Das Chaos hat Pakistan im Griff

BBC News Asien,  25. Januar 2014

Von Ahmed Rashid.

Die Gewalt erreicht in Pakistan ein neues Niveau, mit Kämpfern, die eine Welle tödlicher Attacken entfesseln – und die Regierung schwankt. Was zu tun ist, schreibt Gastkolumnist Ahmed Rashid.

Dienstag, der 21. Januar war in Pakistan ein recht gewöhnlicher Tag. Neunundzwanzig schiitische Muslime wurden bei Quetta in der Provinz Belutschistan von sunnitischen Kämpfern getötet, nachdem ein Selbstmordattentäter mit einem Auto voller Sprengstoffe einen Bus gerammt hatte, in dem sie reisten. Derweil wurden in Karatschi drei Schiiten bei einem Angriff erschossen, angeblich von sunnitischen Extremisten.

Und am gleichen Tag wurde der renommierte Urdu-Schriftsteller Asghar Nadeem Syed von unbekannten Schützen in Lahore verwundet.

Inzwischen wurden drei Polio-Impfärzte, mitunter zwei Frauen, in Karatschi von Taliban-Kämpfern niedergeschossen – der dritte derartige Angriff in einer Woche.

Unterdessen gab die Armee bekannt, dass sie 40 Kämpfer bei einem Bombenangriff getötet habe, der selbst ein Vergeltungsschlag für ein Selbstmordattentat in der Nähe des Armeehauptquartiers in Rawalpindi am Vortag war. Bei diesem Angriff gab es 13 Tote, einschließlich acht Soldaten.

Einen Tag zuvor wurden 20 Soldaten bei einem Bombenangriff auf einen Armeekonvoi im Nord-Westen des Landes getötet.

Diese versuchte Machtdemonstration der Armee hat nur zu weiteren Angriffen der Taliban angespornt, die am 22. Januar bei verschiedenen Vorfällen 12 Sicherheitsleute töteten.

Die Gewalt ist schonungslos, beispiellos und erreicht beängstigende Ausmaße.

Es hat in den vergangenen Monaten eine Flucht des Kapitals gegeben und viele der Elite schicken ihre Kinder aus dem Land.

Seit Monaten hat Nawaz Sharifs Regierung eine fruchtlose Politik des Wunschs nach Verhandlungen mit den Bewaffneten verfolgt, doch hat das keine Fortschritte erzielt und ergab nur einen Scherbenhaufen.

Zugleich scheint Herr Sharif gelähmt, ohne Sinn für den Umgang mit der Krise, was heißen würde, die falschen Hoffnungen auf Gespräche fahren zu lassen und der Armee zu befehlen, die Extremisten zu verfolgen.

Seit er im letzten Juni an die Macht kam, hat sich Herr Sharif bezüglich sämtlicher seiner Pläne für Wirtschaftsreformen, Frieden mit Indien zu machen, zur Versöhnung in Afghanistan aufzurufen und der Militanz in der Heimat zu begegnen, sehr langsam bewegt. Er erscheint übergewichtig und krank, und viele Leute befürchten, er hat aufgegeben.

Spannungen zwischen der Armee und der Zivil-Regierung vermehren sich – da die Armee jetzt extrem enttäuscht über die politische Lähmung der Regierung ist, während ihre Soldaten in nie da gewesenen Zahlen sterben.

Dennoch, weder die Armee noch die Regierung haben irgendwelche Zeichen von sich gegeben, einen Null-Toleranz-Ansatz gegenüber dem Terrorismus zu verfolgen, was bedeuten würde alle Terroristengruppen zu verfolgen, einschließlich jener Punjab-Gruppen, die gegen die indische Herrschaft in Kaschmir kämpfen.

Bisher gewinnen die Kämpfer jeden Tag an Boden, indem sie die Öffentlichkeit und die Sicherheitskräfte mit ihren andauernden Angriffen demoralisieren.

Pakistanische Taliban-Angriffe auf Militärpersonal und Zivilisten beinhaltet jetzt Bombardierungen von Moscheen, Kirchen und Basaaren. Und in den vergangenen Monaten sind die Taliban versiert in gezielten Tötungen von Politikern, Bürokraten und hohen Vertretern der Armee und auch Polizei, indem sie Selbstmordattentäter benutzen, Bewaffnete auf Motorrädern oder Straßenminen.

Indessen führt die sunnitische Extremistengruppe Lashkar-e-Jhangvi, deren Anführer unverhohlen im Punjab leben, und nicht verhaftet wurden, praktisch eine völkermordenden Feldzug gegen Schiiten im ganzen Land.

Der Feldzug gegen die Schiiten betrifft inzwischen die gesamte Nation und jede Stadt und Provinz, einschließlich des Punjab, der bis vor Kurzem als sicher galt.

„Bewaffnete Gruppen … operieren praktische straffrei in Pakistan, da die Strafverfolgungsbehörden sich entweder blind stellen oder hilflos betteln um Angriffen vorzubeugen.“ sagte Human Rights Watch in seinem Jahresbericht, der am 21. Januar erschien. Der Bericht besagt, dass Talibanangriffe nun auf Kriegsverbrechen hinauslaufen.

So verzweifelt ist die Situation, dass Bill Gates, dessen Stiftung hilft, die Kampagne zu finanzieren, Pakistan von Polio zu befreien, vorgeschlagen hat, dieses Ziel aufzugeben wegen der Gewalt, bei der in den letzten 24 Monaten nahezu 30 Polio-Impfärzte von den Taliban getötet wurden. „Die Gewalt in Pakistan ist das Böse.“ verriet Herr Gates Reportern in New York am 22. Januar.

Jedermann ist klar, was zu tun ist.

Leute denken, Herr Sharif muss sich per TV an die Nation wenden und schildern, wie verheerend die Lage ist. Dann muss er so viele oppositionelle politische Parteien auf seiner Seite versammeln, die sich ihm anschließen – und die, die es nicht tun, können von der Regierung und der Armee schwer verhöhnt werden, dafür den Terrorismus zu unterstützen. Schließlich muss er die Armee anweisen, das Drehkreuz der Kämpfenden in Nord-Waziristan aufzuräumen.

Das Problem ist hingegen in den letzten Monaten noch komplizierter geworden, da islamische Extremisten in Karatschi, Sindh, dem Punjab und Belutschistan, die einst separat und isoliert waren, und unabhängig operierten, jetzt scheinbar unter der Flagge der Bewegung der Pakistanischen Taliban sind. Zusammen wollen sie das System stürzen, die Armee besiegen und dem Land ein Kalifat überstülpen.

Die Welt war Zeuge bei der dramatischen Wiederauferstehung von al-Qaida im Irak und in Syrien, was den Bürgerkrieg in Syrien sehr verkompliziert hat. Niemand hätte gedacht, dass al-Qaida die Macht hat Städte zu erobern, aber genau das hat sie im Irak getan, mit der Einnahme von Falludscha und Ramadi.

Gleichermaßen mies ist die Sicherheitslage in den pakistanischen Grenzstädten Peschawar und Quetta, genau wie im Meerhafen und Handelszentrum Karatschi, dass es nicht mehr lange dauert, bis ein Stadtbezirk – oder ein Teil davon – in die Hände der pakistanischen Taliban fällt.

Sollte sich die derzeitige Sicherheitslage verschlimmern, ist der nächste Schritt für die Taliban ein urbaner Aufruhr, wobei Spannungen zwischen dem Militär und Zivilisten zu einem militärischen Status unter Notstandsgesetzen oder sogar Kriegsrecht führen könnten.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/pakistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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