Das afghanische Schlachtfeld ist komplizierter geworden

ALJAZEERA Meinung, 02.November 2015

Von Ahmed Rashid

Das System in Kabul befindet sich im Zustand der Panik wegen der aktuellen Taliban-Offensive – durch die ihnen seit 2002 die erste Großstadt in die Hände fiel, ein Dutzend Bezirkssitze eingenommen wurde und großflächiger Bodengewinn im gesamten Land. Die Lage hat außerdem die Abwanderung junger Afghanen anschwellen lassen, die sich dem Migrantenstrom anschließen um nach Deutschland zu gelangen. 

Dennoch, für den gewöhnlichen Afghanen ist der Schwall an von Erklärungen durch afghanische Anführer und Medienberichte noch schrecklicher, dass hinter den Kulissen eine noch schlimmere und mächtigere Macht lauert – der Islamische Staat des Irak und der Levante (ISIL)-

Afghanische und ausländische Medienberichte behaupten, ISIL mache ständig militärisch Boden, rekrutiere Talibankämpfer für ihre Sache, und gebe riesige Mengen Geld aus, wobei entsetzliche Strafen über die verhängt werden, die gegen sie sind.

Der afghanische Präsident Ashraf Ghani hat seine westlichen Befürworter vielfach gewarnt, dass ISIL die nächste große Bedrohung für Afghanistan ist.

Kompliziert und blutig

In Wirklichkeit ist das afghanische Schlachtfeld wesentlich komplexer und blutiger geworden, seit der Bekanntmachung im Juli, dass Talibananführer Mullah Mohammad Omar vor zwei Jahren gestorben ist und die Führung durch seinen Stellvertreter Mullah Akhtar Mohammed Mansour manipuliert wurde.

ISIL bot sich sofort als Alternative zu Mullah Mansours Führung an, dessen Wahl zum Talibananführer umstritten war. Abtrünnige Hardlinergruppen der Taliban verweigerten ihm entweder die Akzeptanz oder zollten seiner Anführung nur Lippenbekenntnisse; sie glauben, er sei ihnen von Pakistan aufgebürdet worden, sie lehnen den Gedanken an Friedensgespräche mit der Regierung in Kabul ab und sie verübeln, dass die Macht nun von dem Stamm der Alizai-Paschtunen ausgeübt wird, zu dem Mansour gehört.

Weitere Hauptfiguren, die sich überlegen Mansour fallen zu lassen und sich zur ISIL zu verabschieden sind der bekannte militätische Stratege und Ex-Guantánamo-Häftling Abdul Qayyum Zakir von den Alizai-Paschtunen, Mansour Dadullah vom Kakar-Stamm, dessen jüngerer Bruder Mullah Dadullah von britischen Truppen getötet wurde, und Mullah Baz Mohammed vom Noorzai-Stamm.

Bisher ist die ISIL jedoch von unwichtigen unzufriedenen Taliban angeführt worden, die ihre Entfremdung zum ersten Mal 2015 verlauten ließen. In einem Propagandavideo, das binnen kurzem veröffentlicht wurde nachdem sie der ISIL ihre Treue geschworen hatten, wurde ein recht unbekannter ehemaliger Talib, Hafiz Saeed Khan, von der ISIL zum Gouverneur der neu benannten Provinz Khorasan ernannt, die Pakistan, Afghanistan und Teile von Zentralasien umfasst.

ISILs größte Gewinne

Sein Stellvertreter, Mullah Abdul Rauf Khadim aus der Provinz Helmand im Süden, wurde bald durch einen US-Drohnenangriff getötet, während Rekrutierungszellen der ISIL auch in der Provinz Farah im westlichen und nördlichen Afghanistan aufgebaut wurden.

Darüber hinaus beschlossen bedeutende zentralasiatische Gruppen, wie die Islamische Bewegung von Usbekistan (IMU), die seit zwei Jahrzehnten ergeben für die Taliban gekämpft hat, der ISIL Treue zu schwören, auch wenn sie das nicht davon abhielt, sich den Taliban bei ihrem Überfall auf Kunduz anzuschließen.

Nach Kunduz entschieden sich mehr und mehr abtrünnige Talibangruppen lieber an Mullah Mansours Führung festzuhalten als zur ISIL zu wechseln.

ISIL machte ihre größten Erträge nur in einer Provinz – Nangarhar, die an Pakistan grenzt. Hier herrscht weiterhin ein aktiver Bürgerkrieg zwischen den Taliban und ehemanligen Taliban, die die Seite gewechselt haben, um sich der ISIL anzuschließen.

Diese Kämpfe haben weniger mit ideologischen Gründen zu tun als mit der Kontrolle des erträglichen Handels und Warenschmuggels, Geldwäsche, und das Wichtigste, Heroin, das durch die Provinzhauptstädte Jalalabad und Peschawar weiter nach Westeuropa gereicht wird. Jalalabad ist in den frühen 90-ern zu einem Drogendurchgangszentrum geworden, noch bevor die Taliban auftauchten. 

Die wahre Gelegenheit für diese Abtrünnigen, ihre beengte Machtposition auszubauen, ergab sich im August, nach dem Zusammenbruch der Talibanführung, das wurde aber schnell vom bemerkenswerten Erfolg der Einnnahme von Kunduz überdeckt, und das man es zwei Wochen lang halten konnte. Nach Kunduz beschloss eine abtrünnige Talibangruppen nach der anderen, lieber zu Mullah Mansour zu halten als zu der ISIL zu wechseln. 

Darüber hinaus – nach einer langen Auszeit – verjüngte sich al-Qaida, indem sie „al-Qaida auf dem indischen Subkomtinent“ erschuf, mit Elementen der Taliban und den mannigfaltigen Gruppen mit Sitz im Punjab, die in der Vergangenheit im indischen Kaschmir kämpften oder Teil von al-Qaida waren. Mullah Mansour schwor auch dem al-Qaida-Chef die Treue, Ayman al-Zawahiri.

ISIL erlebt nun Konkurrenz, sowohl von den regenerierten Talib und al-Qaida. Mullah Mansour schrieb den ISIL-Anführern in Baghdad im Juni einen wütenden Brief, und bestellte ihnen, sie sollten aufhören sich in Afghanistan einzumischen und dass der „Dschihad gegen die amerikanischen Eindringlinge und ihre Sklaven in Afghanistan unter einer Fahne, einem Anführer und einem Kommando“ stehen müsse.

Viele Talib befürchten erneut unter fremde Flagge zu geraten, so wie durch die Araber zur Zeit der Freundschaft zwischen Osama bin Laden und Mullah Omar.

Stammlich bedingte Probleme

Es bestehen teife stammes-, religiöse und traditionelle Gräben für die ISIL, um in Afghanistan Fortschritte zu erzielen. Die Taliban sind dort seit 1993, und sogar vorher waren die dirt, die mit den Mudjaheddin gegen die Sowjets gekämpft haben. Sie werden ihre Ziele und Zählebigkeit nicht an Außenseiter wie die ISIL abgeben.

Viele von ihnen hassten die Anwesenheit arabischer Kämpfer unter Osama bin Laden und sie werden ihren Werdegang und Stallgeruch des Kampfes für ihre eigenen Anführer nicht um der ISIL willen aufgeben.

Noch werden es Talibananführer mit ihren reichhaltigen Einkommensquellen, Besitz und Geschäften in Pakistan; und ihr stammes- und ideologisches Gefolge wird seine bevorzugten Stellungen nicht Außenstehenden überlassen.

Viele Talib befürchten, erneut übernommen zu werden, wie sie es von den Arabern während der Zeit der Freundschaft Osama bin Ladens mit Mullah Omar wurden. Unter der Anführung der ISIL befänden sie sich wieder einmal unter arabischer Vormundschaft.

Sie hatten Mullah Omar einen Treueschwur geleistet, und nun Mullah Mansour, dem der selbe Titel zuteil wurde wie Mullah Omar – Amir al-Mu’minin (Anführer der Gläubigen). Sie können nicht gleichzeitig Abu Bakr al-Baghdadi als ihren neuen Anführer und Kalifen anerkennen.

Auch sind die Talib keine globalen Dschihadisten. Sie sprachen nie von einem weltweiten Kalifat, selbst wenn sie ein islamisches Afghanistan wollen, in dem das Gesetz der Scharia herrscht. Ihre Vorhaben waren immer begrenzter als die von al-Qaida oder ISIL, und genau das macht sie offen für Gespräche und Versöhnung. Eine Versöhnung mit einem globalen Gotteskrieger ist schwer auszumalen.

ISILs lange Liste von Gräueltataen in der Provinz Nagahar – wie das in die Luft jagen von Gefangenen mit Sprengstoff und Vergewaltigung von Frauen – haben bei vielen Afghanen eine Abkehr bewirkt. Auch wenn ISIL betrachtlicher Reichtum zur Verfügung steht um unzufriedene Taliban anzuwerben, sind die Taliban immer noch eine etablierte Bewegung religiös motivierter Afghanen, die fremde Eindringlinge abwehrten, als es die ISIL noch gar nicht gab.

Ahmed Rashid ist der Autor von fünf Büchern über Afghanistan, Pakistan und Zentralasien. Sein Letztes ist „Pakistan am Abgrund“.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin