Das Buch J

(New York Times Review)
Gott spricht durch seine Frauen
von FRANK KERMODE

September 23, 1990


Wer ist dieser J, den Harold Bloom in „Das Buch J“ als einen der größten Autoren überhaupt beschreibt? Bisher bestand J aus nicht mehr als einem Flickwerk aus Abschnitten, von dem unbekannten Autor, oder den Autoren, der ersten fünf Bücher der Bibel. Bibelstudien haben nach langer und sorgfältiger Arbeit, und mit fortgesetzten Meinungsverschiedenheiten ergeben, dass diese Bücher eine Aufbereitung von zumindest vier separaten Schriftstücken sind (einige sagen mehr). Einem davon, das gewöhnlich als das älteste betrachtet wird, wurde der Name J gegeben, denn es bezieht sich auf Gott mit dem Namen Jahweh oder Yahweh. Ein anderes kennt man unter E, weil es Gott mit dem Plural Elohim benennt, ein Wort, das J nur für Engel gebraucht. Später folgen P, ein priesterlicher Mitwirkender, und D, der einen großen Teil des Deuteronomiums beitrug. Schließlich war da R, wie Redakteur, der, nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil, alle Bücher etwa in der gegenwärtigen Form vereinte.
Niemand weiß, wer J war, wie man den Autor von J kurz nennt, und viele glauben es gab mehrere Jota; doch Bloom, während er zustimmt, dass all diese verschiedenen Autoren beteiligt waren, ist ziemlich sicher, daß es nur einen J gab, den er für einen Autor hält, der vor 3000 Jahren in Jerusalem lebte, während der maßlosen Herrschaft Rehabeams. Diese Gestalt betete den halbgöttlichen David an und nahm am Leben des kulturell blühenden Hofes Salomos teil, zusammen mit einem anderen großem Autor, dem Verfasser von Samuel II, der vermutlich ein enger Freund war.


Bloom hat außerdem entschieden, dass J eine Frau war, zunächst argumentiert er scherzhaft, dass diese Annahme ebenso eine Fiktion ist, wie die Annahme, J sei ein Mann gewesen, und dann sachlicher, indem er Beweise für ihre weiblichen Vorlieben anführt. So sind Js markanteste Figuren Frauen; ihre männlichen oft kindlich. Selbst ihr Yahweh benimmt sich wie ein sturer, bockiger Junge, und wird mit einer mütterlichen Nachsicht behandelt, die mit Ironie gewürzt ist. Diese Hypothese wird mit der Gelehrsamkeit und Raffinesse, dem Zauber und der Frechheit ausgebaut, die charakteristisch für Bloom in Höchstform sind. Ich kann nur hoffen, dass ich nicht dermaßen Staub aufwirble,, dass der Rest dieses faszinierenden Buches nicht die angemessene Aufmerksamkeit erhält.

Bloom, der Autor von „Einflussangst“ und vieler anderer Bücher, hat in den letzten paar Jahren eine ganze Menge über J geschrieben, zuletzt und insbesondere in „Ruin the Sacred Truths“ (1989), in dem er J einen „gewaltig verschrobenen großen Schriftsteller nennt, dessen Komplexität und Ursprung sich uns immer noch verschließen“ – ein unheimlicher Autor, sagt er gerne, ein überragender Autor. Aus Blooms Sicht gibt es keinen Unterschied zwischen erhabener heiliger und erhabener weltlicher Literatur; J ist nicht mehr religiöser Autor wie Shakespeare, dem sie unter gewissen bloomianschen Gesichtpunkten gleicht. Dass J betrachtet werden sollte, als hätte sie etwas mit Religion zu tun, ist ein Ergebnis jahrhundertelangen Verlesens, durch Juden, Muslime und Christen. Blooms Arbeit besteht darin, alle diese Ansätze über Bord zu werfen, und zum ersten Mal aufzudecken, was für ein Buch diese Frau schrieb. Er kann sogar verlorene Abschnitte erläutern, die von ihren Nachfolgern vernichtet oder verändert wurden, weil er intuitiv weiß, dass sie sie geschrieben haben muss.

Also enthüllt und verehrt Bloom, ein Genießer des Vollendeten, weiterhin Lady J, die er jetzt als eine königliche Prinzessin darstellt, vielleicht eine Tochter Salomos: eine prächtige Aristokratin, eine Komödiantin, eine weibliche Ironikerin, einer der „starken“ Dichter Blooms. Er nimmt richtig an, dass Leute selten sinnvoll über Texte sprechen, ohne an ihre Autoren zu denken; daher dieses historische Konstrukt. Es existiert, um ihn in die Lage zu versetzen, seine erstaunlichen Bemerkungen über Js Buch zu machen, was er in einer Einführung (in der er mich nebenbei mit anderen Kritikern erwähnt, die die Bibel analysiert haben) und einem längeren Kommentar tut.

Zwischen den beiden befindet sich eine neue Übersetzung des Materials von J vom Dichter David Rosenberg, dem ehemaligen Chefherausgeber der Jewish Publication Society1. Rosenberg begrüßt Blooms These zu J, er wagt sogar eine eigene Schätzung, dass J in den 40-ern war, als sie schrieb. Er bietet eine Interpretation an, die sich eng an ihr schroffes Hebräisch halten soll, und die Betonungen der King James Bibel vermeidet (die, erstklassig wie sie ist, dazu tendiert, dass J und E und alle anderen sich gleich anhören), während er der Langeweile der modernen Fassungen ebenso aus dem Weg geht.

Diese gewagte und sehr nachdenkliche Fassung versucht die Wortspiele, die Ungereimtheiten und den Wortwitz des Originals zu reproduzieren. In einiger Hinsicht scheint das jedoch misslungen: Dryden sagte, dass Spencer, indem er die Alten imitierte, „keine Sprache festhielt“, und modernes Englisch so zu schreiben, als könne es die Prägnanz und die Rhythmen biblischen Hebräischs nachahmen, nimmt in Kauf, sich in der Sprache zu verzettteln.

Hier sind einige Einwände: “Der Mann nannte seine Frau Hava. Sie würde allem Lebendigen, den Weg ebnen, Mutter“ [Luther-Bibel: Adam nannte seine Frau Hava (Eva); denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.] (Genesis 3,20) ist kaum englisch. Noch „’Nein’, sagte er jetzt, ‚deine Seite ist gespalten, verlass dich drauf’” [Es ist nicht so, du hast gelacht.] (Genesis 18:15). Manchmal fällt der Versuch, moderne Plattitüden zu vermeiden, selbst flach aus: „Welches Drama hast du uns eingebracht/-brockt?“ [Warum hast du uns das angetan?] (Genesis 26:10). Und was sollen wir aus Esaus Beschwerde machen (Genesis 27:36) “Wurde er Jakob genannt, Ferse in der Hand … dass er eines Tages hinter mir her tölpeln würde, zweimal?“ [Da sprach er: Er heißt mit Recht Jakob, denn er hat mich nun zweimal überlistet.] Was hat tölpeln mit dem Diebstahl von Geburtsrecht und Segen zu tun?

“Das Buch J” sagt “Die Augen von Lea waren erlesen.” Vielleicht ist das hebräische Wort unklar; Die King James Variante sagt „zarter Blick – tender eyed“ [Aber Leas Augen waren ohne Glanz] (Genesis 29:17), die Neue Englische Bibel von einem „trüben Blick (dull-eyed)“. Ich habe es in der Septuaginta nachgeschlagen, der griechisch-jüdischen Bibel, weil ich mutmaßte, dass die Juden, die es geschrieben haben, und 2 300 Jahre näher am Ursprung waren, vielleicht wüssten was es hieß. Sie sagten Leas Augen waren astheneis, soll heißen “kränklich”, “schwach”, und das Lexikon gibt keinerlei Hinweis darauf, dass es benutzt werden könnte, um attraktive Eigenschaften zu beschreiben.

Die Geschichte von Dina hört sich auch merkwürdig an. Als sie losging, um „einige Freundinnen auf dem Land“ zu treffen, nahm Shechem sie gefangen: „Als er neben ihr lag, war sie schutzlos (Lying with her, her guard was broken.)“ Hier baumelt ein Partizip, genau wie eine besondere Jungfräulichkeit. Shechem aber, hatte sich in sie verliebt (die King James Bibel sagt „seine Seele hing an Dina“ […und sein Herz hing an ihr] (Genesis 34:3), und das Griechische ist näher daran). Schließlich, kann man sich nicht vorstellen, dass ein großer Autor Moses den Satz in den Mund legt, „Mein Herr, warum hast du dein Volk in diese traurige Situation gebracht?“ [Herr, warum tust du so übel an diesem Volk?] (Exodus 5:22).Immerhin mögen wir zeitweise denken, wir hörten in dieser Übersetzung die Stimme von Blooms großen, unerwarteten, unheimlichen Autor.

Streng genommen, könnte man sagen, Blooms Beitrag enthielte einiges Geschwätz und Wiederholungen, aber er ist so betörend, dass derlei Beschwerden unhöflich wären. Er wird sagen was er auch sagen muss, wie unerwartet es auch sei, um Js „ganze Absicht“ zu entblößen. Mehrere Jahrtausende falsch verstanden, aus den falschen Gründen von einer langen Reihe Übersetzer verehrt, ist diese gebildete, humorvolle, bei manchen Gelegenheiten sogar anzügliche Autorin näher an Kafka als an der Thora, wie wir sie kennen. Ihre „überragende Dichtung“ hat nichts mit Frömmigkeit zu tun. Ihr Stil ist kurz angebunden, ironisch, sie richtet nie, klagt niemals an. Ihre Erzählung von Adam und Eva hat nichts mit Ungnade zu tun, nur mit einer willkürlichen und unangemessenen Strafe. Ihre Version von der Schöpfung Adams beschert uns einen lüsternen Yahweh, der den Hauch des Lebens in eine Schlammpfütze bläst; Evas Schöpfung jedoch, wird liebevoll verweilt, weil sie Adam natürlich überlegen ist.

Js Freude an diesen Volkssagen verringert nicht ihr Interesse an der Politik ihrer Zeit, und ihr Buch, sagt man uns, ist, in erster Linie, eine Klage um den Niedergang des Königreichs, das Verblassen des Segens, den David weitergab.

In “Das Buch J” erstrahlen Geniestreiche, verschwinden, und werden durch andere ersetzt. Es ist hart für den Rezensenten, so wenige davon besprechen zu können. Gläubige und Fundamentalisten mögen schockiert sein, aber auf andere wird die Wirkung erfrischend sein, mit ein wenig von dem Schrecken, den man erfährt, wenn ein altes Familiengemälde gerade restauriert wurde. Und sogar jene, die daran zweifeln, dass Bloom sein 3000 Jahre altes Genie wirklich identifiziert und angemessen beschrieben hat, werden diesem Autor die Anerkennung sicherlich nicht verweigern. Auch wenn er schon immer produktiv und begabt war, ist dies sein bestes Buch.

Frank Kermode, ein Literaturkritiker, dessen Bücher „Appetit auf Poesie“ und „Die Kunst des Erzählens“ umfassen, ist neben Robert Alter Mitherausgeber von “Der literarische Bibelleitfaden.“

Quelle: The New York Times on the web-Books

1 http://www.jewishpub.org/

Schreibe einen Kommentar