Die arabische Welt muss sich dem Kampf gegen die ISIS in Syrien wieder anschließen

Ahmed Rashid

Financial Times, The Exchange 3. Dezember 2015

Das Ausbleiben der Reaktionen der arabischen und sonstigen muslimischen Welt nach den Terrorangriffen von Paris und Beirut ist sowohl beschämend und bedauerlich. Die von den USA angeführte Koalition um die ISIS im Irak und in Syrien zu bekämpfen taumelt, wegen Desertionen durch arabische Staaten, die mehr und mehr Entschuldigungen fanden um nicht an Militäraktionen gegen die militante Islamistengruppe teilzunehmen, selbst wenn ihre eigenen Hauptstädte Ziele gewesen sind.

In der Folge von Paris kam es im Westen zu übertriebenen Diskussionen der militärischen und politischen Strategie im Irak und Syrien, was man mit der syrischen Führung anfangen solle und wie man mit der Flüchtlingskrise fertig werde. In der arabischen Welt gab es bisher wenig politische Neuüberlegungen oder Debatten.

Der internationale Druck auf die arabischen Länder nimmt zu. Anwar Gargash, der Außenminister der Vereinten Arabischen Emirate, wurde am Montag von der offiziellen WAM Agentur1 zitiert, er habe gesagt, die Vereinten Arabischen Emirate würden „sich an jeder internationalen Bemühung beteiligen, die ein Eingreifen am Boden fordert um den Terrorismus zu bekämpfen“ in Syrien. Aber falls westliche Nationen die Länder nicht zum Handeln antreiben und ihre Regierungen, sich verantwortlicher angesichts der Krise im Mittleren Osten zu verhalten, wird die Situation in der gesamten muslimischen Welt zunehmend gefährlich. Die ISIS tötet bereits jenseits ihres Kerngebiets – zuletzt in Afghanistan und Bangladesh.

Nach Paris kam es zu keinem Treffen der Arabischen Liga oder der Organisation für islamische Zusammenarbeit – den führenden arabischen und muslimischen Denkfabriken. Es gab keine gemeinsamen Aufrufe zur Bekämpfung und Unterwerfung der ISIS, wobei einzelne Länder davon Abstand nahmen, Maßnahmen zu treffen.

Die Vereinten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien haben schon lange aufgehört ISIS-Ziele im Irak und in Syrien zu bombardieren, sie behaupten zu sehr mit dem Jemen beschäftigt zu sein – wo man den Ursprung des Konflikt eher verortet, anstatt eines regionalen Konflikts. (Erinnern Sie sich an das lachende Gesicht der UAE-Pilotin, die an der ersten Bombardierungswelle der Koalition in diesem Jahr teilnahm? Nun, diese Beteiligung ist beendet.) Bahrain bekämft ebenfalls seine eigene mehrheitlich schiitische Bevölkerung. Im November erzählten mir Vertreter zahlreicher Golfstaaten, sie betrachteten die Bedrohung durch den Iran als wesentlich ernstzunehmender, als die durch die ISIS. Für den Iran gilt die angenommene schiitische Bedrohung, auch wenn alle Golfstaaten schiitische Bevölkerungsanteile haben. Die Selbstmordkommandos von Paris, Beirut und Tunis im letzten Monat und die Bombe, die man an Bord einer russischen Passagiermaschine in Ägypten platziert hat, haben an dieser Auswertung nichts verändert.

Der Iran ist im Mittleren Osten bestimmt rücksichtslos vorgegangen, indem er schiitische Milizen und Oppositionsgruppen im Libanon und Irak ins Leben rief, und Gruppen finanzierte, die gegen die königlichen Familien der Saudis und in Bahrain streiten, je nach Regierung. Jedoch versucht er jetzt nicht jede arabische Stadt zu bombardieren, arabisches Öl zu erbeuten oder jede herrschende Familie umzubringen, wie die ISIS es gern täte.

Es besteht tiefes, unangebrachtes Misstrauen unter den arabischen Ländern, dass, nach dem Nuklearabkommen mit den USA, Washington versuchen wird, den Iran in eine vorrangige Rolle bei der Sicherheit am Golf zu heben und die Araber zu verdrängen – selbst wenn der Iran nicht die Fähigkeit besitzt, das zu tun und die derzeitigen Öl-reichen Verbündeten weit wertvoller sind als eine unbekannte Größe wie der Iran.

Die wohlhabenden arabischen Länder können sich ebenso nicht einigen, wen unter den unzähligen syrischen Gruppierungen sie finanzieren und bewaffnen sollen, das schafft unter ihnen Rivalität.

Auch haben sie die UN und andere Hilfsorganisationsoperationen in der Flüchtlingskrise nicht ausreichend gefördert, die in der Türkei, in Jordanien und im Libanon ausgebrochen ist und sich jetzt nach Europa ausbreitet. Während die Europäer nun beraten wieviele Flüchtlinge sie aufnehmen, müssen die reichen Golfstaaten sich bisher noch darauf einigen, syrische oder irakische Flüchtlinge überhaupt zu inegrieren.

Der Kampf gegen die ISIS muss von den Arabern angeführt und von den Arabern gekämpft werden, wenn auch zweifellos mit amerikansicher und europäischer Rückendeckung. Politisch muss er ein arabisches Gesicht tragen, um die ideologische Schlacht gegen die ISIS zu gewinnen. Nach der katastrophalen amerikanischen Besetzung des Irak, sind sich arabische Anführer nur zu bewusst, dass je mehr die USA sich im Mittleren Osten entblößen, je größer die anti-amerikanische Stimmng in der Region, und je schwieriger wird es Unterstützung für Maßnahmen von einem widerwilligen Weißen Haus und Kongress zu erhalten.

Die Gespräche von 21 Nationen in Wien, die von den Amerikanern geleitet wurden um über eine gemeinsame Strategie gegenüber Syrien und der Zukunft seines Präsidenten, Bashar al-Assad zu entscheiden, bot die erste echte Gelegenheit in fünf Jahren Chaos in dem Land, für alle Parteien ein gemeinsames Strategieziel zu erreichen. Aber die Gespräche von Wien können nicht erfolgreich sein, solange die arabischen Länder nicht Entschlossenheit und Einheit beweisen. Sunniten und Schiiten müssen gemeinsam kämpfen, nicht gegeneinander.

Der Verfasser ist Autor mehrerer Bücher über Afghanistan, Pakistan und Zentralasien, zuletzte ‚Pakistan am Abgrund‘.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/middle-east/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

1http://www.wam.ae/en/home.html