Das Evangelium der Anarchie von Justin Taylor – Kritik

Von Rayyan Al-Shawaf

[Harper Perennial]

Ein zufälliger Messias. Ein spontaner religiöser Kult. Gepriesenes und ruiniertes Leben in der Feuerprobe des Glaubens.

Wozu Anomie1 führenkann.

Im Evangelium der Anarchie werfen einige selbst-ausgestoßene Männer und Frauen in ihren frühen 20-ern, die von der Herkunft her verschieden, aber vereint von tiefer Unzufriedenheit und dem Wunsch nach einem Sinn in ihrem ziellosen Leben sind, ihre Hoffnungen und Energien in ein bizarres Glaubenssystem, das auf den anarcho-christlichen Grübeleien einer kürzlich verschwundenen Bekanntschaft basiert. Die idealistischen aber orientierungslosen Faulpelze tun sich zu einer Gruppe zusammen, die sich dem Ausleben und Verbreiten der seltsamen Doktrin des verschwundenen Mannes widmet, wobei Zweifler ohne viel Aufheben aus dem Weg geräumt werden. Justin Taylor, der Beifall für seine Kurzgeschichtensammlung Everything Here is the Best Thing Ever fand und es auf die Dzanc Books’ “20 Writers to Watch”-Liste schaffte, hat einen anspruchs- und eindrucksvollen—obwohl holprigen und frustrierenden—Roman über Entfremdung und den einzigartig menschlichen Drang geschrieben, dem Leben einen Sinn einzutrichtern. 

Wo ist Albert Camus wenn man ihn braucht? In seinem Essay “Der Mythos von Sisyphus”, behauptet der späte französische Existentialist, dass das Leben keine Bedeutung hat. Daraus folge, fährt er fort, dass es absolut schlüssig sei sich selbst zu töten. Aber Camus bietet auch einen Ausweg an, indem er den griechischen Mythos als Analogie bemüht. Er argumentiert, dass Seelenfrieden und sogar Glückseligkeit durch die Erkenntnis, dass der (Über-)Lebenskampf – fast wie Sisyphus’ Aufgabe, einen Stein einen Berg herauf zu schaffen, ihm herunter rollen zu sehen und den Prozess unendlich oft zu wiederholen—jeden Einzelnen von uns zu einem „absurden Helden“ mache.

Zu schade, dass die Hauptfiguren des Evangeliums der Anarchie die Nachricht nicht gehört haben. Nicht weil sie mit der Auffassung ringen, dass das Leben bedeutungslos ist, sondern weil sie entschlossen sind—sich vielleicht verpflichtet fühlen—ihm eine Meta-Bedeutung zu verleihen. Taylor sieht seine Geschichte offenbar als einen Kommentar auf die Verführungskraft von Ideologien in unserer “Ära des Post-Alles.”

 Das Evangelium der Anarchie spielt 1999. Mit der kurzen Aufregung der Jahrtausendwende zu der Zeit, ist das eine gute Idee. Aber generell, weder im Anlauf auf das Jahr 2000 noch heute, versuchen Amerikaner die Flucht vor der Freiheit. (Das ist der Titel einer famosen Arbeit über politische Psychologie, die die Flucht vor dem Terror und der Ungewissheit der Wahlfreiheit untersucht.) Falls sie das täten, sähen wir viel mehr Johnny Talibans2 und Adam Gadahns3.

Wir werden auch oft im echten Leben auf Nachbildungen von den Charakteren in dem Roman treffen—natürlich sind sie da draußen, aber nicht in großer Zahl. Faszinierenderweise, driften Taylors Figuren nicht in autoritäre Glaubenssysteme ab. Stattdessen finden sie Sicherheit in einer egalitären und anti-autoritären Pseudo-Philosophie. Trotzdem ist ihre Überzeugung nicht weniger dogmatisch.

Angesiedelt in Gainesville, Florida, wird Das Evangelium der Anarchie eingangs von David erzählt, der, unlängst von seiner Freundin getrennt, aus der Universität von Florida ausgeschieden ist, einen Job ohne Zukunft hat und in seiner Freizeit auf Internet-Pornoseiten surft. Als David seinem alten Kumpel Thomas über den Weg läuft, der die gleiche Universität geschmissen und den er schon eine Weile nicht mehr gesehen hat, stellt er fest, dass er sich von der alternativen Lebensart seines Freundes unwiderstehlich angezogen fühlt. Nicht nur als er sieht wie Thomas glückselig Essen aus dem Container hinter dem Falafelladen einsammelt, während ein Punkgirl aufpasst. David wird in ihr Haus eingeladen, wo er von der lebhaften, wenn auch ideellen Katy zu einem Dreier mit dem Punkmädel verführt wird. Er zieht prompt ein.

Ein auktorialer Erzähler, der David die Aufgabe des Geschichtenerzählens bis zum vorletzten Kapitel vor der Wiederaufnahme des Fadens für das Finale abnimmt, stellt dem Leser jetzt die Bewohner des Hauses vor—“Fischbauch,” nach der biblischen Geschichte von Jonas Aufenthalt im Eingeweide eines Wals. Zusätzlich zu seinen permanenten Einwohnern, ist Fischbauch Gasthaus für junge Durchreisende und ein älteres Hippiepaar, die in ihrem Van draußen davor schlafen. Die meisten teilen eine untergründige Abneigung gegen die politische Klasse, fühlen sich der Gesellschaft und ihrer kulturellen Regeln entfremdet und ernähren sich durch Ladendiebstahl, Essen schnorren und gelegentlich bezahlte Arbeit. Ironischerweise wird ihr Leben durch jemanden verändert werden, der nicht mehr unter ihnen ist. Der kürzlich verschwundene Parker war unauffällig—er kampierte draußen in einer Ecke von Fischbauchs Hinterhof. Aber er hatte etwas unwiderlegbar Geheimnisvolles und er hat eine Vielzahl von christlichen und anarchistischen Ideen zusammen-gemixt, die Katy gepackt haben, umso mehr seit er verschwunden ist. Sie hat beschlossen, dass er ein Prophet ist, wiewohl er sich vor so einer Vorstellung gescheut hätte.

Als an Parkers früherem Zeltplatz im Hinterhof ein vergrabenes Notizbuch gefunden wird, findet Katy darin das Zeichen auf das sie gewartet hat. Parker hat sie nicht verlassen. Im Gegenteil, er hat ihnen sein Wissen schriftlich anvertraut und er wird wiederkehren, wenn sie erst einmal seine Botschaft verkündet haben. Mit frischem Ansporn übernimmt es Katy Parkers anarcho-christliche Lehren durch verschiedene Mittel zu propagieren, über den Druck und die freie Verteilung eines Manuskripts seiner Notizbuchgrübeleien, übersetzt als Gutes Magazin, und über wöchentliche Treffen für die nicht erleuchteten Massen bei Fischbauch (amerikanisch Fishgut).

Passenderweise kramt der Autor in Parkers Überzeugungen. (Wären sie nicht erkundet worden, die Geschichte hätte einen unausgereiften Eindruck hinterlassen.) Hier ein Beispiel für Parkers Sicht des wahren Anarchisten als Christ und anders herum: “Als Christus von der Einhaltung des Gesetzes sprach, sprach er von der Auslöschung des Gesetzes, denn Perfektion heißt Stillstand, was Tod bedeutet. Wie der Christ über den Tod triumphiert, so tut es der Anarchist über das Gesetz − es gibt keinen Unterschied oder Unterscheidung zwischen den Hindernissen, noch weniger unter jenen, die über sie triumphieren.”

Es ist offensichtlich, dass solche Überzeugungen als clever aber irgendwo bekloppt formuliert daher kommen sollen. (Interessanterweise hat Taylor fast alles von Parkers Schriften aus den anonymen Arbeiten eines Anti-Copyright Verlags ausgewählt.) Trotzdem macht es diese Feststellung nicht einfacher, sich durch die Parkerismus-schweren Längen der Geschichte zu quälen. Das Allerlei von Pseudoglauben, das Parker formuliert und das seine Nachfolger Katy und David ausarbeiten, verfehlt so sehr zu fesseln, wie die Untersuchung der Natur des Konsumglaubens und der Psyche derer, die sie verführt.

Parker ist zugegebenermaßen ein komischer Vogel. Aber das heißt nicht, dass Taylor damit einen Urtypus geschaffen hat. Christlicher Anarchismus, um ihn von der Zufallsverspottung der anarchistischen und christlichen Ideen, die hier vorgeführt werden, zu differenzieren, hat tiefe historische und literarische Wurzeln. (Man denke nur an Tolstois Das Reich Gottes ist in Euch!) Zusätzlich ruft eine von Parkers wichtigsten Eigenschaften die Weltanschauung eines gewaltigen intellektuellen Vorfahren ins Gedächtnis: Baruch Spinoza, der abtrünnige jüdische Denker. Einige behaupteten, er sei „Gott-vergiftet“, denn obwohl er eine kritische Haltung gegenüber organisierten Religionen verfocht, gab er Gott—entweder aus Überzeugung oder in einem (schließlich gescheiterten) Versuch Vorwürfe des Atheismus abzuwehren—einen ständigen und herausragenden Platz in seiner philosophischen Weltanschauung. Parker ist kein Spinoza, aber er meidet tradiertes und organisiertes Christentum, so wie er “eine Gott-verzückte Sicht der Dinge” kultiviert.

Justin Taylor übertrifft sich darin, die emotionalen Verletzbarkeiten seiner Charaktere zu sondieren und ihre Anfälligkeit für Parkers radikale, irrationale, alles umfassende, utopische Ideologie. Parker hat sich von der (unbenannt christlichen) Religion seiner Jugend gelöst, “aber die Sprache, die Form des Denkens, steckt fest.” Mit Ernst, Bildung und vererbter sozialer Untauglichkeit, findet er einen Schritt Befriedigung im dem einsamen Unternehmen seine eigene Religion zu erspinnen.

Katy wurde, wie Parker, religiös erzogen—in ihrem Fall, katholisch, was man an ihr immer noch erkennen kann. Sie sucht nach einem Glaubenssystem, das ihrem Bedürfnis für demonstrative Heiligenverehrung entspricht. David jedoch ist nicht religiös geprägt. Er wurde in einem atheistischen jüdischen Haushalt aufgezogen (wie Thomas). Aber von einer in die Hose gegangenen romantischen Beziehung auf die Straße gesetzt, nach einer abgebrochenen College-Karriere und einem sinnlosen Job, steigt er voll auf eine verlockende spirituelle Lebensphilisophie ein.

Mit Feingefühl und Eleganz demonstriert Taylor ebenso die hypnotisierenden Wirkungen des Glaubens. Weil Katy und David sich Parkers Weltsicht so komplett hingeben, verlieren sie die Fähigkeit irgend etwas, dass für sie von ihm ausgegangen ist, kritisch zu betrachten. Und wirklich, als Thomas heimlich einen hochtrabenden aber durchsichtigen Absatz in Parkers Notizbuch einschiebt, beherzigen Katy und David seine vermeintliche Scharfsinnigkeit.

Allerdings zeigt uns Taylor schon, dass sogar Thomas irrt. Thomas verhöhnt seine Freunde für ihre Obsession an spirituellem Brimborium, aber sein Glauben an Wiedergutmachung durch gewaltsame anti-kapitalistische Revolution ist genauso verzweifelt und aufzehrend. Er wird von politischem Radikalismus genauso fasziniert wie seine Freunde durch hausgemachte Religion ferngesteuert werden, alles wegen dem Wunsch, das Leben mit einem Sinn zu adeln. Eine junge Frau, die Zeit in Fischbauch verbringt bevor es auseinanderbricht, stellt fest, dass sich sein Kern von einem “Wunsch nach einem umfassenden Horizont, einer totalisierenden Vision, einer Erkenntnistheorie, die ausreicht um die ganze Welt und Bedeutung für alles Unbekannte einzuschließen“, beseelen lässt.

Keinen Leser wird es überraschen, dass so eine totalitäre Überredung zu nichts Gutem führt. Am Ende bleibt seine unheimliche, glaubhafte Einleitung die beste Eigenschaft des Romans. Nach einem eindrucksvollen und widerhallenden Intro verfährt sich die Geschichte. Am meisten enttäuscht der Wechsel von Personen zu Theologie. Die (absichtlich) halb-stimmigen, anarcho-christlichen Überzeugungen, die Taylor untersucht, erwecken nicht halb so viel Interesse wie seine prickelnden, scharfsinnigen Einblicke in die psychologischen Veranlagungen seiner Figuren. Und die Folgen, auch wenn sie tragisch sind, solche Glauben zu verinnerlichen, erzeugen nie so viel Sympathie wie der Grund für ihre Verinnerlichung: die Suche nach Sinn in ansonsten leeren Leben.

_Rayyan Al-Shawaf ist Autor und Buchkritiker in Beirut, Libanon. Seine Rezensionen und Essays sind im Boston Globe, der Chicago Sun-Times, dem Globe und Mail, dem Miami Herald dem San Francisco Chronicle, der St. Petersburg Times und weiteren Publikationen erschienen._

[Verlagsnotiz: In den Danksagungen von “Das Evangelium der Anarchie“ dankt der Autor Justin Taylor, Charles McNair, Buchherausgeber bei Paste.]

Übersetzt von Thorsten Ramin

1 Abwesenheit von Herrschaft in der Soziologie, umgs. auch Anarchie genannt.

2 So eine Art amerikanischer Pierre Vogel (Anmerkung des Übersetzers).

3 Adam Pearlman stieg als Adam Yehije Gadahn zum Sprecher der Terrororganisation al-Qaida in den USA auf. (Quelle: Die Welt)

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