Der Schrecken, der Schrecken

Gary Saul Morson

 

AUSGABE 08. Februar 2018

The Essential Fictions

von Isaac Babel, bearbeitet und übersetzt aus dem Russischen von Val Vinokur

Northwestern University Press, 404 S., $21.95 (Taschenbuch)

Red Cavalry

von Isaac Babel, übersetzt aus dem Russischen von Boris Dralyuk

London: Pushkin Press, 219 S., $18.00 (Taschenbuch)

Odessa Stories

von Isaac Babel, übersetzt aus dem Russischen von Boris Dralyuk

London: Pushkin Press, 221 S., $18.00 (Taschenbuch)

Am 17. Januar 1940 bestätigte Stalin die Urteile von 346 bekannten Menschen, mitunter des Dramaturgen Wsewolod Meyerhold, des einstigen Chefs (der Geheimpolizei) Nikolai Jeschow und des Schriftstellers Isaak Babel. Alle wurden erschossen. Babel wurde am 15.Mai 1939 verhaftet, mitten in der Nacht, und er, so wird erzählt, bemerkte zu einem Offizier: „Also, schätze ich mal, Sie bekommen nicht viel Schlaf, oder?“

Makaber war Babels Markenzeichen. Am bekanntesten ist sein Kurzgeschichtenzyklus Reiterarmee (Rote Kavallerie), eine fiktionalisierte Erzählung seiner Erfahrungen als bolschewistischer Kriegskorrespondent mit einem Kosakenregiment während der sowjetischen Invasion von Polen 1920. Lionel Trilling, der Babel in die englischsprachige Welt einführte, erkannte diese Geschichten als Meisterwerke der Sowjetliteratur1. Einige von Babels anderen Geschichten, besonders seine Odessaerzählungen, beeindruckten Trilling ebenso und blieben seine Liebsten. Sie bieten ein tragikkomisches Bild von Odessas großer jüdischer Gemeinde, mit ihren Rabbis, schüchternen Schuljungen, und, kurioserweise, einem jüdischen Gangster, dessen Abenteuer episches Heldentum und die Genialität eines Betrügers miteinander verbinden.

Wie konnte ein junger Mann „mit Brille auf der Nase und Herbst im Herzen“, wie er sich selbst in einer Geschichte schildert, in einem Regiment aus Kosaken enden, bekannt für ihre Grausamkeit, brutale Männlichkeit und Hass auf Juden? 1884 geboren in einer jüdischen Mittelklassefamilie, war Babel, der eine klassische jüdische Ausbildung erhielt, integriert in die vielsprachigen, multikulturellen Gemeinden von Odessa, wo er Hebräisch, Jiddisch und Französisch fließend sprechen lernte, genau wie Russisch. In einer Geschichte beschreibt er, wie fixiert die Juden von Odessa darauf waren, ihre Söhne zu großen Geigern zu machen, wie Mischa Elmann oder Jascha Heifetz; doch Babel, der Kopien von Turgenev auf seinem Notenständer verbarg, bevorzugte den traditionellen russischen Blick auf die Literatur als der wichtigsten Sache der Welt.

Beeinflusst von Maupassant schrieb er seine ersten Geschichten auf Französisch, aber, wie er sich in seiner autobiografischen Geschichte „Mein erstes Honorar“ erinnert, wurde er durch seine Überzeugung gehemmt, dass „es zwecklos sei, schlechter zu schreiben als Leo Tolstoi.“ Durch Tolstoi, erklärte er einem Befrager, „ging die elektrische Ladung direkt aus der Erde, durch seine Hände, unmittelbar auf das Papier, ohne Isolierung, völlig gnadenlos wurde jede äußere Schicht entfernt, mit Gespür für die Wahrheit … sowohl transparent und schön.“ aber es war nicht Tolstois unvergleichlich realistischer und transparenter Stil, den Babel kultivieren würde. Es war seine Fähigkeit, alle Unfälle des Lebens zu entfernen und den „Kern“ aufzuzeigen.

In seiner Geschichte „Kindheit – Geschichte meines Taubenschlags“2 lernt der junge Babel, alles um ihn herum – Straßen, Ladenfenster, Steine – „auf besondere Weise zu sehen … und ich war recht sicher, dass ich in ihnen das erkennen konnte, was das wichtigste, rätselhafteste war, das was wir Erwachsenen den Kern der Dinge nennen.“ Er fand in seinem Großvater einen Mann, der „beherrscht wurde von einer unbändigen Drang nach Wissen und Leben.“ Seine Oma riet ihm, nicht jedem zu trauen, jedoch sich alles menschliche Wissen anzueignen: „Du musst alles wissen.“ verlangte sie, und mit diesen Worten formte sie „mein Schicksal, und ihr feierlicher Vortrag lastet schwer – immerfort – auf meinen schwachen kleinen Schultern.“ Dieses Los, wie er es empfand, sollte zu „dem [russischen] Messias, auf den man umsonst so lange gewartet hatte“ führen.

Den Kern der Dinge zu erkennen erfordert Erfahrung. In einer autobiografischen Erzählung tadelt ein Korrekturleser Babel dafür, die natürliche Welt nicht zu kennen: „Und du wagst es zu schreiben! Eine Person, die nicht in der natürlichen Welt lebt, wie ein Stein oder ein Tier in der Natur lebt, wird in seinem ganzen Leben keine zwei lohnenswerten Sätze schreiben.“ Doch es waren menschliche Wesen, in all ihrer Schönheit und Widerlichkeit, die ihn am meisten interessierten. 1919 zog er nach St. Petersburg und schrieb ein paar Geschichten, die Maxim Gorki beeindruckten, der Babels Arbeit in seiner Zeitung Neues Leben veröffentlichte, bis die Bolschewiken sie schlossen. Wie Babel sich erinnerte, riet ihm Gorki die Welt zu erkunden und echte Erfahrungen zu machen. In den kommenden Jahren diente Babel als Soldat an der rumänischen Front und mag sogar für die entstehende Tscheka (Geheimpolizei) gearbeitet haben, bevor er Kriegskorrespondent wurde.

Es könnte kaum eine groteskere Paarung geben, als einen schüchternen jüdischen Intellektuellen und einem grausamen Kosakenregiment. Für Trilling bildet der Kontrast das zentrale Thema von Reiterarmee (Rote Kavallerie), und es ist bestimmt wichtig. Aber noch etwas anderes geht vor sich. Der Schriftsteller erschließt die Welt als Anthropologe, ein unbeteiligter Zuschauer, der die seltsamen Gebräuche von Kosaken, Juden, Polen, Priestern, chassidischen Rabbinern, Lagerhuren und jeder Art Täter und Opfer extremer Gewalt aufzeichnete. Indem er seine eigenen Reaktionen beobachtete, als seien sie die von jemand anderem, oder sich sich in gefährliche Situationen begab um seine eigenen Gefühle zu kontrollieren, ging er mit sich selbst um als sei er nur ein weiteres Exemplar der Bedingung des Menschseins. In seiner Geschichte „Meine erste Gans“ staunt er über seinen eigenen Gefallen an Grausamkeit und der timen Verbindung zur Sexualität. Er muss alles wissen.

Doch worin besteht die Moral, sich das menschliche Leiden von außen anzuschauen, wie ein Forscher der Exemplare untersucht? Auch das ist ein Thema dieser Geschichten und von Babels Werk im Allgemeinen. In ihrer Denkschrift Hoffnung gegen Hoffnung beschreibt Nadeshda Mandelstam Babel als Hasardeur, der zu allem bereit ist, egal wie gefährlich oder moralisch fragwürdig, um durch unerwartete Situationen oder fremde Menschen zu erfahren. Babel hörte intensiver als jeder andere zu, den sie je traf, während alles an ihm „den Eindruck alles verzehrender Neugier erweckte – wie er seinen Kopf hielt, seinen Mund, sein Kinn und vor allem seine Augen … Babels erster Antrieb war die ungezügelte Neugier, mit der er das Leben und die Menschen hinterfragte.“

Babel schien das Risiko selbst zu genießen. Während der großen Säuberungen hatte er eine Affäre mit der Frau des Chefs des NKWD, Jeschow. Statt in einem Mietshaus für Schriftsteller zu wohnen, entschied er sich für ein Haus, in dem sich Ausländer aufhielten. „Wer, der noch bei Trost ist, würde im gleichen Haus wie Ausländer wohnen?“ fragte Mandelstam, da jeder Kontakt zu Ausländern einem Todesurteil gleichkam. Ebenso berichtet sie, dass Babel viel Zeit mit „Militärs“ verbrachte, ein Euphemismus für NKWD-Agenten. Mandelstams Ehemann, der Dichter Osip Mandelstam, fragte Babel warum er sich von derartiger Gesellschaft so angezogen fühlte: „War es ein Verlangen zu verstehen, wie es in dem feinen Laden zuging, in dem die Ware tot war?“ Babel antwortete: „Es war wie zu schnuppern und zu schauen, wonach es schmeckt.“

Man könnte meinen, dass Jeschow Babel verhaften ließ, weil er mit seiner Frau geschlafen hatte, aber tatsächlich wurde er verhaftet, nachdem Jeschow gefallen war, offenbar weil es Usus war jeden einzukerkern, der als Feind des Volkes eingeschätzt wurde. Im Verhör, das fast immer Folter einschloss, beschuldigte Babel andere Kulturschaffende – nicht als Spione, aber für ihre eigentlichen Absichten, die niemand, außer einem Despoten, für fragwürdig befinden würde. Sergej Eisenstein hatte, Babel zufolge, bemerkt, dass, unter den gegebenen Umständen, talentierte Personen ihr Können nicht komplett realisieren könnten, während der Schriftsteller Ilja Ehrenburg sich beschwerte, dass „die fortschreitende Welle von Verhaftungen alls Sowjetbürger zwang, alle Beziehungen zu Ausländern abzubrechen.“ Wie gewöhnlich, war Babels Geständnis blutbefleckt.

Der Erzähler der Roten Reiterarmee – der Kriegskorrepondent Vasily Lyutow, das Pseudonym hatte Babel selbst bei den Kosaken benutzt – beobachtet jeden anthropologisch, selbst seine jüdischen Kameraden, als seien sie ein fremder Stamm. In der Eingangserzählung „Über den Sbrutsch“ (Crossing the Zbruch), ist er mit einer armen jüdischen Familie einquartiert, beshtehend aus einer schwangeren Frau, einem Mann mit bedecktem Kopf, der gegen eine Wand lehnt, und zwei „dürrhalsigen Juden“, die sich über „Affenmode“ lustig machen. Als wäre er angewidert durch den Kontakt mit Juden, beschreibt Lyutov wie er in dem Zimmer, das ihm zugewiesen wurde, „ausgefallene Kleidung … Fetzen von Frauenpelzmänteln auf dem Boden, menschliche Exkremente und Scherben des verborgenen Geschirrs, das Juden einmal im Jahr benutzen – zu Ostern.“

Diese Juden rächen sich an ihm für seinen herrischen Umgang mit ihnen. Zu seinem Schrecken erkennt er, dass der Mann mit dem bedeckten Kopf, neben dem er geschlafen hat, eine Leiche mit durchschnittener Kehle ist. Die Frau erklärt, dass ihr Vater die Polen anflehte, ihn draußen zu töten, damit seine Tochter nicht sieht wie er stirbt, „aber sie taten, was sie als angebracht empfanden. Er fand den Tod in diesem Zimmer und dachte an mich. Und jetzt möchte ich es wissen.“ sagte die Frau mit plötzlicher und schrecklicher Gewaltsamkeit, „Ich möchte wissen wo auf der Welt man einen Vater finden kann wie meinen Vater?“

Reiterkavallerie bezieht sich auf ein Tagebuch, das Babel führte, in dem er den Schrecken vor den Grausamkeiten darstellt, die die Roten begingen, die Polen, genau wie die Partisanen.3 Jeder tötet Juden, und er fragt sich: „Kann es sein, dass sie es unser Jahrhundert ist, in dem sie untergehen?“ Wie Lyutov, der Kriegskorrespondent in den Geschichten, klammert sich Babel an einen Glauben an die Revolution als mehr wie ein sinnloses Töten, aber stößt überall auf „die unwiderrufliche Unmenschlichkeit der Menschen.“ Mehrere Geschichten sind Erzählungen von bolschewistischen Soldaten, die ungezwungen ihre abscheuliche, unnötige Grausamkeit als Kampf gegen „Verrat“ und „Gegenrevolution“ schildern. Babel erwägt den Gedanken, dass „dies keine marxistische Revolution ist, es ist eine kosakische Revolution,“ was zumindest die Möglichkeit offen lässt, dass eine wahrhaftige marxistische Revolution woanders stattfindet, aber selbst diesen Trost gibt er bald auf. „Unsere Art den Frieden zu bringen – furchtbar.“ Die bolschewistischen Soldaten gleichen ihren Feinden. „Der Hass ist der gleiche, die Kosaken genau das gleiche, die Grausamkeit gleich, es ist Quatsch zu denken eine Armee sei anders als die andere … Es gibt keine Erlösung.“

In einer Geschichte trifft Lyutov auf einen alten Juden, Gedali, der fragt ob das Paradies erreicht werden kann durch zufälliges Töten und einem Religionskrieg. „Die Revolution – wir werden ja dazu sagen, aber sollen wir Nein zum Sabbath sagen?“ fragt Gedali. Polen schlagen Juden und die Revolution schlägt Polen, was Sinn ergibt, aber warum übt die Revolution dann ebenfalls Gewalt auf Juden aus? Der Erzähler, der vorgibt ein unerschütterlicher Bolschewik zu sein, antwortet, dass die Revolution „nicht auf Schießen verzichten kann … weil es die Revolution ist.“ Wenn das so ist, fragt Gedali, wie soll man dann die Revolution von der Gegenrevolution unterscheiden? „Ich möchte eine Internationale freundlicher Menschen.“ erklärt Gedali, „Ich möchte dass jede Seele registriert wird und Erster Klasse-Rationen bekommen. Hier, Seele, iss und genieße die Annehmlichkeiten des Lebens.“ Zum Ende der Geschichte „ist Gedali, Gründer einer unmöglichen Internationale, zur Synagoge gegangen um zu beten.“

Die Herzgeschichte des Zyklus, „Leben und Abenteuer des Matthew Pavlichenko“, stellt den anthropologischen Ansatz infrage. Worin liegt die Moral lebendige Menschen experimentell zu behandeln, egal ob um die menschliche Natur zu verstehen oder, wie der Erzähler es wünscht, soziologische Theorien zu überprüfen, wie die Phrase „Das sowjetische Experiment“ nahelegt. Babel begründet die Geschichte nicht nur mit einem echten Offizier, Apanasenko, der in seinem Tagebuch als äußerst brutal beschrieben wird, sondern auch mit seinem eigenen Antrieb Gewalt als Schlüssel für das menschliche Wesen zu halten. „Muss in die Seele des kämpfenden Mannes eindringen, ich dringe ein, alles ist schrecklich, wilde Bestien mit Prinzipien.“ notiert er im Tagebuch.

Der fiktionale Pavlichenko, der die Geschichte erzählt, übt Gewalt nicht nur aus Rache oder revolutionärem Prinzip aus, sondern, wie Babel selbst, aus einem Verlangen „die Seele zu durchdringen.“ Vor der Revolution nutzte Pavlichenkos Herr, Nitinsky, ihn aus und schlief mit seiner Frau, doch jetzt hat das Blatt sich gewendet. Als ein roter General kehrt Pavlichenko auf das Land zurück, versetzt Nitinsky in Schrecken und behauptet, einen persönlichen Brief von Lenin an Nitinsky persönlich zu überbringen. Ich nahm ein leeres Blatt heraus, erklärt Pavlichenko, und gibt vor zu lesen, „obwohl ich nicht lesen kann, selbst wenn es um mein Leben geht. ‚Im Namen des Volkes und der Oberschicht einer strahlenden Zukunft, befehle ich Pavlichenko, Matvej Rodionych, gewissen Leuten das Leben zu entziehen, ganz nach seinem Ermessen. … Das ist Lenins Brief für Sie.’“

Da dies offensichtlich eine Rachegeschichte ist, erwarten wir von Pavlichenko, dass er seinen ehemaligen Herrn erschießt, lernen jedoch, dass der General mehr im Kopf hat als alte Rechnungen zu begleichen. Wie Babel betrachtet er sich selbst als eine Art Sozialen Wissenschaftler, der mit neutraler Neugier nach der inneren Wahrheit des Lebens sucht. In der mitreißendsten Passage der Reiterkavallerie experimentiert Pavlichenko, nach Worten suchend, mit seinem Opfer. Anstatt ihn zu erwschießen

Ich trat auf meinem Herrn Nitikinsky herum. Ich trampelte eine Stunde oder länger auf ihm herum, und in dieser Zeit lernte ich das ganze Leben kennen. Erschießen – ich sag es mal so – entledigt einen nur einer Person … erschießen dringt nicht zur Seele vor, dahin, wo die sie in der Person steckt, iund wie sie sich zeigt. Aber, manchmal schone ich mich nicht, manchmal trete ich länger als eine Stunde auf einem Feind herum,sehe wie ich mir wünsche das Leben zu verstehen, das Leben, das wir leben. 

Wieder und wieder schont Pavlichenko sich selbst nicht. Die Suche nach Wissen erfordert nicht weniger.

Unbeschreiblicher Schrecken ist das Ergebnis, wenn Wissen wichtiger ist als Menschen, und dennoch mehr wenn man sich vorstellt, das der Kern des Lebens in extremen Situationen gefunden werden kann. Babel erschließt hier eine Debatte, die sich durch die russische Literatur zieht, darum ob wahres Leben in drastischen Situationen liegt, wie Dostojewskis Figuren anzunehmen neigen, oder in den banalen, wie Tolstoi und Tshechow glaubten. Babel und Lyutov werden vom äußersten angezogen, aber gelegentlich entdecken sie den Wert des Ordinären.

In „Der Tod von Dolgushov“ fragt Lyutovs Kutscher Grishuk, der sieht wie Leute auseinandergenommen werden,: „Warum plagen sich Frauen? … Was sollen die Kuppelei und Heiraten und der Familientanz auf Hochzeiten“ und der ganze Aufwand Kinder zu erziehen? „Ich lache wegen … leidenden Frauen.“ Was Frauen jeden Tag tun, darum geht es, und was grausame Männer – diese „wilden Bestien mit Prinzipien“ – tun, zerstört das Ergebnis all ihrer prosaischen Arbeit. Lyutov und Grishchuk begegnen einem verletzten Soldatenmit heraushängenden Gedärmen und sichtbarem Herzschlag, der Lyutov bittet, ihn zu erschießen, damit die Polen ihre dreckigen Spiele nicht mit ihm treiben können. Lyutov kann es nicht tun, und seine Weigerung entsetzt seinen Freund Afonka Bida, der zu Recht Grausamkeit in derartiger „Barmherzigkeit“ erkennt. „Deine Sorte empfindet Mitleid mit unserem Bruder durch deine Brille, wie eine Katze Mitleid mit der Maus hat.“ schäumt Bida. Als Lyutov befürchtet, Bida als seinen Freund zu verlieren, tröstet ihn Grishchuk, der prosaisches Tugend erkennt. Als die Geschichte endet, „nahm er einen Apfel unter seinem Fahrersitz hervor. ‚Iss,‘ sagte er zu mir. ‚Die Orchidee, die Imkerei, Vernichtung der Körbe, schrecklich, Bienen summen hoffnungslos, die Männer jagen die Körbe mit Pulver hoch … eine wilde Orgie ,,, Ich ekele mich vor all dem.“ schreibt er in das Tagebuch, und eine Geschichte in Reiterkavallerie beginnt so: „Ich klage um die Bienen … Wir schändeten unzählige Körbe … Es gibt keine Bienen mehr in Wolhynien.“ Um Bienen geht es dem Künstler Pan Apolek, der Kirchenmänner schockiert, indem er Jesus und Maria mit den Gesichtern lokaler Sünder malt, als um zu zeigen, dass die heiligen Stätten nicht in mystischer Entfernung liegen, sondern direkt vor unseren Augen. Er erzählt eine Geschichte darüber, wie die Mücken, die Jesus am Kreuz plagen, eine Biene bitten, ihn zu stechen, aber die Biene weigert sich, denn Jesus ist ein Tischlerkollege. Soldaten töten Bienen, aber Jesus ist ihr Bruder.

Babel strebt nach Prägnanz. Man sagt, dass er eine Geschichte zweiundzwanzig mal Neu schrieb um sie zu kurz und prägnant wie möglich zu machen. Für Babel war das richtige Wort, le mot juste, häufug das ausgelassene Wort. Wie nicht anders zu erwarten war sein Ertrag klein, und er schuf immer weniger während Stalins Stalins Gesetze schärfer wurden. Dieses Schweigen, und seine Gründe, wurden zum Ziel seiner eigenen ätzenden Ironie in seiner Rede auf dem Kongress der sowjetischen Schriftsteller 1934. Die Partei und die Regierung, erklärte er, „haben uns alles gegeben, beraubten uns nur eines Privilegs – dem des schlechten Schreibens.“ Klar, ohne dieses Recht ist es unmöglich überhaupt irgend etwas zu schreiben. So besorgt bin ich, Leser zu enttäuschen, schloss er, dass ich Meister eines neuen Genres wurde: dem Genre des Schweigens. Dieser Kommentar hallte mit den Jahren wider, da so viel russische Literatur für die Schublade geschrieben wurde, erst Jahrzehnte später erschien, oder, wie Babels letztes Werk, vom NKWD konfisziert wurde und nie wieder auftauchte.

Babels Prosa beruht auf seinem Schweigen, auf dem was er nicht sagt. Wie seine Zeitgenossen, die russischen Formalisten, wollte er Leser mit Floskeln und gewöhnlichen Sichtweisen erschrecken, und darum kultivierte er einen Stil, der Interpretation erfordert, die er nicht lieferte. Wenn Bräuche oder gesunder Menschenverstand ein Word empfehlen, liefert er ein anderes, etwas aber deutlich anders. Die Probe eines guten Übersetzers besteht darin, ob er die Andersheit erhält. Wenn Babel schreibt „unsichtbare Stimmen“ bietet der Übersetzer an (wie Walter Morison) „geheimnisvolle Stimmen“. Ohne es zu merken hintergehen Übersetzer Babels Stil indem sie seine Worte interpretieren.

Die neue Übersetzung von Boris Dralyuk und Val Vinokur liefert, wie Morrisons Klassiker, einen lesbaren Text, der viel vo dem einfängt, was Babels Geschichten zu Größe verhilft, aber oft erklären sie – das heißt, verklären – Babels Verschrobenheiten. In der Geschichte „Pan Apolek“ beginnt Babel mit einem Satz: „V Novograd-Volynske, v naspekh smyatom gorode, sredi skruchennykh razvali.“ der, so wörtlich wie möglich, bedeutet: „In Novograd-Volynsk, in der zerknüllten Stadt, inmitten der schiefen Ruinen … .“ Vinokur liefert uns „In Novograd-Volynsk, in den verbogenen Ruinen der rasch geschroteten Stadt,“ während Dralyuk anbietet „In Novograd-Volynsk, inmitten der verhutzelten Ruinen der eilends geschroteten Stadt.“ Und Morison: „In Novograd-Volynsk, in den Ruinen einer Stadt, die rasch im Durcheinander versank … .“

Das sind alles Interpretationen, nahezu Umschreibungen. Babel beschreibt die Stadt als „zerdrückt“ (crumpled-eng./smyati, Смятый-russ.), so wie man ein Blatt Papier zerdrückt bevor man es wegwirft. Die Ruinen sind nicht verbogen oder verhutzelt oder durcheinander, sondern schief, das Wort scruchennyi, wie meine Kollegin Nina Gourianova mich erinnert, wird in Samuil Marshaks famoser Übersetzung eines englischen Kinderreimes über einen gebeugten Mann in einem schiefen Haus verwandt. Babels merkwürdiges Lexikon und das seltsame Bild einer Stadt, die einem zerknüllten Brief gleicht, verschwinden. Und die Übersetzer versäumen die doppelte Verwendung des Wortes in (In Novograd-Volynsk, in der eilends zerknüllten Stadt“), darum verändert sich der Rhythmus des Satzes.

Dralyuk macht die Erklärung zum Prinzip. Seine Einleitung bietet als Beispiel seiner Methode einen Absatz, in dem Babel alte Briefe als istlevshikh (gammelig, verrottet) beschreibt. Dralyuk ändert das zu „abgenutzte Briefe“ (letters worn thin): Wenn a´man sich einen Moment lang vorstellt, was Babels Narrator sich vorstellt … kann man sich die zerbrechlichen Briefe vor Augen führen, ihre Struktur fühlen; sie sind nicht ‚abgenutzt durch Reibung und Schweiß.“ Aber Babel beschreibt sie nicht als abgenutzt, und die Reiterarmee-Geschichten bieten permanent Bilder des Faulens, des Verfalls und Zerfalls.

Übersetzung ist das Thema von Babels Geschichte „Guy de Maupassant“. Eine Frau liebt Maupassant leidenschaftlich, jedoch ihre Wiedergaben bleiben „ermüdend korrekt, leblos und laut, so wie Juden russisch schreiben.“ der Erzähler hilft aus: „Ich verbrachte die ganze Nacht damit, einen Weg durch die Übersetzung eines anderen zu pflügen.“ erklärt er (Vinokur). „Ein Satz wird gleichzeitig gut und schlecht in die Welt geboren. Das Geheimnis liegt in einer kaum erkennbaren Kuriosität. Der Hebel sollte in deiner Hand liegen und langsam warm werden. Du musst ihn einmal drücken, aber nicht zwei mal.“ Zu oft drückt Morison ihn zwei mal, und Dralyuk gar nicht. Vinokur erzielt meistens die erwünschte Wirkung.

Guy de Maupassant“ enthält Babels meist zitierten Satz über den Stil: „Kein Eisen kann das Herz so eisig erobern, wie eine pünktlich beginnender Zyklus. ( No iron can enter the heart as icily as a period placed in time.” “Nikakoe zhelezo ne mozhet voiti v chelovecheskoe serdtse tak ledenyashche, kak tochka, postavlennaya vovremya.”) Es ist besonders traurig, wenn Übersetzer das Zeitgefühl dieses Satzes falsch verstehen. Sie ziehen sie hin, was wirkt als würde man einem Witz eine wortreiche Pointe verpassen. In Morisons Version, „Kein Eisen kann das menschliche Herz mit Gewalt durchbohren wie die Spannung einer einfach am rechten Fleck gesetzten Periode.“ während Vinokur übersetzt: „Nichts aus Eisen kann das menschliche Herz mit der Kälte zerbrechen wie eine pünktliche Periode.“ „Durchbohren“ und „zerbrechen“ sind Interpretationen; „Mit Gewalt“ heißt nicht „eisig“, der rechte Fleck ist nicht pünktlich; und das Wort „einfach“ ist nur unausgesprochen enthalten (impliziert). Für beide Übersetzer schweifen Babels vierzehn Worte zu achtzehn aus (gilt für das Englische, im Deutschen s.o. sind es hier sogar nur dreizehn, Anm. d. Übers.) Die Periode (oder der Zyklus) trifft, wie ein verpfuschter Witz, zu spät ein.

Übersetzer, wie wir alle, kleben an Worten, Gedanken und Bildern, die nur allzu verzweifelt geläufig sind. Darum schuf Babel einen Stil um Leser zu erschrecken, durch das Begreifen der Absonderlichkeit vor ihren Augen. Er verlieh seinen Worten eine schreckliche Verschrobenheit, die sie in Herz und Verstand verwahrt. Angesichts dessen, wie er war, Gewalt romantisierend und Wahrheit suchend in extremen Situationen, würde, wenn sie sich damit befassten, seinen unsichtbaren Stimmen und widerhallenden Schweigen, gut tun.

1Trillings Einführung in Isaak Babel, The Collected Stories, übersetzt von Walter Morrison (Criterion 1955)

3 Isaac Babel, 1920 Diary, herausgegeben von Carol J. Avins und übersetzt von H.T. Willetts (Yale University Press 1995)

Lesetipp: http://www.deutschlandfunk.de/die-erzaehlungen-von-isaak-babel-mein-taubenschlag-ein.700.de.html?dram:article_id=319224

Quelle: http://www.nybooks.com/articles/2018/02/08/isaac-babel-horror-the-horror/

Übersetzung: Thorsten Ramin