriegen zerrissen ist. Aber keine der Theorien über geheime Verschwörungen, die Hersh in seinem Buch auftischt, wird durch glaubwürdige Beweise untermauert.

Auch wenn sich viel in Hershs Buch auf al-Qaida und seine Ableger bezieht, gibt er uns keinen Eindruck von der Situation der al-Qaida im Jahr 2011 oder heute. Neben dem Fehlen von Beweisen für seine kontroversen Behauptungen, ist das der am meisten enttäuschende Teil von Die Beseitigung von Osama bin Laden. In den vergangenen Jahren erfuhr die al-Qaida ein dramatisches Wiederaufleben. Seit bin Ladens Tod  den sie ausnutzte um ihre Stellung in dschihadistischen Kreisen zu verbessern  sind ihre Operationen und Angriffe in erster Linie von teilweise autonomen Tochteunternehmen ausgeführt worden  al-Nusra in Syrien, Ansar al-Scharia im Jemen, al-Qaida im Maghreb (AQIM) in Algerien, und al-Shabaab in Somalia. Diese eher verstreuten Organisationen, mit kleineren Partnern, die kleiner Anhängerschaften in Gegenden kommandieren, die bereits in den Bürgerkrieg verwickelt sind, haben es der Gruppe ermöglicht, ihren Einfluss still zu erweitern und die Vormachtstellung der ISIS zu überleben, die letztlich schwächer wurde.

AQIM, die lange in der Sahelwüste in Mali und Algerien aktiv war, hat ihre Angriffe nach Burkina Faso und an die Elfenbeinküste ausgedehnt. Somalias tödliche al-Shabaab  die al-Qaida 2012 die Treue geschworen hat  hat seine Operationen nach Kenia ausgedehnt. Al-Qaida gewinnt wieder an Stärke im arabischen Kerngebiet, nachdem einige seiner Anführer nach Jahren im Exil in Pakistan und Afghanistan nach Syrien zurückkehrten. Das versetzte die al-Nusra in die Lage, sowohl das Assad-Regime sowie die ISIS wirkungsvoller herauszufordern. In Berichten, die ich gelesen habe, hat die al_Nusra die Gründung eines al-Qaida-Emirats oder eines Islamischen Staates in Syrien erörtert, das das Kalifat der ISIS unverhohlen in Frage stellen würde. Anfang Mai hat Hamza bin Laden, der 24 Jahre alte Sohn von Osama bin Laden, alle Gruppen in Syrien dazu aufgerufen, sich für die „Befreiung Palästinas“ zu vereinen – ein Anliegen, das unter Dschihadisten immer noch populär ist, von der ISIS aber größtenteils ignoriert wird. Dazu kommt, dass Ayman al-Zawahiri noch lebt, und offensichtlich aktiv ist, während er sich im Grenzland zwischen Afghanistan und Pakistan versteckt.

Im Jemen hat al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) die Kontrolle über die Provinz Hadhramaut und seinen Hafen Mukalla übernommen und regierte dort über Jahr, bevor sie im April von regulären jemenitischen Streitkräften vertrieben wurden. Aber AQAP ist weiterhin aktiv und hat versucht wieder an Stärke zu gewinnen. Amerikanischen Geheimdiensten zufolge, besitzt sie immer noch die Fähigkeit amerikanische Flugzeuge abzuschießen und war für den Angriff auf Charlie Hebdo in Paris verantwortlich. In Afghanistan arbeitet al-Qaida immer enger mit den afghanischen Taliban und dem Haqqani-Netzwerk zusammen. Es gibt immer noch mehr als dreihundert al-Qaida-Kämpfer in Afghanistan, mehr in Pakistan und einen neuen Ableger, der in Indien aktiv ist.

Im Vergleich zu anderen islamischen Gruppen hatte al-Qaida die größte Wirkung auf Muslime weltweit in den verhangenen drei Jahrzehnten. Unter der Führung von bin Laden erhob sie den Dschihad zum ersten und obligatorischen Bestandteil des muslimischen Glaubens (obwohl er weder im Koran noch im Hadith so angesehen wird), und schuf eine Interpretation des Dschihad, die zu Gewalt ermuntert weil man den Islam gegen seine Feinde verteidigt. Al-Qaidas Verständnis und Betonung des Dschihad sind von vielen folgenden islamsichen Gruppen aufgegriffen worden. An erster Stelle ISIS. 

Anders als ISIS ist das Vorgehen der al-Qaida zum Aufbau eines neuen Kalifats auf Lange Sicht geplant, mit der Überzeugung, dass zunächst die Mittel und den Zuspruch erreichen muss, um einen neuen Staat zu erhalten. Andersherum begann ISIS sofort sein Kalifat aufzubauen und erleidet jetzt im Irak und in Syrien ernsthafte militärische Niederlagen, während ihr gleichzeitig die (finanziellen) Mittel ausgehen. Dennoch, was der ISIS bleibt und wovon sie im vergangenen Jahr rücksichtslos Gebrauch gemacht hat, ist ein großer Stock an Kämpfern, die aus Europa angezogen wurden, und die vielfach Selbstmordkommandos ausführten, in Deutschland, Frankreich, Belgien und in den USA.

Ob sich Hershs Theorien je bestätigen oder nicht, es ist wichtig, dass wir nicht zulassen, dass sie uns von den anhaltenden Gefahren ablenken, die von al-Qaida ausgehen. Während die amerikanische Auslöschung bin Ladens erhebliche Folgen, sowohl praktisch wie symbolisch, für die Stellung der al-Qaida auf dem Globus hatte, sollte seine Wirkung auf die Begrenzung der Macht der Organisation nicht überschätzt werden.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/ 

Übersetzung: Thorsten Ramin