Der Ausbruch von Polio in Syrien stellt die zivilisierte Welt an den Pranger

The Financial Times ‚A’List, 1. November 2013

Von Ahmed Rashid.

Polio ist in einer vernichtenden Form in den Mittleren Osten zurückgekehrt, als ein Ergebnis des Krieges, des Terrorismus, einem Zusammenbruch der Hilfsdienste und einer Flüchtlingskrise in der gesamten Region. Darüber hinaus ist der Stamm, der jetzt schon syrische Kinder infiziert, möglicherweise in Pakistan entstanden, das die gleichen Kriegs – und Flüchtlingserscheinungen erlebt.

Mindestens 10 Kinder sind in der Provinz Deir ez-Zor, im Osten Syriens, positiv auf Polio getestet worden,wobei weitere 12 laut WHO an Lähmungserscheinungen leiden, die befürchtet, dass ein großer regionaler Ausbruch der Krankheit bevorsteht, aufgrund des Zusammenbruchs der Hilfsdienste, nicht nur in Syrien, sondern ebenso im benachbarten Irak und sogar in Teilen des Libanon und Jordaniens, wo die lokalen Gesundheitseinrichtungen von Flüchtlingen überrannt werden.

Es ist eine erschreckende Anklage des absoluten Versagens der zivilisierten Welt in Syrien Frieden zu stiften, dass eine Krankheit, die die WHO und die Bill Gates-Stiftung nahezu eliminiert haben, mit aller Macht zurückgekehrt ist.

Junge Menschenleben werden im grenzenlosen Leid des Krieges zerstört. „Es ist der perfekte Sturm, um den Polio-Virus hinein zu tröpfeln. Das ist kein syrisches Problem. Das ist ein Problem des Mittleren Ostens.“ sagt Bruce Aylward, stellvertretender Generaldirektor für Polio bei der WHO. Er denkt, dass die bisher bestätigten Fälle nur „Spitze des Eisbergs“ sind.

Polio ist eine Infektionskrankheit, die Lähmung vor allem bei Kindern unter fünf hervorruft. Es gibt keine bekannte Heilung, aber Impfung hat nach einer 25 Jahre dauernden Offensive weltweit für gewaltige Erfolgsraten gesorgt. In früheren Zeiten war Polio nur in Pakistan, Afghanistan und Nigeria verbreitet – bis jetzt.

Die WHO hat angegeben, dass der Polio-Stamm aus Pakistan in Abwässern in Ägypten gefunden wurde, in Israel und im Westjordanland und Gaza, und es könnte sich durch bewaffnete Pakistaner nach Syrien verbreitet haben, die dort hinkamen um das Regime von Präsident Assad zu bekämpfen.

Die pakistanischen Taliban haben die Erlaubnis für Polio-Impfungen in den nordwestlichen Gegenden, die sie entlang der afghanischen Grenze kontrollieren, verweigert, obwohl die afghanischen Taliban Impfungen zulassen. Über 37 Fälle von Polio ist in der Folge in diesem Jahr im Nordwesten Pakistans berichtet worden und etwa 30 Pfleger, Doktoren, Sicherheitskräfte und Polizeibeamte sind in den letzten zwölf Monaten getötet worden.

Die Regierung von Premierminister Nawaz Sharif und die Armee haben eisern die Beendigung des Drohnenkrieges der USA in der Region verfolgt, und haben sogar an die Taliban appelliert, Friedensgespräche abzuhalten, aber die Regierung hat versagt eine Strategie zu liefern, oder eine ausreichend überzeugende Nachricht an die Taliban, eine Impf-Offensive zu erlauben.

Es ist ein wiederholter Fall irregeleiteter Prioritäten durch die höchsten Amtsinhaber des Landes, trotzdem wird der Mangel an Einsatz für die Bevölkerung jetzt im Mittleren Osten und Westen wiederholt, wo eine potentielle Polio-Epidemie in Syrien an unterster Stelle politischer Prioritäten steht.

Die WHO hat jetzt eine Notfall-Kampagne1 eingeleitet, um 20 Millionen Kinder in den nächsten zwei Monaten zu impfen – ein ungeheuer ambitioniertes Programm, angesichts des Krieges, der Gewalt und der großräumigen Flüchtlingsbewegungen in der gesamten Region. Bevor der zweieinhalbjährige Bürgerkrieg anfing, besaß Syrien eins der fortschrittlichsten Gesundheitssysteme in der arabischen Welt. Jetzt hat es kaum noch Unfallstationen, aufgrund der Zerstörung von Krankenhäusern, der Flucht von Ärzten und dem Zusammenbruch der öffentlichen Dienste, also klares Trinkwasser, Strom und Müllabfuhr. Die bestätigten Fälle in Syrien sind die ersten seit 14 Jahren.

Valerie Amos, die oberste Nothilfe-Koordinatorin der UNO, beichtete dem Sicherheitsrat letzte Woche, dass Kämpfer auf ebiden Seiten die Appelle des Rates ignoriert hatten, Katastrophenhelfern Zutritt zu allen Bereichen zu gestatten. „Was wir sehen, ist eine Verschlimmerung der Krise.“ sagte sie.

Das jedoch wirft eine umfassendere Frage auf. Wenn der UN-Sicherheitsrat nicht in der Lage ist, seine Streitigkeiten und seinen Patt zum Thema Syrien zu beenden, und wenn China und Russland nicht in Lage sind mit dem Westen eine gemeinsame Strategie zu finden, eine potentielle Polio-Epidemie zu bekämpfen, wie auf der Welt können wir dann zum Ende des Jahres eine Friedenskonferenz erwarten, oder auch nur irgendetwas, das zur Beendigung des Konfliktes beiträgt?

Außerdem hat die muslimische Welt die Polio-Krise kaum wahrgenommen. Saudi-Arabien hat jede Menge Sendezeit genutzt, um seinen Unmut gegenüber den USA zu äußern und warum es verweigert hat, seinen Sitz um UN-Sicherheitsrat zu besetzen, sowie jede Menge Geld für die Unterstützung der syrischen Rebellen auszugeben, aber hat es ein Wort über die Polio-Krise verloren? Das gilt genauso für die anderen Golf-Staaten und die erweiterte muslimische Welt.

Dies ist eine perfekte Aufgabe für die Organisation der Islamischen Konferenz, die zusammen 56 muslimische Länder versammelt: die Poliokrise und den Fall der Kinder auf die Spitze der Tagesordnung muslimischer Länder zu setzen. Bisher haben wir noch nicht einen Ton von der OIC gehört.

Wie wir es in vorherigen Bürgerkriegen in Afghanistan, im Libanon und anderswo bezeugten, verursachen sie gewaltiges menschliches Leiden. Doch nun macht es die Vernetzung der Welt möglich, dass das Chaos in einem Land die gesamte Welt infiziert. Mit Sicherheit ist das Leben von Kindern und die Verhinderung einer Polio-Epidemie ein Grund, der die Welt eher vereinen sollte als sie zu teilen, oder noch schlimmer, der von den Anführern der Welt ignoriert wird.

Quelle:

http://www.ahmedrashid.com/publications/pakistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

1http://www.polioeradication.org

Schreibe einen Kommentar