Das Erbe von 1989 in zwei Hemisphären

Noam Chomsky

These Times, Dezember 3, 2009

Der November erinnert an den Geburtstag der Hauptereignisse von 1989: „Das größte Jahr der Weltgeschichte seit 1945,“ wurde es vom britischen Historiker Timothy Garton Ash beschrieben.

Das Jahr „veränderte alles,“ schreibt Garton Ash. Michael Gorbatschows Reformen in Russland und sein „atemberaubender Verzicht auf den Gebrauch von Gewalt“ führten zum Fall der Mauer am 9. November – und zu der Befreiung Ost-Europas aus der russischen Tyrannei.

Die Auszeichnungen sind verdient; die Ereignisse denkwürdig. Aber alternative Perspektiven dürften aufschlussreich sein.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel lieferte – unfreiwillig – solch eine Perspektive, als sie uns alle aufrief „dieses unbezahlbare Geschenk der Freiheit zu nutzen, um die Mauern unserer Zeit einzureißen.“

Eine Möglichkeit ihren guten Rat zu befolgen wäre es, die starke Mauer zu zerlegen, die die in Berlin im Maßstab und Länge in den Schatten stellt und sich durch Palästina schlängelt, wobei sie gegen internationales Recht verstößt.

Die „Annektierungsmauer,“ wie sie heißen sollte, wird in Formeln der “ Sicherheit“ begründet –die Standardbegründung für so viele Taten der Staaten. Würde es um die Sicherheit gehen, wäre die Mauer entlang der Grenze gebaut worden und uneinnehmbar.

Die Absicht hinter der Monstrosität, die mit Unterstützung der USA und europäischer Beteiligung gebaut wurde, ist es, Israel den Zugriff auf wertvolles palästinensisches Land und die Hauptwasserressourcen der Region zu gestatten, aber der ursprünglichen Bevölkerung des früheren Palästina jegliche (über-)lebensfähige nationale Existenz zu versagen.

Ein anderer Blickwinkel auf 1989 kommt von Thomas Carothers, einem Wissenschaftler, der für die „democracy enhancement“-Programme (zur Demokratieförderung) der Administration unter dem vormaligen Präsidenten Ronald Reagan arbeitete.

Nachdem er sich die Aufzeichnung noch einmal angesehen hatte, schließt Carothers das alle Anführer der USA „schizophren“ waren – indem sie Demokratie unterstützten, falls sie den strategischen und wirtschaftlichen Zielen der USA entsprachen, wie in sowjetischen Satellitenstaaten, aber nicht in Klientelstaaten der USA.

Dieser Blickwinkel wird auf dramatische Art und Weise durch das kürzliche Gedenken an de Geschehnisse von 1989 bestätigt. Der Fall der Berliner Mauer wurde zurecht gefeiert, aber es wurde kaum davon Notiz genommen was eine Woche später passierte: Am 16. November wurden in San Salvador sechs der führenden Intellektuellen Lateinamerikas, jesuitische Priester gemeinsam mit einer Hausangestellten und deren Tochter, vom durch die USA bewaffneten Elite-Bataillon Atlacatl, ermordet, das gerade vom erneuten Training an der JFK Special Warfare School bei Fort Bragg, North Carolina, kam.page1image22384

Das Bataillon und seine Kohorten hatten bereits ein blutiges Tagebuch im grausigen Jahrzehnt von San Salvador geschrieben, das 1980 mit der Ermordung, durch die gleichen Hände, von Erzbischof Oscar Romero begann, bekannt als „die Stimme der Entrechteten.“ (The voice of the voiceless)

Während der Dekade des „Krieges gegen den Terror“, den die Reagan-Administration erklärt hatte, war der Horror überall in Zentralamerika ähnlich. Die Herrschaft von Folter, Mord und Vernichtung hinterließ hunderttausende Tote in der Region.

Der Unterschied zwischen der Befreiung sowjetischer Satellitenstaaten und der Zerstörung der Hoffnung in Klientelstaaten der USA ist auffallend und lehrreich – je mehr wir die Perspektive erweitern.

Die Ermordung der jesuitischen Intellektuellen beendete praktisch die „Befreiungstheologie“, der Aufschwung der Christlichkeit hatte seine modernen Wurzeln in den Unternehmungen Papst Johannes XXIII und dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das er 1962 einberief.

Das Zweite Vatikanische Konzil „leitete eine neue Ära in der Geschichte der Katholischen Kirche ein.“ schrieb der Theologe Hans Küng. Lateinamerikanische Bischöfe übernahmen „den vorrangigen Einsatz für die Armen.“

Dennoch erneuerten die Bischöfe den radikalen Pazifismus der Evangelien, der zu Grabe getragen wurde als Kaiser Konstantin das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reiches machte — „eine Revolution“ die, nach Küng, in weniger als einem Jahrzehnt aus „der verfolgten Kirche“ eine „verfolgende Kirche“ machte.

In der Phase nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil trugen lateinamerikanische Priester, Nonnen und Laien die Nachricht der Evangelien den Armen und Verfolgten zu, brachten sie in Gemeinschaften zusammen und ermutigten sie, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Die Antwort auf diese Häresie war gewaltsame Unterdrückung. Im Zug des Terrors und der Massaker waren die Akteure der Befreiungstheologie ein primäres Ziel.

Unter ihnen sind die sechs Märtyrer der Kirche, deren Exekution vor 20 Jahren jetzt mit einer ungebrochenen, tosenden Stille gedacht wird.

Letzten Monat diskutierten in Berlin die drei direkt am Mauerfall beteiligten Staatsoberhäupter — George H. W. Bush, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl – wem Dank gebührt.

„Ich weiß jetzt, dass der Himmel uns geholfen hat,“ sagte Kohl. George H.W. Bush lobte die Ostdeutschen, die „so lange auf ihre gottgegebenen Rechte verzichten mussten.“ Gorbatschow deutete an, dass die Vereinigten Staaten ihre eigene Perestroika benötigen.

Es gibt keine Fragen nach der Verantwortung für die Niederschlagung des Versuchs, die Kirche der Evangelien in den 80-ern wieder zu beleben.

Das Institut von Amerikan (die jetzt Western Hemisphere Institute for Security Cooperation heißt) in Fort Benning, Georgia, die lateinamerikanische Offiziere ausbildet, vermeldet stolz, dass das US-Militär dabei half „die Befreiungstheologie zu besiegen “ – geholfen hat, um sicher zu stellen, dass man vor dem Vatikan sicher ist, der die liebenswürdigere Ausdrucksweise von Vertreibung und Unterdrückung benutzt.

Die bittere Kampagne gegen den Verrat der durch das Zweite Vatikanische Konzil in Gang gesetzt wurde, findet ihren unvergleichbaren literarischen Ausdruck in Dostojewskis Parabel von Großinquisitor in „Die Brüder Karamasov.“

In dieser Geschichte, die in Sevilla zur „schrecklichsten Zeit der Inquisition“ spielt, erscheint Jesus Christus plötzlich in den Strassen, „gütig, unbeobachtet und obwohl schwer zu sagen ist warum, erkannte ihn jeder“ und wurde „unwiderstehlich von ihm angezogen.“

Der Großinquisitor „gebietet den Wachen Ihn zu ergreifen und Ihn weg zu führen“ ins Gefängnis. Dort klagt er Christus an, gekommen zu sein, um „uns aufzuhalten“ bei der immensen Arbeit die subversiven Ideen von Freiheit und Gemeinschaft zu zerstören. Wir folgen nicht Dir, warnt er Jesus, sondern eher Rom und dem „Schwert Caesars.“ Wir wollen alleinige Herrscher der Welt sein, so dass wir die „Schwachen und Niederträchtigen“ lehren können, dass sie nur frei sein können, wenn sie uns ihre Freiheit abtreten und sich uns unterwerfen.“ Dann werden sie schüchtern und verängstigt und glücklich sein. Darum, sagt der Inquisitor, „muss Ich Dich morgen verbrennen.“

Schließlich aber lenkt der Inquisitor ein und entlässt „Ihn in die dunklen Strassen der Stadt.“

Die Schüler des Instituts von Amerika praktizierten keine entsprechende Gnade.

Quelle: www.thorstenramin.net

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

Schreibe einen Kommentar