Der Planet Trillerfon

THE DAVID

FOSTER

WALLACE

READER

FIKTION

Der Planet Trillerfon und

seine Beziehung zum Üblen Ding

 

deutsch von Thorsten Ramin

 

ICH WAR AUF Antidepressiva seit wann, jetzt etwa seit einem Jahr und ich schätze ich habe schon das Recht zu erzählen wie sie sind. Sie sind klasse, echt, aber sie sind genauso klasse wie, sagen wir, auf einem anderen Planeten zu leben, der warm wäre und behaglich, und es gäbe Essen und Trinkwasser wäre klasse: es wäre klasse, aber es wäre nicht die gute alte Erde, klar. Ich war jetzt seit fast einem Jahr nicht mehr auf der Erde weil es mir auf der Erde nicht sehr gut ging. Mir ging es da wo ich jetzt bin irgendwie besser, auf dem Planeten Trillerfon, was schätze ich gute Nachrichten für alle Beteiligten sind.

Antidepressiva wurden mir von einem sehr netten Doktor namens Dr. Kablumbus verschrieben, in einem Krankenhaus, in das ich recht kurz nach einem höchst lächerlichen Vorfall mit elektrischen Geräten in der Badewanne geschickt wurde, worüber ich wirklich nicht viel sagen will. Ich musste in das Krankenhaus, um nach diesem blöden Unfall ärztlich versorgt und behandelt zu werden. Und dann, zwei Tage später, wurde ich in dem Krankenhaus auf eine andere Etage verlegt, eine höhere, weißere Etage, wo Dr. Kablumbus und seine Kollegen waren. Es wurde vermehrt die Möglichkeit erwogen, dass ich mich einer E.K.T. unterziehe, was das Kürzel für „Elektro-Konvulsions-Therapie“ ist, aber E.K.T löscht manchmal Teile deiner Erinnerung—und ist auch in anderer Hinsicht eine zutiefst schreckliche Sache, und wir—meine Eltern und ich—entschieden uns dagegen. New Hampshire, der Staat, in dem ich lebe, hat ein Gesetz, das besagt, dass E.K.T. nicht angewandt werden darf ohne Kenntnis und Einverständnis des Patienten. Ich halte das für ein besonders gutes Gesetz. Darum wurden mir von Dr. Kablumbus stattdessen Antidepressiva verschrieben, von denen man sagen, kann dass er nur das Beste für mich wollte.

Wenn jemand von einer Reise erzählt, die er unternommen hat, erwartet man zumindest eine Erklärung, warum er sich zunächst auf die Reise gemacht hat. Damit im Gedächtnis werde ich vielleicht etwas darüber erzählen, warum es auf der Erde für mich ziemlich lange nicht so gut lief. Es war außerordentlich seltsam, aber vor drei Jahren, als ich Schüler an der Hochschule war, begann ich unter etwas zu leiden, das ich jetzt für Halluzinationen halte. Ich dachte, dass sich in meinem Gesicht eine große Wunde, eine wirklich große Wunde geöffnet hatte, auf meiner Wange, neben meiner Nase … dass die Haut einfach aufgeplatzt war, wie eine alte Frucht, dass Blut heraussickerte, ganz dunkel und glänzend, dass Venen und Teile des gelben Wangenfetts und rot-graue Muskeln offen sichtbar waren, sogar helle Streifen von Knochen, innen drin. Sobald ich in den Spiegel schaute würde sie da sein, diese Wunde, und ich konnte die ganze Zeit das Ziehen des offenen Muskels spüren und die Wärme des Blutes auf meiner Wange. Aber wenn ich einem Arzt oder Ma oder anderen Leuten erzählte „Hey, schau dir diese offene Wunde in meinem Gesicht an, ich gehe wohl besser ins Krankenhaus.“ sagten sie „Nun, da ist keine Wunde in deinem Gesicht, sind deine Augen in Ordnung?“ Und doch, sobald ich in Spiegel sah, würde sie da sein und ich konnte immer die Wärme des Blutes auf meiner Wange spüren und wenn ich mit meiner Hand danach tastete würden meine Finger wirklich tief in etwas versinken, was sich anfühlte wie heiße Gelatine mit Knochen und Fasern und Zeug darin. Und es schien, dass jeder permanent hinsah. Sie schienen mich wirklich lustig anzustarren und ich dachte „Oh Gott, ich ekele sie wirklich an, sie sehen es, ich muss mich verstecken, bloss raus hier.“ Aber sie starrten vielleicht auch nur, weil ich total verängstigt aussah und schmerzvoll und die Hand im Gesicht hatte und herumtorkelte wie ein Betrunkener, überall, die ganze Zeit. Aber es erschien da so echt. Verrückt, verrückt, verrückt. Genau vor dem Abschluss—oder vielleicht einen Monat vorher—wurde es wirklich schlimm, sodass ich, wenn ich die Hand aus dem Gesicht nahm, Blut auf meinen Fingern sah und Gewebeteile und Zeug und sogar das Blut schmecken konnte, wie rostiges Metall und Kupfer. Dann eines nachts, als meine Eltern irgendwo aus waren, nahm ich eine Nadel und Faden und versuchte die Wunde selbst zu nähen. Es tat sehr weh, weil ich natürlich kein Anästhetikum hatte. Es war ebenso schlimm, weil da offenkundig, wie ich nun weiss, wirklich keine Wunde zu nähen war. Ma und Dad waren nicht gerade erfreut, als sie nach Hause kamen und mich echt blutend und mit einer ganzen Menge zerklüfteter Nähte herrlicher oranger Teppichfäden im Gesicht auffanden. Sie waren echt sauer. Auch hatte ich die Stiche zu tief gemacht—ich hatte die Nadel offensichtlich unglaublich tief reingestoßen—und etwas von dem Faden blieb darin stecken, als sie im Krankenhaus versuchten die Fäden herauszuziehen und später entzündete es sich und dann mussten sie wiederum im Krankenhaus eine echte Wunde machen, um alles heraus zu bekommen und es abzusaugen und zu reinigen. Das war äußerst paradox. Ich schätze auch, dass ich die Nadel, als ich die Stiche zu tief ansetzte, in einige Nerven in meiner Wange gerammt und sie zerstört habe, weswegen jetzt Teile meines Gesichts grundlos taub werden und mein Mund auf der linken Seite ein bisschen herunterhängt. Ich weiss, dass er wirklich herunter hängt und ich habe hier diese entzückende Wunde, weil es nicht nur eine Frage des in den Spiegel Schauens ist und es zu sehen und zu spüren; andere Leute sagen mir auch, dass sie es sehen, wenn auch sehr taktvoll.

Dennoch, ich glaube in dem Jahr fing jeder an zu verstehen, dass ich ein aufgewühlter kleiner Soldat war, ich auch. Jeder redete und gab Ratschläge und wir alle entschieden, dass es vielleicht am besten für mich war, wenn ich die Zulassung zur Brown University auf Rhode Island verschob, wozu ich schätzungsweise allzu bereit war und stattdessen ein Jahr „Aufbau“-Schule an einer sehr guten und renommierten und teuren vorbereitenden Schule namens Phillips Exeter Academy machte, die praktischerweise genau hier in meinem Heimatort lag. Und das tat ich. Und es war allem Anschein nach eine recht erfolgreiche Zeit, außer, dass es immer noch auf der Erde war und die Dinge zunehmend nicht-gut für mich waren auf der Erde während dieser Phase, auch wenn mein Gesicht verheilt war und ich mehr oder weniger aufgehört hatte Halluzinationen der blutverschmierten Wunde zu haben, außer kurzen Momenten, wenn ich Spiegel in meinen Augenwinkeln sah und so.

Aber, ja, alles in allem liefen die Dinge in der Zeit für mich zunehmend schlecht, auch wenn es mir an der Schule in meinem kleinen „Aufbau“-Programm recht gut ging und Leute sagten „Heiligs Blechle, du bist wirklich ein guter Student, du solltest einfach direkt ans College gehen, warum tust du’s nicht?“ Es war mir recht klar, dass ich damals nicht direkt ans College gehen sollte, aber das konnte ich den Leuten an der Exeter nicht sagen, denn meine Gründe dafür zu sagen ich gehe nicht, hatten mit dem Austarieren von Gleichungen in Chemie oder der Interpretation von Keats in Englisch nichts zu tun. Sie hatten mit der Tatsache zu tun, dass ich ein aufgewühlter kleiner Soldat war. Ich möchte an dieser Stelle nicht unbedingt alles darum geben, lange, blutrünstig die ganze entzückende Neurose zu erzählen, die etwa zu der Zeit anfing überall in meinem Gehirn aufzutauchen, etwa runzelige graue Furunkel, aber ich erzähle ein wenig. Zum einen brachte es eine Menge hervor, wovon man sich die ganze Zeit richtig übel fühlte, besonders wenn ich morgens aufwachte. Aber es konnte jederzeit wieder losgehen, das zweite worüber ich anfing nachzudenken war: es fühlte sich in Ordnung an, ich dachte ganz plötzlich, „Hey, ich fühle mich hier ganz und gar nicht übel.“ Und es würde gleich weitergehen, als hätte ich irgendwo einen Plastikschalter entlang der Röhre von meinem Gehirn zu meinen heißem und schwachen Magen und Innereien, und ich würde …

 

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