Afghanistan Stunde Null 9.12.2013

THE SPECTATOR MAGAZINE

LONDON, 13.Dezember 2014

Alles ist möglich, wenn die Amerikaner abziehen.

Von Ahmed Rashid

Von Washington bis Kabul, und in jeder Hauptstadt dazwischen, fragen Regierungen, Armeen, Geheimdienste und Medien, was in Afghanistan nächstes Jahr geschehen wird, wenn die USA und die NATO das Land nach 12 Jahren Krieg, den sie nicht gewonnen haben, endgültig verlassen

Trotz des gewaltigen Aufkommens vorhandener Erkenntnisse weiß es in Wahrheit niemand, nicht einmal die Afghanen. Die besten Vorhersagen können nur darauf beruhen, was gut läuft, was schief läuft, und was getan werden kann um die Gefahren, dass es schlimmer wird, zu minimieren.

Aber schon seit über einem Jahr werden wir wir mit sogenannten Erfolgsgeschichten des militärischen Übergangs überhäuft — und der Übergabe der Sicherung an die 350 000 Mann starke afghanische Armee und Polizei — wenn die westlichen Truppen abziehen. Uns wurde wiederholt erzählt, dass, wenn die US-NATO-Truppen minimiert, die afghanischen Truppen verstärkt werden.

Die Wahrheit ist, dass der militärische Wandel gegebenenfalls der einfache Teil ist. Bisher erweist sich selbst der als schwierig, weil die Taliban angreifen und die Verluste der afghanischen Regierung im vergangenen Jahr enorm gestiegen sind. Das untermalt nur die Anfälligkeit der afghanischen Truppen, von denen 80% Analphabeten sind, und die eine jährliche Desertationsrate von 20% aufweisen. Aktuell sind dort etwa 87 000 Soldaten übrig, von 150 000 im letzten Jahr. Im kommenden Frühling werden es weniger als 40 000 sein und zum Ende des Jahres keiner, bis auf die kleine Ausbildungstruppe, die von den USA hinterlassen werden soll. Ob eine US-NATO-Ausbildungstruppe von unter 10 000 Soldaten bleibt, ist Thema einer hitzigen Debatte zwischen Präsident Karzai und den Amerikanern, die sich um Bedingungen und Voraussetzungen streiten, aber im Grunde ist es wahrscheinlich, dass Karzai zustimmt.

Afghanische Armeeverluste waren so hoch, dass das Verteidigungsministerium die Zahlen nicht mehr bekannt gibt, aber ein offizieller Sprecher verriet mir, dass verblüffende 1 273 Polizeioffiziere und 770 Dorfpolizisten zwischen März und Oktober diesen Jahres getötet wurden. Während dieser Zeit starteten die Taliban 6 600 Angriffe in 30 der 34 Provinzen des Landes. Das ist ein eindrucksvoller Rekord für eine Truppe, die rückläufig sein soll.

Es gibt vier weitere Veränderungen, die in den nächsten 12 Monaten die gleiche Aufmerksamkeit verdienen. Die wichtigste ist die politische Veränderung und ob die Präsidentschaftswahlen nächsten April vergleichsweise frei sein und eine angemessen legitime Regierung ergeben werden. Merken Sie sich die umsichtigen Termine. Von ihnen — nicht von der Stärke der Angriffe der Taliban — hängt die zukünftige Stabilität des Landes ab.

Obwohl Präsident Hamid Karzai nicht wider kandidieren kann, wird er zweifellos einen Favoriten zwischen den 16 bisherigen Kandidaten auswählen.

Karzai wird den Kandidaten wählen wollen, der ihn und seine große Familie am besten beschützen kann (vor allem vor Korruptionsvorwürfen) und ihm vielleicht eine Rolle in der Zukunft überlässt. Die wahrscheinlichsten Kandidaten für seine Unterstützung sind sein Bruder Qayum Karzai oder sein Außenminister Zalmai Rassoul.

Ein „positives“ Ergebnis zu erreichen, mag durchaus Wahlbetrug nach sich ziehen. Dennoch, sollten die Wahlen auch nur halb so manipuliert werden, wie sie es 2009 waren, als man kurz vor einem Bürgerkrieg stand, dann kann für die Stabilität der Zukunft nichts garantiert werden.

Die Zuverlässigkeit der Wahlen hängt davon ab, wie die ethnische Karte gespielt wird. 2009 beanspruchte Karzai mit einer knappen Mehrheit gewonnen zu haben, mit der Unterstützung seiner verwandten Paschtunen im Süden und Osten, wo anteilig am meisten in die Wahlurne gestopft wurde. Die Nicht-Paschtunen im Norden und Westen lehnten die Ergebnisse ab und behaupteten, sie hätten gewonnen, bis amerikanische Schlichter eingriffen und der Kandidat aus dem Norden, Abdullah Abdullah, bereitwillig von seiner Forderung einer erneuten Wahl zurücktrat. Das Szenario könnte sich im kommenden April durchaus wiederholen, mit weit verheerenderen Ergebnissen.

Diese Mal werden die Nicht-Paschtunen nicht klein beigeben, wenn sie denken, Karzai habe die Wahlen manipuliert. Der Westen hat keine Hebel mit denen er sich an die Regierung wenden kann, um sie kompromissbereit zu machen. Der größte Fehler in den vergangenen zwei Jahren war die Aufgabe jeglicher Kontrolle über die Wahlen seitens der USA, der UNO, der NATO und anderer westlicher Körperschaften. Manipulierte Wahlen könnten durchaus zu einem vielschichtigen Bürgerkrieg führen, in dem die Verlierer die Sieger bekämpfen, und die Taliban jeden.

Auch Armut unterliegt dem wirtschaftlichen Wandel. Trotz 100 Milliarden Dollar, die in dem Land seit 2001 für soziale Dienstleistungen ausgegeben wurden, hat der Westen es nicht geschafft eine einheimische Wirtschaft aufzubauen, die Arbeit für die Jungen und Einkünfte für den Staat bietet. In den 1970-ern baute Afghanistan seine Lebensmittel komplett selbst an, jetzt muss es riesige Mengen importieren — sogar der Feldanbau wurde vernachlässigt. Dieses Jahr gab es die größte Mohnernte aller Zeiten, die garantiert, dass mehr Afghanen von Heroineinkommen abhängen als von Weizen. Tausende gebildeter und pro-demokratischer Afghanen, die für die ausländischen Truppen gekämpft haben, werden perspektivenlos auf der Straße sitzen. Viele von ihnen werden ins Ausland fliehen und zu illegalen Migranten.

Darüber hinaus ist es mit dem US-Kongress und westlichen Parlamenten, die Afghanistan satt haben, unwahrscheinlich, dass sie ihre Versprechen einhalten, die Armee, die Wirtschaft und Ausbildung in den nächsten fünf Jahren mit bis zu 10 Milliarden Dollar per annum zu unterstützen.

Es fehlt auch ein regionaler Wandel — die diplomatischen Bemühungen müssten Anrainerstaaten wie den Iran, Pakistan, China und die zentralasiatischen Republiken und wichtige nächste Nachbarn wie Indien, Russland und Saudi-Arabien dazu bringen Afghanistans Angelegenheiten zu akzeptieren und sich nicht einzumischen, und ihre bevorzugten Kriegsherren nicht zu bewaffnen und zu finanzieren, wie sie es in den 90-ern taten. Stattdessen sollten sie ihre politischen Zuständigkeiten neu ausrichten und Afghanistans strategische Lage dazu benutzen, mehr grenzüberschreitenden Handel, Öl und Gas-Pipelines und Arbeit in die gesamte Region zu schaffen, und es zu einer Erfolgsgeschichte machen, statt dem Misserfolg, der es gerade ist.

Diese drei Veränderungen beruhen alle auf einer vierten, Versöhnung mit den Taliban und Verträge, die sie aus der politischen Isolation holen. Die Taliban sind genauso darüber im unreinen wie die afghanische Regierung, ob die Gespräche zu Ergebnissen führen. Der letzte Versuch direkter Gespräche mit den USA in Katar 2010 und -11 scheiterte, die Taliban-Delegation befindet sich aber immer noch in Doha. Gespräche könnten nur fortgesetzt werden, wenn es einen Präsidenten gäbe, von dem man wüsste, dass er breite Unterstützung genießt und dem die Taliban vertrauen könnten, während die Amerikaner eher dazu bereit sind Kompromisse anzubieten, wie die Freilassung von gefangenen Taliban aus Guantanamo.

Die Taliban sind reif für Gespräche und Kompromisse. Der Daseinszweck für ihre Sache — Dschihad gegen ausländische Besetzung — wird beendet sein wenn die Amerikaner gehen. Viele werden das Kämpfen beenden wollen und die schweren Verluste, die sie erleiden. Sie wollen ihre Zufluchten in Pakistan und die Kontrolle der pakistanischen Geheimdienste hinter sich lassen und nach Hause gehen. Sie sind stolze Afghanen und hassen es pakistanische Pudel genannt zu werden.

Nur Versöhnung kann einer endgültigen Katastrophe für die afghanische Armee vorbeugen. Ohne Luftwaffe oder schwere Waffen und dem höchsten Niveau schwachen Kampfgeistes, Fahnenflucht und Bildungslücken, kann die afghanische Armee die Taliban nicht mit der gleichen Stärke wie die Amerikaner bekämpfen. Sie mögen ihre Stellung höchstens für sechs bis zwölf Monate halten. Um der Sicherheit willen würde das Regime dann der Armee befehlen, eine Strategie der Befestigung Kabuls zu verfolgen, wie das kommunistische Regime es von 1989 bis 1992 versuchte, nachdem die Sowjets Afghanistan verlassen hatten.

Die Armee würde die größten Städte sichern und einige Hauptstraßen, von denen der Nachschub von außen abhängt. Sie würden nicht in die Offensive gehen um verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Das Land — zuerst der Süden und später der Norden, wo der Widerstand erbittert wäre — würde in die Hände der Taliban fallen, und das Land zwischen ländlichen Gegenden unter Kontrolle der Taliban und immer schwächere Städte unter Kontrolle des Regimes aufteilen.

Es gäbe tausende Tote, zehntausende Flüchtlinge, eine humanitäre Krise und internationale Terroristengruppen in den leeren Gegenden auf dem Land. Die Welt würde nicht wieder einschreiten wollen und die Nachbarstaaten würden Geld und Waffen hereinfließen lassen um versuchsweise einige Kriegsherren zu kontrollieren und den Ausgang des Krieges zu ihrem Vorteil zu lenken. Chaos würde zu Sumpf.

Das ist ein Szenario, das jeder verhindern will — sowohl das Regime und die Taliban und die Nachbarländer — denn es zieht totale Vernichtung und einen potentiell nie endenden Bürgerkrieg nach sich. Nur Al Qaida und andere Gruppen, die befürchten ihre Zufluchten zu verlieren, wollen so einen Ausgang, und sie werden alles in ihrer Macht stehende tun um ein Friedensabkommen zwischen Kabul, den Taliban und den Nachbarländern zu verhindern.

Trotz der Tatsache, dass die meisten Szenarien auf ein düsteres Ende verweisen, ist das nicht unvermeidbar. Der Abzug westlicher Truppen — die für viele ein Ärgernis sind — macht es wahrscheinlicher, dass die afghanischen Gruppierungen sich zusammensetzen und ein Abkommen ausarbeiten werden. Außerdem ist keine der regionalen Mächte wirtschaftlich oder politisch stark genug, um den Ausgang in Afghanistan selbst zu bestimmen, darum müssen sie miteinander kooperieren. (Denken Sie daran, dass wenn in Afghanistan der Staat versagt, er es in den meisten seiner Nachbarländer auch tut.)

Was gebraucht wird, ist ein von Hause aus neutraler Schlichter, der allen Parteien in dieser komplexen Gleichung gerecht wird. Die Vereinten Nationen, die Europäische Union oder individuelle, neutrale Länder wie Norwegen oder Deutschland, mit internationaler Unterstützung im Rücken, könnten so eine Rolle spielen. Die Tragödie ist, dass der von den USA und der NATO geführte Krieg potentielle Friedensstifter und Schlichter abgeschreckt hat. Die USA hätten eine dritte Partei als Schlichter ernennen sollen, als sie 2010 ihre gescheiterten Gespräche mit den Taliban begannen, aber Überheblichkeit, Arroganz und die akuten Spaltungen der Obama-Administration waren dem im Weg.

Vor allem wird der durchschnittliche Afghanen Druck auf seine nächste Regierung machen, den Krieg zu beenden. Eine bürgerliche Bewegung sowohl innerhalb des Landes und in den Nachbarländern könnte sehr hilfreich für einen Friedensprozess sein. Nur Frieden könnte den Westen wieder aufraffen, seine Hilfeversprechungen an Afghanistan zu erfüllen. Niemand wird einen endlosen Bürgerkrieg finanzieren.

Für die Afghanen und den Rest der Welt steht viel auf dem Spiel, einschließlich der Zukunft Al Qaidas, der Sicherheit des atomar bewaffneten Pakistan und einem großen Abkommen mit dem Iran zu seinem Atomprogramm, sowie den Frieden in der Region zu beflügeln. Viele, wie die USA und Europa, würden die Region gern sich selbst überlassen, sie ist aber weiterhin zu wichtig um sich selbst überlassen zu werden. Die Afghanen verdienen die Gelegenheit für Frieden und ein Ende der Kriege, die vor 35 Jahren begannen. Sie können dies aber nicht allein erreichen. Sie benötigen die Beteiligung ihrer Nachbarn und des Westens, wenn der Frieden auch nur die geringste Chance haben soll, sich einzuschleichen.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

Schreibe einen Kommentar