Der Kongo-Alptraum

von Henrik Bering

Henrik Bering über Tanzen zu Ehren von Monstern: Der Kollaps des Kongo und der Große Krieg von Afrika von Jason K. Stearns.

1. Oktober, 2011

Jason K. Stearns.. Tanzen zu Ehren von Monstern: Der Kollaps des Kongo und der Große Krieg von Afrika. PublicAffairs. 380 Seiten. 28.99$.

Drei Jahrzehnte lang sollten in Zaires Abendnachrichten die strengen Eigenschaften von Präsident Mobutu Sese Sese Seko vom Firmament scheinen, um seine bescheidenen Untertanen zu beseelen.

Auf derart famose Bildsprache zu verfallen, war für den Begründer des Mobutismus nur natürlich, welcher dazu geschaffen wurde, das Christentum als geistige Grundlage des Landes zu verdrängen.

Mit den Worten von Innenminister Engulu Baanga Mpongo, “Gott hat einen großen Propheten gesandt, unseren angesehenen Führer Mobutu. Dieser Prophet ist unser Befreier, unser Messias. Unsere Kirche ist die MPR (Mouvement Populaire de la Révolution, Volksbewegung der Revolution). Ihr Chef ist Mobutu. Wir respektieren ihn, wie man den Papst respektiert. Unser Evangelium ist der Mobutismus. Deshalb müssen die Kruzifixe durch das Bild unseres Messias ersetzt werden.“  

Mit derartiger Anleitung waren westliche Ideen wie Pluralismus und ein Mehr-Parteien-System weder notwendig noch wünschenswert, und nebenbei, wie Mobutu selbst klarstellte, sie waren afrikanischen Bräuchen total fremd. In unserer Tradition gibt es nie zwei Chefs … Darum haben wir Kongolesen beschlossen, weil wir uns wünschen den Gebräuchen des Kontinents zu entsprechen, all die Energie unserer Bürger unter der Fahne einer einzigen Nationalpartei zu bündeln. In Wahrheit war Mobutu natürlich die Personifizierung des Kleptokraten in der Dritten Welt, für den das Staatssäckel zum eigenen und dem Eigentum seiner Spießgesellen geworden ist, zum Verschwenden wenn es ihnen passt.

Während des gesamten Kalten Kriegs wurde Mobutus Regime von den USA unterstützt, nicht gerade aus Leidenschaft, aber weil Afrika ein Nullsummenspiel war: Der Verlust eines westlichen Alliierten würde automatisch einen Gewinn für die Kommunisten bedeuten. Darum war es für die Strategen eine Sache des Nicht-zu-neugierig-Seins, denn die Alternative, ein feindliches revolutionäres Regime, war schlimmer. Als der Kalte Krieg jedoch zu Ende war, wuchs der Druck seitens der USA zu Reformen, wobei das Los von Mobutus Diktator-Kollegen Nicolar Ceausescu von Rumänien für den afrikanischen Diktator einen akuter Grund war, nervös zu werden.

Der Anfang vom Ende kam für Mobutu 1996, als Truppen vom benachbarten Ruanda in sein Land einfielen; diese Invasion, der Sturz Mobutus und die erneuten Kämpfe unter seinem Nachfolger Laurent Kabila sind das Thema von Jason K. Stearns beeindruckendem und erschütterndem Tanzen zu Ehren von Monstern: Der Kollaps des Kongo und der Große Krieg von Afrika. Der Konflikt hat bis heute (sic!) geschätzte fünf Millionen Tote gekostet, vier Millionen Frauen, die nicht in den Kämpfen selbst gestorben sind, sondern an Krankheiten und Unterernährung, Folgen der Vertreibung.

Dennoch hat das Leiden nie die Schlagzeilen bestimmt wie die Massenmorde im banachbarten Ruanda oder in Darfur, wo die sudanesische Regierung arabische Milizen bei ihren ethnischen Säuberungsversuchen gegen schwarze Afrikaner unterstützt hat. Anders als diese beiden Tragödien dient der Kampf im Kongo nicht zu hübschen Simplifikationen; er hat viele Ursachen und viele Akteure, beteiligt sind neun Länder und etwa zwanzig verschiedene Rebellengruppen: Erfüllungsgehilfen, die von den Hauptakteuren bewaffnet wurden, sind in lokale Fraktionen und Lehen zerfallen, ähnlich wie in Goethes “Der Zauberlehrling”, bemerkt Stearns.

Entsprechend folgert Stearns das Motiv für Nicholas Kristof, den New York Times- Kolumnisten, warum dieser dem Kongo weniger Beachtung schenkt als dem Genozid in Darfur, ein Argument, das seine ideologische Motivation aufgreift: “Darfur ist ein Fall von Genozid, während der Kongo eine Tragödie des Krieges und der Armut ist . . . geschätzt ist das Leiden im Kongo größer, aber unser Kompass richtet sich auch nach dem menschlich Bösen, und das ist in Darfur größer. Es gibt kein größeres Verbrechen als den Völkermord, und das ist das Besondere am Sudan.” Für die toten Kongolesen und ihre Familien sind solche Unterscheidungen wahrscheinlich nicht sehr von Nutzen.

In dem Buch beschreibt Stearns detaillliert den Alptraum eines “Gescheiterten Staates”, ein hobbesartiges Universum absoluter Gesetzlosigkeit. Wie eine seiner Quellen ihm erzählt, müssen, um in dieser Umgebung zu überleben, “wir alle ein wenig korrupt sein, ein bisschen rabiat. Das ist hier das System. Das ist einfach die Realität der Dinge. Auch du wirst, wenn du in dieses System geworfen wirst, das Gleiche tun. Oder untergehen.”

Die Zerstörung des Krieges misst er an der, die Europa im Dreißigjährigen Krieg zustieß. Stearns hält sich gewöhnlich mit seinen Beschreibungen der Schrecken zurück, was sie am Ende härter zuschlagen lässt wenn sie auftreten. Derart beim Blutbad bei Kasika, einem Dorf 160 Km westlich der Grenze zu Ruanda, wo rivalisierende Banden ihr Werk verrichteten, erzählen Überlebende Stearns, wie die Toten zum Spaß “zu Origami-Figuren zerschnitten wurden”, in einem Fall hatten die Mörder einen Schlitz auf jede Seite des Bauchs gemacht und die Hände der Opfer in ihnen verbrannt: “Sie hatten dafür gesorgt, dass sie aussahen, als hätten sie einen Anzug an.”

Das Buch besteht aus Gesprächen mit Ex-Ministern, Generälen, ehemaligen Kindersoldaten, und Opfern, aber Wahrheit von Fiktion zu trennen ist keine einfache Aufgabe. Stearns schreibt, “Manchmal scheint es, als würde man, indem man den Kongo betritt, jeden archimedischen Blick auf die Wahrheit aufgeben und in ein Netz aus Gerüchten und Behauptungen gefangen.” Wie er bemerkt, Verschwörungstheorie ist die traditionelle Art und Weise der Ohnmächtigen der existenziellen Sinnleere eine Bedeutung zu verleihen.

Die Invasion von Zaire 1996 war das Ergebnis des Herüberschwappens des Bürgerkriegs im angrenzenden Ruanda. Seit 1990 hatte die mehrheitliche Hutu-Regierung von Präsident Juvenal Habyarimana die Rebellenbewegung der Tutsi bekämpft, die Ruandische Patriotische Front. Eine Waffenruhe war gebrochen worden durch den Abschuss von Habyarimanas Flugzeug in Kigali im April 1994. Es folgte das Gemetzel an 800 000 Tutsis in den drei Monaten vor der Übernahme der Kontrolle über das Land durch die Rebellen unter der Führung von Paul Kagame, Kagame wurde Vize-Präsident und Verteidgungsminister.

Sie sahen es als taktischen Rückzug, und so flohen 30 000 Hutu-Soldaten und tausende Milizen in Mobutus Zaire. Mit ihnen flohen Massen von Hutu-Zivilisten, die unter dem neuen Regime um ihr Leben bangten. Somit waren in den Flüchtlingslagern in Zaire ungefähr eine Million Menschen, Zivilisten und Hutu-Massenmörder, letztere besaßen die Kontrolle. Ein Angebot der Vereinten Nationen, die beiden Gruppen zu trennen, brachte nichts. Von da an planten die Hutu-Kommandeure eine Guerilla-Offensive namens Operation Insektizid, worin sich ihr Vorstellung von den Hutu als Kakerlaken wiederspiegelt, die man ausrotten muss.

Das stellte eine Bedrohung dar, die die Ruander nicht ignorieren konnten, und im Oktober 1996 fiel die sogenannte Allianz der Demokratischen Truppen für Kongo-Zaire ein. Darum kann man, nach Stearns Meinung, Runde Eins dieses großen afrikanischen Kriegs als einen Fall von Selbstverteidigung betrachten, einen berechtigten Krieg. Und nicht nur hatte Mobutu erlaubt, Zaire zu betreten, sondern es geschafft in seinem Verlangen den regionalen Strippenzieher zu spielen, darüber hinaus seine anderen Nachbarn zu verärgern, die Ungander und Angolaner, indem er Rebellengruppen auf seinem Boden berherbergte, was dazu führte dass sie eine Koalition gegen ihn bildeten, was einen regionalen Konflikt darstellt: “Afrikas Weltkkrieg”, mit Stearns Worten, bei der jede Seite über lokale Handlanger verfügt.

In ihrem fortgeschrittenen Zustand der Auflösung konnte Mobutus Armee der Herausforderung nicht standhalten. Mobutus Hauptanliegen war es, für immer an der Macht zu bleiben, und seine Art zu regieren war das klassische Herrsche und Teile-Prinzip. Da er sich den Zugang zur Macht selbst abgeschnitten hatte, warf Mobutu ein wachsames Auge auf das Militär: Er exekutierte einige seiner kompetentesten Offiziere, bestach andere und schuf parallele Kommandoebenen.

Die Präsidentschaftswache und Staatspolizei bekamen den Löwenanteil des Geldes; der Rest seines Militärs musste improvisieren, wozu Mobutu sie ermahnt hatte: “Ihr habt Waffen. Ihr braucht kein Gehalt.” Und sie improvisierten. Eine Art waren Straßensperrungen. Eine andere Ersatzteile und Waffen an die zu verkaufen, die zahlen konnten, auch an genau die Truppen, für die man nun kämpfte. Die ungewollte Nebenwirkung dieses Kannibalismus war die Schwächung der Armee bis zum Punkt der Nutzlosigkeit, in dem Moment da sie gebraucht wird.

Wenn man in ein anderes Land einfällt, ist es eine gut etablierte Praxis nach jemandem an der eingesessenen Frontlinie zu schauen damit es aussieht, als wäre es die eigene Schuld, was die Ugander Kagame empfahlen: Die Wahl war Laurent Kabila, ein altgedienter kongolesischer Rebellenanführer, der im Verborgenen in Daressalam lebte, von wo aus er gelegentlich Raubüberfälle daheim in Zaire anordnete. Als körperlich imposanter Mann, der seine Zehennägel schwarz anmalte, hatte Kabila sich einen brutalen Beinamen als Warlord im Jahr 1964 verdient: “der den Kühen die Zitzen abschneidet”.

Der kubanische Revolutionär Che Guevara hatte 1965 sieben Monate im Kongo verbrachte, in dem zwecklosen Versuch die Revolution zu entfachen, er betrachtete Kabila als einen Mann mit gewissen Führungsqualitäten, aber Mängeln in der Abteilung Ideologie. Krank durch Unterernährung verließ Che das Land angewidert, da der Marxismus dabei versagte, die lokale Bevölkerung zu animieren: Stearns zitiert den ersten Satz in Ches Tagebuch, “Das ist die Geschichte eines Scheiterns.”

Kabila mag nicht jedermanns Idealvorstellung eines Vorstehers entsprechen, aber für den Moment sollte er genügen. Die einfallende Allianz bestand aus ruandischen Berufssoldaten und Kabilas lokalen Truppen, die auch aus Kindersoldaten ab zwölf bestanden, angeworben unter Straßenkindern und Pfadfindern. Der Vorteil von Kindersoldaten, bermerkt Stearns, ist dass sie wenig Sinn für die eigene Sterblichkeit besitzen, was sie zu nützlichem Kanonenfutter macht.

Ebenso haben sie wenig Respekt vor menschlichem Leben. Als Teil ihrer geistigen Konditionierung wurden sie gezwungen, sich Exekutionen anzuschauen und daran teilzunehmen, und man reichte den abgetrennten Kopf eines Gefangenen herum, um sie damit vertraut zu machen.

Bei dem Angriff auf die Lager gingen eine halbe Million Flüchtlinge zurück nach Ruanda, während 400.000 in den Dschungel flohen. Vor ihren Augen trieben die Eindringlinge die Hutu-Flüchtlinge auf einen 1600 Km weiten Zug durch dichten Regenwald, wobei Menschen zu tausenden starben. Mit einem erstaunlichen Bild zitiert Stearns die Beschreibung eines Flüchtlings, wie Schwärme weißer und blauer Schmertterlinge sich auf den Leichen niederlassen und das Salz und die Feuchtigkeit verzehren. Laut Stearns begrüßten die Kongolesen Kabilas Truppen als Befreier, und der Tod von Hutu-Flüchtlingen war nicht ihre Sache.

Mobutu war durchweg in schlechter Verfassung. Zu Beginn des Krieges war er in der Schweiz wegen einer Prostata-Operation. Stearns berichtet von den widersprüchlichen Gerüchten, die in Kinshasa umgingen: Einige behaupteten, die Behandlung habe seinen Penis zu monströsen Proportionen anschwellen lassen, andere er sei kastriert worden. Tatsächlich war er zu spät für eine Krebsbehandlung aufgebrochen und musste zu einer weiteren Operation wiederkommen. Derweil verschlechterte sich die Lage täglich. Im sinnlosen Betreiben die Inflation zu bezwingen, wurde eine neue Banknote verteilt, die bekannt wurde als “die Prostata”, weil sie sich genauso verhielt wie Mobutu.

Beide, die Südafrikaner und die Amerikaner, versuchten Mobutu davon zu überzeugen, dass es Zeit war aufzuhören, aber er zögerte. Erst als seine Generäle ihn informierten, dass seine Sicherheit nicht länger zu gewährleisten sei, ließ er sich letztlich davon überzeugen das Land zu verlassen. Mit einer spöttischen Geste hatte man eine einsame 50 Franc-Note für die Eindringlingenin einer Schublade in der Zentralbank zurückgelassen.

Dem Namen nach neuer Herrscher des Landes, wurde Kabila von einem seiner Minister beschrieben als “ein belesener Mann mit einigen befremdlichen Ideen. Ich erinnere mich, wie er uns bei einem Kabinettstreffen aus dem Blauen heraus fragte, ober wir meinten, Sartre habe einigen unserer Taktiken zugestimmt, von denen wir sprachen”. Um den Wechsel zu untermalen, benannte Kabila das Land die Demokratische Republik des Kongo.

Politisch war Kabila in der Rhetorik der 1960-er verhaftet. Er versprach Reformen und verspottete seine Landsleute für ihre lammfrommes Einknicken vor Mobutu. Ein solches Kabila-Zitat verleiht dem Buch seinen Titel: “Wer war in diesem Land kein Mobutist? Drei Viertel dieses Land wurden es. Wir sahen euch alle Tanzen zu Ehren des Monsters.” Trotzdem, Kabilas gewählte Instrumente für Reformen schienen schlecht geeignet. Sein Minister für regionale Hilfen hatte Tennessee eilig verlassen, er entfloh einer 300.000$-Strafe wegen arglistiger Täuschung, was bedeutete, dass er nicht mit den Amerikanern verhandeln konnte, während sein Justizminister acht Monate in Belgien hinter Schloss und Riegel verbrache, weil er das Stromnetz angezapft hatte.

Und es dauerte nicht lange bis Kabila erneut der klassischen Afrikanischer Großer Mann-Manier verfiel, Mobtutus Drehbuch nachahmte und sich der Doppelstrategie von Erpressung und Korruption bediente. Er erbte auch Mobutus Verfolgungswahn. Er befürchtete, seine ruandischen Sponsoren und die kongolesischen Tutsi würden ihn absetzen und verkrachte sich mit den Ruandern kurz über ein Jahr darauf und forderte sie auf, das Land zu verlassen. “Es ist ironisch,” bemerkt Stearns, “dass Kabila, nachdem er zunächst durch ruandische Bajonette an die Macht kam, zu einer Bastion gegen Aggressionen der Tutsi wurde.”

Sein neuer Kurs sprach unzufriedene Armeeoffiziere an, die befürchteten die Ruander und ansässige Tutsi würden sie herumkommandieren; es grassierte generelle Feindseligkeit unter den Einwohnern von Kinshasa gegenüber der Arroganz der Ruander, die ihnen vorgeworfen hatten, sie kleideten sich wie Prostituierte. Kabilas Soldaten hatten Befehl, jeden Tutsi zu erschießen den sie mit einer Waffe antrafen. Auf ihrer Suche nach Personen mit hohen Wangenknochen, der gängigen Definition für jeden Tutsi, drangen seine Truppen auf das Botschaftsgelände der amerikanischen Botschaft ein, verschwanden aber wieder, nachdem sie sich etwas Geld angeignet hatten.

Die Ruander reagierten, indem sie eine Luftbrücke nach Kitona einrichteten, strategisch nah am Inga-Staudamm, was ihnen Zugriff auf die Energieversorgung nach Kinshasa verschaffte. Stearns zufolge hatte sie ebenfalls loyale Einheiten und Waffen im östlichen Kongo bereitgestellt. Da die Ruander die mit Abstand besseren Kämpfer waren, war Kabila gezwungen zu fliehen. Aber die Dynamik veränderte sich, als die Zimbabwer und die Angolaner eingriffen, mit tausenden Soldaten, die mit Hubschraubern, gepanzerten Mannschaftstransportern und MiG Jagdbombern ausgerüstet waren. Die Intervention ermöglechte es Kabila, in die Hauptstadt zurückzukehren, doch in den Provinzen hielten die Kämpfe an.

Sicher wieder in Kinshasa, wurde Kabila trotzdem noch zappeliger. Stearns zitiert einen ehemaligen Minister: “Wir wandten uns an ihn mit aufwändigen Plänen für die Wirtschaft, aber er sagte, ‚Zwei Jahre! In zwei Jahren bin ich tot. Bietet mir Politik die uns in zwei Wochen Kohle bringt.’” Folglich überschreib Kabila einem Ausländer den Diamantanmarkt für bloß 20 Millionen $ im Jahr. Ein ehemaliger Generalrechnungsprüfer beschreibt die Art, auf die das Land verwaltet wurde, als “ein privates Kartell, das von Leuten betrieben wurde, die Kabila nahestanden, das jedoch komplett mit Staatsgeldern geschaffen wurde.”

2001 bewahrheiteten sich Kabilas Ängste: Er wurde von einem seiner Leibwächter ermordet. Es ist unbekannt wer dahintersteckte, sagt Stearns, aber es gab reichlich Leute, die genug von ihm hatten. “Kabila ist ein Mann, der sechs Feuer legt, obwohl er nur einen Feuerlöscher hat.” sagt ein Vertreter aus Zimbabwe. Um nur ein Beispiel anzuführen, er ließ den angolanischen Rebellen Jonas Savimbi weiterhin in Kinshasa durch libanesische Händler Diamanten verhehlen, und Savimbis Freischärler waren erneut im Kongo präsent, was exakt der Grund ist, warum die angolanischen Truppen die Truppen gegen Mobutu im ersten Krieg unterstützen.

Der beste Mann, um die Führung zu übernehmen, war Kabilas Sohn Joseph, der Verteidigungsminister seines Vaters gewesen war. Kabilas Sohn erwies sich als Pragmatiker, dessen größte Errungenschaft der Friedensvertrag war, der den zweiten Krieg im Juni 2003 beendete. Sein Leitsatz war, “Joseph Kabila hat Eier. Er zankt sich nicht herum, er kämpft nicht.” womit es ihm gelang, seine Gegner und die ugandischen Sponsoren in die Defensive zu treiben. Ein Vertrag wurde in Südafrika ausgearbeitet, der einem Teilen der Beute unter den Hauptakteuren entsprach. “Straffreiheit und Korruption kitteten den schwachen Frieden in gewissem Maß zusammen.” schreibt Stearns.

Somit, anders als in Liberia und Sierre Leone, wo Kriegsherren davor bewahrt wurden, öffentliche Dienste zu übernehmen, barg die Vereinbarung einige abstoßende Eigenschaften. Und was Stearns Quellen die “Unförmlichkeiten der Regierung” nennen, hält weiterhin an, mit vollgestopften Briefumschlägen, die herumgereicht werden. Um an schnelles Geld zu kommen veranstaltete die Regierung einen Ausverkauf der Minenrechte. Einem internen Vermerk der Weltbank nach war das Defizit an Transparenz perfekt.

Auf bewährte Manier behält Kabila eine schlagkräftige Präsidentengarde, und eine schwache Armee. Er hat Massenverhaftungen unterlassen, notiert Stearns, weil er es bevorzugt, Leute zu verdrängen, aber die Unzufriedenheit in Kinshasa wächst: “Mobutu klaute mit der Mistgabel. Zumindest fielen ein paar Krümel durch die Zinken und sickerten zu uns anderen herunter. Aber Kabila stielt mit einem Löffel. Er löffelt den Teller leer. Er lässt nichts für die Armen.” Einige sehen in ihm “einen Tutsi mit mit falschen Fuffzigern”. Und es schwelt immer noch ein Aufruhr im westlichen Teil des Landes, der einer Patt-Situation entspricht: “Weder Krieg noch Frieden.”

Während der erste Kongokrieg durch Sicherheitskonzerne in Gang gesetzt wurde, war der zweite Krieg rein geschäftlich, stellt Stearns fest. Da weder Ruanda noch Uganda Diamanten besitzen, wuchsen ugandische Exporte während dem zweiten Krieg um das zehnfache, und die ruandischen und ugandischen Truppen gerieten in den Straßen von Kisangani heftig aneinander, ihre Allianz war beendet. Er zitiert das Ergebnis eines UN-Berichts, der besagt, dass “Ruanda und Uganda den östlichen Kongo plünderten, zur persönlichen Bereicherung und um den Krieg zu finanzieren.” Und das tat jeder.

Während man in gewissen Kreisen üblich ist, westliche Firmen für das Leid Afrikas verantwortlich zu machen, sieht Stearns das anders. “Die Meinung, dass der Krieg durch das internationale Rohstoffkapital befeuert wurde, das darauf aus war, Hand an die Schätze des Kongo zu legen, ist nicht wasserdicht; der Krieg bremste die Privatisierung um ein Jahrzehnt aus.” Sich mit den Rebellen einzulassen war für große Firmen in öffentlicher Hand viel zu riskant. Nur kleine Ausnahmeunternehmen machten Reibach, aber sie konnten die Millionen, die für Infrastruktur und Kapitaleinsatz nötig wären, nicht aufbringen.

Stearns kann für die Zukunft nicht viel Hoffnung bieten: Anders als in Europa, wo der “Dreißigjährige Krieg” den Menschen die Notwendigkeit eines Nationalstaates bewusst machte, gibt es wenig Hoffnung dafür, dass dies im Kongo geschieht: “Seit der Unabhängigkeit ist die Geschichte der politischen Macht … eine Geschichte des Machterhalts, nicht eine der Schaffung eines starken Nationalstaates.” Der einzige Weg, öffentliche Unterstützung aufzutreiben, führt über ethnische Grenzen, vermerkt er, aber jede Gruppe verfolgt nur ihre eigenen begrenzten Interessen. Und obwohl das Land unglaubliche Reichtümer besitzt, sagt einer von Stearns Freunden, garantiert die alles durchdringende Korruption “den entgegengestzten Midaseffekt: Alles was im Kongo mit Politik in Berührung kommt, wird zu [Ausscheidung].”

Das ganze Buch hindurch besteht eine Spannung zwischen dem Wunsch des Autoren, traditionelle Verhohnepipelungen und Klischees zu umschiffen, vom “brutalen Kriegsherren mit seinen barbarischen Soldaten, die das Land vergewaltigen und plündern” und dem Bedürfnis, es zu erzählen, als sei es aus Verpflichtung gegenüber den Opfern. Letztere setzen sich durch. Die Tragödie des Kongo besteht darin, dass das Klischee der Realität entspricht. Dies ist das Land der Schrecken. Und es gibt bei Goethe keinen Zauberer, der den Fluch bannen kann.

Henrik Bering ist Autor und Kritiker.

Thorsten Ramin ist Ãœbersetzer.

Quelle: http://www.hoover.org/research/congo-nightmare