Anthony Bourdains Reise tief ins Herz des Trumplandes: ‘Ich war äußerst sprachlos’

Der Moderator von ‘Unbekannte Ecken/Parts Unknown’ spricht über seine bevorstehende Folge in West-Virginia, warum er nicht mehr in Russland und der Türkei filmt und wie Trump „abstürzen“ wird.

MARLOW STERN

THE DAILY BEAST 23.04.18

Es ging nie wirklich ums Essen.“ sagt Anthony Bourdain über seine CNN-Serie „Parts Unknown“.

Für Bourdain begann sich sein Schwerpunkt vom Kulinarischen zum Kulturellen im Juli 2006 zu verschieben, als er und sein Team sich in Beirut in der Falle befanden, während dem Zweiten Libanonkrieg, einem 34-tägigen Konflikt zwischen den israelischen Verteidigungsstreitkräften und vom Iran finanzierten Hizbollah-Terroristen. Der Schluss der zweiten Staffel von „No Reservations“ der vorherigen Wiederholung von Parts Unknown, dokumentierte die chaotische, vom Krieg erschütterte Woche in Beirut, und wurde für den Emmy nominiert.

Die Sendung hat ihren Rahmen erweitert, seit sie 2013 zu CNN wechselte, und, mit dem Beginn der 11. Staffel – die am 29. April Premiere hat – ist sie jetzt eher ein Doku-Nachrichtenprogramm, in das ein paar eingesetzten köstlichen Ess-Szenen. Sie hat sogar einen Peabody Award gewonnen.

Ich mag Essen. Es war dreißig Jahre lang der Kern meines Lebens und ich werde die Welt immer durch dieses Glas sehen, aber es ist nicht alles.“ erzählt mir Bourdain. „Wenn du kommentierst, wie knusprig-lecker dein Salat ist während deinem Gastgeber zwei Gliedmaßen fehlen, wirst du vielleicht fragen wollen wie das passiert ist, und meistens ist die Geschichte wesentlich interessanter als das was du auf dem Teller hast.“

Die Premiere von Unbekannte Ecken Staffel 11 führt den tätowierten Ex-Küchenchef aus New York City tief in das Herz von Trumpland: West Virginia. Dort isst er ein Essenspaket mit Bergarbeitern in einer Kohlenmiene, schießt ,it automatischen Waffen, und versucht zu erkunden, warum diese amerikanischen Arbeiter einen Millionen-Immobilien-Erben wählten der „auf einer Toilette aus Gold scheißen geht“. Ihre Antworten könnten euch überraschen.

The Daily Beast sprach mit Bourdain darüber, was er in Trumpland erfuhr und über vieles mehr.

Die West Virginia-Folge ist meiner Meinung nach eine der besten von ihnen. Warum haben Sie entschieden Staffel 11 dort zu beginnen?

Ich denke der Zeitpunkt ist richtig. Ich denke weil die Kultur so anders ist wie die Kultur, in der ich aufwuchs und der Ort an dem ich spross, und die politische Landschaft ist ganz ander als meine. Ich rühme mich selbst zu versuchen mit offenem Bewusstsein aufzutreten und einem offenen Herzen, an Orten wie Saudi-Arabien, Liberia, Vietnam, Iran. Warum nicht in meinem eigenen Land? Warum nicht der gleiche Respekt und Empathie im Herzen von Gott, Waffen und Trumpland? Ich war neugierig, und ich war äußerst sprachlos und bewegt, von dem was ich dort vorfand. Die Menschen waren unglaublich freundlich und großzügig zu mir, nicht feindlich gegenüber meinen politischen Überzeugungen, und wir sprachen viel über Kohle, den zweiten Verfassungszusatz, und warum Menschen, die aus fünf Generationen in Kohlenmienen zerschundener Rücken stammen, für einen zwielichtigen New Yorker Immobilientypen stimmen, der in seinem ganzen Leben noch keinen Reifen gewechselt hat. Die Antworten waren wesentlich differenzierter als ich erwartet hatte.

Ein Mann, der, sagst du in der Folge, „auf einer Toilette aus Gold scheißt.“

Richtig. Es ist dort sehr anders. Weißt du, die Verachtung, mit der wir in den politischen Kreisen von West-Virginia sprechen, die ich zu wählen neige, ist ziemlich beschämend und kontraproduktiv und unschön. Ein wenig Verständnis und ein wenig Empathie – die Fähigkeit, sich für ein paar Minuten die Schuhen eines anderen anzuziehen – muss eine gute Sache sein. Ich ging nach West-Virginia mit der Absicht eine Sendung zu machen, die respektvoll und verständnisvoll ist, und das war einfach weil die Menschen diesen Respekt wirklich verdienen. Und sie sind nicht dumm – sie glauben nicht, Trump würde die Kohle wieder dorthin bringen woher sie stammt – ihre Sorgen sind unmittelbarer und praktisch, wie der Unterschied zwischen Abendessen auf dem Tisch morgen und keinem Abendessen.

Die Folge konzentriert sich schon ein wenig auf Waffen und du erwähnst nach einer Bildfolge von dir und einigen anderen, die mit vollautomatischen Maschinengewehren schießen, dass sie direkt vor dem Las Vegas-Massaker gedreht wurde.

Jau. Und wir waren uns der Unstimmigkeit voll bewusst eine gute Zeit in jemands Hinterhof zu verbringen, dessen Job es ist halbautomatische Waffen zu modifizieren und was diese Waffen anrichten können.

Du beendest die Schusswaffeneinstellung indem du sagst, „Man könnte hoffen, es gibt zumindest einen Mittelweg.“

Ich hoffe, es gibt einen, denn sie waren wirklich nett und ich mochte sie, aber wie du gesehen hast, waren sie nicht bereit auch nur einen Zoll von ihrer Einstellung abzuweichen. Sie ist, aus ihrer Sicht, nicht verhandelbar.

Nun, sie verkaufen das Zeug, oder?

Ich glaube sie waren nicht die typischen Waffenbesitzer – vor allem an einem Ort wie West-Virginia, wo jedes Kind schießen lernt weil, in vielen Fällen, sie es vielleicht müssen. Schießen lernen und dann ein Eichhörnchen anrichten und kochen ist etwas, das viele Kinder lernen. Ich glaube es gibt einen Mittelweg. Ich weiß nicht [worin er besteht], aber ich dachte es sei nützlich mit Leuten zu reden, die felsenfest an ihre Auslegung des zweiten Verfassungszusatzes festhalten. Nochmal, einmal macht es die Auseinandersetzung so schwierig, dass sie so nett waren, und von meinem Gesichtspunkt aus sind sie verantwortungsbewusste Waffenbesitzer – sehr streng wegen Sicherheit, Ausbildung – aber ich denke wie ich denke, und ich musste deswegen ehrlich sein.

Wohin geht Unbekannte Ecken in dieser Staffel außerdem, und gibt es Momente, von denen du besonders begeisterst bist, die Fans sehen sollen?

Ich bin begeistert von der Hong Kong-Sendung. In der Folge führt Asia Argento Regie und der Bilddirektor ist Christopher Doyle, der möglicherweise der größte Kinematograf in der Geschichte des Films ist. Wie es dazu kam ist eine erstaunliche Geschichte. Ich bin seit Jahren besessen von Wong-Kar Wai und seinem langjährigen Bilddirektor Christopher Doyle, und seit Jahren versuche ich ihn verzweifelt in die Sendung zu bekommen um mit ihm darüber zu sprechen, wie er die Stadt Hong Kong betrachtet, in der er seit dreißig Jahren lebt und arbeitet. Meine größte Hoffnung war es, ihn vor die Kamera zu bekommen wie er über Film zu redet und vielleicht für ein paar Minuten eine Kamera hält; am Ende drehte er nahezu jede Szene. Für mich war es einfach das verblüffendste was je geschah. Er drehte den ganzen Tag mit uns und hing anschließend mit mir, Asia und dem Team herum, erzählte hinterher Geschichten von hinterm Vorhang über das Filmemachen, wie er gewisse Einstellungen hinbekam, Philosophie. Es war einfach die außergewöhnlichste Erfahrung. Ich kann nicht glauben, dass Christopher Doyle Bilddirektor meiner miesen kleinen Fernsehsendung war!

Weißt du, ich denke du solltest eine Unbekannte Ecken-Folge in Mar-A-Lago machen. Auf eine Art dunkel, surreal, unter der Regie von …

David Lynch

Das wollte ich gerade sagen. Es wäre perfekt.

Ich war im ehemaligen Herz der Dunkelheit im Kongo, und dieses spezielle läge gegebenenfalls ein wenig zu weit den Fluss hoch.

Das Essen ist wahrscheinlich ebenso schrecklich. Ich wollte die „Russland“-Folge besprechen, die im Mai 2014 auf Sendung ging. Es ist in vielerlei Hinsicht eine außergewöhnliche Sendung. Du bist den größten Teil der Sendung damit beschäftigt Wladimir Putin zu kritisieren – in Russland – und du vergleichst sogar Putin mit Trump, indem du sagst „Er stößt mir als Geschäftsmann auf – ein Geschäftsmann mit Ego. OK, also ist er wie Donald Trump – aber kleiner.“ Dann hast du mit dem unverblümten Putin-Kritiker Boris Nemtsov diniert, der neun Monate, nachdem es auf Sendung ging, umgebracht wurde.

Das wurde spät im Jahr 2013 gedreht, und ich frage [Nemtsov] direkt, „Machen Sie sich keine Sorgen? Den Feinden von Wladimir Putin sind schlimme Dinge geschehen.“ und er lachte darüber und sagte, „Es wäre zu peinlich. Ich bin zu wichtig. Ich bin eine öffentliche Person.“ Man muss sich wundern, ob das jemandem bewusst war, als sie ihn fast direkt auf dem Rasen des Kreml erschossen. Es ist ja nicht so, dass sie nicht wollten, dass man weiß wer es getan hat, nicht? Wenn sie jemanden mit Nervengas töten oder radioaktivem Polonium mitten in London, wollen sie dass du weißt wer es getan hat. Das ist alles.

Der Trumpvergleich war ebenso ziemlich prophetisch.

Ich glaube die Parallelen sind offensichtlich.

Darfst du wieder nach Russland?

Ich darf, aber ich sage dir ehrlich: Ich zögere. Ich zögere nicht unbedingt aus einem persönlichen Sicherheitsaspekt, aber ich will keine Kamera auf mich gerichtet während ich auf dem Klo sitze, und ich muss an die Menschen denken, die zu mir gehören. Mit Nemtsov haben wir uns vier oder fünf verschiedene Restaurants gewandt, und als sie herausgefunden haben, dass ich mit Nemtsov zu Abend esse, brachen sie die Aufnahme ab.Sie wollten uns nicht mit einer Meterstange berühren. Darum könnte ich sicher wieder nach Russland kommen, eine Sendung machen, zurückkehren, und sagen was auch immer ich über Putin und Russland sagen will, aber die Leute die mir vertrauen und mit mir vor der Kamera erscheinen, ihre Lage dort in Russland könnte eher heikel sein weil sie mit mir auf Sendung waren. Das behalte ich immer im Sinn, nicht nur in Russland, sondern (auch) in der Türkei. Ich kehre nicht in die Türkei zurück, aus demselben Grund: Wenn du mit mir auf Sendung erscheinst, könnte sich das als Belastung erweisen. Bist du gebürtiger Türke und sagst etwas kritisches über Erdogan oder sein Regime, könnte sich das als gefährlich erweisen, darum möchte ich diese Art Probleme für Freunde oder Menschen, die so gut sind in meiern Sendung zu erscheinen, nicht verursachen. Ich würde sagen Russland und die Türkei sind raus, und in Aserbaidschan bin ich zur Persona Non Grata erklärt worden, darum gehe ich dort auch nicht mehr hin.

Eine weitere Folge die mich als sehr prophetisch gefesselt hat, war die „New Jersey”-Folge, die im Mai 2015 gesendet wurde. Diese wurde einige Wochen gesendet, bevor Trump seine Kandidatur verkündete, und zum Teil stellt sie in den Mittelpunkt wie Trump Atlantic City verwüstet hat, und du machst dich sogar über seine Haare lustig.

Es wird wirklich prophetisch sein, wenn er mit der Präsidentschaft das macht, was er Atlantic City angetan hat, was mehr oder weniger den Sieg erklären und sich dann zurückziehen heißt. Falls du dich erinnerst, als er die Casinos ruiniert und in einem Trümmerhaufen zurückließ, war er schnell dabei auszuführen wie gut alles für ihn gelaufen ist. Er hat sein Geld gemacht, aber seine Investoren und Atlantic City verblieb eine gigantische, grässliche Fehlinvestition. Lass uns hoffen, das dies keine Metapher für seine Präsidentschaft ist – oder vielleicht sollten wir hoffen das es das ist. Vielleicht ist das an dieser Stelle die beste Vorstellung.

Wir haben ein wenig über Trump geredet. Wir sind beide New Yorker. Findest du es ein bisschen poetisch-gerecht, dass Stormy Daniels unter Umständen ihr Händchen in der Demontage von Präsident Trump hat?

Mir kommen die Parallelen zum Gotti-Prozess in den Sinn. Wenn du mit einem Stock lange genug in den Augen von Justizbehörden und des FBI stocherst, werden sie dich an Ende kriegen. Sie haben unbegrenzt Zeit und unbegrenzt Geld, und sie werden dich bekommen. Es gab diesen großen Moment im Gotti-Prozess wo sie eine Abschrift von Gotti vorspielen, der sich über Ratten und Informanten in seiner Organisation beklagt, und im Raum mit ihm zu der Zeit sind „Sammy der Bulle“ Gravano, “Willie Boy” Johnson, und zwei andere Kerle – drei von denen, die derzeit dem FBI über ihn berichteten oder während des Prozesses zu Kronzeugen wurden. Außerdem war der Raum verwanzt. Darum, denke ich, sind das nicht die besten und hellsten. „Weißt du, Jared [Kushner] wird definitiv den Mund halten. Er ist zuverlässig. Er wird nicht kippen.“ – hat nie jemand gesagt. Am Ende, denke ich, sind sie alle ein Haufen ängstlicher, eigennütziger Gierhälse, sie werden sich alle gegeneinander wenden, und die ganze Sache wird zusammenbrechen wie jede andere Verschwörung nicht allzu heller Leute.

Ich muss es fragen: Ist dein Job der allerbeste?

Jau. Schon sehr. Ich habe die unvergleichliche Freiheit zu gehen wohin ich will auf der Welt, zu machen was ich will wenn ich dort bin, ich arbeite mit Freunden, ich schaffe es mit Leuten wie Christopher Doyle und Mark Lanegan zusammenzuarbeiten, meine Helden zu treffen,. Es ist schöpferisch und zutiefst befriedigend, und ich muss sagen, in all meinen Jahren, die ich bei CNN arbeite, habe ich nie einen Anruf oder ein Memo erhalten, das mit den Worten beginnt „Wie wäre es wenn“ oder „Wäre es nicht eine tolle Idee wenn“. Sie haben mir totale Freiheit gelassen, zu tun was ich möchte, und dafür bin ich sehr dankbar.

Und verdammt gut essen kannst du auch. 

[Lacht] Ja. Ich bin jetzt mit Jose Andres in Spanien, und es ist ein Tsunami an köstlichem Essen. Ich muss mich in einigen Szenen vor Andres verstecken, damit er mich nicht mit leckerem Schinken mästet, mit Meeresfrüchten, und Cava und Cidre. Es ist ein beneidenswertes Problem.

Quelle: https://www.thedailybeast.com/anthony-bourdains-journey-deep-into-the-heart-of-trump-country-i-was-utterly-disarmed?ref=scroll

Übersetzung: Thorsten Ramin