Bei der Medien-Evolution der Taliban
wurde die Presse zum Feind

Komitee zum Schutz von Journalisten, 14. Februar 2013

Von Ahmed Rashid

Als ich 1993 zum ersten mal in Kandahar auf die Taliban stieß, hatten sie keinen Begriff von Journalismus. Ihre Anführer hatten sie angewiesen, allen Ausländern aus dem Weg zu gehen, sogar Paschtunen, die nicht zu den Taliban gehörten, und zur selben ethnischen Gruppe. Die Taliban sahen in jedem Ausländer und Journalisten einen Spion. Viele kamen aus den zurückgezogenen und biederen Gegenden Süd-Afghanistans und hatten kaum Kontakt mit der Sowjetbesetzung, was sie extrem verschlossen bzgl. ihrer politischen Strukturen und Absichten machte.

Nachdem sie 1996 Kabul eingenommen hatten, verboten ihre Anführer in einer Blitzaktion alle Medien, mit Ausnahme des Taliban-gesteuerten Radio Afghanistan und hängten Fernseher an Laternenmasten, um ihren Standpunkt zu untermauern. Fernsehen, Zeitungen, Illustrierte, Photografie, alles wurde verboten. So hatte Afghanistan fast ein Jahrzehnt vor den Angriffen von 9/11 keinerlei inländische Medien.

Die Taliban machten es ausländischen Journalisten sehr schwer gewöhnliche Berichterstattung auszuführen, weil sie keine Nachrichten anboten, keine Fakten und Meinungen. Sie verstanden nicht, dass die Medien zu ignorieren nur Benzin auf das negative Bild goss, das sich die Welt und Afghanistan von ihnen machte. Bisher waren sie nie feindlich, bedrohend oder korrupt gegenüber Journalisten. Mir wurde von den Taliban im Jahr 2000 ein Visum verweigert, aber den Taliban und mir war bewusst, dass die Verweigerung von Pakistans Inter-Services Intelligence Directorate, oder ISI, angeordnet worden war, der die Taliban unterstützte und meine Berichte mit kritischen Augen sah. Als ich zufällig Mullah Wakil Ahmad Muttawakil traf, den Außenminister der Taliban, auf einem Flug nach Zentralasien, entschuldigte er sich bei mir und sagte augenzwinkernd, dass das Verbot nicht seine Schuld sei. Der ISI versucht immer noch Türsteher für jedermann zu sein, der versucht, die Taliban zu kontaktieren.

Um das Jahr 2000 entwickelten einige Taliban-Anführer eine wesentlich feindseiligere Einstellung gegenüber den Medien, vor allem wegen der Anwesenheit von militanten Arabern und dem Einfluss von al-Qaida. Zunächst als Gast begrüßt, fing al-Qaida an, soziale Sitten und Gebräuche in den Hauptstädten Afghanistans zu diktieren. Es ermutigte die Taliban ethnische Säuberungen an den schiitischen Hazaras und andere Minderheiten, wie den Hindus und Sikhs in Kabul zu begehen. Al-Qaida bedrohte alle Ausländer in Kabul, einschließlich der Vertreter der Vereinten Nationen und des Roten Kreuzes. Die wenigen ausländischen Journalisten, die nach Kabul reisten, wussten, dass sie zufällige Zusammenstöße mit den Arabern von al-Qaida vermeiden mussten.

Überraschenderweise waren es al-Qaida und pakistanische Extremisten, die den Taliban beibrachten, wie man die Medien in der Ära nach 9/11 besser nutzte. Nach ihrer Niederlage in Afghanistan 2001, kamen beide, die Taliban und die Anführer von al-Qaida, um im Exil an Pakistans nordwestlicher Grenzprovinz zu leben. Obwohl die Taliban äußerst schweigsam bzgl. ihrer neuen politischen und militärischen Strukturen blieben, und ihrer Beziehung zu al-Qaida und dem ISI, machten sie ab 2004 aktiv Werbung für den Dschihad gegen die Besetzung durch die Truppen der USA und was sie die Marionetten-Regierung von Präsident Hamid Karzai nannten.

Damit hatten die Taliban einen öffentlichen politischen Standpunkt, um Sympathisanten zu gewinnen. In der Defensive, dabei einen Guerilla-Krieg zu führen, mussten sie sich ebenso ihre eigene Öffentlichkeit schaffen, wenn sie ihre militärischen Siege vorzeigen wollten. Kämpfer von al-Qaida, die inzwischen Aufnahmestudios in Nordwest-Pakistan aufgebaut hatten, und am laufenden Band blutrünstige Bilder von Suizidattentaten und militärischen Angriffen innerhalb Afghanistans produzierten, unterstützten die Taliban, das auch zu tun.

Die Taliban versorgten Journalisten mit Videoclips ihrer Schlachten, verkauften auf den Märkten von Peschawar Propaganda-DVDs und boten sofortige Kommentare von Sprechern per Handy, die gewöhnlich in Pakistan waren, aber vorgaben, in Afghanistan zu sein. Sie schufen Blogs und Webseiten und schließlich Konten auf Twitter und Facebook. Ausgebildete Kameraleute begleiteten besonders gewagte Angriffe auf US-Truppen.

Die neue Beziehung der afghanischen Taliban hatte eine enorme moralische Wirkung auf viele Kommandeure der Taliban, die in dem Glauben im Übermaß brutal wurden, dass sie zu Recht die Afghanen zwangen, ihre Interpretation der Scharia anzunehmen. Einer dieser Kommandeure, Mullah Dadullah, ein enger Freund Osama ben Ladens, tötete 2003 einen Ingenieur des Roten Kreuzes und hatte keine Skrupel, Journalisten zu töten. Einige der schlimmsten Gräuel fanden in der Provinz Helmund statt, Dadullahs Befehlsbereich. Nachdem Dadullah getötet wurde, machte sein Bruder in gleicher Weise weiter. Im März 2007, ergriffen die Taliban einen italienischen Journalisten und seinen afghanischen Übersetzer. Der Italiener, Daniele Mastragiacomo, wurde im Austausch für fünf gefangene Taliban freigelassen; der Übersetzer, Ajmal Naqshbandi, wurde hingerichtet.

Mehrere Journalisten sollten bei Suizidattentaten sterben, darunter Abdul Quodus, ein Kameramann von Aryana TV, der in Kandahar am 6. Juli 2006 getötet wurde, und Carsten Thomassen aus Norwegen, der bei der Bombardierung des Serana Hotels in Kabul im Januar 2008 starb, das von dem Netzwerk Jalluddin Haqquanis ausgeführt wurde. Zur gleichen Zeit wurden Journalisten für Lösegeld aufgegriffen, oder um die Amerikaner zu zwingen, gefangene Taliban freizulassen. Derartige Taktiken wurden zu einer neuen Form der Geldbeschaffung und der politischen Botschaft, insgesamt gefördert durch den Führungsstab der Taliban und al-Qaida.

Die Anziehungskraft des Kidnappings wurde von den sicheren Häfen, in der man Gefangene ewig aufbewahren konnte und die von Pakistans bundesverwalteten Stammesgebieten (FATA) beigesteuert wurden, noch erhöht. Große Teile dieser Region wurden vom Haqquani-Netzwerk kontrolliert, das sich zum Anführer und Richter beider, der afghanischen und pakistanischen Taliban, entwickelte. So wurden 2008 David Rhode von der New York Times und der afghanische Kollege Tahir Ludin außerhalb von Kabul entführt, zur FATA gebracht und dort verwahrt, während man weiter verhandelte. Rohde und Ludin entkamen nach sieben Monaten Gefangenschaft zu Fuß. Ein Jahr später wurden Stephen Farrell von der Times und der afghanische Journalist Sultan Mohammed Munagi gekidnappt. Farrell entkam bei einem Rettungsversuch der Briten, Munadi jedoch wurde getötet.

Schließlich endeten Journalisten als Kriegsopfer: von Landminen erwischt, gefangen in Hinterhalten der Taliban oder als Opfer von Suizidattentätern. 2007 war es für Medien in Kabul extrem gefährlich geworden, den Taliban zu einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu trauen, oder mit ihnen einen Ausflug auf das Land zu machen. Journalisten waren gezwungen, in Kabul zu bleiben oder die Stadt nur unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen zu verlassen.

In Pakistan fand ein noch komplexerer Krieg zwischen den der Armee und den pakistanischen Taliban statt. Die pakistanischen Taliban bestanden aus vielen verschiedenen Flügeln, deren extremste bzgl. Medien und Ausländern unter dem Einfluss von al-Qaida standen. Später sollten extremistische Gruppen aus dem Punjab und anderen Teilen Pakistans ihre Lager in den FATA aufschlagen, und sie waren noch weit feindseliger gegenüber Journalisten.

Der ISI selbst spielte eine dubiose Rolle. Er ergriff Partei für einige Taliban-Gruppierungen, besonders denjenigen, die in Afghanistan die Amerikaner bekämpften, während er hinter den Taliban, die die pakistanische Armee angriffen, her war. Lokale paschtunische Journalisten gerieten oft ins Kreuzfeuer oder wurden entweder von den Taliban oder dem ISI bestraft, weil sie den dauernd wechselnden Verbindungen, zwischen verschiedenen Taliban-Gruppierungen und dem Geheimdienst, nicht mehr folgen konnten.

Der Krieg forderte unter paschtunischen Lokalreportern seinen Tribut, die zu unbeabsichtigten Zielen pakistanischer Luftangriffe, Suizidkommandos der Taliban, Raketenangriffen amerikanischer Drohnen oder anderer Todesmaschinerien wurden. Viele paschtunische Journalisten in der FATA, die immer mehr zu Zielen von allen Seiten wurden, verließen die Region und zogen nach Peschawar. Viele wurden von den lokalen Medien nicht regelmäßig bezahlt und waren von der Lokalberichterstattung für westliche Medien abhängig, die ihnen alle rieten, höhere Risiken einzugehen. Unter den Kriegstoten waren Abdul Shaheen, ein Reporter, der bei einem pakistanischen Luftangriff umkam, während er 2008 von den Taliban gefangen gehalten wurde; Mohammed Sawar, ein Fahrer, der bei einem Selbstmordattentat in Quetta 2010 getötet wurde; und Abdul Wahab und Pervez Khan, Reporter, die 2010 bei einem doppelten Suizidattentat in der FATA umkamen, dass 50 Leben kostete.

Die Taliban schossen öffentlich Journalisten nieder, die sie für Verräter oder Spione hielten-oder weil sie nicht ausreichend über sie berichteten. Unter den Opfern war der afghanische Journalist Janullah Hashimzada, der von pakistanischen Taliban erschossen wurde, als er 2009 mit einem Kleinbus durch die FATA fuhr. Journalisten mögen berichtet haben, was die Taliban wollten, aber es gab keine Garantie dafür, dass Redaktionen das Material verwenden würden, auch wenn sie für die Lokalberichterstatter enorme Risiken bedeuteten.

Es wurde bald klar, dass die niedrigeren Ränge des ISI, die in der FATA stationiert waren, die gleichen Absichten wie die Taliban übernahmen. Sie erwarteten von lokalen pakistanischen Journalisten, sich ihnen gegenüber loyal zu verhalten, ihre geheimen Geschäfte mit den zahlreichen Flügeln der Taliban nicht zu enthüllen, zu verschweigen wer auf ihrem Gehaltszettel stand, und zum guten Schluss, den Mythos zu pflegen, nach dem die Drohnenangriffe der Amerikaner ohne Unterstützung des ISI ausgeführt wurden, und dass das pakistanische Militär mit ganzem Herzen einen Krieg an allen Fronten gegen die pakistanischen Taliban führte. Journalisten wurden verhaftet oder verschwanden monatelang. Einige kehrten nicht heim. Insgesamt, wurden in Pakistan zwischen 2005 und 2012 38 Journalisten in direktem Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet, was es zu einem der tödlichsten Orte der Welt für die Presse machte.

Hayatullah Khan, der offenbarte, dass die US Drohnenraketen in die FATA schoss, während das Militär diese Praxis verheimlichen wollte, verschwand im Dezember 2005 und wurde im Juni 2006 tot aufgefunden. Sein Körper war ausgemergelt, er war gefoltert worden und es wurde mehrfach auf ihn geschossen. Ärzte sagten aus, seine Hände seien mit Handschellen gefesselt gewesen, wie sie gewöhnlich vom ISI benutzt werden. Auf enormen Medien- und internationalen Druck, wurde er obduziert, die Ergebnisse jedoch nie veröffentlicht. Im September 2007 wurde seine Frau bei einem Bombenangriff außerhalb ihres Hauses getötet, sie hinterließ fünf verwaiste Kinder.

Die FATA und die afghanische Grenzregion kannten gegenüber Journalisten mehrere Jahre lang keine Schranken. Es gibt keine unabhängigen Informationen von den Tätigkeiten der Stämme, weil politische Aktivisten, NGO-Mitarbeiter und zehntausende Menschen, die gegen die Taliban sind, die FATA verlassen haben und zu Flüchtlingen wurden. Das Militär hat genau im Auge, was aus der FATA berichtet wird, selbst wenn die Berichte in Peschawar erscheinen. Die Taliban reagieren unverzüglich, sollte jemand versuchen die wahren Fakten irgendwo aus dem Nordwesten zu berichten.

Das Informationsloch hat ein Vakuum geschaffen, in dem es selbst für Fachleute unmöglich geworden ist, die Wirkung der Drohnenangriffe zu beurteilen, abzuschätzen ob Armee oder Taliban gewisse Gegenden kontrollieren, die Stärke und das ideologische Fundament der verschiedenen Talibanflügel zu bewerten, und den Zustand sowohl pakistanischer wie ausländischer Entführungsopfer zu beurteilen. Die pakistanischen Medien haben sich im Großen und Ganzen mit solchen Einschränkungen arrangiert, um weder die Armee oder die Taliban zu erzürnen. Ein weiterer Schritt und Pakistan verliert in großen Teilen seine Souveränität, und über das anschließende Leid der Menschen wird nicht berichtet.

Ahmed Rashid ist Vorstandsmitglied beim CPJ, beschäftigt sich seit 1979 und verschiedenen Veröffentlichungen mit Afghanistan, und hat fünf Bücher über die Kriege in Afghanistan und die Politik in Pakistan und Zentralasien geschrieben. Sein neuestes Buch ist „Pakistan am Abgrund“. Sumit Galhotra von CPJ hat zu diesem Essay mit Recherchen beigetragen.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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