Der König des verbitterten Lachens

Stephen Greenblatt

AUSGABE 20. APRIL 2017

Kommt ein Pferd in eine Bar

von David Grossman, aus dem Hebräischen übersetzt von Jessica Cohen

Knopf, 194 S., $25.95

Kommt ein Pferd in eine Bar von David Grossman ist nicht witzig, es könnte sogar tatsächlich einer der am wenigsten lustigen Romane sein, die ich jemals gelesen habe. Tatsächlich geht es um einen alternden israelischen Bühnenkomiker, Dov (alias Dovaleh) Greenstein, und im Verlauf des Erzählens bei seinem Auftritt eines Nachts in einem verwahrlosten Lustspielhaus in einer kleinen Stadt in Israel, fügt Grossmann viele Beispiele für seinen Jargon ein. Einige davon von der beruhigenden geläufigen Art, mit Schlemiels und Schlimazels, Schmendricks und Schmucks, akkumuliert in Sammlungen wie Michael Krasnys neueste Anthologie jüdischer Witze, Let There Be Laughter.1

Der Engel des Todes,“ ruft Dov drei Jurastudenten in seinem Publikum zu, „erscheint vor einem Anwalt und sagt, seine Zeit sei gekommen. Der Anwalt beginnt zu heulen und zu jammern: „Ich bin erst vierzig.“ Da sagt der Engel des Todes: ‚Nicht nach deinen Abrechnungen.’“ Wenn das noch nicht ausreichend folkloristisch ist, hier ein weiterer aus Devs Vorrat, der sich viel enger an die kanonische Form hält:

Ein Italiener, ein Franzose und ein Jude sitzen in einer Bar und sprechen darüber, wie sie ihre Frauen erfreuen. Der Franzose sagt: „Ich, ich reibe meine Frau von Kopf bis Fuß mit Butter aus der Normandie ein, und nachdem sie kommt, schreit sie fünf Minuten lang.“ Der Italiener sagt: „Ich, wenn ich meine Signora vögele, sprühe ich ihr zuerst einmal den gesamten Körper mit Olivenöl ein, das ich in diesem einen Dorf auf Sizilien kaufe, und sie schreit noch zehn Minuten nachdem sie gekommen ist. Der jüdische Kollege schweigt. Nichts. Der Franzose und der Italiener schauen ihn an: „Was ist mit dir?“ „Ich?“ sagt der Jude. „Ich reibe meine Golda mit Schmalz ein und nachdem sie kommt, brüllt sie eine Stunde lang.“ „Eine Stunde?“ Der Franzose und der Italiener trauen ihren Ohren nicht. „Was genau machst du?“ „Oh,“ sagt der Jude, „Ich reibe meine Hände am Vorhang ab.“

Diese Witze jedoch, die zumindest über die bescheidenen Tugenden der Vorhersagbarkeit und des schlechten Geschmacks verfügen, machen schnell Platz für etwas absichtlich Haarsträubendes und Anzügliches:

Ein Araber läuft neben zwei Siedlern aus Hebron die Straße hinunter. Wir nennen ihn den kleinen Ahmed … Plötzlich hören sie einen Armeelautsprecher, der eine Ausgangssperre für Araber in fünf Minuten verkündet Der Siedler nimmt sein Gewehr von der Schulter und verpasst Ahmed eine Kugel in den Kopf. Der andere ist ein bißchen überrascht: „Heilige Scheiße, mein lieber Bruder, warum hast du das getan?“ Der liebe Bruder schaut ihn an und sagt: „Ich weiß wo er wohnt, er hätte es nie pünktlich geschafft.“

Falls wir es noch nicht bemerkt haben, wissen wir jetzt, dass Grossmanns Komiker uns in ein sehr dunkles Zimmer führt, in dem die Ausgangsschilder alle erloschen sind.

In Grossmans Roman von 2008,, To the End of the Land, wandert die Heldin Ora gepeinigt durch die israelische Landschaft, sie weigert sich in ihr Haus zurückzukehren aus Furcht, dass ein Offizier an der Tür klopft, der die Nachricht bringt, dass ihr Sohn, der in der Armee dient, im Kampf gefallen ist. (Das tragische Schicksal widerfuhr Grossman selbst, sein Sohn wurde 2006 im Libanon getötet.) Das Maß an Beklemmung ist vernichtend, aber die Handlung draußen, mitteilsam, sonnenrein.

A Horse Walks into a Bar, ist im Gegensatz unerbittlich beengend. Das Haus ist schmuddelig, die Menge bockig, der Komiker mit einem Mal gestresst und beklommen:

Selbst wenn er lacht, ist sein Blick berechnend und trist, anscheinend überwacht er das Fließband auf dem die Witze aus seinem Mund schlüpfen.

Einige aus dem Publikum stehen nahezu gleichzeitig auf und eilen zur Tür; viele folgen während der Auftritt sich weiter hinzieht; aber einer von ihnen schaut als wäre er an seinen Stuhl gefesselt, und der Leser schließt sich ihm in mulmiger Begeisterung an.

Zwei Wochen zuvor erhielt der Zuschauer, ein pensionierter Richter namens Avishai Lazar, einen Anruf von dem Komiker, der ihn einlud seinem Auftritt um der alten Zeiten Willen beizuwohnen. Zunächst war der Richter sprachlos. Steif, schlicht und immer noch in Trauer über den Tod seiner Frau, steht ihm der Sinn nicht nach Bühnenklamauk und er ist auch nicht mit Dovs Behauptung einverstanden, sie seien Jugendfreunde. Aber langsam dämmert es ihm und er zwingt sich, der dringenden Bitte seines Anrufers nachzukommen:

Ich höre zu.“ sagte ich.

Ich möchte, dass du mich anschaust.“ spritze es aus ihm heraus. „Ich möchte, dass du mich siehst, wirklich siehst, und mir anschließend (davon) erzählst.“

Was erzählst?“

Was du gesehen hast.“

Der Roman ist praktisch eine Aufnahme dessen, was Richter Lazar gesehen hat, und es ist unerträglich trostlos. „Alles Nacht und trostlos.“ wie der blinde Gloucester in King Lear sagt.

Sowohl in seinen fiktionalen wie nonfiktionalen Texten schimpft Grossman leidenschaftlich gegen die Ungerechtigkeit und den Wahnwitz der israelischen Besetzung. Aber hier ist das Düstere nicht primär politisch, zumindest nicht so unmittelbar. Der Anti-Siedler-Witz über den kleinen Ahmed, der ankommt mit einer unbequemen Mischung aus Gelächter und Missbilligung, ist eine Ausnahme. Dem Witz wurde vom Management gesagt, er solle sich von der Politik fern halten, und meist fügt er sich. Die Gewalt, die Kommt ein Pferd in die Bar untersucht, ist eher privat und intim. Sein zentrales Thema ist nicht der bösartige Umgang mit wehrlosen Dritten, sondern die Grausamkeit, die in Familien hervorquillt, die wie Gift in eng verbandelten Gruppen zirkuliert, und sich schließlich gegen sich selbst richtet. Grossmans literarische Verwandtschaft besteht hier nicht in Ein bescheidener Vorschlag von Swift, sondern eher in Dostojewskis Notizen aus dem Untergrund oder Kafkas Das Urteil.

2.

Ich erinnerne mich, wie ich zum ersten Mal Das Urteil las. Es war im Winter 1964, und ich war Student an der Universität Cambridge, lebte in einem kleinen Zimmer in einem Gebäude, dass im siebzehnten Jahrhundert errichtet wurde, und das seitdem nur ein paar Mal maßvoll renoviert wurde. („Wo sind die Duschen?“, fragte ich, als ich zum ersten Mal dort war, und man sagte mir, dass die Schulsemester nur sechs Wochen lang seien.) Es gab Gasfeuerstellen, die mit Sechs Pence-Münzen betrieben wurden, damit die Zimmer zumindest nicht unerträglich kalt wurden, vor allem wenn man die schwere Außentür zuzog – man nannte es den „Eichen-Sport“ – und eine Art dichte Versiegelung schuf. Eine Riskante Methode, denn es war eine offenkundige Einladung – der einige depressive Studenten fast jedes Jahr erlagen – Selbstmord zu begehen, indem man das Gas andrehte und es nicht entzündete.

An einem dieser öden Abende, an denen es um drei Uhr dunkel zu werden beginnt und der Wind direkt aus den Steppen zu kommen scheint, saß ich am Feuer und las meine erste Kafka-Geschichte (zufällig war es die Geschichte, die er als seinen Durchbruch betrachtete). Ich fand sie äußerst verblüffend. Ein pflichtbewusster Sohn, seit kurzem verlobt, hilft seinem alten, gebrechlichen Vater ins Bett und deckt ihn zu. „Bin ich gut zugedeckt?“ fragt der Vater und der Sohn versichert ihm, dass er es ist.

“‘Nein!’ schrie sein Vater, und umging die Antwort, warf die Decken von dannen mit einer Kraft, dass sie alle einen Moment lang schwebten und federte aufrecht aus dem Bett … ‘Du wolltest mich zudecken, ich weiß mein junger Spross, aber ich bin noch lange nicht der, den man zudeckt.’“

Der Vater verrät, dass lange wartend gelegen habe, bis zum schrecklichen Moment des Urteils: „Ich verurteile dich zum Tod durch Ertrinken!“ Der Sohn rauscht die Treppe hinunter, heraus aus der Vordertür, über die Straße, und auf das Geländer der Brücke zu. „Liebe Eltern, ich habe euch immer geliebt, alle gleichwohl.“ schreit er, als er sich fallen lässt.

Ich konnte beim besten Willen nicht verstehen was abging. Ich erinnere mich das Buch in Verwirrung und Empörung hingeworfen zu haben. Dann, Stunden später, mit dem Kopf woanders, fühlte ich eine unbekannte Unruhe, als habe jemand wie wild eine Saite in mir gezupft. Die Unruhe, ich bemerkte es sofort, hatte mit der Geschichte zu tun, auch wenn mir nichts klarer geworden war, außer das in ihr ein seltsames Gelächter seinen Anlauf nahm.

Dieser Anlauf fließt in Kommt ein Pferd in eine Bar ein. Es kommt auf der Stelle zum Tragen, in der seltsamen Neigung der Komik zur Selbstgeißelung. „Wollt ihr wirklich lachen?“ fragt er sein Publikum. „Dann scheltet er sich selbst: ‘Was für ein arsch-dämliche Frage! Halloooo! Es ist ein Lustspiel! Hast du’s immer noch nicht geblickt? Schlehmil!’ Er verpasst seiner Stirn einen lauten, unvorstellbar harten Schlag.“ Der Richter ist erstaunt von dem Schlag, den er versteht als „ein Entweichen trüber Informationen, die wo ganz anders hingehören.“

Während des Abends entweichen mehr und mehr derartiger Infos anhand der gleichen Gewaltakte gegen sich selbst, bis, kurz vor dem Höhepunkt der Vorführung, Dov sich wieder und wieder mit den Fäusten schlägt:

Das Spektakel sieht aus wie ein Kampf zwischen mindestens zwei Männern. Innerhalb des Wirbelwindes aus Gliedmaßen und Ausdrücken erkenne ich die Miene, die heute Abend mehr als einmal über sein Gesicht ging: Er vereint sich mit seinem Schänder. Er schlägt sich mit den Händen eines Anderen.

Als das Publikum schließlich davonstob, und nur den Komiker am Tisch des Richters zurückließ, löst sich der ganze schauderhafte Ablauf mit einer direkten Anspielung auf Das Urteil auf: „Ich verurteile dich nun zum Tod durch Ertrinken!“ sagt Dov, „dann hält er sich den Flachmann über den Kopf und träufelt die letzten paar Tropfen auf sich selbst.“ Kein suizidaler Sprung von der Brücke, aber der Roman veranstaltet einen vergleichbaren Akt der Selbstzerstörung, und auf dem Weg betritt er in die Kafka-Zone, wo Tragödie und Komödie ein Brei sind.

3.

Das Phänomen Jüdischer Humor ist so wesentlich für das moderne Leben und so geläufig in der amerikanischen Popkultur von Groucho Marx über Woody Allen, dass man leicht übersieht, auf welchem Meer des Leids er aufgebaut ist. Dieses Leid war nicht nur ein Ausdruck der langen Geschichte des Exils, das der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr ’70 folgte, sondern ebenso Gegenstand der christlichen Gemeinden, unter denen die verstreuten und wehrlosen Juden sich befanden. Das heißt, man nahm an, dass Juden erbärmlich waren; das musste die zwangsläufige Folge ihres Versagens, Jesus als den Messias zu erkennen und ihre störrische Weigerung, zu konvertieren. Einigen wurde gestattet weiter zu leben und ihnen wurde sogar Schutz vom Papst und anderen europäischen Größen zugesichert, aber nur unter der Bedingung, dass sie unglücklich blieben.

Daher die endlosen Schläge und Bespucken und Beleidigungen; die bizarren Beschuldigungen, nahezu unvermeidlich gefolgt von Exekution oder Massaker; die plötzliche Beschlagnahmung von Eigentum und Wohlstand; die Abzeichen, Verbote, und andere Rituale der Erniedrigung. Es war erst 1646, als ein englische Mediziner, Thomas Browne, es sich traute dem weit verbreiteten Glauben des Foetor Judaicius zu widersprechen, der Gestank, von dem man allen jüdischen Männern nachsagte, sie stießen ihn aus, und erst 1668 wurden Juden nicht mehr gezwungen wurden, nackt über den Korso durch Rom zu laufen während des Karnevals. Noch vor kurzer Zeit, im Frankfurt des Achtzehnten Jahrhunderts, mussten selbst die ältesten und respektiertesten Juden den Bürgersteig verlassen und sich beim Anblick eines Christen tief verbeugen.

Was man von derartigen Menschen erwartete, zumindest in der Öffentlichkeit, war kein Gelächter sondern Klagen. „Diese alte Stimmung – kennst du sie noch?“ fragte Heinrich Heine in seinem langen Gedicht Jehuda ben Halevi.“

Wie es so elegant beginnt
Wehleidig,wimmernd wie Vieh
Das brodelt auf dem Feuer?
Lange hat es in mir gesiedet
Seit tausend Jahren. Schwarzes Leid!2

Heine jedoch wurde 1797 geboren, in einer wohlhabenden jüdischen Familie, die zum Luthertum übergetreten war, und keine Interesse daran hatte, das kollektive Geheule fortzuführen. Überzeugt von radikaler Politik und der von Napoleon versprochenen Emanzipation, entdeckte er am anderen Ende von Verzweiflung und Unterdrückung eine Ausdehnung des Lachens, oft beißend satirisch, die er meisterte und seiner Nachwelt hinterließ.

Es ist ein Gelächter, das durch die deutsch-jüdische Kultur hallte, in den 1920’ern in die Cabaret-Szene hineinreichte, und sein Äquivalent ebenso in der weniger angepassten jiddischen Welt des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts fand. In I.L. Peretz‘ „Bontsha, the Silent“ betrachten die himmlischen Heerscharen, die eng(e)lische Verteidiger und Ankläger zugleich sind, die unendliche Gleichmut des verstorbenen Bontsha, der nicht ein Mal in seines ganzen elenden Lebens gegen sein grausames Schiksal aufbegehrte. Seine Aufschreie, verrät ihm das himmlische Gericht, hätten die gesamte Welt untergehen lassen können, er aber verweigerte sich, sich zu beschweren, und nun im Paradies wird sein grandioses Schweigen mit allem belohnt, das er sich wünscht. Nach einem Augenblick fragt Bontsha, ob er jeden Morgen ein warmes Brötchen mit frischer Butter bekommen kann. Eine schreckliche Stille befällt die große Halle. „Dann wird die Stille durchbrochen. Der Ankläger lacht lautstark, ein verbittertes Lachen.“3

Grossmans Dov ist der König des verbitterten Lachens. Er richtet es an Teile seines Publikums, vor allem die anfälligsten darunter. Dann kehrt er es noch viel grausamer gegen sich selbst, verwendet es als scharfes Werkzeug um immer tiefer in der Ruine seines Lebens zu wühlen. Er kündigt den Mittelpunkt seines komischen Programms an als „Meine eeeeerrste Beerdiguuuuuung!“

Wenn das Publikum lacht, verflucht er es. Was folgt, ist eine unerträglich traurige Geschichte einer kaputten Kindheit, jedes qualvolle, unstetige Detail tritt in verrückter Anordnung auf, zusammengesponnen mit zur Hälfte erzählten Witzen und wüsten Beleidigungen, Ausbrüchen von Selbstmitleid und Selbstverachtung. Dovs Vater Hezkel war Barbier, ungeduldig und unbeherrscht, bekam die Dinge kaum zusammen, halste von einem behämmerten Projekt zum anderen um seine Frau und seinen kleinen Sohn zu unterstützen. Seine Mutter Sarah war eine Holocaust-Überlebende, verfolgt von den Albträumen, die sie ertragen musste, unfähig zu den einfachsten Haushaltspflichten, permanent desorientiert, ein Objekt des Mitleids und des Spotts. „Ihren Kopf immer gesenkt,“ erinnert sich Dov, „und die Schmatte immer über dem Gesicht, damit niemand sie sehen konnte, Gott bewahre, schnell-schnell Wände und Zäune entlang, damit niemand sie bei Gott verpetzt und Er herausfindet, dass sie existiert.“

Der kleine Dovaleh traf seine Mutter gewöhnlich an der Bushaltestelle, wenn sie von der Schicht in der Munitionsfabrik kam, damit sie nicht auf dem Weg nach Haus verloren ging. Dabei lernte er auf den Händen zu gehen, verrät er dem Publikum, denn, wenn er das tat, „achtet niemand auf sie, klar?“ Und wenn sie Zuhause ankamen – bevor die Rückkehr des Vaters dem Spaß ein Ende bereitete – setzte er seine komische Aufführung fort: „Ich versuchte mein ganzes Leben lang, sie zum Lachen zu bewegen.“

Obwohl die Freundschaft zwischen Dov und Richter Avishai Lazar aus dieser Phase ihres Lebens datiert – sie gingen beide ein Jahr lang abends zum gleichen Mathematik-Referenten – wusste der junge Avishai nichts von Dovs geistig instabiler Mutter, oder von den Schlägen, die er regelmäßig von seinem Vater erhielt, oder den Schikanen, die er fast täglich in der Schule ertragen musste. Der Junge – ein guter Schauspieler – kam ihm heiter und optimistisch vor. Erst ein wenig später schnappte Avishai auf, dass im Leben seines Freundes etwas ernsthaft falsch lief, etwas das verstörend genug war, um verantwortlich dafür zu zeichnen, dass der erwachsene Avishai die bewusste Erinnerung an ihre Kindheitsfreundschaft komplett verdrängt hatte.

Was er bezeugte, passierte als sie vierzehn Jahre alt waren. Während einem Schulausflug zu einem militärähnlichen Jugendlager im Süden. Sie waren im selben Zelt, als Avishai sah, wie Dov von ihren lachenden Mannschaftskameraden brutal und boshaft geschurigelt wurde. Der zukünftige Richter tat nichts, um die unsäglich grausame Behandlung seines Freundes zu beenden:

Wir machten kein Zeichen gegenseitiger Erkennung. Wie Fotonegative von uns selbst waren wir komplett im Einklang. Sein Schrei war in meiner Kehle gefroren, zumindest empfand ich es so, ich hielt meinen Kopf hoch, schaute weg und ging hinaus, hinter mir ihr Gackern.

Die unterdrückte Erinnerung an diesen stillen, feigen Verrat fällt dem Richter im Verlauf der entsetzlichen Erzählung des Komikers vom Entgegennehmen der Nachricht des Todes eines der Elternteile wieder ein. Dovs Geschichte von seiner ersten Beerdigung ist eine spannende Meisterleistung. Sie bildet den Höhepunkt des strategischen Miteinanderverwebens von manischem Humor und Tränen. Grossmans Raffinesse besteht in der gemeinsamen Entdeckung: Soll heißen, Dov hatte den Richter gebeten „ihn zu sehen, wirklich zu sehen,“ aber als er dabei ist, das zu tun, sieht der Richter sich selbst. Und erst dann kann der Roman es sich erlauben, mit einer kleinen zärtlichen Geste zu enden: „Wie wärs, wenn ich dich nach Hause bringe?“ schlage ich vor. Er denkt einen Moment darüber nach. Er zuckt wieder mit den Achseln. Wenn du darauf bestehst.“

4.

Ich hatte einen Kindheitsfreund – lass mich ihn Alan nennen – der in einem uralten jüdischen Haushalt aufwuchs, in dem sein Vater der Chef war. Diese ungewöhnliche Erziehung hatte eindeutige Vorteile, da Alan, ein ungewöhnlich empfindliches und frühreifes Kind, tatsächlich von vernarrten Großeltern umzingelt wurde, die ihn mit ihrer pausenlosen Liebe und Zuwendung überschütteten. Aber es gab natürlich ebenso einen deutlichen Nachteil: Diese Bobbies und Zadies gabe alle vor ihm den Geist auf, einer nach dem anderen.

Einige Jahre lang hatten ich und Alan uns aus dem Auge verloren, aber dann fanden wir uns im gleichen College wieder. Eines Tages rief er mich an, weil er gerade furchtbare Neuigkeiten erhalten hatte: Sein Vater, noch immer recht jung, war plötzlich an einem Herzanfall gestorben. Er würde zu der Beerdigung nach Boston zurückkehren, sagte er, und ich bot an, ihn zurück zu fahren.

Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt meines Lebens praktisch keine Erfahrungen mit dem Tod; er hatte davon viel zu viel. Vielleicht kann diese Tatsache, samt David Grossmans ätzendem und ergreifendem Roman, helfen zu erklären was mir andererseits an dieser Fahrt sehr befremdlich vorkam: Nämlich, dass wie die gesamte Zeit gesungen und Witze erzählt haben.

Translation: Thorsten Ramin

Source: http://www.nybooks.com/articles/2017/04/20/david-grossman-king-of-bitter-laugh/

3 I.L. Peretz, “Bontsha the Silent,” in A Treasury of Yiddish Stories, edited by Irving Howe and Eliezer Greenberg, revised edition (Penguin, 1989). 

1 Michael Krasny, Let There Be Laughter: A Treasure of Great Jewish Humor and What It All Means (William Morrow, 2016).

2 The German-Jewish Dialogue: An Anthology of Literary Texts, 1749–1993, edited by Ritchie Robertson (Oxford University Press, 1999), p. 89. “A strange people,” Heine wrote to a friend in 1850; “for thousands of years constantly beaten, constantly crying, constantly suffering, perpetually forgotten by God yet still cleaving to him, more tenaciously and loyally than any other people in the whole world!” (Quoted in Navid Kermani, Between Quran & Kafka: West–Eastern Affinities, translated by Tony Crawford (Polity, 2016), p. xii.) Heine’s role as the “fountainhead and genius of German Jewish humor” is discussed in Ruth R. Wisse, No Joke: Making Jewish Humor (Princeton University Press, 2013), p. 35.

Quelle: http://www.nybooks.com/contributors/stephen-greenblatt/