Der Angriff auf Pakistans Medien vor der Wahl

BBC onlineJuly04, 2018

Von Ahmed Rashid in Lahore

Stell dir vor du wachst in New York ohne New York Times auf, die Zeitungsstände sind geschlossen und die Händler weg.

So geht es vielen Pakistanern seit Monaten, da Dawn – die größte englische Zeitung in Pakistan – von ihren Frühstückstischen verschwunden ist.

Ein Großangriff der Zensur auf Fernsehkanäle, Zeitungen und soziale Medien, bereitet die Bühne für die Parlamentswahlen am 25. Juli.

Die Medien und einige politische Parteien werden von einer bewährten Allianz der Armee und der Justiz ferngesteuert, Journalisten und der ehemals herrschenden Partei zufolge – der Muslimliga von Pakistan – und ihrem Anführer Nawaz Sharif, der Premierminister war, bis er im letzten Jahr wegen Korruptionsvorwürfen entlassen und er aus der Politik ausgeschlossen wurde.

Armee und Justiz leugnen das.

Dennoch, es ist der Kampf zwischen Dawn und den Alteingesessenen, der die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog.

Dawn ist das inoffizielle Leitmedium – unersetzbar für Geschäftsleute, Diplomaten und Militäroffiziere gleichermaßen – und bekannt für seine einflussreichen Vorworte, die das Bild von Pakistan auf der gesamten Welt prägen.

Darüber hinaus hat Dawn einen speziellen Bezug zur pakistanischen Seele, denn sie wurde von Pakistans Gründer Mohammed Ali Jinnah vor der Teilung aufgebaut, als Muslime in Britisch-Indien keine Stimme hatten um mit der Kolonialmacht zu sprechen.

Seitdem wurde Dawn ironischerweise als das Blatt des Systems betrachtet.

Jetzt nicht mehr.

Dawn ist bedroht worden, seine Journalisten schikaniert, seinen Straßenverkäufern wurde verboten die Zeitung in den Militärbezirken in jeder Stadt des Landes zu verkaufen, Netzbetreiber rieten den Fernsehkanal einzustellen, und der Umsatz wurde massiv beschnitten, da Werbekunden gewarnt wurden, ihre Ware nicht in Dawn anzupreisen.

Letztes Jahr war die Zeitung in der Provinz Belutschistan wochenlang nicht zu bekommen.

Inzwischen sind andere Persönlichkeiten aus den Medien entführt worden, verhaftet und körperlich missbraucht, von merkwürdigen vermummten Männern, die kein Journalist sich traut zu benennen – obwohl jeder Journalist im Land überzeugt ist, dass sie zu den militärischen Geheimdiensten gehören.

Doch nach Monaten des Schweigens über das was es erduldete, oder worin genau die Beschwerden des Militärs (auch) bestehen, hat Dawn einen ehrlichen und unbequemen Leitartikel veröffentlicht.

Der Leitartikel beschreibt die wichtige, sachliche Berichterstattung über den ernsten Spalt ziviler und militärischer Obrigkeiten während der Nawaz Sharif-Regierung, der das Militär in Rage versetzt hatte, und dem Bestehen von Dawn auf dem Schutz ihrer Berichtsquellen – einem wesentlichen Element der Medienmoral weltweit.

Der Leitartikel hält fest, dass „eine Desinformationskampagne, Verleumdung und Beleidigung, Hass und praktisch Anstiftung zur Gewalt gegen Dawn und sein Personal es erforderlich machten, gewisse Dinge festzuhalten.“

Er fügt hinzu, dass Elemente „innerhalb oder Abteilungen des Staates“ verfassungsmäßige Freiheiten nicht unterstützen. Dawn gibt an seit Ende 2016 attackiert zu werden, jedoch in „größerem Ausmaß“ seit Mai diesen Jahres.

Im vergangenen Jahr wurden die größte Urdu-sprachige Zeitung Jhang und ihr verwandter Fernsehnachrichtensender Geo dermaßen finanziellen Repressalien und Drohungen unterworfen, dass sie ihr Personal drei Monate lang nicht bezahlen konnten.

Im Gegensatz zu Dawn scheinen ihre Chefherausgeber eine Art Kompromiss mit dem Militär geschlossen zu haben. Noch mehr unter Beschuss stehen Blogger in sozialen Medien, deren Schriften die Armee als Propaganda gegen den Staat beschreibt.

Derweil bestreitet das Militär häufig und sehr ungestüm, dass es die Presse behindert, dass es entschlossen ist, am 25. Juli für freie und gerechte Wahlen zu sorgen – jedoch gibt es zu, Kommentare in sozialen Medien zu beobachten.

Missachtung der Zivilgesellschaft daheim und der internationalen Gemeinschaft scheinen auf der Tagesordnung zu stehen.

Nur Stunden nachdem Pakistan auf die graue Liste der FATF1gesetzt wurde, wegen des Versagens etwas gegen Terrorfinanzierung von seinem Boden aus zu unternehmen, wurde ein Extremisten-Anführer, der auf Pakistans eigener Terrorliste stand, von ihr entfernt und seiner Partei erlaubt an den Wahlen teilzunehmen.

Mohammed Ahmed Ludhianvi, Chef der Ahl-e-Sunnat Wal Jamaat, einer gewalttätigen konfessionellen Gruppe, die bekannt dafür ist, Schiiten im Punjab zu töten, darf sich nun an der Politik beteiligen.

Seine Gruppierung – die einen anderen Namen angenommen hat – hat bereits dutzende Kandidaten registriert um in den Wahllisten zu stehen.

Eine weitere bekannte Extremistengruppe, die Lashkar-e-Taiba (oder Armee der Gläubigen), hat ebenso mehrere hundert Kandidaten zu Wahl aufgestellt, unter einem neuen Wahlnamen.

Lashkar wurde 2014 von der UNO zur globalen Terroristengruppe erklärt, und auf den Kopf ihres Anführers, Hafiz Saeed, sind 10 Millionen Dollar ausgesetzt.

Niemand gibt zu diese politischen Veränderungen angeordnet zu haben oder rechtfertigt sie. Keins der vielen Machtzentren – die Armee, die Justiz, die Interimsregierung – hat Verantwortung übernommen.

Die Presse ist zu eingeschüchtert um das Problem zu besprechen, warum Extremistengruppen derart protegiert und ermutigt werden, während weibliche Blogger, wie die bekannte Gul Bukhari, auf der Strasse in Lahore mitgenommen werden.

Große Teile der Fernlenkung, die bei den Wahlen vor sich geht, hat die gleichen geheimnisvollen und unbekannten Eigenschaften, wie wer leitet es und warum findet es statt. Pakistaner haben noch einen langen Weg vor sich, bevor sie in Ruhe jeden Morgen zum Frühstück Dawn lesen können, während Journalisten nicht mehr belästigt und bedroht werden, weil sie die Fakten berichten.

Quelle:http://www.ahmedrashid.com/publications/pakistan/articles/

Übersetzung: Thorsten Ramin