Arabische Herrscher müssen sich
gegen religiösen Fanatismus wehren

FINANCIAL TIMES, 24. September 2013

Von Ahmed Rashid.

Es besteht Hoffnung, dass die politischen Entwicklungen im Iran und in Syrien der westlichen Allianz schließlich einen diplomatischen Weg aus zwei schrecklichen Sackgassen ermöglichen werden.

Gleichzeitig befinden sich jedoch zwei andere Länder der Region im Zustand des Zusammenbruchs – und eine Hauptursache ist der religiöse Fanatismus. Muslimische Anführer haben keine hausgemachten Antworten auf die schrecklichen Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft.

Syriens Zugeständnis, seine chemischen Waffen an die UNO auszuliefern, mag nun einen bedeutenden diplomatischen Aufwand ermöglichen, um einen Waffenstillstand im Krieg zwischen Regierung und Opposition sicher zu stellen, und, auf dem weiteren Weg, ein unverbindliches Friedensabkommen. Dennoch, ob so eine Einigung das Land vor dem Zerfall bewahren kann, ist zweifelhaft.

Andere arabische Staaten zerfallen bereits vor unseren Augen, und überall entstehen Krisen. Im Irak gibt es eine Autobombe pro Tag. Die nahezu täglichen Bombenangriffe auf sowohl sunnitische wie schiitische Moscheen, und andere religiöse Massenmorde, führen das Land zurück zu den schwärzesten Tagen von 2006 und 2007, als die Stufe der Gewalt auf einem ähnlichen Niveau war wie heute.

Al-Qaida sprengt sich fleißig seinen Weg durch das schiitische Kernland. Schiitische Milizen und staatliche Sicherheitsdienste nehmen Rache, indem sie das ausführen, was viele nun „religiös-ethnische Säuberungen“ nennen, wobei religiöse Gemeinschaften, die seit Jahrhunderten zusammengelebt haben, ghettoisiert werden. Der Irak könnte zerfallen, selbst wenn der Krieg in Syrien zu Ende geht.

Al-Qaida ist auch im Jemen auf dem Vormarsch, wo Dutzende Soldaten bei einer Angriffswelle in der südlichen Provinz Schabwa am 20. September getötet wurden, trotz regelmäßiger Drohnenangriffe der USA und amerikanischer Unterstützung der jemenitischen Armee. Al-Qaida droht weiterhin mit einem Großangriff auf Jemens Öl- und Gashäfen, der, sollte er stattfinden, die Ölpreise nach oben treiben würde.

Ägypten, der Dreh- und Angelpunkt der arabischen Welt, steht vor einem neuen Guerilla-Krieg durch Islamisten, die loyal zum ehemaligen Präsidenten Mohamed Mursi sind, genau wie vor grassierender Intoleranz und einem religiösen Krieg gegen die christliche Gemeinde. Libanon erlebt eine Krise mit der Ankunft syrischer Flüchtlinge, die dem Regime Bashar al-Assads entfliehen; und mit der Beteiligung schiitischer Paramilitärs der Hisbollah auf der Seite der Truppen Assads. Dieser gefährliche Doppelschlag gefährdet das fragile religiöse und ethnische Gleichgewicht des Landes. Der Libanon ist eine Bombe, die darauf wartet zu explodieren.

Jordanien ist mit Flüchtlingen und einer wirtschaftlichen Krise schlicht überfordert – alles Ergebnisse des Kriegs in Syrien – genau wie Amman immer noch mit seinen Flüchtlingen aus dem Irak und den Folgen des letzten Kriegs in der Region fertig zu werden versucht. Jordanien ist das permanente Opfer. Die Türkei, die aufgrund ihrer demokratischen Entwicklung einmal als Modell für die arabische Welt betrachtet wurde, steht unter dem Druck verbreiteter Unruhen und wachsender öffentlicher Ernüchterung angesichts seiner Herrscher. Die Regierung ist für viele ihrer Bürger kein Vorbild mehr.

In anderen Teilen der muslimischen Sphäre wurden allein am Sonntag den 22. September bei einem doppelten Suizidkommando mindestens 78 Christen getötet und 150 verwundet, das von sunnitischen Extremisten in Lahore, Pakistan begangen wurde; 12 Schiiten wurden von sunnitischen Extremisten bei einem Suizidangriff im Irak getötet, im Anschluss an dem Mord an 70 Sunniten am Vortag. Inzwischen ist die Bilanz der Toten bei der Belagerung des Einkaufszentrums in Nairobi, die Dschihadisten von al-Shabaab begangen haben wollen, auf über 70 angestiegen.

Die USA und Europa sind kaum darauf vorbereitet, mit einem Zusammenbruch eines dieser Staaten in nächster Zukunft umzugehen. Aber womit sich niemand beschäftigen will, auch die muslimischen Herrscher der Region nicht, sind die wachsenden zerstörerischen Kräfte des Fanatismus. Kein Herrscher, kein Politiker, kein allgemeiner oder religiöser Gelehrter in der weiten Region hat den Mumm gehabt, sich offen gegen das Mordsyndrom zu äußern, das der Arabischen Welt das Herz ausreißt.

Die Weltzentren des Islam und Fatwas, oder religiöse Edikte – al-Azhar in Ägypten und die große Moschee von Mekka, Medina und Jerusalem – schweigen zu dem Problem. Politiker verstecken ihre Köpfe im Sand, während sie Hassliteratur und religiösen Milizen gestatten zu wuchern. Al-Qaida und verbündeten Gruppen die Schuld am wachsenden sunnitischen Extremismus zuzuweisen ist nicht komplett falsch, erklärt aber nicht alles.

Das wirkliche Problem ist der Mangel an Steuerung, Institutionen und Werten, zusammen mit Staatszusammenbrüchen und dem Versagen der herrschenden Eliten Minderheiten zu schützen, seien sie nun schiitisch oder nicht-muslimisch. Der Arabische Aufstand hat nicht nur Diktaturen gestürzt, sondern auch die Schwächen der Fundamente moderner Staaten enthüllt, die auf dem Rücken des Kolonialismus des Westens gegründet wurden.

Die heutigen muslimischen Oberhäupter müssen sich wehren, und sich vor den Konsequenzen dessen, was schnell zu einem Krieg innerhalb des Islam und der arabischen Welt heranwächst, nicht fürchten. Kein Staat kann Jahr für Jahr überbordenden Extremismus und Intoleranz ertragen, ohne schließlich einen Kollaps zu erleiden.

Die Ursprünge des Islam gründen auf dem Schutz von Minderheiten, liefern ein Beispiel für Toleranz und die Gleichbehandlung aller Bürger, auch Frauen. Wer, unter den herrschenden Eliten kann sich dessen heute noch entsinnen?

Quelle:

http://www.ahmedrashid.com/publications/pakistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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