DAS ÄNDERT ALLES von Naomi Klein

NAOMI KLEIN

DAS ÄNDERT ALLES

KAPITALISMUS vs. KLIMA

deutsch von Thorsten Ramin

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Zu Simon & Schuster

Einleitung

SO ODER SO, ALLES VERÄNDERT SICH

„Die meisten Klimawandelprognosen gehen davon aus, dass zukünftige Veränderungen – Treibgasemissionen, Temperaturanstiege und Folgen wie der Anstieg der Meeresspiegel – schrittweise vor sich gehen. Eine vorgegebene Menge Ausstoß wird zu einem vorgegebenen Temperaturanstieg führen, was wiederum zu einem vorgegebenen Meeresspiegelanstieg führt. Jedoch belegt die Klimaaufzeichnung Beispiele für Veränderungen eines Faktors, der zu jähen Veränderungen des ganzen Systems führte. Mit anderen Worten, die globalen Temperaturen über gewisse Grenzen hinaus zu treiben, könnte schlagartige, unvorhersagbare und möglicherweise unaufhaltbare Veränderungen in Gang setzen, die äußerst zerstörerische und umfassende Auswirkungen mit sich bringen. Dann, selbst wenn wir der Atmosphäre kein zusätzliches CO2 mehr zufügen, werden möglicherweise unaufhaltbare Prozesse in Gang gesetzt. Wir können uns das als plötzliche Klimabremse vorstellen, als gesteuertes Versagen, und das Problem und seine Folgen sind in dem Moment für uns nicht mehr unter kontrollierbar.“

– Bericht der American Association for the Advancemant of Science,der größten wissenschaftlichen Gesellschaft der Welt, 20141

„Ich liebe den Duft der Abgase.”

– Sarah Palin, 20112

Eine Stimme kam durch die Sprechanlage: Würden die Passagiere des Flugs 3935, der laut Flugplan Washington D.C. in Richtung Charleston in South Carolina1 aufbrechen sollte, bitte ihr Handgepäck einsammeln und das Flugzeug verlassen.

Sie stiegen die Stufen hinab und versammelten sich auf dem Rollfeld. Dort sahen sie etwas sehr ungewöhnliches: Die Räder des Jets von US Airways waren in dem schwarzen Untergrund versunken, als wäre es Gummi. Die Räder steckten tatsächlich so fest, dass der Lastwagen, der das Flugzeug anschleppen sollte, es nicht von der Stelle bekam. Die Fluggesellschaft hatte gehofft, dass das Flugzeug ohne das zusätzliche Gewicht der fünfunddreißig Passagiere des Flugs leicht genug wäre zum anschleppen. Jemand setzte ein Bild ins Netz: „Warum ist mein Flug abgesagt? Weil es in D.C. so verdammt heiß ist, dass unser Flieger 10 cm im Boden versunken ist.“3

Schließlich wurde ein größeres, stärkeres Fahrzeug gebracht, um das Flugzeug anzuschleppen, und dieses Mal funtionierte es; das Flugzeug hob am Ende ab, drei Sunden hinter dem Zeitplan. Ein Sprecher der Fluggesellschaft machte „sehr ungewöhnliche Temperaturen“ für den Vorfall verantwortlich.4

Die Temperaturen im Sommer 2012 waren wirklich sehr heiß. (Genau wie im Jahr davor und im Jahr danach.) Und es ist kein Geheimnis warum das geschah: Die maßlose Verbrennung fossiler Treibstoffe, genau die Sache, zu der US Airways verpflichtet und entschlossen war zu tun, anstelle der Unannehmlichkeiten eines geschmolzenen Rollfeldes. Diese Ironie – die Tatsache, dass das Verbrennen fossiler Brennstoffe unser Klima so radikal verändert, dass es unsere Mögllichkeiten, fossile Brennstoffe zu verbrennen, begrenzt – hielt die Passagiere von Flug 3935 nicht davon ab, wieder einzusteigen und ihre Reise fortzusetzen. Noch wurde der Klimawandel in irgendeinem der Berichte der großen Nachrichtenmagazine überhaupt nur erwähnt. Es steht mir nicht zu, über diese Passagiere zu urteilen. Wir alle, die wir einen gehobenen Lebensstil genießen, wo immer wir auch wohnen, sind, bildlich gesprochen, Passagiere des Flugs 3935. Angesichts einer Krise, die unser Überleben als Art bedroht, treibt unsere gesamte Kultur genau die Sache weiter, die die Krise verursacht hat, jedoch eifriger als je zuvor. So wie die Fluggesellschaft einen Lastwagen mit einem größeren Motor einsetzte um das Flugzeug anzuziehen, erhöht die globale Wirtschaft den Einsatz um noch schmutzigere und gefährlichere Varianten als die herkömmlichen fossilen Brennstoffe – Bitumen aus dem Teersand von Alberta, Öl aus Tiefseebohrungen, Gas aus hydraulischem Bruch (Fracking), Kohle aus gesprengten Gebirgen, und so fort.

Derweil produziert jede wohlgenährte Naturkatatrophe neue aberwitzige Schnappschüsse des Klimas, das zunehmend unwirtlich für genau die Industrien ist, die für seine Erwärmung verantwortlich zeichnen. Wie das historische Hochwasser in Calgary 2013, das die Ölfirmen, die den Teersand aus Alberta abbauen, dazu zwang, die Sache geheim zu halten und ihre Angestellten nach Hause zu schicken, während ein Zug, geladen mit brennbarem Ölderivaten, vor dem Abgrund einer zusammenstürzenden Bahnbrücke schwankte. Oder die Dürre, die der Mississippi-Fluss ein Jahr zuvor erlebte, die den Wasserstand so weit nach unten trieb, dass mit Öl und Kohle beladenen Kähne tagelang nicht von der Stelle kamen, während sie darauf warteten, dass das Heerescorps der Ingenieure einen Kanal ausbaggerte (die mussten sich die Mittel aneignen, die dafür gedacht waren, die Schäden des historischen Hochwassers auf dem selben Fluss vom Vorjahr zu reparieren). Oder die kohlebetriebenen Kraftwerke in anderen Ecken des Landes, die zeitweise heruntergefahren wurden, weil die Wasserstraßen, die sie benutzten, um ihre Anlagen zu kühlen, entweder zu warm oder zu ausgetrocknet waren (oder, gelegentlich, beides).

Mit dieser Art kognitiver Unstimmigkeit zu leben, ist schlicht Teil des Lebens in diesen bewegenden Momenten der Geschichte, wenn eine Krise, die wir fleißig gepflegt haben, uns um die Ohren fliegt – und doch spielen wir die Sache herunter, und das ist die Hauptursache der Krise.

Ich habe den Klimawandel länger ignoriert als ich zugeben mag. Klar wusste ich, dass es passiert. Nicht so wie Donald Trump oder die Leute von der Tea Party, die immer und immer wieder sagen, dass das Weiterbestehen des Winters beweise, es sei alles Unfug. Ich kümmerte mich kaum um die Einzelheiten und überflog die meisten Nachrichten, vor allem die wirklich Erschreckenden. Ich sagte mir, dass Wissenschaft zu komplex sei und dass die Umwelschützer sich bereits darum kümmerten. Und ich fuhr fort, so zu tun, als sei nichts falsches an der glänzenden Karte in meiner Brieftasche, die mir einen „elitären“ Vielfliegerstatus attestierte.

Viele von uns beteiligen sich an dieser Verleugnung des Klimawandels. Wir sehen einen Moment lang hin, doch dann schauen wir wieder weg. Oder wir sehen hin, machen dann aber einen Witz daraus („Noch mehr Zeichen für die Apokalypse!“). Was ebenso ein Wegsehen ist.

Oder wir sehen hin, aber erzählen uns beruhigende Geschichten darüber, wie schlau der Mensch ist und wie er ein technisches Wunder vollbringen wird, das den Kohlenstoff sicher aus dem Himmel saugt oder auf märchenhafte Weise die Temperatur der Sonne herunterdrehen wird. Was, wie ich bei der Recherche für dieses Buch herausgefunden habe, nur eine weitere Weise ist, wegzusehen.

Oder wir sehen hin, versuchen aber aufgedreht rational darüber zu denken („Mit jedem Euro ist es effizienter, sich auf die wirtschaftliche Entwickling zu konzentrieren, da Wohlstand der beste Schutz vor extremen Wetterbedingungen ist.“) – als würden ein paar Dollar mehr einen großen Unterschied machen, wenn deine Stadt unter Wasser steht. Auch ein Weg wegzuschauen, wenn du zufällig ein politischer Nerd bist.

Oder wir schauen hin und sagen uns, dass wir zu beschäftigt sind, uns um etwas so Fernes und Abstraktes zu kümmern – selbst wenn wir das Hochwasser in der U-Bahn von New York City gesehen haben, und die Menschen auf den Dächern in New Orleans, und wissen, dass niemand sicher ist, die Schutzbedürfdigsten am allerwenigsten. Und wenn das auch absolut verständlich ist, ist es doch ein Weg wegzuschauen.

Oder wir sehen es, sagen uns aber, dass wir nur an uns denken können. Nachdenken und auf Märkten einkaufen und nicht mehr Auto fahren – vergessen aber hauptsächlich, die Verfahren zu verändern, die die Krise ausweglos machen, denn es ist zu viel „negative Energie“ und es wird nie funktionieren. Und zunächst mag es so aussehen, als würden wir hinsehen, denn viele dieser Veränderungen des Lebenswandels sind wirklich Teil der Lösung, aber wir halten ein Auge weiterhin fest verschlossen.

Oder wir sehen hin – sehen wirklich hin – doch dann scheinen wir es zwangsläufig zu vergessen. Erinnern uns und vergessen wieder. So ist der Klimawandel; es ist schwer sich lange damit zu beschäftigen. Wir betreiben diesen merkwürdigen Wieder-da-Wieder-weg-Gedächtnisschwund aus sehr nachvollziehbaren Gründen. Wir leugnen es, weil wir befürchten, dass die Anerkennung der vollen Realität der Krise alles verändern wird. Und damit liegen wir richtig.5

Es ist uns bewusst, dass wenn wir auf dem derzeitigen Weg weitergehen und zulassen, dass die Emissionen Jahr um Jahr zunehmen, der Klimawandel alles auf der Welt verändern wird. Großstädte werden sehr wahrscheinlich im Wasser untergehen, alte Kulturen werden vom Meer verschluckt werden, und die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass unsere Kinder einen großen Teil ihres Lebens damit verbringen werden, vor teuflischen Stürmen und extremen Dürren zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen. Und wir müssen gar nichts tun, um diese Zukunft herbeizuführen. Wir müssen einfach nichts tun. Nur mit dem weitermachen, was wir nun tun, sei es auf eine technische Lösung zu warten oder unsere Gärten versorgen oder uns erzählen, dass wir leider zu beschäftigt sind um uns damit zu befassen.

Wir müssen uns nur nicht verhalten als sei es eine ausgewachsene Krise. Wir müssen nur weiterhin verdrängen, wie verängstigt wir wirklich sind. Und dann, Stück für Stück, werden wir zu dem Punkt kommen, den wir am meisten fürchten, die Sache, vor der wir unsere Augen verschlossen haben. Mehr ist nicht nötig.

Man kann diese düstere Zukunft umgehen, oder sie zumindest sehr viel weniger grauenhaft gestalten. Der Trick besteht darin, trotzdem alles zu verändern. Für uns Großverbraucher heißt das, zu verändern, wie wir leben, wie unsere Wirtschaften funktionieren, sogar die Geschichten über unsere Stellung auf der Erde. Die gute Nachricht ist, dass viele dieser Veränderungen eindeutig ohne Katastrophen auskommen. Viele davon sind geradezu spannend. Aber das war mir lange Zeit nicht aufgefallen.

Ich erinnere mich genau an den Augenblick, in dem ich anfing meine Augen für die Realität des Klimawandels zu öffnen, oder zumindest, wie ich meinen Augen zum ersten Mal gestattete, eine gewisse Zeit bei der Sache zu verweilen. Es war in Genf, im April 2009, und ich traf mich mit Boliviens Botschafterin bei der Welthandelsgesellschaft (WTO), damals eine erstaunlich junge Frau namens Angélica Navarro Llanos. Da Bolivien ein armes Land ist, mit einem kleinen internationalen Etat, hatte sich Navarro Llanos kurz zuvor der Klimasache angenommen, neben ihrer Verantwortung für den Handel. Beim Essen in einem leeren chinesischen Restaurant erklärte sie mir (mit Hilfe von Stäbchen, als Markierungen für das Wachstum des globalen Ausstoßes), dass sie den Klimawandel sowohl als schreckliche Bedrohung für ihr Volk wahrnahm – aber auch als Möglichkeit.

Als Bedrohung aus naheliegenden Gründen: Bolivien ist außerordentlich abhängig von seinen Gletschern, wegen Trink- und Abwassern, und die weißen Gipfel der Berge, die sich über der Hauptstadt auftürmen, waren alarmierend grau und braun geworden. Die Möglichkeit bestehe darin, sagte Navarro Llosa, dass ihr Land aufgrund seiner Nichtbeteiligung am Ausstoß von Treibgasen jetzt in der Lage war, sich selbst zum „Klimaunterstützer“ zu erklären, und die Großemittenten ihnen Geld und technische Unterstützung schuldeten, um die saftigen Kosten der Bewältigung weiterer klimabezogener Katastrophen zu bezahlen, und auch um sie dabei zu unterstützen, eine umweltfreundliche Energiewirtschaft zu entwickeln.

Sie hatte gerade eine Rede vor der Klimakonferenz der Vereinten Nationen gehalten, in der sie sie für diese Form von Wohlstandsverschiebung plädiert hatte, und gab mir eine Kopie. „Millionen Menschen,“ heißt es darin, „auf kleinen Inseln, in Ländern mit den größten Entwicklungsrückständen, Binnenländern, und ebenso gefährdete Bevölkerungen in Brasilien, Indien, China, und überall auf dem Globus – leiden unter dem selben Problem, das sie nicht verursacht haben … Wenn wir die Emissionen in den kommenden zehn Jahren verringern wollen, benötigen wir eine einen enormen Einsatz, der alles in der Geschichte übertrifft. Wir brauchen einen Marschall-Plan für die Erde. Dieser Plan muss Finanz- und Technologietranfers in nie gesehenem Maße bereitstellen. Technik muss auf dem Boden jedes Landes landen, um dafür zu sorgen, dass wir die Emissionen reduzieren und dabei den Lebensstandard der Menschen anheben. Dazu bleiben uns nur zehn Jahre.6

Selbstverständlich wäre ein Marschallplan für die Erde sehr kostspielig – hunderte Milliarden, wenn nicht Billionen Euro (Navarro Llanos hielt sich zurück Zahlen zu nennen). Es wäre anzunehmen, dass allein die Kosten nicht in Frage kommen – schließlich war das 2009 und die Finanzkrise war in vollem Gange. Doch die mahlende Logik der Sparkurse – die Abrechnungen der Banker in Form von Kündigungen im öffentlichen Sektor an die Menschen weiterzugeben, Schulschließungen, und dergleichen – war noch nicht zum Stillstand gekommen. Statt Navarros Ideen unglaubwürdig zu machen, wirkte die Krise darum genau gegenteilig.

Wir hatten alle gerade dabei zugeschaut, wie Billionen Euro genau in dem Moment eingewunken wurden, als unsere Eliten entschieden, eine Krise auszurufen. Würde man zulassen, wurde uns erklärt, dass die Banken versagen, dann würde die gesamte übrige Wirtschaft kollabieren. Es sei eine Sache des gemeinsamen Überlebens, darum müsse man das Geld stiften. Dabei wurden einige eher große Dichtungen, die den Kern unseres Wirtschaftssystems ausmachen, ins rechte Licht gerückt (Du brauchst Geld? Druck dir was.). Ein paar Jahre zuvor, nach dem 11. September, griffen Regierungen auf ähnliche Art und Weise auf öffentliche Finanzen zurück. In vielen westlichen Ländern waren Etats nie ein Problem, wenn es darum ging, daheim den Sicherheits- und Überwachungsstaat auszubauen und im Ausland Krieg zu führen.

Klimawandel ist von unseren Lenkern nie als Krise aufgefasst worden, trotz der Tatsache, dass er das Risiko mit sich bringt, Leben in weit größerem Umfang zu zerstören als kollabierte Banken oder einstürzende Gebäude. Die Beschränkungen unserer Treibgasemissionen, von denen uns Wissenschaftler erzählen, sie seien nötig um die Gefahr einer Katastrophe zu veringern, werden behandelt wie nette Tipps, Dinge, die man so ziemlich unbefristet verschieben kann. Offenbar ist das, was zur Krise erklärt wird, genauso ein Ausdruck von Macht und Prioritäten wie harte Fakten. Wir müssen aber keine Zuschauer dabei sein: Politiker sind nicht die einzigen, die eine Krise ausrufen können. Massenbewegungen gewöhnlicher Leute können ebenso eine ausrufen.

Die Sklaverei war keine Krise für britische und amerikanische Eliten, bis der Abolitionismus sie zu einer machte. Rassendiskriminierung war keine Krise, bevor die Bürgerrechtsbewegung sie zu einer machte. Geschlechterdiskriminierung war keine Krise, bevor der Feminismus sie zu einer machte. Apartheid war keine Krise, bevor die Anti-Arpartheidsbewegung sie zu einer machte.

Auf genau die gleiche Weise, wenn genug von uns aufhören wegzusehen und beschließen, dass der Klimawandel ein Krise ist, die der Größenordnung eines Marschall-Plans als Antwort würdig ist, dann wird er zu einer werden, und die politische Klasse wird darauf reagieren müssen, sowohl durch Bereitstellung von Ressourcen, und die Bändigung des freien Marktes, der sich als so geschmeidig erwiesen hat, wenn Interessen der Eliten in Gefahr sind. Gelegentlich erhaschen wir einen Blick dieser Möglichkeiten, wenn eine Krise uns den Klimawandel eine Zeitlang vor Augen führt (wie derzeit in Pakistan, A. d. Ü.). „Geld ist bei den Bemühungen um eine Lösung kein Thema. Wieviel Geld auch dafür gebraucht wird, wir werden es ausgeben.“ erklärte der britische Premierminister David Cameron – Herr Sparkurs in Person – als große Teile seines Landes unter Wasser standen, durch das historische Hochwasser im Februar 2014 und die Öffentlichkeit war sauer, weil seine Regierung nicht mehr tat um zu helfen.7

Als ich Navarro Llanos zuhörte wie sie Boliviens Standpunkt erörterte, fing ich an zu verstehen, wie der Klimawandel – wenn man ihn als echten planetaren Notfall begreift, ähnlich den reißenden Hochwassern – zu einer zusammenschweißenden Gewalt für die Menschheit werden könnte, die uns nur alle nicht nur sicherer vor extremem Wetter bewahren würde, sondern Gesellschaften mit sich brächte, die auf vielerlei Weise sicherer und gerechter wären. Die Resourcen müssten rasch von fossilen Brennstoffen abrücken, denn das bevorstehende raue Wetter könnte riesige Schwaden Menschlichkeit aus der Armut herausziehen, und Leisungen verfügbar machen, die derzeit schmerzlich fehlen, von sauberem Wasser bis zum Strom. Das ist eine Vision der Zukunft, die über bloßes Überleben oder den Klimawandel ertragen hinausgeht, über „mildern“ und sich „anpassen“, in der rauen Sprache der Vereinten Nationen. Es wäre eine Vision, in der wir gemeinsam die Krise nutzen um uns irgendwo hinzuversetzen, wo es besser zu sein scheint, als es hier jetzt ist.

Nach dem Gespräch stellte ich fest, dass ich keine Angst mehr davor hatte, in die wissenschaftliche Realität des Klimawandels einzusteigen. Ich hörte auf, Artikel und wissenschaftliche Studien zu meiden, und las alles, das ich finden konnte. Ich gab das Problem auch nicht mehr an die Umweltschützer weiter, erzählte mir nicht mehr, dies sei das Problem oder die Aufgabe von jemand anders. Und durch Gespräche mit anderen aus der wachsenden Klimabewegung, begann ich zu verstehen, dass der Klimawandel auf verschiedene Art und Weisen zu einem Beschleunigungsantrieb für einen positiven Wandel werden konnte – warum es das beste Argument aller Zeiten für Progressive war, für den Wiederaufbau und die Revitalisierung ansässiger Wirtschaften; um die zersetzende Kraft von Körperschaften auf unsere Demokratien zu reklamieren; um gefährliche neue Freihandelsabkommen zu blockieren und die alten neu zu formulieren; um in die sterbende Infrastruktur zu investieren, wie Personennahverkehr oder bezahlbare Mieten; um den Besitzstand an Grunddienstleistungen wie Energie und Wasser wiederzuerlangen; um unsere kranke Landwirtschaft zu etwas Gesünderem zu erneuern; um unsere Grenzen für Migranten zu öffnen, deren Vertreibung mit Klimaauswirkungen zusammenhängt; schließlich um ursprüngliche Landrechte anzuerkennen – was alles dazu beitragen würde, den aberwitzigen Grad an Ungleichheit in unseren Nationen und zwischen ihnen zu beenden.

Und ich begann Zeichen zu sehen – neue Bündnisse und neue Argumente – die darauf verwiesen, wie, wenn diese vielen Verbindungen auf breiterer Ebene verstanden würden, die Dringlichkeit der Klimakkrise zu einer Basis einer mächtigen Massenbewegung werden könnte, eine, die all diese scheinbar verschiedenen Probleme zu einer zusammenhängenden Erzählung verweben würde, wie man die Menschheit vor den Verwüstungen eines rigoros ungerechten Wirtschaftssystems und einem destabilisierten Klima schützt. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich zu dem Schluss gekommen bin, dass Klimaschutz einen derart seltenen Auslöser liefen würde.

1Das inzwischen durch ein Massaker zu peinlichem Ruhm gekommen ist (A.d.Ü.).

1 Anmerkungen folgen

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