Als aus Dissens Verrat wurde

Adam Hochschild

NYRB AUSGABE 28. September 2017

America and the Great War: A Library of Congress Illustrated History

by Margaret E. Wagner, with an introduction by David M. Kennedy

Bloomsbury, 371 pp., $45.00

The Great War

a three-part television series produced by Stephen Ives and Amanda Pollak for PBS’s American Experience

War Against War: The American Fight for Peace, 1914–1918

by Michael Kazin

Simon and Schuster, 378 pp., $28.00

Spider Web: The Birth of American Anticommunism

by Nick Fischer

University of Illinois Press, 345 pp., $95.00; $32.00 (paper)

America and the Great War: A Library of Congress Illustrated History

by Margaret E. Wagner, with an introduction by David M. Kennedy

Bloomsbury, 371 pp., $45.00

The Great War

a three-part television series produced by Stephen Ives and Amanda Pollak for PBS’s American Experience

War Against War: The American Fight for Peace, 1914–1918

by Michael Kazin

Simon and Schuster, 378 pp., $28.00

Spider Web: The Birth of American Anticommunism

by Nick Fischer

University of Illinois Press, 345 pp., $95.00; $32.00 (paper)

Während unsere Zeitungen und Mattscheiben vor cholerischen Attacken Präsident Trumps gegen die Medien, Immigranten und jeden, der ihn kritisiert, überquellen, fragen wir uns: Wie wäre es, wenn nichts seinen offenbaren Wusch behindern würde, derartige Feinde ruhig zu stellen, zu deportieren oder zu inhaftieren? Eine schaurige Antwort erhalten wir, wenn wir einfach die Uhr um einhundert Jahre zurückstellen, zu dem Moment, als die Vereinigten Staaten nicht einfach in einen Weltkrieg einstiegen, sondern in eine dreijährige Phase unvergleichbarer Zensur, Massenverhaftungen und fremdenfeindlichen Terrors.

Als Woodrow Wilson am 2.April 1917 vor den Kongress trat und darum bat, Deutschland den Krieg zu erklären, war das Land, wie heute, gespalten in Uneinigkeit. Auch wenn Millionen Menschen, angefangen mit dem beständig kriegslustigen Theodore Roosevelt, erpicht auf den Krieg waren, war sich Präsident Wilson nicht sicher, ob er auf die Loyalität von neun Millionen Deutsch-Amerikanern zählen konnte, oder die 4,5 Millionen irischen Amerikaner, die vielleicht nicht unbedingt als Verbündete Großbritanniens kämpfen wollten. Ebenso gehörten hunderte Vertreter, die in staatliche und lokale Ämter gewählt wurden, zur Sozialistischen Partei, die gegen amerikanische Beteiligung an diesem oder jedem anderen Krieg war. Und zehntausende Amerikaner waren „Wobblies‟, Mitglieder der militanten Industrial Workers of the World (IWW), und der einzige Kampf, den sie kämpfen wollten, war der der Arbeit gegen das Kapital.

Der Moment, indem die Vereinigten Staaten dem Krieg in Europa beitraten, begann ein zweiter, weniger wahrgenommener Krieg zu Hause. Bestehend aus Budesagenten, örtlicher Polizei und zivilen Bürgerwehren, hatte er drei Hauptziele: Jeden, der ein deutscher Sympathisant sein könnte, linke Zeitungen und Magazine, und Gewerkschaftsaktivisten. Der Krieg gegen letztere beiden Gruppen würde einanhalb Jahre nachdem der Erste Weltkrieg beendet war anhalten.

In auffallend trumphaftem Stil half Präsident Wilson persönlich Verdacht gegen alles Deutsche zu säen. Er war 1916 mit dem Motto er hielt uns fern vom Kriegangetreten, aber er wusste auch, dass die amerikanische öffentliche Meinung stark anti-deutsch war. Noch vor der Kriegserklärung hatte er düster davor gewarnt, dass es amerikanische Bürger gibt, ich schäme mich es zu sagen, die unter anderen Flaggen geboren wurden … die das Gift der Untreue genau in die Adern unseres Volkslebens gegossen ahben … Derartige Kreaturen der Leidenschaft, Untreue und Anarchie müssen zermalmt werden.

Nachdem die USA einmal dem Krieg beigetreten waren, kurz nachdem Wilsons zweite Amtszeit begonnen hatte, wurde das Zermalmen zu Raserei. Die Regierung begann gebürtige Deutsche, die keine engebürgerten Amerikaner waren, zu verhaften unf zu internieren—aber stark selektiv, konfizierte sie zum Beispiel alle, die Angehörige waren. Millionen Amerikaner beeilten sich, alles Deutsche zu verschmähen. Familien mit Namen Schmidt wurden schnellstens zu Smith. Deutschsprachige Textbücher wurden auf Freudenfeuer geworfen. Der deutsch geborene Dirigent des Boston Symphonie Orchesters, Karl Muck, wurde eingesperrt, obwohl er Bürger der Schweiz war; Notizen, die er auf der Partitur der Sankt Matthäus Passion gemacht hatte, wurden verdächtigt, verschlüsselte Nachrichten an Deutschland zu sein. Berlin. In Iowa, änderte seinen Namen zu Lincoln, und East Germantown, in Indiana, wurde Pershing, (benannt) nach dem General, der amerikanische Soldaten mit ihren breitkrempeligen Hüten nach Frankreich geführt hatte. Hamburger hieß jetzt Salisbury Steakund deutsche Masern Liberty measles‟. Der New York Herald veröffentlichte die Namen und Adressen von jedem deutsch- oder österreich-ungarisch-Stämmigen in der Stadt.

Überall nahmen Bürger das Recht in die eigenen Hände. In Collinsville, Illinois, ergriff die Menge einen Bergarbeiter, Robert Prager, der das Pech hatte, in Deutschland geboren zu sein. Sie Traten und schlugen ihn, zogen ihm seine Kleidung aus, wickelten ihn in die Amerikanische Flagge und zwangen ihn, The Star-Spangled Bannerzu singen, marschierten mit ihm zu einem Baum am Rand der Stadt und lynchten ihn.Es spielte keine Rolle, dass er versicht hatte sich bei der US Navy einzuschreiben, was abgelehnt wurde, weil er ein Glasauge hatte. Nachdem eine Jury nur fünfundvierzig Minuten beratschlagt hatte, wurden elf Mitglider des Mobs von allen Vorwürfen freigesprochen während vor dem Gerichtsgebäude eine Militärkapelle spielte.

Die nächste Schlacht war ein Angriff auf die Medien, wie es ihn zuvor oderbis dahinnicht gegeben hatte. Kommandeur war Wilsons Postamtsvorsteher-General, Albert Sydney Burleson, ein aufgeblasener ehemaliger Staatsanwalt und Abgeordneter. Am 16.Juni 1917 sandte er dramatische Anweisungen an örtliche Postvorsteher, und wies sie an einen genauen Blick auf unversiegelte Angelegenheiten, Zeitungen, etc. Zu werfen‟, auf alles was beabsichtigt … Ungehorsam, Untreue, Rebellion .. oder auf andere Weise die Regierung bei der Führung des Krieges zu behindern oder zu stören. Was hieß behindern‟? Ein nachfolgendes Dekret von Burleson brachte ein breites Sortiment an Beispielen, von der Aussage dass unsere Regierung von der Wall Steet kontrolliert wird, oder von Munitionsfabriken, oder irgendwelchen anderen besonderen Interessenbis unsere Verbündeten unpassend zu beschimpfen‟.

Einer nach der anderen stellet Burleson Zeitungen und Magazinen nach, von denen viele mit der Sozialistischen Partei nahestanden, einschließlich der beliebten Appeal to Reason (Appel an die Vernunft),die eine Auflage von mehr als einer halben Million hatte. Praktisch die gesamte Wobbly-Literatur wurde aus der Post verbannt. Burlesons berühmtestes Ziel war Max Eastmans kontroverses The Masses1, eine Literaturzeitschrift, die Jeden von John Reed bis Sherwood Anderson bis Edna St. Vincent Millay und dem jungen Walter Lippmann veröffentlicht hatte. Während The Masses nie die Massen erreichteseine Auflage betrug durchschnittlich nur 12 000war es eins der peppigsten Magazine, die das Landes jemals produzierte. Burleson machte es dicht; ein Thema, das seine Wut erregte, war eine Karikatur der zerbröselnden Freiheitsglocke. Sie geben dir neunzig Tage um die Unabhängigkeitserklärung zu zitieren.erklärte Eastman, Sechs Monate für die Bibel.

Mit so vielen neuen Immigranten gab es in den Vereinigten Staaten Dutzende fremdsprachiger Zeitungen. Alle waren nun gezwungen, sich der englischen Übersetzungen örtlicher Postvorsteher von allen Artikeln zu unterwerfen, die sich mit der Regierung befassten, dem Krieg, oder mit amerikanischen Verbündeten bevor sie veröffentlicht werden konnten—eine zerschmetternde Ausgabe, die viele Zeitschriften veranlasste, den Druck einzustellen. Eine weitere Technik Burlesons bestand darin, eine bestimmte Ausgabe einer Zeitung oder eines Magazins zu verbieten, und dann seine zweite Klasse Drucklizenz zu kündigen, mit der Behauptung, sie veröffentliche nicht regelmäßig. Bevor der Krieg vorbei war. Wurden fünfundsiebzig verschiedene Veröffentlichungen entweder zensiert oder komplett verboten.

Am Ende bescherte der Krieg Betrieben und der Regierung die perfekte Entschuldigung um die Arbeiterbewegung anzugreifen. Die vorigen acht Jahre waren Jahre großer Arbeitskämpfe, mit hunderttausenden Arbeitern im Streik pro Jahr; jetzt wurde praktisch jedes Büro geplündert. In Seattle übergaben die Obrigkeiten Wobbly-Gefangene dem örtlichen Armee-Kommandeur, dann behaupteten sie, dass weil sie in Militärhaft waren, das Habeas-Corpus-Recht nicht gelte. In Chicago, befand eine Jury von 101 Wobblies, die sich seit vier Monaten in einem Prozess befanden, alle von ihnen schuldig, nach einer Besprechung, die so kurz war, dass sie pro Angeklagtem im Durchschnitt weniger als dreißig Sekunden betrug. Bis zum Waffenstillstand gab es fast 6 300 angeordnete Verhaftungen von Linken jeder Couleur, aber tausende mehr Menschen, die Summe (ist) unbekannt, wurden ohne Haftbefehl ergriffen.

Große Teile der Unterdrückung tauchten nie in Statistiken auf, weil sie durch Bürgerwehren begangen wurden. Im Juni 1917 streikten zum Beispiel Kupferschürfer in Bisbee, Arizona, organisiert durch die IWW. Ein paar Wochen später stellte der Sheriff ein Aufgebot von mehr als zweitausend Bergwerksfirmenvertretern, gekauften Schützen und bewaffneten lokalen Geschäftsleuten. Weiße Armbänder tragend, um sich gegenseitig zu erkennen und angeführt von einem Auto, auf das ein Maschinengewehr montiert war, traten sie Türen ein und ließen fast zwölfhundert Streikende und ihre Unterstützer aus der Stadt marschieren. Die Männer wurden mehrere Stunden unter der heißen Sonne in einem Baseballpark festgehalten, dann mit vorgehaltenem Bajonett in einen Zug gezwungen mit zwei Dutzend Stück Vieh- und Frachtwaggons und mit bewaffneten Wachen auf jedem Waggon und weiteren Bewaffneten, die den Zug in Autos begleiteten, 180 Meilen durch die Wüste verschleppt und über die Staatsgrenze nach New Mexico. Nach zwei Tagen ohne Nahrung, steckte man sie in ein Militärgefängnis. Ein paar Monate später setzte ein Mob mit Kapuzen in Tulsa, Oklahoma, siebzehn Wobblies fest, peitsche sie aus, und teerte und federte sie.

Selbst Leute aus den höchsten Rängen der Gesellschaft lechzten nach Blut wie ein Lynchmob. Elihu Root, ein Firmenanwalt und ehemaliger Kriegsminister, Außenminister und Senator, war der Prototyp des so genannten weisen Mannes des politischen Establishments des Zwanzigsten Jahrhunderts, der sich leichtfüßig zwischen der Wall Street und Washington hin und her bewegte. Es gibt Männer die heute Nacht auf den Straßen dieser Stadt wandeln, die man morgen bei Sonnenafgang nach draußen führen und erschießen sollte.erzählte er einem Publikum in New Yorks Union League Club im August 1917. In dieser Stadt werden jeden Tag einige Zeitungen veröffentlicht, deren Herausgeber Verurteilungen und Exekution wegen Verrats verdienen.

An Woodrow Wilson erinnert man sich wegen seiner Förderung der League of Nations zur Lösung von Konflikten im Ausland auf ordentliche Art und Weise, daheim jedoch ermutigte sein Justizministerium die Gründung von Bürgerwehrgruppen mit Namen wie die Ritter der Freiheit und den Aufruhreinfahrern. Die größte war die American Protective League (APL), mit 250 000 Mitgliedern zum Ende des Krieges, einige von ihnen aus bestehenden Geschäftsbetrieben, wie Kaliforniens Midway Oilfields Protective Cimmittee, deren Mitgliedschaft die ganze Gruppe umfasste. Ihre Reihen voller Arbeitgeber, die Gewerkschaften hassten, Nativisten, die Immigranten hassten, und Männer, die zu alt für das Militär waren, und immer noch in die Schlacht ziehen wollten. APL-Mitglieder trugen Abzeichen, auf denen stand Reserve des US Justizministeriums‟, und das Postamt räumte ihnen das Privileg ein, Post umsonst verschicken zu können.

Die Regierung bot 50,-$ Kopfgeld für jeden nachgewiesenen Wehrdienstverweigerer, was tausende auf die Jagd gehen ließ, von unterbezahlten ländlichen Sheriffs bis zum Großstadtarbeitslosen. Im ganzen Land beging die APL Drückeberger-Überfälle‟, manchmal zusammen mit uniformierten Soldaten und Matrosen. Bei einem Überfall im September 1918 in New York City und Umgebung gingen mehr als 60 000 Mann ins Netz. Nur 199 wirkliche Wehrverweigerer wurden unter ihnen gefunden, aber viele der übrigen wurden tagelang festgehalten, während ihr Leumaund kontrolliert wurde. Wilson erzählze dem Marneminister beifällig, dass die Überfälle den Wehrverweigerern die Angst vor Gott beibringen werde.

Obwohl mutig und unverblümt, waren Amerikaner die gegen den Krieg waren nur eine Minderheit in der Bevölkerung. Ihre herbe Behandlung durch dieWilson Administration fand beachtlich weitverbreitete Unterstützung. Im Frühjahr 1917 schürten die uneingeschränkten Angriffe auf amerikanische Schiffe, die Ladung zu die Verbündeten brachten und das Zimmermann-Telegramm, das Mexiko eine Scheibe von Amerikas Südwesten versprach, wenn es sich dem Krieg auf deutscher Seite anschloss, Entrüstung gegen Deutschland. Die Unter-Beschussnahme von so vielen Linken und Arbeiterführern, die Immigranten waren, jüdisch oder beides, setzte auf eine mächtige Unterströmung des Nativismus und Anti-Semitismus. Und Millionen junger Männer, die noch keine Schrecken der Grabenkämpfe kannten, waren begierig jeden zu bekämpfen und feindselig zu behandeln, der ihnen im Weg zu stehen schien.

Als der Krieg endete, hatte die Regierung eine neue Entschuldigung für die Weiterführung der Razzien: Die Russische Revolution, die man verantwortlich machte jegliche Unruhe, wie eine Welle größerer Poststreiks 1919. Diese wurden rücksichtslos unterdrückt. Gary, Indiana, wurde unter Kriegsrecht gestellt, und in Cleveland bot man Panzer auf. Als in New York, Washington und verschiedenen anderen Städten Bomben hochgingen, wurden sie nahezu mit Gewissheit von einer klenen Gruppe italienischer Anarchisten gelegt (tatsächlich schaffte es einer sich bei dem Vorgang selbst hochzujagen). Aber alternative Faktenregierten: der Direktor des Nachrichtenbüros, dem Vorgänger des FBI, behauptete, die Bombenleger hätten Verbindungen zum Russischen Bolschewismus‟.

Im gleichen Jahr lieferte ein Aufwallen von Protesten schwarzer Amerikaner einen Vorwand für grausame rassistische Gewalt. Nahezu vierhunderttausend Schwarze hatten im Militär gedient, um dann in ein Land zurückzukehren, wo man ihnen gute Anstellungen, Ausbildung und Unterkünfte verweigerte. Da sie mit Millionen heimkehrender weißer Soldaten um knappe Arbeit konkurrierten, brachen Rassenunruhen aus, und in diesem Sommer wurden mehr als 120 Menschen getötet. Lynchmordeeine ständige Begleiterscheinung des Lebens Schwarzer für viele Jahreerreichten ihren Höhepunkt seit mehr als einem Jahrzehnt; achtundsiebzig Afro-Amerikaner wurden 1919 gelyncht, mehr als einer pro Woche. Aber alle rassischen Spannungen wurden den Russen in die Schuhe geschoben. Wilson selbst sagte voraus, dass der amerikanische Neger, der aus dem Ausland heimkehrt, unser größtes Agens wäre, um den Bolschewismus nach Amerika zu bringen.

Diese dreijährige Phase der Unterdrückung erreichte ein Spitze Ende 1919 und im frühen 1920 mit den „Palmer Überfällen“, unter der Leitung von Justizminister A. Mitchell Palmer, bei jedem Schritt unterstützt von einem aufsteigenden jungen Vertreter des Justizministeriums namens John Edgar Hoover. An einem einzigen Tag der Überfälle, zum Beispiel —2.January 1920—wurden etwa fünftausend Menschen verhaftet; ein Wissenschaftler nannte es „die größte polizeiliche Aushebung an einem einzigen Tag in der amerikanischen Geschichte“. Die Räuber waren berüchtigt grob, schlugen Leute und warfen sie Treppenhäuser hinunter. Nach einem Überfall fand ein Reporter der New York World eingeschlagene Türen, umgeworfene Möbel, zerstörte Schreibmaschinen und Blutspuren auf dem Boden. Achthundert Menschen wurden in Boston verhaftet, und einige von ihnen marschierten in Ketten durch die Straßen der Stadt auf ihrem Weg zu einem Übergangsgefängnis auf einer Insel im Hafen. Weitere achthundert wurden sechs Tage in einem fensterlosen Flur in einem staatlichen Gebäude in Detroit festgehalten, ohne Betten und dem Einsatz einer Toilette und einem Waschbecken.

Palmer war erstaunlich offen mit der Tatsache, dass seine Razzien ideologiegesteuert waren. Nachdem er die „fanatischen Orthodoxen des Kommunismus in Russland“ angegriffen hatte, schwor er „nicht aufzuhören mit einem entschlossenen, hartnäckigen, aggressiven Krieg gegen jede Bewegung, egal wie verdeckt oder verborgen, die entweder die Verkündung dieser Ideen zum Ziel habe, oder die Sympathieerregung für diese um sie zu verbreiten.“ Da er für seine Nominierung zum Präsidenten kämpfte, prophezeite er hysterisch einen ausgedehnten bolschewistischen Aufstand am Maifeiertag 1920, womit er die Behörden in Chicago so in Schrecken versetzte, dass sie 360 Radikale für den Tag in Schutzhaft nahmen. Als der Tag verging und absolut nichts passierte, wurde klar, dass die Vereinigten Staaten nie an der Schwelle zur Revolution gestanden hatten; Mitgliedschaft in den beiden befehdeten kommunistischen Parteien des Landes war, im Grunde genommen, unbedeutend.

Bürgervor allen Dingen ein Kommittee aus einem Dutzend bekannter Anwälte, Rechtsprofessoren und Dekane juristische Fakultätenwurden ermutigt sich gegen die Unterdrückung zu äußern, und das Schlimmste war vorbei. Aber es hatte sein Ziel erreicht. Die IWW war zerbrochen, die Sozialistische Partei auf einen Schatten ihres einstigen Daseins reduziert, und Gewerkschaften zu einem deutlichen Rückzug gezwungen; selbst der ausdrücklich gemäßigte, systemangepasste Amerikanische Bund der Arbeit verlor zwischen 1920 und 1923 mehr als eine Million Mitglieder.

Weil diese traurigen Phase unserer Geschichte zu oft vergessen wird, ist es gut, dass verschiedene Autoren und Filmemacher in diesem jahr daran erinnern, es markiert den Eintritt Amerikas in den Ersten Weltkrieg. Das Buch der Mitarbeiterin der Kongressbücherei, Margaret E. Wagner, America and the Great War, betritt kein Neuland, aber stellt klar, dass die Geschichte dieses Landes und dass Krieg nicht nur von der Lusitania und den Landsern in Frankreich handelt. Sie bezieht den Krieg zuhause ebenso, sowohl im Text und mit Bildern und Kunstwerken aus den riesigen Sammlungen der Bücherei. Die Illustrationen etwa beinhalten ein Bürgerwehrflugblatt, Regimekritiker wie John Reed und Eugene V. Debs (inhaftiert für mehr als zwei Jahre wegen Äußerungen gegen den Krieg), eine Lynchmeute, und eine unvergleichliche Kohlezeichnung von dem Künstler Maurice Becker, ein Karikaturist für The Masses, die zeigt, wie er und seine pflichtbewussten Verweigererkollegen in Militärgefängnissen behandelt wurden: angekettet an Zellengitter, damit sie neun Stunden an Tag auf den Zehen stehen mussten.

Derartige Menschen und Geschehnisse werden in The Great War, ebenso evoziert, ungefähr sechs Stunden außergewöhnlich handgemachter Film von PBS‘  American Experience, der ein sehr anderes Amerika porträtiert als das Land, das nichts verkehrt machen kann anderer tradierter Kriegsdokus. Das meiste Material geht um die Kämpfe in Europa, und alles was dazu führte, aber die Filmemacher geizen nicht mit Blicken auf auf die rücksichtslose Unterdrückung des Widerspruchs in der Heimat. Wir erfahren von der geteilten Meinung in dem Land, der barschen Behandlung von heimkehrenden schwarzen Veteranen durch die Regierung, und Lynchmobs ebenso, und Bürgerwehren wie der American Protective League, von deren extremistischen Berichten mehrere auf dem Bildschirm gezeigt werden. Der Krieg „war sehr kostspielig“, sagt Nancy K. Bristow, eine von vielen befragten Historikern, zum Ende des Films. „Nicht nur an Menschenleben. Der Krieg war gewonnen, aber gewonnen mit Mitteln des Verhaltens, politischen Zielen und Gesetzen, die genau den Gesetzen widersprachen, für die das Land kämpfte.“

Verschiedene andere Historiker sprechen über die Gestalt, die über so viel herrschte, was in diesen Jahren passierte, Woodrow Wilson. Ihr gemeinsames Porträt ist ein komplexer Mann, der am Ende blind war vor seinem eigenen Sinn für Rechtschaffenheit. Jede Person oder Gruppe, die ihm im Weg stand, wurde beiseite gefegt, inhaftiert oder deportiert. Er war überzeugt, das er wusste was das Beste war, und nicht nur für sein eigenes Land. Wie Michael Kazin, einer der befragten Historiker, es formuliert: „Er wollte Präsident der Welt sein.“

Kazin selbst ist Autor eines dringend erforderlichen Buches für dieses Jubiläum, War Against War, das er beginnt indem er seine Karten auf den Tisch legt: „Ich wünsche die Vereinigten Staaten hätten sich nicht an dem Großen Krieg beteiligt. Das Imperiale Deutschland stellte für das amerikanische Heimatland keine Gefahr dar … und die Folgen seiner Niederlage machten die Welt zu einem gefährlicheren Ort.“ Er fährt fort ein vollständiges und differenziertes Bild des überraschend vielschichtigen Spektrums der Amerikaner zu zeichnen, die gegen den Krieg waren. Fünfzig Abgeordnete und sechs Senatoren stimmten dagegen; einer der Letzteren, Robert La Folette, bekam von da an Schlingen mit der Büropost. Mehr Widerstand kam von Sozialisten, Anarchisten und anderen Radikalen; Emma Goldman, eingesperrt für zwei Jahre wegen Organisation gegen die Einberufung, war eine von 249 im Ausland geborenen Störenfrieden, die unter schwere Bewachung gesetzt wurden auf einen klapprigen Truppentransporter im Jahr 1919nund deportiert nach Russland. Berichten zufolge zeigte sie Hoover die kalte Schulter, der das Schiff auf einem Schlepper im New Yorker Hafen begleitete.

Bemerkenswert weist Kazin darauf hin, dass der Süden die höchste Prozentzahl an Verweigerern im ganzen Land. (Das schien mehr zu tun zu haben mit der Kluft zwischen Land und Stadt als mit Überzeugungen; viele junge Südländer hatten einen Hof zu bewirtschaften oder eine Familie zu unterstützen und haben vielleicht einfach dem Sheriff vertraut, sie nicht zu einzuziehen.) Die vielleicht größte Überraschung in Kazins Buch ist die bloße Zahl von Widerständlern. Wenn man die Männer zusammenzählt, die sich nicht für die Einberufung registrierten, nicht erschienen, wenn sie einberufen wurden, oder desertierten nachdem sie engezogen wurden, beträgt die Summe mehr als drei Millionen.“ Eine höhere Prozentzahl amerikanischer Männer wehrte sich erfolgreich gegen die Wehrpflicht im Ersten Weltkrieg als während des Vietnamkrieges. „Mehrere ükhne Männer und Frauen, unter ihnen Norman Thomas, A. Philip Randolph und Jeannette Rankin, lebten lang genug um sich gegen beide Kriege auszusprechen.

Sobald die Russische Revolution vonstatten gegangen war, wurden große Teile der Unterdrückung im Namen des Antikommunismus unternommen. Nick Fischers Geschichte des Antikommunismusrauschs in diesen Jahren, Spider Web, ist leider mit wenig Anmut geschrieben worden. Etwa übersät er wiederholt einen längeren Paragraphen mit einem halben Dutzend oder mehr beschreibenden Sätzen in Anführungszeichen, aber dann zwingt er den Leser zu den Endnoten am Ende des Buches zu blättern um herauszufinden, wer gerade zitiert wird. Dennoch, sein Blickwinkel ist erfrischend originell.

Antikommunismus in diesem Land, führt er aus, hatte nie viel mit der Sowjetunion zu tun. Zum Einen war er bereits von der Pariser Commune gezündet worden, Jahre bevor die Russische Revolution stattfand. „Heute gibt es in unserer Sprache .. kein verhassteres Wort als Kommunismus.“ donnerte ein Professor an der Union Theologischer Seminare 1878. Zum anderen, nach der Revolution wussten Antikommunisten genauso wenig wie Kommunisten was in Russland gerade geschah. Die blauäugigen Kommunisten waren davon überzeugt, es sei das Paradies. Die Antikommunisten dachten, sie könnten Leute schockieren indem sie das Land darstellten als eis, das von „Kommissariaten der freien Liebe“ beherrscht wurde, wo Frauen zu Nationalgut erklärt worden waren, zusammen mit dem Privatbesitz, und an Männer herausgegeben wurden. Keine Gruppe besaß die Motivation herauszufinden, wie das Leben in dem entfernten Land wirklich war.

Für ein Jahrhundert oder länger, dokumentiert Fischer überzeugend, dass der wirkliche Feind des amerikanischen Antikommunismus die organisierte Arbeiterschaft war. Arbeitnehmer bildeten den Kern der antikommunistischen Bewegung, aber schon früh bildeten sie Allianzen. Eine mit der Presse (deren Eigentümer ihre eigenen Ängste vor Gewerkschaften hatten): bereits 1874 sprach der New York Tribune darüber, wie „Kommunisten“ aus Pariser Kirchen durch Mitglieder der Pariser Commune gestohlene Juwelen nach New York geschmuggelt hatten, um den Erwerb von Waffen zu finanzieren. Im selben Jahr sprach die Times von einer „Kommunistischen Terrorherrschaft“, errichtet durch streikende Teppichweber in Philadelphia. 1887 verdammte  Bradstreet’s den Gedanken eines Acht-Stunden-Arbeitstages als „kommunistisch“.

Der antikommunistischen Allianz schlossen sich private Detektivagenturen an, die Millionen verdienten indem sie Gewerkschaften infiltrierten und unterdrückten. Das gewann im späten Neunzehnten Jahrhundert an Bedeutung, und zur Zeit der Palmer Überfälle beschäftigten die drei größten Agenturen 135 000 Menschen. Derweil, ab den 1870-ern, begann die nationale Polizei mit Verhaftungen wegen Landstreicherei, um die Straßen der Städte von potentiellen Unruhestiftern zu räumen (New York nahm mehr als eine Million in einem einzigen Jahr vor.) Dann entwickelten sie „Rote Kader“, deren Arbeit und Beförderung der Offiziere abhängig waren vom Aufdecken kommunistischer Verschwörungen.

Ein weiterer Verbündeter war das Militär. „Die komplette Hälfte der Aktivitäten der Nationalgrade im späten Neunzehnten Jahrhundert,“ schreibt Fischer, „umfasste Streikbrechen und Industrieüberwachung.“ Viele der schicken Backstein-Waffenlager in amerikanischen Städten wurden in dieser Zeit gebaut, einige mit Hilfe der Industrie, als das Land Übersee nicht im Krieg war. Geschäftsleute aus Chicago erwarben sogar ein großes Heim für einen General.“

Zu der Zeit als die USA in den Ersten Weltkrieg eintraten, waren das Büro für Untersuchungen und die amerikanische Militärgeheimdienstbranche ebenso Teil der Mixtur, unter Einsatz von—and hier bezieht sich Fischer auf die bahnbrechende Arbeit des Historikers Alfred McCoy—Überwachungs- und Infiltrationstechniken, entwickelt von der Armee, um die philippinische Unabhängigkeitsbewegung zu zerbrechen. Ein wichtiger Versammlungsort für die einflussreichsten Antikommunisten nach 1917 war, zufällig, New Yorks Union League Club, wo Elihu Root seine haarsträubende Rede über die Exekution von Zeitungsherausgebern wegen Verrats gehalten hatte.

Fischer befördert die Geschichte weiter ins Zwanzigste Jahrhundert, mit verblüffenden Porträts verschiedener beruflicher Antikommunisten. Einer, etwa, John Bond Trevor, stammte aus einer prominenten Familie (Franklin und Eleanor Roosevelt wohnten seiner Hochzeit bei) und begann als Direktor des New Yorker Zweigs des Militärgeheimdienstes 1919. Er machte im folgenden Jahr weiter und half eine staatliche New Yorker Untersuchung von subversiven Kräften zu leiten, die ihre eigenen Räumungsaktionen vornahm, und bald engagierte er sich in der Eugenik-Bewegung. Er war ein führender Antreiber und Lobbyist für das Immigrationsgesetz von 1924, das Einreisen von nahezu überall streng begrenzte, außer Nordwest-Europa. Sein Leben vermischte, in einem heutzutage bekannten Muster, Feindschaft zu Abweichlern in der Heimat und gegenüber Immigranten aus dem Ausland.

Welche Lektionen können wir aus dieser Zeit lernen als die Vereinigten Staaten, trotz ihres Sieges im Europäischen Krieg, wahrhaftig in der Heimat seine Seele abhanden kam?

Eine schlichte ist die, dass gelegentlich eine einfache Person mit Respekt vor dem Gesetz einen beachtlichen Schlüssel ins Getriebe werfen kann. Irgendwo zwischen sechs- und zehntausend Ausländer wurden während der Palmer Razzien verhaftet, und Palmer und Hoover waren begierig sie zu deportieren. Aber Deportationen standen unter der Kontrolle des Amtes für Immigration, das dem Arbeitsministerium unterstand. Und dort war der stellvertretende Arbeitsminister, Louis F. Post, ein fortschrittlicher ehemaliger Zeitungsmann, in der Lage die meisten von ihnen aufzuhalten.

Als Held dieser düsteren Zeit beendete Post Haftbefehlgesuche, stellte das Habeas-Corpus-Recht für Inhaftierte wieder her, und reduzierte oder strich die Kaution für viele. Das trug ihm den Hass von Palmer und Hoover ein, die eine 350-seitige Akte über ihn zusammentrugen. Hoover inszenierte ebenfalls eine erfolglosen Feldzug durch die Amerikanische Legion für seine Entlassung, und einen Versuch des Kongresses ihn anzuklagen. Insgesamt war Post in der Lage zu verhindern, dass dreitausend Menschen deportiert wurden.

Eine eher nüchterne Einsicht durch die Geschehnisse von 1917–1920 ist, dass wenn starke soziale Spannungen das Land in Aufruhr versetzen und Hysterie herrscht, Rechte und werte, die wir für selbstverständlich halten, einfach untergraben werden können: die Freiheit der Persse und der Rede, Schutz vor Selbstjustiz, sogar das Vertrauen, dass Wahlergebnisse respektiert werden. Als etwa 1918 und erneut bei einer besonderen Wahl im folgenden Jahr die Wähler von Wisconsin einen Sozialisten in den Kongress wählten, und einen recht gemäßigten dazu, verweigerte das Repräsentantenhaus, mit einer Abstimmung von 330 zu 6, ihm einfach seinen Sitz. Das Gleiche passierte fünf Mitgliedern der Partei, die in die Legislaturperiode des Staates New York gewählt wurden.

Darüber hinaus können wir uns nicht trösten indem wir über diese drei Jahre der chauvinistischen Rücksichtslosigkeit sagen, „wenn die Leute es nur gewusst hätten.“ Leute wussten es. Über all dieser beschämenden Geschehnisse wurde in der Presse berichtet, manchmal wurde photographiert, und in einigen Fällen auf Film gebannt. Aber die Presse nickte immer beifällig. Nachdem der Sheriff von Bisbbe, Arizona, und sein Aufgebot die Wobblies in die Wüste verfrachtet hatten, schrieb die Los Angeles Times,  dass sie „eine Lektion geschrieben haben, von der ganz Amerika gut täte, sie nachzuahmen.“ Ermunternd, dass die nationale Presse heute meist nicht diese Art von Stimmungsmache betreibt.

Die letzte Lektion aus dieser dunklen Zeit ist, dass wenn ein Präsident keine Toleranz für Opposition besitzt, sein größtes Glück in einem Krieg besteht. Dann wird Dissens nicht einfach zu „fake news“, sondern Verrat. Wir sollten argwöhnisch sein.

Übersetzung: Thorsten Ramin

Quelle: http://www.nybooks.com/articles/2017/09/28/world-war-i-when-dissent-became-treason/