Der Dschihad des Imam Schamyl

Kerim Fenari

Der verzweifelte Kampf des tschetschenischen Volkes für Freiheit hat viele Muslime überrascht. Wie in Bosnien, vor drei Jahren1, war allein die Existenz dieses muslimischen Landes vielen aus unserer Gemeinschaft nicht bekannt. Aber nun, da die wilden Horden des Zaren Boris des Ersten aus den barbarischen Ländern des Nordens herbeiströmen, um den Tschetschenen Feuer und Schwert zu bringen, ist es der Erinnerung wert, dass der Kaukasus schon immer der Friedhof für christliche Invasoren war, und der Geburtsort muslimischer Helden, deren Namen noch immer in den Wäldern und Tälern dieser romantischsten aller Gebirgslandschaften widerhallen.

Der Kaukasus, eine nackte Festung, die Europa von Asien trennt, ist anders als alle Gebirgszüge auf der Welt. Die höchsten Gipfel in Europa befinden sich hier, im Vergleich wirken die Alpen wie kleine Pusteln. Auf einer Strecke von 650 Meilen (1046 Km) vom Kaspischen zum Schwarzen Meer, beträgt ihre durchschnittliche Höhe mehr als 10,000 Fuß (>3000 m). Die eindrucksvolle Aussicht wird durch die schwindelerregend steilen Abhänge noch beängstigender. Der Kaukasier ist ein Mann, dessen Körper keine Kurven kennt, heißt es in einem georgischen Sprichwort, und Felsen, die an manchen Stellen fünftausend Fuß tief in eisigen Lawinen herabstürzen, scheinen die Landschaft in reine Steinblöcke zu zerlegen.

Die bare Unzugänglichkeit des Kaukasus und die Schwierigkeit der Kommunikation untereinander, hat es zahllosen verschiedenen Völkern erlaubt, hier zu verweilen. Der Historiker Plinius erzählt uns, dass die Römer einhundertvierunddreißig Übersetzer bei ihren Verhandlungen mit den kriegslustigen kaukasischen Klans einsetzten; während der arabische Historiker al-Azizi die Region Die Berge der Sprachen taufte, und erzählt, dass allein in Dagestan dreihundert nahezu unverständliche Dialekte gesprochen würden.

Einige der kaukasischen Völker, wie z.B. die hellhäutigen Tschetschenen, sind Nachfahren einstiger Emigranten aus Europa. Bei anderen, einschließlich der Dagestaner, vermutet man asiatische Ursprünge. Aber das derbe Klima und der ungastliche Boden haben ihnen allen einen ähnlich asketischen Lebensstil auferlegt. Wenig Landwirtschaft ist möglich auf den schwindeligen Hängen, und nur auf den höchsten Ebenen kann man erfolgreich Schafe weiden. Traditionell lebten die Menschen in Auls, zerklüfteten kaukasischen Dörfern, befestigt mit Blockhütten aus Stein und blanken Mauern, um Berglöwen auszusperren, Wölfe und feindliche Stämme. In die unzugänglichsten Standorte, auf nadeldünnen Vorsprüngen gebaut, führte der einzige Weg zu diesen unbeugsamen Flecken auf Pfaden, die sich an die Felsen schmiegten, keinen Platz für Pausen boten, stattdessen schwindelerregende Aussichten auf umliegende Gipfel und auf Adler, die viel niedriger ihre Kreise zogen.

In einer derartig extremen Landschaft überlebten nur starke Kinder. Sie zählten ihre Tage in der endlosen Mühle des Auf und Ab der Steigungen, und wenn die Zeit gekommen war und die tschetschenischen und dagestanischen Männer mündig wurden, waren sie drahtig und ungeheuer stark. Im neunzehnten Jahrhundert wurde festgehalten, dass kein tschetschenisches Mädchen einverstanden gewesen wäre einen Mann zu heiraten, bevor er nicht mindestens einen Russen getötet hatte, über einen dreiundzwanzig Fuß (7 m) breiten Strom springen konnte, und über ein Seil gehen, dass zwei Mann auf Schulterhöhe festhielten.

Die gähnenden Klüfte, die die Auls trennten, führten schnell zu Rivalitäten und Krieg. Das Leben im Kaukasus wurde von der Blut-Vendetta beherrscht, der kanlı, die garantierte, dass kein Fehler, wie gering auch immer, der Rache durch die Verwandten des Opfers entging. Die epische tschetschenische Literatur ist voll von Sagen Jahrhunderte währender Konflikte, die mit dem Diebstahl eines Huhns begannen und mit dem Tod eines kompletten Klans endeten. Stetig war Krieg, genau wie dafür geübt wurde; und junge Männer rühmten sich ihrer Künste zu Pferd, des Ringens und des Distanzschießens.

Muslime haben den Kaukasus nie erobert: selbst die Sahabah2, die die Legionen von Byzanz und Persien vor sich wegfegte, kam kurz vor diesen abschreckenden Klippen zum Erliegen. Noch Jahrhunderte verharrten seine Völker in ihren heidnischen oder christlichen Glauben; während die Muslime im benachbarten Iran Angst vor ihm hatten, weil sie glaubten, die Hauptstadt des Königs aller Dschinne liege inmitten seiner weißen Gipfel.

Aber wohin muslimische Armeen nicht dringen konnten, wagten sich langsam muslimische Missionare. Viele erlitten das Märtyrertum durch die wilden, aufgebrachten Stammleute; doch allmählich akzeptierte man in den einsamen Tälern und auch den hochgelegenen Auls den Glauben. Die Tschetschenen, Awaren, Kirgisen und Dagestaner traten zum Islam über; und im achtzehnten Jahrhundert waren nur die Georgier und Armenier noch nicht konvertiert.

Doch trotz dieses Sieges zog eine neue Bedrohung am Horizont auf. 1552 hatte Iwan der Schreckliche Kazan eingenommen und zerstört, die große muslimische Stadt an der oberen Wolga. Vier Jahre später erreichten die russischen Horden das Kaspische Meer. An ihrer Spitze ritten wilde Kosaken, knallharte Reiter, die sich selbst fortpflanzten, indem sie die muslimischen Frauen gewaltsam entführten und heirateten, die in ihre Hände fielen. Da sie genauso fromm wie stürmisch waren, gründeten sie nie eine neue Siedlung ohne zunächst eine eindrucksvolle Kirche zu bauen, deren Glockenklang das ewig wachsende Reich des Zaren in der Steppe erfüllte.

Im späten achtzehnten Jahrhundert war den Bergstämmen die Bedrohung des Kaukasus durch das Christentum nicht entgangen. Ihr Mangel an Einheit machte effektives Vorgehen jedoch unmöglich, und bald hatte man den Muslimen die fruchtbaren Ebenen im Norden Tschetscheniens und (weiter im Westen) das Land der Nogai-Tataren entrissen.

Die Muslime, die blieben, wurden gezwungen leibeigene Bauernsklaven russischer Herren zu werden. Diejenigen, die sich weigerten oder wegliefen, wurden bei einer russischen Variante der Fuchsjagd erlegt. Einige wurden gehäutet und aus ihren Häuten Armeetrommeln gemacht. Die Frauen, die zu Leibeigenen gemacht wurden, mussten oftmals die Wegnahme ihrer Kleinkinder ertragen, damit die russischen Rasse- und Jagdhunde mit menschlicher Milch ernährt werden konnten.

Gesteuert wurde diese Verfahrensweise von der russischen Zarin, Katharina der Großen, die den jüngsten ihrer Liebhaber, Graf Platon Zubov (er war fünfundzwanzig, sie siebzig) sandte, um die erste Phase ihres pan-orthodoxen Traums zu verwirklichen, der darin bestand alle muslimischen Länder für die Christenheit zu erobern. Zubovs Armee wurde an den Ufern des Kaspischen Meeres zerschlagen, aber die Alarmglocken hatten geklingelt. Der Kaukasus schaute von seine internen Querelen auf und erkannte seinen Feind.

Die erste gemeinsame Antwort auf die Gefahr kam von einer Person, deren undurchsichtige aber romantische Geschichte sehr typisch für den Kaukasus ist. Bekannt ist er nur als Elisha Mansour, ein italienischer Jesuit, der gesandt wurde um die Griechen in Anatolien zum Katholizismus zu bekehren. Zum Ärger des Papstes trat er bald freudig zum Islam über und wurde vom ottomanischen Sultan entsandt, um den kaukasischen Widerstand gegen die Russen zu organisieren. Aber in der Schlacht von Tatar Tub 1791, stieß sein Widerstand auf ein vorzeitiges Ende; und, gefangen vom Feind, verbrachte er den Rest seines Lebens als Gefangener in einem kalten Kloster am Weißen Meer, wo Mönche sich erfolglos abmühten, ihn wieder zum Christentum zu bekehren.

Mansour hatte versagt, aber die Kaukasier hatten gekämpft wie die Löwen. Die Fackel des Widerstands, die er entzündet hatte, griff bald um sich, gehütet und angefacht durch einen genialen Mann: Mullah Muhammad Yaraghli. Yaraghli war ein Gelehrter und Sufi, sehr erfahren mit den arabischen Schriften, der den rauen Bergleuten die Naqschbandi-Lehre predigte. Obwohl er mehrere Tausende bekehrte, war sein tonangebender Schüler Ghazi Mollah, ein religiöser Schüler des Awaren-Volkes von Dagestan, der 1827 mit seinen eigenen Predigten anfing, und das riesige Aul von Ghimri zum Zentrum seiner Aktivitäten erkor.

In den kommenden zwei Jahren verkündete Ghazi Mollah seine Nachricht. Die Kaukasier hatten den Islam nicht komplett angenommen, sagte er ihnen. Ihr altes Gewohnheitsrecht, die „Adat“, die von Stamm zu Stamm variierte, sei durch die Scharia zu ersetzen. Vor allem die kanli-Vendettas gehörten abgeschafft, und alle Ungerechtigkeiten gehörten vor ein ordentliches islamischen Gericht. Zu guter Letzt müssten die Kaukasier ihre wilden, stürmischen Egos bändigen und den harten Pfad der Selbstkasteiung beschreiten. Nur indem man diesem Rat folge, sagte er ihnen, könnten sie ihre alten Klüfte überwinden und sich vereint gegen die christliche Bedrohung wehren.

1829 entschied Ghazi Mollah, dass seine Anhänger die Lehre ausreichend verinnerlicht hätten um mit der letzten Phase zu beginnen: dem politischen Kampf. Er reiste durch ganz Dagestan, predigte offen gegen die Sünde, und warf mit eigener Hand die großen Weinkrüge um, die traditionell in den Zentren der Auls gelagert wurden. In einer Reihe feuriger Reden drängte er die Menschen, für die Ghazwa 3zu den Waffen zu greifen: den bewaffneten Widerstand; Ein Muslim mag der Scharia gehorchen, aber all seine Almosensteuer, all seine Gebete und Waschungen, all seine Pilgerfahrten nach Mekka sind wie nichts, wenn ein russisches Auge auf sie schaut. Eure Ehen sind ungesetzlich, eure Kinder unehelich, wenn auch nur ein Russe in eurem Land weilt!

Es sei Zeit für den Dschihad, verkündete er. Die großen islamischen Gelehrten von Dagestan versammelten sich in der Moschee von Ghimri, schworen Unterstützung und ernannten ihn zum Imam.

Die Muriden in Ghimri, die sich von anderen Bergleuten durch ihre schwarzen Banner unterschieden, und das Fehlen jeder Spur von Gold oder Silber auf ihren Kleidern und Waffen, marschierten hinter Ghazi Mollah ab, den Muriden-Schlachtruf intonierend: La ilaha illaLlah. Ihr erstes Ziel war der Aul von Andee, der sich den Russen unterworfen hatte; aber die Muriden waren so imposant, dass sich das ehedem verräterische Dorf beim ersten Anblick ihrer stummen Reihen kampflos ergab. Dann wandte Ghazi Mollah sein Aufmerksamkeit den Russen selbst zu.

Zu dieser Zeit hatten die Russen kaum Kolonisten in die Region gebracht. Riesige militärische Außenposten waren im Flachland gen Norden errichtet worden, in Grosny, Khasavyurt und Mosdok, aber anderswo hatte der Prozess der Auslöschung der Muslime im Land gerade erst begonnen. Darum konnte Ghazi Mollah mit lokaler Unterstützung rechnen, als er die russische Festung von Vnezapnaya angriff. Ohne Kanonen konnte er sie nicht einnehmen; aber ihre Verteidiger, unter dem Kommando von Baron Rosen, waren gezwungen Hilfe herbeizurufen. Diese kam in Form einer großen Befreiungskolonne, die, weil sie dachte, sie hätte nichts von den Muslimen zu befürchten, diese in den großen Wald verfolgte, der sich damals südlich von Grosny befand.

In den dunklen Unterhölzern kämpften die Muriden auf ihrem Terrain. Aus dem Geäst der riesigen Buchen schießend, mit Fallen und Gruben für die besonnenen aber orientierungslosen Russen, knallten sie die feindlichen Offiziere methodisch ab und nahmen viele der verdutzten Fußsoldaten gefangen. In dieser zwielichten Welt gewaltiger Buchen und verwirrenden Gestrüpps, war die schwerfällige Kolonne, die von Priestern angeführt wurde, die Symbole und gigantische Kreuze trugen, die mit Ochsenkarren belastet war, welche mit über einen Meter großen Samowaren beladen waren und Champagner-Kisten für die Offiziere, bald ermüdet und versprengt. Nur Überbleibsel verließen den Wald: und der erste Sieg der Mujaheddin war gewonnen.

Nach Rache dürstend, griffen die Russen die muslimische Stadt Tschoumkeskent an, die sie einnahmen und dem Erdboden gleichmachten. Aber für diese Eroberung bezahlten sie teuer: vierhundert Russen waren bei dem Einsatz ums Leben gekommen, und nur hundertfünfzig Muriden. Noch größer war ihre Erniedrigung bei Tsori, einem Gebirgspass, wo viertausend russische Soldaten vier Tage lang von einer Barrikade aufgehalten wurden, die, wie sie später zu ihrem Verdruss feststellten, nur mit zwei tschetschenischen Scharfschützen bemannt war.

Rasend wüteten die Russen durch die Ebene Tschetscheniens, verbrannten Ernten, und zerstörten einundsechzig Dörfer. Bedächtig zogen sich die tschetschenischen und dagestanischen Muriden in die Berge hinter ihnen zurück. Ghazi Mollah und sein oberster Jünger Schamyl entschieden, bei Ghimri Widerstand zu leisten. Nach einer erbitterten Belagerung, mit vielen Gefallenen auf beiden Seiten, wurde der Aul von den Russen gestürmt, die Ghazi Mollah unter den Toten fanden. Noch immer auf seinem Gebetsteppich sitzend, hielt der unheimliche Imam die eine Hand an den Bart und die andere zeigte zum Himmel. In der Zwischenzeit aber wirkte sein Stellvertreter, der mit sechs Muriden zwei Steintürme verteidigte, unbesiegbar, unbeirrt nahmen sie jeden Russen, der sich näherte, unter Beschuss. Schließlich, als nur noch zwei Muriden lebten, kam Schamyl heraus, um einen Heldenruf zu erwerben, der durch den gesamten muslimischen Kaukasus hallen sollte.

Ein russischer Offizier beschrieb den Vorfall:

Es war dunkel: Im Licht des brennenden Strohdachs sahen wir einen Mann in der Tür des Hauses, das auf einer Anhöhe stand, ungefähr über uns. Dieser Mann, der sehr hochgewachsen und mächtig gebaut war, stand recht ruhig, als wolle er uns Zeit zum Zielen geben. Dann, plötzlich, mit der Wucht eines wilden Tiers, springt er sauber über die Reihe Soldaten, die dabei sind, auf ihn zu schießen, und landet hinter ihnen, schwingt sein Schwert in seiner linken Hand und säbelt drei von ihnen nieder, wird aber vom vierten mit dem Bajonett aufgespießt, der Stahl dringt tief in seine Hüfte ein. Sein Gesicht immer noch außergewöhnlich regungslos, ergriff er das Bajonett, zog es aus seinem eigenen Fleisch, hieb den Mann nieder, und, mit einem weiteren übermenschlichen Hieb, machte er die Mauer frei und verschwand in der Dunkelheit. Wir blieben absolut perplex zurück.

Die Russen widmeten dem Verschwinden Schamyls nicht viel Aufmerksamkeit, sie waren zuversichtlich, dass sie mit der Zerstörung der Hauptstadt der Muriden einen endgültigen Sieg errungen hatten. Sie konnten nicht ahnen, dass sie durch ihn dreißig Jahre Krieg erwartete, zum Preis einer halben Million toter Russen.

Nach seiner dramatischen Flucht aus Ghimri, begab sich der verwundete Schamyl zu einer Sakhli, einem Landhaus in den vergletscherten Höhen Dagestans. Ein Hirte sandte Nachricht an seine Frau Fatima, die heimlich zu ihm kam und ihn während einem langwierigen Fieber pflegte, wobei sie achtzehn Bajonett- und Schwertwunden versorgte. Monate später war Schamyl wieder in der Lage zu reisen, und da sie vom Tod des Nachfolgers von Ghazi Mollah gehört hatten, wurde er von den Muslimen zum al-Imam al-Azam ernannt, dem Anführer des ganzen Kaukasus.

Schamyl war 1796 in eine edle Familie des Awarenvolkes in Süddagestan geboren worden. Er wuchs mit seinem Freund Ghazi Mollah auf und teilte seine karge Kindheit zwischen der Moschee und den engen Plateaus um Ghimri auf, wo er die Schafe seiner Familie weidete. Oftmals schaute er über die Kanten, hinunter in den fünftausend Fuß tiefen Abgrund unterhalb des Dorfes, und beobachtete die leuchtenden Blitze in den Gewitterwolken weiter unten. In noch größerer Entfernung, auf den Böschungen, konnte man das gespenstische Flackern von Rohölbränden sehen, wo Erdöl aus den Steinen sprudele und jahrelang brannte.

Die raue Landschaft und die strenge kaukasische Erziehung, die sie mit sich brachte, gewöhnten den zukünftigen Imam an ein Leben mit wenig weltlichen Genüssen. Bereits als er ein Kind war, überzeugte er seinen Vater dem Alkohol zu entsagen, indem er ihm androhte in sein eigenes Messer zu laufen, wenn er nicht aufhörte. Die mühevolle spirituelle Disziplin, die als junger Schüler von ihm eingefordert wurde, schien von selbst einzutreten, und mit gerade zwanzig Jahren war er berühmt für all die Tugenden, die der Kaukasus schätzt: Mut in der Schlacht und Beherrschung der arabischen Sprache, Tafsīr und Fiqh, und eine spirituelle Erhabenheit, die einen tiefen Eindruck bei allen hinterließ, die ihn trafen.

Zusammen mit Ghazi Mollah wurde er zum Zögling Muhammad Yaraghlis, dem streng mystisch orientierten Gelehrten, der den jungen Mann lehrte, dass ihre eigene spirituelle Reinheit nicht genug sei: Sie mussten darum kämpfen Allahs Gesetz Vorrang zu verschaffen. Die Scharia hätte die heidnischen Gesetze der kaukasischen Stämme zu ersetzen. Nur dann würde Allah ihnen den Sieg über die russischen Hausherren gewähren.

Schamyls erster Versuche als Imam dienten rein der Verteidigung. Die Russen unter dem Befehl von General Fese hatten einen neuen Angriff auf Zentraldagestan eingeleitet. Dort, im Aul von Ashilta, schworen, als sich die Russen näherten, zweitausend Muriden einen Eid auf den Koran, ihn bis zum Tode zu verteidigen. Nach einem erbitterten Kampf, Mann gegen Mann, in den Straßen, nahmen die Russen die Stadt ein und zerstörten sie, sie machten keine Gefangenen. Die Bühne war bereit für einen langen und erbitterten Krieg.

Schamyl war der Krieg mit Europäern nicht unbekannt. Während er sich 1828 auf dem Haddsch befand, hatte er Emir Abd al-Quader getroffen, den heldenhaften Anführer des algerischen Widerstands gegen die Franzosen, der ihm seine Ansichten über den Guerilla-Krieg mitteilte. Die beiden Männer hatten, obwohl sie dreitausend Meilen voneinander kämpften, sehr ähnliche Wissensinteressen und Methoden der Kriegsführung. Beide erkannten, dass man offene Schlachten gegen eine große und gut bewaffnete europäische Armee nicht gewinnen konnte, und die Notwendigkeit raffinierter Techniken, um den Feind zu entzweien und ihn in die zurückgezogenen Berge und Wälder zu locken um ihn dort mit fixen, originellen Guerilla-Angriffen zu erledigen.

Die Schwäche von Schamyls Standort im Kaukasus war sein Bedürfnis, die Auls zu verteidigen. Seine Männer, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegten, konnten einem Feind immer aus dem Weg gehen oder ihm einen Überraschungshieb von hinten versetzen. Aber die Dörfer waren angreifbar, trotz ihrer Befestigungen, durch russische Belagerungsmethoden, die von moderner Artillerie unterstützt wurden.

Schamyl bekam seine Llektion 1839, im Aul von Akhulgo. Diese Gebirgsfestung, die auf drei Seiten von Schluchten beschützt wurde, war selbst durch einen erschreckenden Abgrund zweigeteilt, den eine siebzig Fuß (>20m) breite Brücke aus Holzplanken überspannte. Akhulgo war bereits voller Flüchtlinge, die vor dem russischen Vorstoß geflohen waren, und so viele Frauen und Kinder ernähren zu müssen, verlieh der Aussicht auf eine lange Belagerung ein hässliches Gesicht. Er würde aber keinen Schritt weiter weichen: Hier war seine Trutzburg.

Zu dieser Zeit bestand die Nayshbandi-Armee etwa sechstausend Mann, unterteilt in Einheiten von fünfhundert, jede unter dem Kommando eines Naib (Stellvertreter). Diese Naibs, zäh und gelehrt, waren den Russen ein Rätsel. In den dreißig Jahren des Kaukasischen Krieges wurde nicht einer jemals lebendig gefasst. In Akhulgo befestigten diese Männer die Siedlung so gut sie konnten und anschließend, am Abend, nach den Dämmerungsgebeten, gingen sie auf die Dächer um Schamyls „Zabur“ zu singen, das religiöse Lied, dass er komponiert hatte um die belanglosen Sauflieder abzulösen, die sie vorher kannten. Es gab auch viele andere Gesänge; der vertrauteste für die Russen war das Todeslied, es erklang wenn ein russischer Sieg drohte und die Tschetschenen einander festhielten und sich darauf vorbereiteten, bis zum Ende zu kämpfen.

Der russische Angriff begann am 29. Juni. Die Russen versuchten die Felsen zu erklettern, und verloren dreihundertfünfzig Mann durch die Mujaheddin, die Steine und brennende Hölzer auf sie warfen. Zur Einsicht gebracht, zogen sich die Russen für vier Tage zurück, bis sie ihre Artillerie so aufgestellt hatten, dass sie die Mauern aus sicherer Entfernung bombardieren konnten. Doch obwohl die Mauern zu Schutt zertrümmert wurden, erschienen die Muriden jedes Mal, wenn die Russen angriffen, aus den Ruinen und warfen sie mit großen Verlusten zurück.

Die Bedingungen in den Dörfern wurden hingegen hoffnungslos. Viele waren tot und ihre Körper verwesten unter der Sommersonne und verbreiteten einen pestartigen Gestank. Die Nahrungsvorräte waren nahezu aufgebraucht. Als er diese Neuigkeit von einem Spion hörte, entschied sich der russische General, Graf Glasse, zu einem Großangriff. Er befahl drei Kompanien gleichzeitig anzugreifen, da sie dadurch den Beschuss der Verteidiger aufgliederten.

Die erste Kompanie, mit Sturmleitern, erklomm einen Vorsprung auf der einen Seite einer Schlucht. Aber von den scheinbar nackten Felsen auf der gegenüberliegenden Seite, dezimierten Schüsse von tschetschenischen Scharfschützen ihre Reihen innerhalb von Minuten. Die Offiziere waren bald alle tot, und die sechshundert Mann, mit dem Rücken zur Felswand, wurden von den Muriden in der Falle zurückgelassen, in der Gewissheit, dass Ermüdung und Sonnenstrahlen sie noch vor Sonnenuntergang erledigen würden.

Eine zweite Kompanie versuchte sich ihren Weg zum Aul durch die Sohle der Schlucht zu bahnen. Auch das endete in einer Katastrophe, als die Verteidiger Felsblöcke auf sie herunterrollen ließen, sodass nur ein paar Dutzend herauskamen. Die dritte Kompanie, die einen Felshang entlang robbte, fanden sich den Angriffen von hunderten von Frauen und Kindern ausgesetzt, die man zur Sicherheit in Höhlen versteckt hatte. Die Frauen mähten durch die russischen Reihen, während ihre Kinder mit Dolchen in beiden Händen, unter den Russen hindurchrannten und sie von unten aufschlitzten. Hier, wie immer in Tschetschenien, kämpften die Frauen erbittert, weil sie wussten, dass sie weit mehr zu verlieren hatten als die Männer. Bei diesem brüllenden und blutigen Angriff schwankte die russische Kompanie und fiel zurück.

Ratlos sandte Graf Glasse einen Boten zu Schamyl um eine Unterredung zu vereinbaren. Die Bedingungen im Aul waren extrem und Schamyl traf schweren Herzens eine Vereinbarung, stimmte zu, seinen acht Jahre alten Sohn Jamal al-Din als Geisel herauszugeben, unter der Auflage, dass die russische Armee aufbrach und den Aul in Frieden verließ. Aber kaum war der Junge auf dem Weg nach St. Petersburg, als das Artillerie-Speerfeuer wieder begann und Akhulgo wurde wieder einmal von allen Seiten bombardiert. Schamyl stellte fest, dass er gelinkt worden war.

Am nächsten Tag stießen die Russen wieder auf Akhulgo vor, und fanden es nur von Raben bevölkert vor, die gierig an Leichen knabberten. Die Überlebenden waren während der Nacht entschlüpft. Die einzigen Muslime, die blieben, waren diejenigen, die zu schwach für den Rückzug waren, sie wurden versteckt in den Höhlen unter den nahen Felsen entdeckt, die man unter äußersten Schwierigkeiten erreichte. Ein russischer Offizier berichtet davon später wie folgt:

Wir mussten Soldaten an Seilen herab lassen. Unsere Truppen wurden von den Gestank zahlloser Leichen fast überwältigt. In der Schlucht zwischen den beiden Akhulgos musste die Wache alle paar Stunden abgelöst werden. Mehr als tausend Körper wurden gezählt; eine große Anzahl wurde stromabwärts gespült, oder lag aufgedunsen auf den Felsen. Neunhundert Gefangene wurden lebendig gefasst, meist Frauen, Kinder und alte Männer; doch trotz ihrer Wunden und Ermüdung, gaben selbst diese nicht einfach auf. Einige sammelten ihre letzten Kräfte und entrissen ihren Wachen die Bajonette. Das Weinen und Jammern der wenigen Kinder, die noch lebten, und das Leiden der Verwundeten und Sterbenden, vervollständigte das tragische Bild.

Schamyl hatte den verzweifelten Versuch unternommen, seine Familie und Anhänger in der Nacht wegzuführen. Seine Frau Fatima war im achten Monat schwanger und seine zweite Frau Jawhara trug ihr zwei Monate altes Kind Said. Doch zusammen schafften sie es, einen Felshang, den die Russen nicht kannten, entlang zu kriechen, bis sie den Strom darunter erreichten. Dort fällte der Imam einen Baum um eine provisorische Brücke zu bauen. Fatima überquerte sie sicher mit ihrem jüngeren Sohn Ghazi Muhammad; Jawhara jedoch wurde von einem russischen Scharfschützen entdeckt, der sie mit einer einzigen Kugel tötete, und sie und ihr Kind stürzen ließ um in dem reißenden Strom zu verschwinden.

Langsam umgingen Schamyl und seine dezimierte Familie und die überlebenden Mujaheddin die russischen Patrouillen, die jetzt von den Einwohnern Ghimris unterstützt wurden, weil diese auf die russische Seite übergelaufen waren. Einmal stießen sie auf ein russisches Kommando, und im darauf folgenden Kampf zog sich Ghazi Muhammad eine Bajonettverletzung zu. Doch Schamyls Schwert rechnete mit dem russischen Offizier ab, und seine Truppen flohen vor Schrecken. Sie waren wieder frei: Wie in Ghimri hatte der Imam eine wunderbare Flucht erwirkt.

Graf Grabbes Bericht beschrieb die Einnahme von Akhulgo in höchsten Tönen. Die muridische Sekte, schrieb er, ist mit all ihren Mitläufern und Anhängern untergegangen. Der Zar war begeistert; Doch wieder einmal waren die russischen Feierlichkeiten verfrüht. Derweil war Schamyl frei und unbesiegt. Und Moskau hatte dem Kaukasus noch einmal Grund verschafft, nach Freiheit zu streben.

1840 stellte Schamyl eine neue Armee auf und entrollte erneut seine schwarzen Banner. Da die Russen angesichts eines kirgisischen Aufstandes entlang der Küste des Schwarzen Meeres zurückfielen, waren die Bedingungen für einen großen Feldzug optimal, und zum Ende des Jahres hatte der Imam Akhulgo zurückerobert und führte seine Truppen in die Ebenen des tiefer gelegenen Tschetschenien, und nahm Festung auf Festung ein. Die Antwort der Russen war chaotisch: Ein Ausfall, angeführt von Grabbe, endete mit dem Tod von über zweitausend Russen. Ein neuer Kommandeur, der Liebling des Zaren, General Neidhardt, versprach Schamyls Kopf in Gold aufzuwiegen, egal wer ihn erbeuten könnte; doch alles umsonst. Wieder und wieder wurden die imperialen Legionen in die dunklen Wälder gelockt, verteilt und ausgelöscht.

Schamyls Techniken verbesserten sich derweil die ganze Zeit. Bei einer Gelegenheit griff er eine russische Stellung mit zehntausend Mann an, nur um weniger als vierundzwanzig Stunden später fünfzig Meilen weit entfernt aufzutauchen, um einen weiteren Außenposten anzugreifen: Eine erstaunliche Meisterleistung. Ein Militärhistoriker schrieb: Die Schnelligkeit dieses langen Marsches durch ein gebirgiges Land, die Präzision der gemeinsamen Ausführung, und noch dazu die Tatsache, dass sie unter den russischen Augen vorbereitet und durchgeführt wurde, machen Schamyl zu mehr als einem Anführer von Guerillakämpfern, er gehört zur Oberklasse.

Russlands nächster Zug war ein ein kühner Angriff von zehntausend Mann auf Schamyls neue Hauptstadt Dargo. Der Kommandeur, General Vorontsov, jagte durch Tschetschenien und Zentraldagestan, stieß auf geringen Widerstand, und fand heraus, dass Schamyl seine Auls lieber verbrannt hatte als sie in seine Hände fallen zu lassen. Zuversichtlich und voller Verachtung für den asiatischen Pöbel, entschied er durch die letzten zehn Meilen Waldes zu eilen, die ihn von Dargo und Schamyls Kriegern trennten. Doch als die Russen ankamen und erneut feststellten, dass Schamyl den Aul angezündet hatte, und sie umdrehten um ihre Spuren zurückzuverfolgen, ergriff sie Panik. Schamyl hatte ihren Vorstoß durch sein Fernrohr beobachtet und ruhig seine Muriden angewiesen, Stellungen einzunehmen, von denen sie die Russen überfallen und quälen konnten. Auf der Seite der Muslime kämpften sechshundert russische und polnische Deserteure, die die russischen Soldaten erschreckten, indem sie zur Nacht alte Armeelieder sangen, ihre spottenden Stimmen ertönten gespenstisch aus den versteckten Tiefen des Waldes.

Schamyl hatte vier Kanonen etwas über dem verwüsteten Aul in Stellung gebracht und die Russen hatten sie angegriffen und ohne Probleme eingenommen. Doch ihr Rückweg führte durch Kornfelder, die Dutzende Muriden verbargen, die zum Schießen aufstanden und sich wieder versteckt hatten, bevor die verdatterten Russen zurückschießen konnten. Einhundertundsiebenundachtzig Männer starben bevor die Überreste dieser Kompanie sich wieder der Hauptarmee anschließen konnten. Nicht einmal das Aufspießen der tschetschenischen Gefangenen konnte die Laune der Russen aufrichten, nach diesem Omen der bevorstehenden Katastrophe.

Die Russen begannen nun, sich durch den Wald zurückzuziehen. Aber der Wald war jetzt voller unsichtbarer Feinde. Glitschige Hindernisse blockierten ihren Weg und zwangen sie, die Pfade zu verlassen, und den Weg durch Hinterhalte und blutiges Gewirr einzuschlagen. Hunderte Russen starben, einschließlich zweier Generale. Starker Regen verwandelte die Pfade in Matsche und machte die Gewehre unbrauchbar, sodass hin und wieder beide Seiten schweigend mit Steinen und bloßen Händen kämpften. Um den unsichtbaren Scharfschützen zu entkommen, bestand der erschrockene Vorontsov darauf, in einer eisernen Kiste auf den Schultern eines Oberst getragen zu werden. So in der Falle, mit über zweitausend Verwundeten, und mit nur sechs verbleibenden Kugeln pro Person, sandten die verzweifelten Russen Boten zu General Freitag in Grosny, mit der Bitte um Verstärkung.

In diesem entscheidenen Moment erhielt Imam Schamyl Nachricht, dass seine Frau Fatima im Sterben lag. Unverzüglich gab er Anweisung, die Schlacht fortzuführen, und begab sich auf die tagelange Reise zu dem Aul, wo sie war. Nachdem er sie in den Armen hielt als sie starb, ritt er zurück, um festzustellen, zu seinem größten Kummer, dass seine Männer ihm nicht gehorcht hatten. Angesichts Freitags Truppen, hatten sie es Vrontsovs Kompanien gestattet, ohne weitere Verluste aus dem Wald zu humpeln. Schamyl kochte vor Wut und er verurteilte diejenigen grimmig, die Mutlosigkeit bewiesen hatten anstatt den Sieg perfekt zu machen. Aber Russland hatte teuer gezahlt, da der Waldboden von Dargo die Körper von drei Generalen einschloss, zweihundert Offiziere, und fast viertausend Infanteristen. Noch heute erinnern sich russische Soldaten an die Katastrophe von Dargo mit einem trübseligen Lied: In der Hitze des Mittags, im Tal von Dagestan, liege ich, mit einer Kugel im Herzen …

Weitere zehn Jahre wehte Schamyls Flagge über Tschetschenien und Dagestan, verkündete das, auf was sich Kaukasier immer noch als die Zeit der Scharia beziehen.

Der Zar, in seinem riesigen Palast in St. Petersburg war wütend, er erhielt Nachricht auf Kurznachricht von seinen Generalen, die ihre eigenen Siege lobten; dennoch herrschte Schamyl weiterhin. Vorontsov, Neidhardt und andere wurden zurückbeordert, und starben in vergoldeter Unbedeutendheit Aber 1851 wurde das Kommando an einen jüngeren Mann vergeben, General Beriatinsky, dem Teufel von Moskau, der den Verlauf des Krieges für immer verändern sollte.

Der neue russische Kommandeur kannte seinen Feind, und passte sich seinen Techniken entsprechend an. Er wusste, dass die Tschetschenen es nicht mochten, in die Schlacht zu ziehen bevor sie ihre Wudhu-Waschungen verrichtet hatten, darum stellte er sicher, dass große Dämme gebaut wurden um die Wasserversorgung seiner Gegner zu unterbrechen. Er übernahm eine Taktik, Dörfer zu bestechen, damit sie die russische Herrschaft anerkannten und verzögerte den Prozess der Versklavung ins Unendliche. Er beendete die einstige Strategie, Frauen und Kinder bei der Eroberung von Auls einfach abzuschlachten. Seine wichtigste Neuerung jedoch, war sein langer, bedachter Feldzug gegen die Wälder. Wie den Amerikanern in Vietnam und den Franzosen in Algerien, wurde ihm klar, dass sein Feind nur auf offenem Feld bezwungen werden konnte.

Deshalb entsandte er einhunderttausend Mann um die großen Buchen der Region zu fällen. Einige waren so riesig, dass Äxte unzureichend waren, man musste stattdessen Sprengstoffe benutzen. Doch langsam verschwanden die Wälder von Tschetschenien und Dagestan; während Schamyl, der aus der Höhe zuschaute, nichts tun konnte um sie zurückzuholen.

1858 brach die letzte große Schlacht aus. Das Volk Inguschetiens, das von den Russen aus ihren Auls in Lager rund um die Garnisonsstadt Nazran getrieben wurden, revoltierte, und rief um Hilfe nach Schamyl. Er ritt von den Bergen herab mit seinen Mujaheddin, erlitt aber eine Niederlage durch ein Geschütz der Unterstützungsbrigade, die gesandt worden war, um der belagerten Garnison zu helfen. Als er in die Berge zurückkehrte, löste sich die Unterstützung seiner Leute in Luft auf. Ganze Auls liefen lieber zu den Russen über, als sich der Belagerung und der unvermeidlichen Vernichtung zu unterwerfen. Selbst einige seiner treuesten Unteroffiziere verrieten ihn und führten die Russen zu seinen wenigen verbliebenen Zufluchten.

Im Juni 1859 zog sich Shamyl in den unzugänglichten Aul von allen zurück: Gounib. Dort entschied er, mit dreihundert treuen Muriden einen letzten Widerstand zu leisten. Die Russen wurden wieder und wieder zurückgeschlagen; aber am Ende, nach ausgiebigem Gebet, und erregt durch Beriatinskys Drohung, seine ganze Familie abzuschlachten, falls er nicht lebendig gefasst würde, erklärte er sich einverstanden die Waffen niederzulegen.

So endete die Zeit der Scharia im Kaukasus. Der Imam wurde nach Norden gebracht, um den Zaren zu treffen, und anschließend in ein kleine Stadt bei Moskau verbannt. Hier lebte er, mit einer schrumpfenden Familienschar und Bekanntschaften, bis 1869, als der Zar ihm erlaubte zu gehen und zurückgezogen in den Heiligen Städten zu wohnen. Seine Letzte Reise, durch die Türkei und den Mittleren Osten, war turbulent, weil riesige Mengen kamen um dem Imam zuzujubeln, dessen Name in allen islamischen Ländern zur Legende geworden war.

Sein Sohn Ghazi Muhammad, der 1871 aus der russischen Gefangenschaft entlassen wurde, reiste nach Mekka um ihn zu treffen. Er kam jedoch an, als der Imam fort war, auf einer Reise nach Medina. Als er um die heilige Kaaba herumging, erschien ein lumpiger Mann mit grünem Turban und schrie auf einmal, Oh Gläubige, betet nun für die große Seele des Imam Schamyl!

Es war wahr: am selben Tag war Schamyl, „Allah! Allah!“ flüsternd, ins ewige Leben im Paradies übergegangen. Er wurde unter großem Gedränge und großer Rührung auf dem Baqi-Friedhof begraben. Doch sein Name ist noch immer lebendig; und selbst heute, in den Heimen seiner Nachfahren in Istanbul und Medina, in Wohnungen deren Wände noch immer mit den verblichenen schwarzen Bannern geschmückt sind, wo Mütter ihren Kindern Lieder vorsingen, an die man sich erinnern wird, solange wie Muslime in Tschetschenien und Dagestan leben:

Oh Berge von Gunib,

Oh Soldaten Shamyls,

Shamyls Feste war voller Krieger,

Doch sie ist gefallen, gefallen immerdar …

O mountains of Gounib, 

O soldiers of Shamyl, 

Shamyl’s citadel was full of warriors, 

Yet it has fallen, fallen forever

Quelle: http://www.masud.co.uk/ISLAM/misc/shamyl.htm

Übersetzung: Thorsten Ramin

1Der Text stammt von 1995

2Weggefährten Mohammeds, (sun.) Urgemeinde, soll heißen, der Islam fand sehr schnell Anhänger

3 von arabisch ‏‫غزوة‬‎ ghazwa ‚Kriegszug, Raubzug, Angriffsschlacht

Schreibe einen Kommentar