Andere Länder, andere Gestade

New York Times, 19. Dezember 2013

Ein wunderbarer Text des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk über einen meiner Lieblingsdichter, und ebenso für den Sänger Leonhard Cohen. Es geht um C. P. Cavafy, einen Mann, der zu einer Minderheit in einer Minderheit gehörte, und trotzdem einige der besten Liebesgedichte des 20-sten Jahrhunderts schrieb und das Interesse am alten Griechenland und Rom wiederbelebte. Ahmed.

Von Orhan Pamuk

Wir lieben Dichter für die Dinge, die wir uns durch ihre Gedichte vorstellen können; und genauso lieben wir sie dafür, wie wir uns ihr Leben vorstellen. Das Leben des Dichters mit seiner Arbeit zu verwechseln, ist eine Einbildung, die so alt ist wie die Tradition Wörter mit dem Bezeichneten zu verwechseln. Aber tatsächlich geschieht es zum Wohle dieser Illusion, dass wir solch ein starkes Bedürfnis nach Dichtung verspüren, nach Romanen, nach Literatur. Es gibt ein paar Dichter, deren Arbeit wir mit ihrem Leben im Kopf lesen können, und was wir von diesen Leben wissen, garantiert, dass ihre Dichtung einen beständigeren Eindruck hinterlässt. C. P. Cavafy ist für mich genau so ein Dichter. Wie Edgar Allan Poe und wie Franz Kafka, verweist Cavafy in seinen besten und bewegendsten Arbeiten nicht ausdrücklich auf sich selbst; und doch, mit jedem Gedicht, das wir lesen, können wir nur an ihn denken.

Ich stelle ihn mir als alten Mann vor, der durch die vertrauten Straßen einer alten Stadt schlendert. Ich stelle ihn mir als einen Buchliebhaber vor, der als Mitglied einer Minderheit in einer Minderheit lebt. Ich stelle ihn mir als einen einsamen, provinziellen Mann vor, der sich seiner Provinzialität voll bewusst ist, und der dieses Bewusstsein in eine Art Weisheit verwandelt.

Cavafy wurde 1863 in Alexandria in Ägypten geboren, in einer griechischen Familie wohlhabender Textilfabrikanten und Kleiderhändler. (Das Wort kavaf, das jetzt selbst die Türken nicht mehr kennen, ist ottomanisches Türkisch für einen Hersteller billiger Schuhe.) Die Cavafys stammen aus dem Istanbuler Stadtteil Fener, wo die wohlhabenden und politisch einflussreichen Griechen wohnten. Später zogen sie um nach Samatya, einem Fischerort, und anschließend wanderten sie nach Alexandria ein, wo sie als Mitglieder der orthodoxen christlichen Minderheit lebten, inmitten der muslimischen Mehrheit. Zunächst erwiesen sich ihre beruflichen Tätigkeiten in Alexandria als erfolgreich, und sie lebten in einer großen Villa voller englischer Kindermädchen, Köche und Diener. In den 1870-ern, nach dem Toda von Cavafys Vater, zogen sie nach England, kehrten jedoch nach dem Zusammenbruch des Familiengeschäfts wieder nach Alexandria zurück. Nach den Aufständen arabischer Nationalisten 1882, verließen sie Alexandria erneut, dieses Mal nach Istanbul, und es war in dieser Stadt, in der er die nächsten drei Jahre verbrachte, wo Cavafy seine ersten bedeutenden Gedichte schrieb und die ersten homoerotischen Regungen verspürte. 1885, kehrte die Familie, nun verarmt, noch einmal nach Alexandria zurück, in die Stadt, die er hinter sich lassen wollte.

Die Rückkehr: Es ist der traurigste Teil. Es ist die Quelle der Trauer, die sein unvergessliches Gedicht „Die Stadt” durchdringt, das Ich wieder und wieder in türkischer und englischer Übersetzung gelesen habe. Es gibt keine andere Stadt zum hingehen: Die Stadt, die uns prägt, ist die in uns. Die Lektüre von Cavafys „Die Stadt“ hat den Blick auf mein eigenes Istanbul verändert.

Für diejenigen, die ein provinzielles Leben führen, ist Leben und Freude immer woanders zu finden, in einer anderen Stadt, in einem anderen Land. Aber für uns Provinzler, ist dieser Ort immerwährend außer Reichweite. Cavafys Weisheit liegt in der Würde und dem beschaulichen Feingefühl, mit dem er sich dieser traurigen Wahrheit nähert. Und schließlich schließt er, mit der selben sprachlichen Zurückhaltung und philosophischen Simplizität, indem er aufdeckt, dass wir unsere Leben in dieser Stadt verschwendet haben. Wir stellen fest, dass wir alle unser Leben verschwendet haben, und dass die Probleme nicht darin liegen, provinziell zu sein, sondern im eigentlichen Wesen des Lebens selbst. Große Dichter können ihre eigene Geschichte erzählen ohne einmal „Ich“ zu sagen, und damit verleihen sie der Menschheit eine Stimme.

Kierkegaard sagte einmal, dass ein unglücklicher Mensch entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft lebt. Es gibt viele alte Menschen in Cavafys Gedichten: der Zukunft nicht zu vertrauen ist für ihn eine weitere Art von Weisheit. Darum macht er sich eine neue Vergangenheit, eine basiert auf Büchern, Geschichte und griechischer Mythologie. Einige der erzählenden Gedichte, die er auf den Mythen der alten Griechen stützte, sind so intensiv und mächtig, dass sie zu lesen dasselbe Gefühl erzeugt wie ein besonders ereignisreicher Roman.

Ich war ein Jahr bevor die Geschehnisse, die wir nun als Arabischen Frühling bezeichnen begannen, in Alexandria. Ich ging Cavafys Haus besuchen, aus dem man ein Museum gemacht hat. Sein eigentliches Familienhaus wurde von britischen Kanonen zerstört. Für das Museum hatten sie ein anderes Haus genommen. Es war ein Freitag. Alle waren in der Moschee zum beten. Die Bürgersteige waren leer. Die einzigen Leute im Museum Touristen. Die verschlossenen Läden, die Handvoll alter Kiefern, die ramponierten Gebäude, die engen Straßen, die Plätze, alles half mir klar zu werden, dass Ausgaben des Istanbuls meiner Kindheit in Städten im ganzen Mittelmeerraum immer noch lebendig sind. Ich liebe Cavafys Dichtung nicht nur als Spiegelbild seines beispielhaften Lebens, sondern auch für die Landschaft, die sie wiedergibt, für ihre zerbrechenden Gebäude, und weil Ich die Textur mediterranen Lebens sofort wieder erkenne.

Ab und zu lese Ich erneut einige von Cavafys Gedichten, die alle in ein dünnes Buch passen. Ein langjähriger Freund veröffentlichte einmal eine Auswahl auf Türkisch, mit Hilfe von Edmund Keeleys Übersetzungen und übernahm den Titel des Gedichts „Warten auf die Barbaren“. Viele Jahre später, sooft wir uns treffen, begrüßen wir uns mit dem selben Witz: „Wie geht’s?“ „Ach, du weißt doch – (Ich) warte(n) auf die Barbaren.“ Was wir meinten war, dass wir – von einem politischen Standpunkt aus – wir gewöhnlich auf düsterere Tage warteten. Diese düstereren Tage kamen auch wirklich, und nach den nationalistischen Aufständen in Ägypten, verließ Alexandrias griechische Minderheit die Stadt komplett. Aber die letzte Wendung in seinem brillanten, geschichtsähnlichem Gedicht legt ein insgesamt anderes Ende nahe. Cavafy wird niemals aufhören seine Leser zu überraschen und zu bewegen.

“Die Stadt” von C. P. Cavafy

Du sagtest:

“Ich werde in ein anderes Land gehen, in andere Gestade,

eine andere, bessere Stadt als diese zu finden.”

Was immer Ich versuche erweist sich als falsch

und mein Herz liegt begraben als wäre es tot.

Wie lange kann ich meine Geist an diesem Ort verdorren lassen?

Wohin ich mich wende, wohin ich auch schaue,

Ich sehe die schwarzen Trümmer meines Lebens, hier,

wo ich so viele Jahre verbrachte, verschwendete, sie total zerstörte.”

Du wirst kein anderes Land finden, keine anderen Gestade.

Die Stadt wird dich immer verfolgen. Du wirst durch

die gleichen Straßen gehen, in den selben Vierteln altern,

In den selben Häusern wirst du ergrauen.

Du wirst am Ende immer in dieser Stadt sein. Gib die Hoffnung nach woanders auf:

Da wartet kein Schiff auf dich, da ist keine Straße.

Da du dein Leben hier verschwendet hast, in dieser kleinen Ecke,

hast du es überall auf der Welt vernichtet.

Englisch:

I’ll go to another country, go to another shore,

find another city better than this one.

Whatever I try to do is fated to turn out wrong

and my heart lies buried as though it were something dead.

How long can I let my mind moulder in this place?

Wherever I turn, wherever I happen to look,

I see the black ruins of my life, here,

where I’ve spent so many years, wasted them, destroyed them totally.”

You won’t find a new country, won’t find another shore.

This city will always pursue you. You will walk

the same streets, grow old in the same neighborhoods,

will turn gray in these same houses.

You will always end up in this city. Don’t hope for things elsewhere:

there is no ship for you, there is no road.

As you’ve wasted your life here, in this small corner,

you’ve destroyed it everywhere else in the world.

Ins Englische übersetzt von Edmund Keeley and Philip Sherrard.

Aus C. P. Cavafys “Collected Poems” (Princeton University, 1992).

Orhan Pamuk gewann 2006 den Nobelpreis für Literatur. Seine Bücher umfassen den Roman “ Das Museum der Unschuld” und die Biographie “Istanbul.” Dieser Essay wurde von Ekin Oklap ins Englische übertragen.

Quelle:

http://www.ahmedrashid.com/publications/central-asia/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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