Dialog mit der Welt des Islam


Qantara.de, 31.01.2013

Interview mit Ahmed Rashid über Mali, „das schlimmer ist als Afghanistan“

Der pakistanische Autor und Taliban-Experte Ahmed Rashid berichtet über das Versagen der internationalen Gemeinschaft in Mali und wie islamistische Al Qaida-Anhänger sich dort einrichten konnten. Er sprach mit Silke Mertins.

Herr Rashid, könnte Mali das neue Afghanistan werden?

Ahmed Rashid: In Mali handelt es sich um einen länderübergreifenden Konflikt und grenzüberschreitenden Terrorismus. Beteiligt sind mindestens vier Länder: Libyen, Algerien, Mali und Niger. Das ist eine fast gleichartige Situation wie in Afghanistan. Der große Unterschied ist, dass Al Qaida bereits den Norden Malis kontrolliert. Al Qaida hatte nie die Kontrolle über Nord-Afghanistan, das ging immer nur mit den Taliban. Darum hat man in Mali sogar eine schlimmere Situation als in Afghanistan. Ungeachtet dessen, dass die internationale Gemeinschaft Monat für Monat herauszögerte, und beschloss, und redete.

Warum haben sie die Dschihadisten-Gruppen im Norden Malis als “afrikanische Taliban” genannt!

Ahmed Rashid: Diese Gruppen existieren in der Sahara seit vielen Jahren. Man hat sie hauptsächlich mit kriminellen Taten in Zusammenhang gebracht. Aber durch den religiösen Einfluss ausländischer Extremisten hat eine sehr schnelle ideologische Radikalisierung stattgefunden. Was wir in Mali sehen – Hände abhacken und ähnliches – geschieht sicherlich unter dem Einfluss extremer religiöser Ideologie, und ähnelt dem, was die Taliban und Al Qaida in Afghanistan anwendeten. Und es geschah, wie in Afghanistan, in einer vorwiegend gemäßigten, sufistischen Umgebung. Denn wenn ein Staat versagt und dieses riesige Vakuum hinterlässt – eine Lücke der Regierung, der Justiz, des Rechts und der Ordnung – ist es sehr einfach, dieses Vakuum mit Extremisten zu füllen.

Wie erklären sie sich, dass eine relativ kleine Gruppe mit begrenzten Mitteln erfolgreich ein so großes Territorium unter ihre Kontrolle bringen und ihre Macht auf- und ausbauen konnte?

Ahmed Rashid: Was wir in Mali gesehen haben, war ein totaler staatlicher Zusammenbruch – die Armee floh.

Also war es die Schwäche des Staates, die Al Qaida so stark gemacht hat.

Ahmed Rashid: Genau. Laut der New York Times haben die USA in den letzten vier Jahren 500 Millionen Dollar für den Kampf gegen den Terror in Westafrika ausgegeben. Es war offensichtlich absolut nutzlos. Es gab keine nationale Ideologie, die die malische Armee motiviert und mobilisiert hätte.

War Frankreichs Eingreifen die einzige Möglichkeit, um diese Dschihadisten-Gruppen davon abzuhalten, Mali ganz einzunehmen?

Ahmed Rashid: Malis Armee war so erniedrigt, dass man sie nicht darum bitten konnte. Man hätte zu einem früheren Zeitpunkt versuchen sollen, international zu vermitteln. Hätten die Franzosen eine Gruppe vertrauenswürdiger, allseits bekannter Muslime aus der Region zusammengestellt, wären Verhandlungen vielleicht möglich gewesen.

Verhandlungen mit wem? Al Qaida? Den Tuareg?

Ahmed Rashid: Vorher war das nicht so klar. Es gab einen Zusammenschluss dieser Gruppen. Es gab keine Versuche, das Vertrauen der Tuareg wiederherzustellen. Es gab überhaupt keine diplomatischen Bemühungen. Wir sind in einen weiteren bewaffneten Konflikt gedrängt worden.

Wie?

Ahmed Rashid: Ich denke, die Welt hat nicht wahrgenommen, wie dringend diese Problem war. Von Anfang an, gab es zu viele Bemühungen, um eine militärische Mannschaft aufzustellen, den Gang zum UN-Sicherheitsrat und so weiter.

Also, als Frankreich eingriff, gab es wirklich keine andere Möglichkeit mehr?

Ahmed Rashid: Es war so eine 9/11-Situation. Die Franzosen befürchteten zurecht, dass das ganze Land unter die Herrschaft von Al Qaida fallen würde. Sie mussten umgehend militärisch eingreifen. Die Hauptstadt war dabei zu fallen.

Wie wichtig ist es für die Dschihad-Bewegung, dass sie dieses Gebiet kontrolliert?

Ahmed Rashid: Unglaublich wichtig. Wir haben das auch in den Stammesgebieten der Taliban in Afghanistan gesehen. Sie brauchen ein Territorium für die Sicherheit ihrer Leute, sie brauchen es für Ausbildung, sie brauchen es als Operationsbasis. Und sie wollen der Welt ebenso zeigen, dass sie in der Lage sind zu regieren.

Scheinbar sind viele ausländischer Kämpfer unter diesen Extremistengruppen. Ist Mali zum Hauptschlachtfeld des weltweiten Dschihad geworden?

Ahmed Rashid: Diejenigen, die an den Dschihad und an die Nachricht Osama bin Ladens glauben, werden überall hingehen, vor allem wenn Al Qaida der Gewinner ist. Der Erfolg in Mali war eine Überraschung für die gesamte Dschihadbewegung. Jetzt stellt es für die Bewegung die neue Hauptbasis von Al Qaida dar – eine Gegend, die für westliche Armeen problematisch ist. Und eine Region mit Zugang zu vier oder fünf Ländern.

Wie gefährlich ist diese Entwicklung für Europa?

Ahmed Rashid: Sehr gefährlich. Man sieht bereits jetzt einen Strom Afrikaner durch die Sahara illegal nach Spanien und Europa kommen, wegen der wirtschaftlichen Not. Das könnte genauso der Zugang für Extremisten sein, um in Europa terroristische Angriffe zu verüben. Vor allem wenn man ein Territorium besitzt, dass so nah ist. Länder wie Libyen können kaum auf eigenen Füßen stehen, seit sie Ghaddafi losgeworden sind. Ihr schwacher Sicherheitsapparat könnte leicht infiltriert werden, um Zugang zum Mittelmeer zu haben.

Was ist ihr Rat an die Parlamente Europas?

Ahmed Rashid: Es sollte eine gesamt-europäische unterstützende Antwort auf das geben, was Frankreich tut. Wir sollten ebenso schauen, ob diese Al Qaida-Gruppen nicht von den lokalen Gruppen isoliert und getrennt werden können, so dass ein Dialog mit den Tuareg und anderen möglich ist.

Wäre es nicht besser, wenn die afrikanischen Länder die Probleme in Mali selber lösen würden?

Ahmed Rashid: Diese beteiligten afrikanischen Länder haben nicht die Mittel, um mit einer Krisensituation wie dieser fertig zu werden. Ihnen fehlt die Erfahrung des Kampfes gegen Al Qaida.

Das Interview führte Silke Mertins

© Qantara.de 2013

Herausgeber: Lewis Gropp/Qantara.de

Der 1948 geborene pakistanische Bestsellerautor Ahmed Rashid ist einer der führenden Fachleute des internationalen Terrorismus und Afghanistan. Sein Buch „Taliban“ verkaufte sich mehr als 1,5 Millionen mal. Sein letztes Buch „Pakistan am Abgrund: Die Zukunft Amerikas, Pakistans und Afghanistans“ wurde 2012 veröffentlicht. Rashid lebt in Lahore, Pakistan.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/interviews/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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